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Gastkommentar Das Gute inmitten der Not
Sonntag Gastkommentar Das Gute inmitten der Not
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20:01 22.07.2016
Bis Anfang 2015 hat der Libanon als letzter Nachbarstaat seine Grenzen zu Syrien offen gehalten. Jeder fünfte im Land ist syrischer Flüchtling – das schafft große Probleme, sorgt aber auch für pragmatische Integration. Quelle: afp
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"Hol um Himmels willen deine Kinder rein", ruft der Inhaber des Elektrogeschäfts und zieht uns in den Laden, der so klein ist, dass man sich kaum umdrehen kann. "Heutzutage weiß man nie, mit den ganzen Ausländern hier!" – "Solche wie ich?", frage ich ihn. Er schaut irritiert, aber fängt sich rasch wieder: "Nein ... die anderen." Gemeint sind Syrer, von denen Schätzungen der Weltbank zufolge derzeit rund 1,5 Millionen im Libanon leben. Das sind mehr Flüchtlinge, als alle Länder der EU zusammen aufgenommen haben. Jeder Fünfte im Land ist Syrer.

Im Libanon haben Verfolgte traditionell Zuflucht gefunden. Die Armenier sind halbwegs integriert, die Iraker wieder gegangen, und rund eine halbe Million Palästinenser lebt bis heute weitgehend ohne Rechte im Libanon. Bis Anfang 2015 hat der Libanon als letzter Nachbarstaat seine Grenzen zu Syrien offen gehalten.

Fremd sind sich Syrer und Libanesen nicht. Sie sprechen die gleiche Sprache und sind sich kulturell nahe – aber Teil der gemeinsamen Geschichte ist auch, dass Syrien bis vor wenigen Jahren noch Besatzungsmacht im Libanon war. Viele Libanesen haben die politische Bevormundung, Demütigung und Gewalt, die sie aus Syrien erfahren haben, in lebendiger Erinnerung. Manche von ihnen sprechen daher mit bitterem Unterton von den Flüchtlingen als einer anderen Form der Besatzung.

Ein Land am Rand seiner Kapazitäten

Die Situation bringt die ohnehin marode libanesische Infrastruktur im Bildungs- und Gesundheitssektor, bei Wasser- und Stromversorgung an den Rand ihrer Kapazitäten. Sozial leiden am stärksten die rund 25 Prozent der libanesischen Bevölkerung, die schon vor 2011 unterhalb der Armutsgrenze gelebt haben. Sie bekommen die steigenden Preisen für Lebensmittel und Wohnraum und auch die syrische Konkurrenz auf dem libanesischen Arbeitsmarkt am ehesten zu spüren.

Mit der Flüchtlingskrise ist der Libanon, gerade zuvor noch aus der deutschen Entwicklungszusammenarbeit herausgefallen, nun wieder auf den Plan gerückt. Deutschland ist einer der größten und bei Weitem nicht der einzige Geber für den Libanon. Dennoch bleibt die Unterstützung weit hinter den Bedürfnissen zurück.

Das liegt auch daran, dass sich die libanesische Regierung selbst in einer Krise befindet. Seit 2014 ist es nicht gelungen, einen Präsidenten zu wählen, was alle anderen politischen Prozesse lähmt. Der Libanon hat bis heute keine Strategie vorgelegt, wie er mit dem Problem umgehen wird. Nur in einem sind sich die politischen Parteien einig: Sie wollen der eigenen Wählerschaft zeigen, dass sie etwas tun.

Flüchtlinge mit prekärer Rechtslage

So hat die Regierung den Vereinten Nationen im Jahr 2015 untersagt, weitere Flüchtlinge zu registrieren, und eine Reihe von Aufenthaltsbeschränkungen für Syrer erlassen. Die libanesische Organisation Alef kommt in einem jüngst veröffentlichten Bericht zu dem Schluss, dass die Politik darauf abziele, "syrischen und palästinensischen Flüchtlingen im Libanon das Leben schwer zu machen, um sie dazu zu bringen, das Land zu verlassen".

Doch wohin? Wer nicht einen der raren Plätze in einem internationalen Aufnahmeprogramm ergattert, hat nur zwei Möglichkeiten: zurück nach Syrien zu gehen oder illegal im Land zu bleiben.
Es gibt viele Libanesen, die von der prekären Rechtslage und Versorgung der Flüchtlinge profitieren. Nur knapp die Hälfte der Geflüchteten wird durch das Welternährungsprogramm versorgt – mit gerade mal 30 US-Dollar im Monat. Zum Einordnen: Brot kostet einen Dollar, ein Liter Milch zwei.

Mietzuschüsse erhalten die wenigsten, aber da es keine offiziellen Flüchtlingslager gibt, müssen die Menschen irgendwo unterkommen. Mittlerweile zahlt man 100 bis 200 Dollar im Monat, um nur ein Zelt auf einem Acker aufstellen zu dürfen. Die vielen Syrer, die zur Schwarzarbeit gezwungen sind, werden unter Mindestlohn bezahlt. Das Arbeitsministerium schaut weg und trägt damit zu Spannungen zwischen wenig ausgebildeten Libanesen und Syrern bei.

Miteinander ohne schwere Konflikte

"Survival Sex" – Prostitution, um das Überleben zu sichern – und Kinderarbeit sind an der Tagesordnung. Mädchen enden in Kinderehen, weil die Familien keine Möglichkeit haben, ihre Rechte einzufordern. Und auch im Libanon gibt es Rassismus und rechte Gruppierungen, die Bürgerwehren gründen und auf eigene Faust Ausgangssperren verhängen. Kann in diesem ganzen Schrecken, dem Elend, auch ein guter Kern stecken? Etwas, wovon Europa – wo schon eine deutlich geringere Anzahl von Geflüchteten Ressentiments hervorruft – lernen könnte?

Ja. Insgesamt funktioniert das Miteinander der Einheimischen und der Flüchtlinge in den Städten und Dörfern bislang ohne größere Konflikte. Das liegt zum Teil an privaten Initiativen, die Gutes mit Gutem vergelten wollen. "Viele von uns haben in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass wir bei Krisen Zuflucht in Syrien gefunden haben. Wer das erlebt hat, möchte sich revanchieren", sagt Wadih al-Asmar von der libanesischen Menschenrechtsorganisation CLDH.

"Kontakt stärkt den sozialen Frieden"

George Ghali von der Menschenrechtsorganisation Alef sieht die positiven Auswirkungen auch in der Wirtschaft: "Die syrische Arbeitskraft hat die Produktivität in Industrie und Landwirtschaft erhöht. Sie hat zu einer Verjüngung der Gesellschaft geführt und den Wohnungs- und Grundbedarfsmarkt angekurbelt. Außerdem zwingt sie uns, uns mit Fragen nachhaltiger und gerechter Entwicklung auseinanderzusetzen."

Elza Seferian, Aktivistin, die sich für Flüchtlinge einsetzt, ist sogar überzeugt, dass der direkte Kontakt zwischen Geflüchteten und Gastgemeinden den sozialen Frieden stärkt. "Weil die Regierung keinen Plan hatte, musste die Zivilgesellschaft aktiv werden. Dass Flüchtlinge nicht abgeschottet in Lagern sitzen, ist ein immenser Vorteil für die Integration."

Ähnlich sieht es auch Wadih al-Asmar: "Was unser Miteinander ermöglicht, ist informeller Natur. In Europa erwarten sowohl Geflüchtete als auch Aufnehmende, dass sich die Regierung um alles kümmert und alles nach einem festen Plan abläuft. Wir sind da pragmatischer. Wir wissen genau, dass das nicht passieren wird. Aber wir müssen damit leben, dass die Menschen kommen und es so schnell keinen Weg zurück gibt."

Zur Person

Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung

Bente Scheller übernahm 2012 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. Zuvor leitete sie das Büro in Afghanistan. Im Februar erschien ihr Buch "The Wisdom of Syria's Waiting Game: Foreign Policy Under the Assads".

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