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Gastkommentar Rache ist bitter
Sonntag Gastkommentar Rache ist bitter
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20:12 27.04.2018
Vieles von dem, was einem im Alltag widerfährt, “steckt man weg“. Es gibt jedoch auch Menschen, die nicht dazu imstande sind, ihren Frieden mit vergangenen Kränkungen zu machen. Quelle: iStock
Hannover

Verbitterung ist ein Mix aus Wut, Resignation und Racheimpulsen, die im Schlepptau von unfairen, schmerzhaften und kränkenden Ereignissen im Leben entstehen kann. Jeder kennt das: Scheidungen, Kündigungen, schwere Krankheiten, Todesfälle ... – all das hinterlässt Spuren. Keiner bleibt von Schicksalsschlägen, Ungerechtigkeiten und Zurückweisungen verschont, und jeder hat schon erlebt, wie Vertrauen enttäuscht wurde.

Vieles von dem, was einem im Alltag widerfährt, “steckt man weg“. Schon bald denkt man nicht mehr daran, richtet den Blick wieder nach vorn. So weit, so gut. Anderes beschäftigt einen länger. Wenn einem jemand vorgezogen wird, der weniger weiß und kann als man selbst. Wenn man für ein hehres Ziel gekämpft hat und am Ende mit leeren Händen dasteht. Wenn einen jemand finanziell übers Ohr gehauen hat. Das alles kränkt, und es braucht Zeit, bis man es verkraftet hat.

Drei “Zutaten“ führen von der Kränkung zur Verbitterung

Es gibt jedoch auch Menschen, die fühlen sich nicht dazu imstande, irgendwann ihren Frieden mit dem Geschehen zu machen. Deren Gedanken kreisen monatelang, ja sogar für Jahre und Jahrzehnte um das kränkende Ereignis. Dies führt oft dazu, Entscheidungen zu treffen, die das Leben einschränken, etwa bestimmte Orte zu meiden oder nie mehr eine Beziehung einzugehen.

Doch wie passiert so etwas? Was muss geschehen, damit eine Kränkung zur Verbitterung führt? Dazu bedarf es zumindest einer von drei “Zutaten“: eine erlebte Ungerechtigkeit mit gravierenden Folgen, eine persönliche Herabwürdigung oder den Verlust von Vertrauen, zum Beispiel aufgrund einer Täuschung oder eines Betruges.

Wer schwer enttäuscht wurde, sich in die Ecke gedrängt fühlt, ergeht sich oft in Rachefantasien – und gar nicht so selten folgen dann Taten. Natürlich ist nicht jede Form der Rache zugleich ein Ausdruck von Verbitterung, doch fällt auf, dass Racheimpulse häufig im Schlepptau von massiven Enttäuschungen und Frustrationen auftreten.

Die meisten Amokläufe sind Racheakte

Welche Sprengkraft ein Cocktail aus Ungerechtigkeit, Herabwürdigung und Vertrauensverlust entfalten kann, zeigt sich beispielsweise in Amokläufen an Schulen. Die meisten sind Racheakte und haben zu tun mit einer als ungerecht empfundenen Behandlung durch Lehrkräfte, mit Zurückweisung, Mobbing und Ausgrenzung. Und dann gibt’s nur eines: Hau drauf, zeig’s ihnen, mach sie fertig, und sei es um den Preis des eigenen Lebens.

Den Wunsch nach Vergeltung kennen wir alle. Er ist Ausdruck eines archaischen Drangs, ein – subjektiv erlebtes – gestörtes Gleichgewicht wiederherzustellen und passives Erdulden in aktives Tun zu verwandeln. Rache wird als Mittel dazu gesehen, die Verbitterung und die sie begleitenden Gefühle von Wut, Ärger, Kränkung, Beschämung, Angst und Hass durch das Erleben von Genugtuung, Erleichterung und wieder ins Lot gerückter Gerechtigkeit aufzulösen. Fatalerweise führen Rachefantasien tatsächlich zu einer psychischen Entlastung, indem das Belohnungszentrum im Gehirn aktiv wird.

Gibt man dem Racheimpuls jedoch nach, wird häufig eine Spirale in Gang gesetzt. Das Zielobjekt der Rache interpretiert diesen Schritt keineswegs als Wiederherstellung eines Gleichgewichts, sondern als ungerechtfertigten Angriff. Die an einem Konflikt beteiligten Parteien rächen sich oft nach dem Motto “Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und zahlen dem anderen die eigene Kränkung oder Herabwürdigung mit gleicher Münze heim – sofern die Gelegenheit dazu besteht.

Verbitterung ist ansteckend

Dabei sieht sich jeder als Opfer des anderen und rechtfertigt so die Legitimität seines Handelns. Diese Spirale kann schlimmstenfalls mit dem Tod eines der Beteiligten oder mit Amokhandlungen enden. Rache ist also alles andere als “Medizin“, ist vielmehr eine Art Brandbeschleuniger.

Je tiefer zwei Kontrahenten sich gegenseitig verletzen, desto schwerer wird es, je wieder auf den anderen zuzugehen und zu einer Einigung zu kommen. Dafür finden sich viele Beispiele – von Ehestreitigkeiten über Bandenkriege bis zu Feindseligkeiten und bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerungsgruppen und Staaten. Verbitterung betrifft nicht nur einzelne Menschen, sondern stellt auch ein gesellschaftliches Phänomen dar. Ganze Bevölkerungsgruppen können verbittern, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen und das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen verloren haben.

Während der einzelne Verbitterte nur unter sich selbst leidet oder die Geduld seiner Mitmenschen auf die Probe stellt, geraten Menschen als Mitglieder einer Gruppe oft mitten hinein in den von ihr ausgehenden Negativsog –– auch jene, die nicht unmittelbar von den beklagten Rahmenbedingungen betroffen sind. Sie solidarisieren sich, übernehmen die in der Gruppe vorherrschende Sichtweise und sind bald nicht mehr in der Lage, verschiedene Aspekte eigenständig zu bewerten. Stattdessen gibt es dann nur noch eine einzige “richtige“ Sicht der Dinge: diejenige, die die Mitglieder der Gruppe vertreten. Verbitterung kann also anstecken und ganze Bevölkerungsgruppen erfassen. Das macht sie so gefährlich.

Die eigenen Emotionen steuern lernen

Um aus der Verbitterung und der Rachespirale herauszufinden, sind Fähigkeiten wie vergangenes Unrecht vergeben zu können, eigene Werte als relativ zu betrachten und bei Bedarf die Perspektive wechseln zu können, unabdingbar. Es bedarf der Empathie und der inneren Stärke, die eigenen Emotionen steuern zu können. Sich dies (wieder) anzueignen, ist ein Prozess, der für Betroffene nicht einfach ist.

Je frühzeitiger angesetzt wird, hier den Blick wieder zu weiten, desto besser. Haben sich Verbitterte erst einmal in einer eindimensionalen Weltsicht verschanzt, ist es schwierig, noch an sie heranzukommen, weil jeder Annäherung mit Misstrauen begegnet wird.

Sigrid Engelbrecht Quelle: privat

Zur Person: Sigrid Engelbrecht ist Mentaltrainerin und Autorin in Berlin. Mit Michael Linden hat sie jüngst das Buch “Lass los! Es reicht – Wege aus der Verbitterung“ (Ecowin, 228 Seiten, 24 Euro) geschrieben.

Von Sigrid Engelbrecht

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