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Verteidigt Europa, mit Herz und Hirn!

Gastbeitrag von Martin Roth Verteidigt Europa, mit Herz und Hirn!

Der renommierte deutsche Kulturwissenschaftler Martin Roth starb im August 2017. In seinem Nachlass findet sich eine Streitschrift, die heute aktueller ist denn je. Sie ist ein Plädoyer für ein freies, demokratisches Miteinander und ein Europa, in dem sich jeder Einzelne engagiert.

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Überall wird mit großer Aggressivität auf den Zerfall Europas hingearbeitet: Wandgemälde des britischen Street-Art-Künstlers Banksy in Dover.

Quelle: PA/AP Photo

Berlin. Sie werden sich fragen, warum ich meine Stimme erhebe, warum ich Familien aufrütteln will über die Generationen hinweg. Und warum ich der Meinung bin, dass das Politische, die Wertedebatten und der ehrliche Gedankenaustausch über die gesellschaftspolitischen Weichen, die richtig oder falsch gestellt werden können, unseren Alltag wieder viel mehr durchdringen müssen.

Ich bin überzeugter Europäer. Das hat natürlich auch mit meinem Alter zu tun. Als Deutscher des Jahrgangs 1955 habe ich mir schon als junger Mensch eine andere oder besser: eine zweite sehr starke Identität gesucht. Zuerst war ich Europäer, dann Deutscher. Schon viele Monate vor der finalen Brexit-Entscheidung war mir klar, dass die von Propaganda durchdrungene und verdorbene Diskussion um den Brexit nicht zu vereinbaren ist mit meiner europäischen Identität.

Die Art und Weise des Austritts, wie da mit welchen Lügen und welcher Polemik agiert wurde, gerade von Wendehälsen wie Boris Johnson – das alles war übel und tragisch zugleich. Diese grandiose und ansteckende Dynamik, die von der Welthauptstadt London ausgeht, verliert zwar nicht die Anziehungskraft, auch nicht die Strahlkraft für die Avantgarde. Aber sie basiert mehr und mehr auf einem unseriösen politischen Fundament. Für mich war London immer eine Stadt, die funktioniert hat: aufregend, lebendig, kosmopolitisch. Und ich habe immer das Gefühl gehabt, dass dann, wenn London funktioniert, es Hoffnung gibt auch für andere Metropolen. Wenn so viele Menschen aus so vielen Ländern relativ friedlich zusammenleben und zugleich diese Stadt mit diesem Tempo leben und produktiv sein kann, dann ist das übertragbar.

Wir erleben überall Aggressivität

Stattdessen hat eine schwer verständliche Aggressivität das Referendum bestimmt, die es – wir müssen ehrlich sein, wenn wir etwas ändern wollen – nicht nur in Großbritannien gibt. Wir erleben sie in Bayern, in Sachsen, nicht nur bei der AfD, bei den Rechtspopulisten und Europa-Gegnern in den Niederlanden, in Frankreich, Österreich, Polen und Ungarn. Bildung zählt viel zu wenig, Ernsthaftigkeit nicht, Expertentum nicht, Fakten werden einfach weggewischt, Halbwahrheiten und Lügen haben Konjunktur. Leute wie Nigel Farage klagen, wie schlimm bei uns alles ist, zugleich sterben im Mittelmeer Menschen zu Tausenden. Wohin sind wir gekommen, wenn die Maßstäbe derart verrutschen!

Direkt vor unseren Augen baut sich ein extrem rechtslastiges Europa auf. Und damit passiert etwas – zum ersten Mal in meinem Leben auf diese Weise –, was ich überhaupt nicht nachvollziehen kann. Mit einer Geschwindigkeit, dass ich mir die Frage stellen muss: Möglicherweise haben wir, die Europäer mit Herz und Hirn, die einen Kontinent in Frieden für unsere Kinder und Enkelkinder gestalten wollten, plötzlich den Sinn für die Realität verloren. Wo sind unsere christlichen Werte? Die Nächstenliebe?

Begriffe wie Freiheit, Toleranz und Solidarität sind mir heilig. Heilig ist ein großes Wort, aber es geht auch um viel. Ich will nicht akzeptieren, dass Menschen wie Marine Le Pen die künftige Tonlage bestimmen, dass Nationalisten wieder hoffähig sind. Die Rhetorik in England war so kriegerisch, dass sich jedem vernünftigen Menschen Parallelen zu unserer Geschichte aufdrängen müssen, an die Zwanziger- und Dreißigerjahre. Haben da nicht auch viele Menschen gedacht und gesagt: Was da passiert, ist nicht gut, aber so schlimm wird es schon nicht kommen?

Wer aufrütteln will, muss die Zurückhaltung aufgeben

Ich habe vor langer Zeit eine Doktorarbeit über die Kulturpolitik dieser Zeit geschrieben. Die unendlich vielen Zeitungsartikel aus den Zwanzigerjahren sind mir immer in Erinnerung geblieben: Dort hatte ich genau das gelesen, was ich in den Brexit-Wochen und bei der Wahl vom Juni 2017 in London erlebte: Stimmung gegen irgendetwas machen, vorpreschen, sich dann dafür entschuldigen, aber andere gehen im Windschatten hinterher, legen eins drauf.

So schaukelt sich die Stimmung hoch, irgendwann ist die Entwicklung nicht mehr zu stoppen. Wir wissen, wie das ausging. Natürlich sind das riskante Vergleiche. Aber wer aufrütteln will, muss die vornehme Zurückhaltung aufgeben können. Nur: Wo war die große Aufregung im Herbst 2015, als in Dresden auf der Pediga-Demonstration die Galgen-Attrappen für Angela Merkel und Sigmar Gabriel hochgehalten wurden? Dieses Schweigen macht mich fertig.

Das gilt besonders auch im Kulturbetrieb und gerade für Kulturpolitiker. Dasitzen, sich auf seine schönen Themen und schönen Häuser zurückziehen und Ereignisse unkommentiert vorüberziehen lassen – das geht nicht mehr. Ich verstehe Kunst und Wissenschaft als wesentlichen Bestandteil unseres zivilen Lebens, weil viel bewirkt werden kann durch künstlerische und kreative Prozesse. Ich bin überzeugt, dass Kunst und Kultur unverzichtbare Grundlage einer Gesellschaft im demokratischen und friedlichen Zusammenleben sind. Je kreativer eine Gesellschaft ist, umso fähiger ist sie aufzustehen und damit zu überleben. (…)

Bitte wählen Sie eine demokratische Partei

Mir stellt sich deshalb schon seit Langem die Frage, ob wir alle nicht viel zu viel den Politikern überlassen. Ich habe meine tägliche Arbeit immer als eine sehr politische betrachtet; man erreicht eben unendlich viele Menschen, wenn man im weiten Bereich der Kultur tätig ist. Wenn ich nur noch einen einzigen Vortrag halten dürfte in meinem Leben, dann wäre dies ein Plädoyer dafür, sich zu informieren, zu engagieren, die offene Gesellschaft nicht nur bei Wahlen, aber eben auch bei Wahlen zu verteidigen.

Ich würde sagen: Bitte wählen Sie! Egal was, aber eine demokratische Partei, eine Partei, die sich für demokratische Ziele einsetzt. Und vor allem: Bitte machen Sie sich stark für das, was eine offene Gesellschaft bedeutet. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Regierungen etwas für uns tun. Sondern wir müssen versuchen, die Politik zu unterstützen in diesen schwierigen Zeiten.

Zur Person

Martin Roth

Martin Roth

Quelle: Alexander Gronsky

Martin Roth war bis 2016 Direktor des Victoria and Albert Museums in London. Seinen Abschied begründete er mit dem Brexit. Seine Steitschrift “Widerrede“ steht auf der “Spiegel“-Bestsellerliste und erscheint jetzt in der Edition Evangelisches Gemeindeblatt. Roth starb im August 2017 nach schwerer Krankheit.

Von Martin Roth

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