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Was heißt schon Geschlecht?

Gastbeitrag von Dorothee Beck und Barbara Stiegler Was heißt schon Geschlecht?

“Ich Tarzan, du Jane“ – die Zeiten sind vorbei, in denen das biologische Geschlecht eines Menschen unverrückbar seine Identität bestimmte. Doch um die Anerkennung von Vielfalt und vermeintlichen “Genderwahn“ tobt auf einmal wieder ein Kulturkampf.

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Dauerhaft im Ausnahmezustand

Der Begriff “Gender“ ist für rechtspopulistische, ultrakonservative und fundamentalistische Gruppierungen zum Inbegriff all dessen geworden, was sie bekämpfen.

Quelle: iStockphoto

Berlin. Jeder Mensch hat ein Geschlecht. Das ist eine Binsenweisheit – oder nicht? Was ist das eigentlich, Geschlecht? Ist jeder Mensch entweder Mann oder Frau, ein Leben lang? Kann er oder sie das Geschlecht wechseln? Ist mit dem Geschlecht festgelegt, wen er oder sie sexuell begehrt? Bestimmt das Geschlecht das Verhalten oder die Gefühle?

Zu diesen Fragen wird viel geforscht. Und es gibt sehr differenzierte, ernsthafte Antworten. Eine davon ist der in den Sozialwissenschaften geprägte Begriff vom “Gender“. Gender heißt zunächst nur Geschlecht. Wer aber von Gender spricht, erkennt an, dass das biologische Geschlecht allein (im Englischen “sex“) keinen Menschen vorbestimmt. Neben körperlichen Faktoren spielen Identitätsfragen, sexuelles Begehren, gesellschaftliche Normen eine Rolle. In deren Zusammenspiel können sich vielfältige Formen von Geschlecht entwickeln. Und das gefällt nicht jedem.

Unter dem verleumderischen Slogan “Genderwahn“ tobt derzeit ein Kulturkampf von rechts gegen alles, was die zweigeschlechtliche und hierarchische Ordnung der Geschlechter infrage stellt. Rechtspopulistische, ultrakonservative und christlich-fundamentalistische Gruppierungen und Publizisten wettern gegen jede Kritik am traditionellen Geschlechterverständnis, gegen eine Modernisierung der Geschlechterverhältnisse, gegen Gleichstellungspolitik. “Gender“ ist für sie zum Inbegriff all dessen geworden, was sie bekämpfen: geschlechtliche Vielfalt, Ehe für alle, Gleichstellung in Wirtschaft und Arbeitsleben, Politik und Gesellschaft, das Recht auf Schwangerschaftsabbruch und sexuelle Selbstbestimmung.

Idealbild von Ernährer, Hausfrau und mehreren Kindern

Die AfD plakatiert “Stoppt den Gender-Wahn“. In mehreren Bundesländern gehen Gruppen auf die Straße, die sich “Besorgte Eltern“ oder “Demo für alle“ nennen. Sie demonstrieren gegen die Reform von Lehrplänen zur Sexualerziehung, welche die Akzeptanz geschlechtlicher Vielfalt zum Ziel haben. Sie spielen sich als Retter der traditionellen Kleinfamilie auf – obwohl die meisten heutigen jungen Familien weder gerettet werden wollen noch müssen.

Zu ihrem Idealbild gehören ein Vater als Ernährer, eine Mutter, idealerweise als Hausfrau oder höchstens Teilzeitbeschäftigte, und mehrere biologisch eigene Kinder. Die öffentliche Sphäre ist dem Mann vorbehalten, die private der Frau. In dieser Arbeitsteilung scheinen sie nur als sich ergänzende Einheit vollständig. Dass in dieser Einheit der Mann die hierarchisch höhere Stellung und mehr Macht hat, spielt keine Rolle.

Auch gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen, etwa auf dem Arbeitsmarkt oder in der Politik, werden mit deren Unterschiedlichkeit legitimiert. Aber gibt es sie wirklich, eine Unterschiedlichkeit, die mit der Natur, der Biologie oder einer göttlichen Ordnung begründet werden kann?

Symptom des Erstarkens der Neuen Rechten

Immer gleiche Behauptungen sollen diese rückwärtsgewandte Sichtweise untermauern: Ob Mann oder Frau liegt vom ersten Schrei bis zum letzten Atemzug fest. Die Ehe ist eine Verbindung zwischen Mann und Frau. Die Ehe für gleichgeschlechtliche Partner zerstört die Familie. Ein Sexualkundeunterricht, der sexuelle Vielfalt thematisiert, sexualisiert unschuldige Kinder, verwirrt Jugendliche in der Pubertät und fördert Missbrauch. Und schließlich: Gender Mainstreaming – ein Konzept, um die geschlechtsspezifische Wirkung politischer Entscheidungen zu überprüfen – ist ein staatliches Umerziehungsprogramm. Eine als Wissenschaft getarnte Ideologie.

Diese Polemik gegen moderne Geschlechterpolitiken ist ein Symptom des Erstarkens der Neuen Rechten. Doch das Wort vom “Genderwahn“ spricht auch andere, weniger aggressive gesellschaftliche Kreise an. Da sind Konservative und tief Religiöse, die ihre Familienwerte und eine als göttlich begriffene Ordnung bedroht sehen. Da sind Männerrechtler, denen Gleichstellung schon immer ein Dorn im Auge war. Und da sind Eltern, die befürchten, ihr Kind könnte homosexuell oder transsexuell werden, weil irgendjemand es “auf die Idee gebracht hat“.

Niemand soll “umerzogen“ werden

Nur: Es geht nicht darum, Frauen das Frausein und Männern das Mannsein abzusprechen. Niemand soll “umerzogen“ werden. Vielmehr soll darüber aufgeklärt werden, dass es auch andere Identitäten gibt als – karikierend gesprochen – “ich Tarzan, du Jane“. Sichtbare wie unsichtbare Fesseln und vermeintliche Selbstverständlichkeiten kommen auf den Prüfstand. Das schränkt keinen in seiner persönlichen Entfaltung ein, eröffnet aber neue Freiheiten für Menschen, die sich unwohl fühlen in einer “zweigeschlechtlichen Haut“.

Darüber hinaus lassen sich Ungleichheiten nicht länger mit dem “Wesen der zwei Geschlechter“ begründen. Viele gesellschaftliche Regelungen beruhen nach wie vor auf traditionellen Geschlechtervorstellungen. Die rechtliche Anerkennung einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft als Ehe ist in Deutschland erst wenige Monate alt. Das Ehegattensplitting als Bevorzugung einer traditionellen Lebensform gibt es immer noch. Der Ausbau öffentlicher, qualitativ guter Betreuungsformen für Kinder und alte Menschen ist noch mangelhaft. Der Achtstundentag als Normalarbeitszeit ist immer noch gültig.

Diese Strukturen verstärken die Tradition von Rollenverteilungen. Auch politisch muss daher noch vieles gegen die “Genderverschwörung“ getan werden, damit sich jeder und jede unabhängig von einer geschlechtlichen Zuordnung frei entfalten kann und eine Gleichstellung der Geschlechter verwirklicht wird.

Zu den Autorinnen: Barbara Stiegler ist Psychologin, Pädagogin und Politikberaterin. Sie hat den Arbeitsbereich Frauen- und Geschlechterpolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung geleitet. Dorothee Beck ist Politikwissenschaftlerin und achtet als Medienberaterin der Politik vermehrt auf Genderfragen.

Von Dorothee Beck und Barbara Stiegler

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