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Wer macht den Krieg?

Gastbeitrag von A. C. Grayling Wer macht den Krieg?

Der Mensch an sich ist kein kriegerisches Wesen, meint A. C. Grayling. Und doch sind gewaltsame Auseinandersetzungen eine permanente, selbstverständliche Option der Politik. Der britische Philosoph fordert das Ende der Militarisierung von Wirtschaft und Kultur. Im Namen der Sicherheit.

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Die lukrative Beziehung zwischen Rüstungsindustrie, Staaten und Regierungen führt zu einer Institutionalisierung des Konzepts vom Krieg, die wir aufbrechen müssen.

Quelle: iStockphoto

London. Alles, was man über Krieg sagen kann – dass er ein Übel ist, dass er gestoppt werden muss, dass wir alles tun müssen, um seine Zerstörungskraft zu begrenzen –, ist so offensichtlich, dass es fast banal ist. Aber es ist wahr. Man kann allerdings noch manches hinzufügen.

Die Beschäftigung mit der Geschichte des Krieges und seinen Gründen gibt eine Reihe von Hinweisen, wie das Böse des Krieges zu verringern ist – um ihn irgendwann ganz zu beenden. Einer davon ist dieser: Krieg scheint in erheblich stärkerem Maße eine Frage unserer politischen Arrangements denn ein Ergebnis menschlicher Natur zu sein. Wenn doch die meisten Menschen von Krieg traumatisiert werden und praktisch alles menschliche Gedeihen von Gewalt und Zerstörung, Verlust, Trauer und frühem Tod zunichtegemacht wird, dann kann Krieg kein Ausdruck des Grundwesens der Menschen sein.

Zorn, Aggression und der Wunsch oder die Bereitschaft, einen Gegner zu bekämpfen, sind menschliche Eigenarten. Aber die überwältigenden Beweise von Kooperation unserer im Wesentlichen sozialen Spezies (man denke an Städte, Brücken, Schulen, Krankenhäuser, Flughäfen, die Zivilisation an sich) verweisen diese Charakteristika auf den ihnen gebührenden Platz, neben Gier und Egoismus. Auf den Straßen und in den Häusern jeder beliebigen Stadt sind die Zeichen von Gemeinsinn größer und nachhaltiger als die weniger liebenswerten Seiten der Menschheit.

Krieg ist politisches Kalkül

Aber der Nationalstaat, der Stamm, die organisierten Gruppen, zwischen denen Konflikte um Ressourcen, Territorien, Ideologien, Religionen aufbrechen – kurz, die politischen Strukturen im weitesten Sinne sind die Einheiten, auf denen sich Krieg gründet. Krieg ist keine Kneipenprügelei, die im Affekt ausbricht. Er ist eine kalkulierte Angelegenheit, in großem Stil organisiert über einen Zeitraum, in dem spontane Wut längst wieder abgekühlt ist. Aggression ist ein Gefühl in einem Individuum, aber sie ist eine Entscheidung in einem Staat.

Als Erstes müssen wir deshalb den Krieg als selbstverständliche Option aus dem politischen Werkzeugkasten der Staaten entfernen. Rekrutierung, Training, Ausstattung von Streitkräften werden in fast jedem Staat fraglos akzeptiert, als sei das alles so natürlich wie Atmen. Rüstungsaufträge spielen eine große Rolle in der Wirtschaft. Soldaten werden respektiert, geehrt, belobigt: zu Recht, wenn eine Nation oder ihre Interessen dank ihres Mutes und ihres Engagements verteidigt werden.

Die Präsenz von Streitkräften aber, das Geld für sie, die Beziehung zwischen Rüstungsindustrie und Wohlstand, die soziale Achtung für die, deren Geschäft der Krieg ist – das alles führt zu einer Institutionalisierung des Konzepts vom Krieg: Es ist in die DNA der Gesellschaft eingebaut. Der US-Präsident und General Dwight D. Eisenhower warnte vor dem “militärisch-industriellen“ Komplex, vor der Militarisierung von Ökonomie und Kultur, als er 1961 das Weiße Haus an John F. Kennedy übergab – inmitten großer Spannungen zwischen Nato und Warschauer Pakt.

Krieg wird hübsch gemacht

Die Warnung kam wohl zur Unzeit, aber sie ist bis heute gültig. Krieg als politisches Konzept ist nach wie vor ein gedankenlos akzeptiertes Element der Grundvorstellung vom Staat und seinem Verhalten. Krieg wird nicht als gelegentliche, bittere Notwendigkeit gesehen, die Option an sich ist permanent präsent in den Budgets und den Entscheidungen von Staaten. Die Abschaffung der institutionalisierten Kriegsoption bedeutet, die Grundbedingungen zu verändern.

Auch diese: Krieg wird in Romanen, Filmen und TV-Programmen romantisiert. Krieg wird hübsch gemacht; Fernsehnachrichten zeigen nicht das Blut und die Eingeweide. Die Millionen vor den Fernsehgeräten sehen nicht die ganze grausige Wirklichkeit dessen, was passiert – und wozu ihre eigenen Regierungen aktiv anfeuern. Sogar die Filme, die den Schrecken des Krieges sichtbar machen wollen, werden mit Begeisterung gesehen, weil noch in der Darstellung des Horrors und der Gefahr Romantik steckt.

Zur Entromantisierung des Krieges trüge auch das Ende der Zensur von Fernsehnachrichten bei. Eine Schocktherapie der Wahrheit – zerfleischte Körper, zerfetzte Kinder, Blutbäche in den Straßen, Menschen, die in Angst schreien, das würde die Realität des Kriegs klarmachen. Zeigt die Wirklichkeit!

Zynismus ist unangebracht

Zu der gehören andererseits auch die Energie, die Entschlossenheit, der Einfallsreichtum und die Gemeinschaftsanstrengung von Menschen im Krieg – Kameraderie, Solidarität, Opferbereitschaft. Warum aber lenken wir diese positive Kraft nicht in würdigere Aufgaben wie den Klimaschutz, die Reduzierung der Armut in der Welt, Bekämpfung von Krankheiten, Bildung für alle Kinder, den Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen, Lösungen für die nahende weltweite Wasserkrise?

Es gibt viele gute Dinge, in die man Geld, Energie und Solidarität stecken kann, und doch geht der Löwenanteil in Kriegsvorbereitungen und Kriegsführung. Das ist Wahnsinn. Unsere Wirtschaft und Gesellschaft müssen loskommen von der fixen Idee, dass alles Militärische eine Notwendigkeit wie jede andere sei. Lasst uns kompromisslos sein: Es gibt nur zwei Rechtfertigungen für Krieg – Selbstverteidigung gegen Aggression und Verteidigung derer, die sich selbst nicht wehren können. Krieg als ein Instrument jenseits der Verteidigung ist menschlich und moralisch vollständig inakzeptabel. Ein Verbrechen der düstersten Art.

Der Schlüssel ist Gerechtigkeit. Organisationen wie die UN und viele andere engagieren sich, um die Welt fairer zu machen und damit die Grundlagen für Frieden zu fördern. Zyniker stellen fest, dass diese Bemühungen nicht sonderlich erfolgreich sind. Zweierlei lässt sich darauf antworten: noch nicht. Gebt ihnen mehr Zeit. Das andere ist: Diese Organisationen haben schon Konflikte begrenzt, die ohne ihre Arbeit voll entbrannt wären. Zynismus ist also völlig unangebracht. Die Geschichte der Menschheit wird noch geschrieben. Das wahre Heldentum der Gattung Mensch wird sich in der Beendigung aller Kriege zeigen.

Zur Person: Prof. A. C. Grayling ist Philosoph und Master des New College of the Humanities in London. Der 68-jährige Brite ist in Sambia geboren, lehrte am Birbeck-College sowie an der Universität Oxford. Der – gekürzte – Text entstammt seinem jüngsten Buch “War: An Enquiry“, Yale University Press.

Von A. C. Grayling

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