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Gastkommentar Wo bleibt der deutsche Mark Zuckerberg?
Sonntag Gastkommentar
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20:31 26.02.2016
Warum kommen aus Deutschland kaum erfolgreiche Startups? Es fehlt nicht an guten Ideen – aber an Bereitschaft zum Risiko, auch auf Verbraucherseite. Quelle: Fotolia
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Mein Interesse an Computertechnik begann während meiner Gymnasialzeit in Zeven, einer Kleinstadt zwischen Bremen und Hamburg, wo ich aufgewachsen bin. Woher es rührt, weiß ich nicht so genau. Womöglich war es das Resultat meiner Lektüren: einer bunten Mischung der Abenteuer von Karl May, Science Fiction und populärwissenschaftlichen Magazinen.

Durch die Schule wurde mein Interesse kaum befördert. Meinem Informatiklehrer ging es vor allem um die Technik – mich hingegen interessierte die Frage, wie Technik unser Leben verbessern kann.

Was mich außer der Sonne und den Palmen 1986 nach Kalifornien zog, war das Abenteuer, "mittendrin" zu sein. Die Universität von Stanford war das geistige Zentrum der Computerrevolution. Von hier aus starteten beispielsweise Bill Hewlett und Dave Packard nach einem Campingausflug 1939 das Weltunternehmen Hewlett Packard.

Ingenieure statt Wirtschaftswissenschaftler

Fasziniert von den Möglichkeiten der Computer- und Softwaretechnik, belegte ich in Stanford die Fächer Künstliche Intelligenz und Entscheidungstheorie und rundete mein Studium mit einigen Prisen Psychologie und Soziologie ab.

In Deutschland wäre meine Wahl vermutlich ein Wirtschaftsinformatikstudium gewesen. Während sich die deutsche Startup-Szene aus dem Umfeld von Wirtschaftshochschulen oder von Beratungsunternehmen wie McKinsey herausbildete, entstammen die US-Startups vor allem Computerlaboren oder führenden Ingenieursschulen wie Stanford, Berkeley oder dem Massachusetts Institute of Technology.

Das von mir mitgegründete soziale Netzwerk LinkedIn hat seine Wurzeln zwar nicht direkt in Stanford, aber die meisten Gründungsmitglieder haben dort zeitgleich mit mir studiert. Anders als in Deutschlands Gründerszene üblich, entstammten wir nicht der Wirtschafts-, sondern der IT-Welt. Wir interessierten uns weniger für Marktlücken und Profit als ein Produkt, das konkrete Probleme löst und das Leben verbessert.

Entscheidend ist die gute Idee

Wenn die Umsetzung einer Idee wirklich überzeugt, muss wirtschaftlicher Erfolg nicht erst angestrebt werden. Er ergibt sich als willkommenes  Nebenprodukt.
Selbst Unternehmen wie Google, Facebook oder Microsoft sind nicht zu ihrer marktbeherrschenden Position gelangt, weil ihre Gründer auf Profit aus waren, sondern weil es ihnen darum ging, Technologien zu entwickeln, die das Leben angenehmer und einfacher machen. Bei Google etwa ist dieser praktische Nutzen für die meisten Menschen sofort ersichtlich.

Nach LinkedIn habe ich drei Jahre bei dem angesehenen Berliner Wagniskapitalgeber Earlybird verbracht. Dort lernte ich, dass es der deutschen Gründerszene nicht an Visionen und Risikofreudigkeit mangelt – sehr wohl aber den deutschen Konsumenten. In Deutschland schaut man – oft ein wenig besserwisserisch – weniger auf das Potenzial eines neuen Produkts, sondern eher auf dessen Schwachstellen.

Deutsche Kunden sind risikoscheu

In den USA oder Asien haben es Startups dagegen leichter, weil die dortigen Konsumenten sich von Neuem faszinieren lassen und dafür bereitwillig über Kinderkrankheiten hinwegsehen. Geschäftskunden in diesen Märkten bringen genug Fantasie auf, in einem neuen Produkt das Potenzial zu erkennen, den Mitbewerbern Marktanteile abzunehmen. Zudem wissen sie, dass zukunftsweisende Technik die besten Mitarbeiter anzieht.

Und selbst, wenn ein neues Produkt nicht gleich den erhoffen Erfolg bringt, kann ein Startup zumindest wichtige Erstkunden gewinnen. Menschen also, die brandaktuelle Technik gerne ein wenig früher in den Händen halten als alle anderen. Dieser innovationsfreudigen Klientel verdankt Apple meiner Ansicht nach einen Gutteil seines Erfolgs.

Deutsche Gründer und deren Finanziers hätten leichteres Spiel, wenn sie neue Produkte zunächst auf einfacheren Erstmärkten wie den USA, Großbritannien, den skandinavischen oder asiatischen Ländern ausrollen würden, anstatt sich an den Anforderungen deutscher Kunden festzubeißen.

Israelische Startups als Vorbild

Unterdessen fischt die weitaus flexiblere Konkurrenz aus Asien, Tel Aviv oder Palo Alto die wichtige Erstkundschaft ab, erhält dadurch mehr Kapital und kann sich so die qualifiziertesten Mitarbeiter leisten. Spitzenkräfte, die nicht nur über größeres technisches Know-how verfügen, sondern zudem weitaus mehr Erfahrung im Bereich Vertrieb und Marketing mitbringen.

Eine realistische Selbsteinschätzung deutscher Startups wäre dem Erfolg ebenfalls förderlich: Berlin hilft es wenig, sich als Konkurrenz zum Silicon Valley zu verstehen. Viele der hoch innovativen israelischen Startups sind da weitaus pragmatischer – allein schon, weil der Heimatmarkt winzig ist und eine Expansion nach Syrien und in den Libanon nicht gerade eine erfolgversprechende Strategie scheint. In Tel Aviv sieht man das Silicon Valley nicht als Rivalen, sondern als Idee und die eigene Gründerszene als eine Manifestation dieser Idee.

Weniger Konkurrenz, bessere Mitarbeiter

Gewiss: Nicht alles ist besser im Silicon Valley. So fehlt es vielen Startups an herausragenden Ingenieuren und Softwareentwicklern. Denn zumeist werden solche Spitzenkräfte von großen und schnell wachsenden Wettbewerbern wie Google, Facebook, LinkedIn, Twitter, Dropbox oder AirBnB angeheuert – oder sie gründen gleich ihr eigenes Unternehmen.

In Deutschland ist die Startup-Szene überschaubarer, die Personalsituation weit weniger angespannt. Berlin etwa profitiert von seiner Nähe zu Osteuropa, das viele qualifizierte Softwareentwickler zu bieten hat. Weniger Konkurrenz bedeutet zumeist auch geringere Mitarbeiterfluktuation – und damit größere Beständigkeit und Planbarkeit. Das wiederum sind beste Voraussetzungen, um mit langem Atem, Kreativität und einem Schuss Wagemut ein erfolgreiches Startup aufzubauen.

Zur Person

Konstantin Guericke, geboren in Hamburg, aufgewachsen im niedersächsischen Zeven, ist Mitgründer des Business-Netzwerks LinkedIn und Partner des Investors Earlybird.

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