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Mein Kalender, mein Leben

Instagram-Trend Filofaxing Mein Kalender, mein Leben

Mehr als Notizen: Organizer-Kladden zieren immer häufiger Skizzen, Schönschrift und Alltagsfragmente. So wird der Kalender zum repräsentativen Storyboard des eigenen Lebens.

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Vom Hausputz bis zu Diätmahnungen: Filofaxing-Anhänger präsentieren ihre üppig dekorierten Kalendereinträge auf Instagram.

Quelle: Instagram/ilovethe_coldsideofthepillow

Hannover. Wer schleppt im Smartphonezeitalter eigentlich noch einen analogen Kalender mit sicher herum? So ein Papierding? Schließlich ist der digitale Kalender doch so ungemein praktisch, weil er nach einigem Geprokel mit den Cloud-Einstellungen die Termine auf allen Geräten vollautomatisch aktuell hält. Lästiges Übertragen vom Dienst- in den Privat- in den Familienkalender war einmal. Außerdem wiegt so ein Smartphone deutlich weniger als ein fettes Filofax – und findet selbst im Abendhandtäschchen Platz.

Wer das Filofax nicht mehr kennen sollte: Um die Jahrtausendwende, als Smartphones noch Handy hießen und zu kaum mehr als zum Telefonieren taugten, waren diese dicken, zumeist ledergebundenen Kladden mit frei konfigurierbaren Innenleben quasi das ausgelagerte Gehirn ihrer Besitzer. Nahezu alles, was im Leben von Relevanz ist, befand sich im Filofax: Termine, Telefonnummern, Adressen, Geburtstage, spontane Eingebungen, Skizzen, Tagebucheinträge, eingeklebte Zeitungsausschnitte. Und zwischen den Seiten drängelten sich Visitenkarten, Kassenbons, Urlaubsfotos, aus Frauenzeitschriften ausgeschnittene Kochrezepte und aus Abreißkalendern stammende Sinnsprüche.

Bilderbögen statt schnöder Notizen

Ein Filofax, das im fabrikfrischen Zustand vielleicht 200 Gramm wiegt, brachte es durch emsige Benutzung binnen Jahresfrist locker auf doppeltes bis dreifaches Kampfgewicht. Was zeigt, dass das Filofax eigentlich eher eine Spielwiese als ein schnöder Kalender ist – und damit heutigen Smartphones durchaus ähnlich.

Offenbar wächst die Zahl jener, die es als zu steril, womöglich herzlos empfinden, ihre Termine und Alltagsschnipselchen digital abzulegen oder irgendeine To-do-Listen-App herunterzuladen, um sich effektiver zu organisieren. Wie sonst ließe sich erklären, dass neuerdings ein Phänomen namens Filofaxing um sich greift – und sich unter anderem in Abertausenden Instagram-Bildern manifestiert?

Zu sehen sind aufgeschlagene Kalenderbücher, die Seiten prächtig dekoriert. Nicht bloß spröde Einträge sondern regelrechte Bilderbögen, die dem Betrachter einen Tagesablauf als eine Art Comicstrip nahebringen. Vermutlich ist das Filofaxing ein Auswuchs verschwisterter DIY-Trends, etwa dem Scrapbooking (Fotoalbengestaltung), dem Handlettering (Schönschreiben), dem Zentangel (meditatives Kritzeln) und den allgegenwärtigen Erwachsenenausmalbüchern.

Papierbühne für die Selbstinszenierung

Aber auch der inzwischen nicht mehr ganz so penetrante Selfiewahn mag mit hineinspielen in wiedererwachte Lust am Papierkalender. Der Tagesplan wird nicht nur in nüchternen Notizen festgehalten, sondern regelrecht als visuelles Schmankerl in Szene gesetzt. Als Gedächtnisstütze würde der schlichte Eintrag “9,30 Uhr: Yoga“ vollauf genügen. Stattdessen wird der Termin mit einem im Manga-Stil gehaltenen Selbstporträt im Lotussitz festgehalten. Einkaufszettel werden gezeichnet, nicht geschrieben, und die Urlaubsvorbereitungs-Checkliste ist gestaltet wie die Oberfläche eines Übersehkoffers.

Man wird das Gefühl nicht los, dass derartig kunstvolle Terminkalender von vornherein weniger für den eigenen Gebrauch, sondern vor allem für ein Publikum geführt werden: Schaut, wie reich und kreativ mein Leben ist! So verstanden wäre Filofaxing keine Abkehr von der eitlen Bühne digitaler Selbstinszenierung, sondern gleichsam die papierne Hinterbühne von Facebook, Instagram und Co..

Von Daniel Behrendt

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