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Genuss & Leben Von der Schlafstätte zum Matratzen-Thron
Sonntag Genuss & Leben Von der Schlafstätte zum Matratzen-Thron
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20:01 24.03.2017
Matratzen über Matratzen: In immer mehr Schlafzimmern halten Boxspringbetten Einzug. Quelle: VDM
Hannover

Auf harten Betten liegt man sanft, auf weichen Betten liegt man hart – so lautet ein Sprichwort, das vor allem Futonanhänger, also Liebhaber maximal dünner Matten auf maximal hartem Untergrund, verinnerlicht haben dürften. Es muss irgendwann in den Achtzigern gewesen sein, als leicht ökohaft angehauchte Holzmöbelgeschäfte zu ersten Adressen der Schlafgesundheit avancierten und ihren Kunden neben Futonbetten auch andere extraharte Schlafgelegenheiten wie Latexmatratzen mit Kokoskern offerierten.

Wer seine Nächte zuvor auf einer ermüdeten Federkernmatratze gefristet hatte, musste sich erst an die knüppelharten, von Matratzenverkäufern als “punktelastisch“ angepriesenen Schlafuntergründe gewöhnen. Die ersten Nächte waren die Hölle. Wie verrenkt oder verstaucht fühlte sich die Wirbelsäule nach dem Erwachen an – und das Aufstehen gestaltete sich so quälend, als müsse man jeden Knochen einzeln aus dem Bett wühlen. Nach schmerzhafter Eingewöhnung fühlte es sich freilich so an, als habe man nie in einem anderen Bett geschlafen.

Rückenschule für das Boxspringbett

Und nun heißt es schon wieder umgewöhnen. Der Rücken muss wieder zur Rückenschule – umschulen auf Boxspringbett. Jeder wird vermutlich irgendwen im Freundeskreis haben, der sein schlichtes Bettgestell mit altbewährtem Lattenrost in jüngerer Vergangenheit gegen ein solches Ungetüm ausgetauscht hat. Das englische “Boxspring“ heißt auf Deutsch “Matratzenfeder“, was einiges an Sprungkraft verspricht. Insofern ist es kein Zufall, dass “Boxspringbett“ vernuschelt ausgesprochen schnell nach “Bockspringbett“ klingt.

Abgesehen davon, dass Boxspringbetten wohnlicher aussehen als viele Bettgestell-Lattenrost-Kombis, liegt der wesentliche Unterschied darin, dass es sich um ein Zwei-Matratzen-System handelt. Die Matratze ruht auf einer Basis, die ihrerseits selbst eine mächtige Federkernmatratze ist und als Stoßdämpfer fungiert.

Bei US-amerikanischen Boxspringbetten liegt auf diesem an sich oft schon wuchtigen Fundament eine Matratze von mitunter 30 Zentimetern Dicke auf – und so ergibt sich eine Gesamthöhe von bis zu 80 Zentimetern, die beim Ein- und Ausstieg in das Bett keine erhöhte Gelenkigkeit verlangt. Man liegt nicht in einem Boxspringbett – man thront gewissermaßen auf einem solchen.

Im Test nicht überzeugend

Die doppelte Dämpfung soll den Schlafkomfort erhöhen, doch die Stiftung Warentest attestiert den Boxspringbetten nicht per se Eigenschaften, die rückenfreundlicher oder gutem Schlaf förderlicher sind. Im Gegenteil: Keines der 15 bis zu 4200 Euro teuren Modelle, die die Tester unter die Lupe nahmen, kam über ein “befriedigend“ hinaus.

Immerhin rund jede sechste neu erworbene Matratze ist inzwischen ein Boxspringmodell – Tendenz steigend. Warum nur sind die Deutschen so verrückt auf ein zur Großspurigkeit neigendes Bett aus den USA, das zumindest nach orthopädischen Gesichtspunkten keine messbaren Vorteile bietet? Und das zudem, obwohl die Deutschen mit durchschnittlich sieben Stunden und 45 Minuten weniger schlafen als der Europäer im Allgemeinen?

Womöglich, weil das Schlafzimmer längst nicht mehr nur der nächtlichen Rekreation dient. Lesen, Fernsehen, Onlineshopping und Essen: Das sind nach dem Schlafen die Dinge, die die Deutschen am häufigsten im Bett tun – ein Möbel, das all das mitmachen soll, muss also auch Lümmelsofa, Arbeitsplatz und Esstisch sein.

Von Daniel Behrendt

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