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Gleich aufmachen?

Kioskerlebnisse mit Uwe Janssen Gleich aufmachen?

Was gibt es Schöneres als die Vertrautheit bei gleichzeitiger persönlicher Distanz am Lieblingskiosk oder -Späti? Geld gegen Ware und keine Fragen – so mögen es Kunden ebenso wie Verkäufer. Doch was, wenn dieser Schein trügen sollte?

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Wer in seiner Kindheit bunte Tüten beim Kiosk bekam, der kommt sein Leben lang für Bier wieder.

Quelle: Fotolia

Hannover. Der Kioskmann ist ein guter Mann. Er ist geduldig, er ist gutmütig, sieht aber immer etwas unzufriedener aus, als er ist. Daran gewöhnt man sich mit der Zeit, und es macht einem bei der Bestellung von extrawunschgespickten bunten Tüten für 2 Euro kurz vor Feierabend kein schlechtes Gewissen, weil er den dafür üblichen Gesichtsausdruck als Standard eingerichtet hat.

Er weiß mehr, als er sagt, er ist Geschichtentrichter und Kummerkasten, er löst keine Probleme, aber manchmal lindert er sie in Form bunter Tüten oder in der Größe 0,33 oder 0,5 Liter. Manchmal hat man das Gefühl, ihn bei einer spannenden Sendung zu stören, die er gerade hinter dem Laden guckt. Aber das würde er nie sagen.

Kühle Kanne vom Kioskmann

Eigentlich geht das immer so. Seit Jahren in unregelmäßiger Stetigkeit. Man könnte auch im Supermarkt kaufen mit seinen immer durchgehenderen Öffnungszeiten. Auch da ist es freundlich. Aber nicht charmant. Keine Melancholie weht einem entgegen. Deshalb bleibt die kühle Kanne zum gelegentlichen Tagesausklang dem Kioskmann vorbehalten. Wie immer to go und ohne weitere Nachfragen.

Doch an diesem Tag ist es anders. Nicht wie sonst Luke auf, begrüßt, Bier bestellt, Bier bekommen, Geld gegeben, verabschiedet, Luke zu. Sondern zwischen “Geld gegeben“ und “verabschiedet“ Frage gestellt bekommen: “Gleich aufmachen?“ Das hat er noch nie gefragt. Warum fragt er das?

Analoge Durchleuchtung

Immer war das Bier zum Mitnehmen und Indoorleeren. Hat er, Menschenkenner, der er ist, akute Notwendigkeit im Blick seines Kunden gesehen? Oder viel schlimmer: Hat er das schon länger gesehen und sich aus purer Zurückhaltung und Höflichkeit nur nicht getraut zu fragen? War das ein Test? Oder ein Witz? Ein dezenter Hinweis, den Genussmittelkonsum zu überdenken? Gesundheitsfördernd, aber geschäftsschädigend?

Oder haben sich die Kioske im Viertel abgesprochen und wissen viel besser über ihre Kundschaft Bescheid als das gesamte Internet von Amazon bis Zalando? Steckt sogar der Supermarkt mit drin in dieser analogen Durchleuchtung? Muss man sich sein Feierabendbier jetzt selber brauen, um nicht aufzufallen? Vielleicht wollte er einfach nur nett sein. Das nächste Feierabendbier wird es zeigen.

Von Uwe Janssen

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