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Mode & Stil Das Sommerzehenario
Sonntag Mode & Stil Das Sommerzehenario
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17:15 07.07.2016
Egal ob mit nackten Füßen oder Socken: Ergonomische Sandalen und Schläppchen sind in diesem Sommer auch für Männer modisch, wie hier bei Lemaire. Quelle: afp

Die Worte "Teva x Han Kjøbenhavn" sind keine Parole für den Einlass in skandinavische Wanderhütten. Sie stehen für Freiheit. Genauer gesagt: Zehenfreiheit. In Modeblogs und Hauptstadt-Hipster-Shops ist das Sandalenmodell mit dem sperrigen Namen höchst angesagt. Die Straße hat die modisch aufpolierte Trekkingschlappe indes noch nicht erobert. Doch das dürfte nur eine Frage der Zeit sein.

Denn seit Miuccia Prada im Jahr 2007 ihre männlichen Models in Sandalen mit Socken auflaufen ließ, ist die sommerliche Schuhmode für den Herrn kontinuierlich offener geworden. Nun hat man(n) es mit den aberwitzigsten Kombinationen aus Edeldesign und Badelatsche zu tun. Am ehesten dürften sich darüber noch die Zehen freuen.

Das Teva-Modell ist ein Paradebeispiel für die Revolution von ganz unten. Lange galt die Anfang der Achtzigerjahre gegründete kalifornische Marke eher als hinterwäldlerisch – außer in der Waldläufer- und Wandervogelszene. Für ein "Make-over" hat Teva Tim Hancock und Jannik Wikkelsø Davidson vom dänischen Designlabel Han Kjøbenhavn beauftragt, ihr Schuhwerk modisch aufzupeppen. Und zwar ohne Funktionalitätseinbuße.

Wer Haare auf den Zehen hat, lässt die Socken an – bei Modellen wie dem "Teva x Han Kjøbenhavn" ist das erlaubt. Quelle: Hersteller

Herausgekommen ist unter anderem, nun ja, eine Art Geishaschuh mit rutschfester Gummiplateausohle und Manschetten an Spann und Knöchel, die mit Klettverschluss und Druckknöpfen versehen sind. Das gibt Halt, ist luftdurchlässig und im Zweifel auch was für Menschen mit beidseitiger Mittelfußfraktur.

Die eher an das Teva-Urmodell mit Korksohle und Klettverschluss angelehnten Versionen aus der aktuellen Kollektion sind zumindest im Voo Store, einem der angesagtesten Concept Stores Berlins, der Renner der Saison. Nur Birkenstock sei noch beliebter, sagt eine Verkäuferin. Seit der Store im Jahr 2010 eröffnet habe, sei das Sortiment an Männersandalen stetig gewachsen. Die "hauptsächlich modisch interessierte Kundschaft" freut's: Einige Modelle wie Birkenstocks schlichte "Arizona"-Sandale sind in dem Kreuzberger Shop immerhin schon ausverkauft.

Mit dem vor einigen Jahren aufgekommenen Normcore-Trend, dem bewusst zur Schau gestellten Desinteresse an Mode, haben Teva, Birkenstock oder auch Scholl schon längst nichts mehr zu tun. Ergonomisch ist modisch. Modisch ist jedoch nicht immer automatisch auch schön. Zwar legen Studien der Kosmetikbranche zufolge Männer heute weitaus mehr Wert auf gepflegte Füße als noch vor zehn Jahren. Doch selbst ein mit der Hornhautfeile bearbeiteter Fuß in Größe 48 mit schwarzen Haarbüscheln auf den pedikürten Zehen ist kein Hingucker.

Für Stilberater ein No-Go

Hinzu kommt, dass "Mandals", wie Briten und Amerikaner Männersandalen augenzwinkernd nennen, auch so gut wie nicht mit langen Hosen kombinierbar sind. Zumal dann die bloßen Füße umso mehr zutage treten. Für Stilberater und Lifestyle-Experten von New York bis München sind Sandalen für Männer durchweg ein No-Go. Vor allem im Job. Als Alternativen an heißen Tagen werden Bootsschuhe oder Loafer empfohlen.

Doch der Markt für "Mandals" boomt. Ein wachsendes Angebot befriedigt eine offenbar große Nachfrage. Das deutsche Branchenblatt "Textilwirtschaft" kürte bereits im vergangenen Jahr "Fuß-Cabrios für Männer" zum "Aufsteiger des Jahres". Im Zuge dessen ändern sich auch Kleiderordnungen. Bester Beweis ist die in Hotelrestaurants lange verpönte und selbst auf Campingplätzen als passendes Accessoire zum Bierbauch verlachte Adilette.

Die Plastiklatsche ist nun endgültig salonfähig, nachdem der als geschmackssicher geltende Designer Raf Simons im vergangenen Jahr mit den "Rubber Pool Slides" eine luxuriöse Variante des Adidas-Klassikers schuf. Das US-Magazin "Esquire" empfahl seinen Lesern, zu der "extravaganten Version der Badeschlappen, die man in der Mittelschule besaß" eine mindestens "tausend Dollar teure Badeshorts" zu tragen sowie "ein Handtuch aus Einhorntränen".

Adiletten in Luxusausführung

Diesen Sommer geht es schlichter zu: Die diesjährige It-Adilette strahlt in klinischem Weiß mit schwarz-grünem Adidas-Emblem. Für all jene, die es eher "sophisticated" mögen, hat Adidas den für seine Grunge-Ästhetik bekannten Designer Rick Owens gewinnen können. Der Amerikaner kreierte für den Sportartikelriesen aus Herzogenaurach den "Ro Clog", einen schwarz-weißen Schuh aus Leder und Neopren, dessen Sohle entfernt an mit Spikes gespickte Türstopper erinnert.

Konkurrenz kommt aus dem Hause Nike mit dem Modell "Taupo", dessen ergonomisches Fußbett mit Lacklederriemen überspannt ist. Selbst die sonst eher robuste Marke "Dr. Martens", bekannt für ihre mit Stahlkappen versehenen 14-Loch-Stiefel, gibt sich im Sommer offen. Zwar ist die "Geraldo Ankle Strap Sandal" vorn geschlossen, seitlich kommt jedoch reichlich Luft durch die Lederriemen, die oberhalb des Knöchels verschnallt werden.

Futuristischer Leder-Neopren-Schlappen: Der "Ro Clog" von Rick Owens für Adidas. Quelle: Hersteller

Sandalenverfechter mögen sich, ähnlich wie beim Zottelbart, auf urtypische Männlichkeitsattribute berufen und auf die Römer verweisen, die ihre Schlachten in Riemchen geschlagen haben. Doch Tatsache ist, dass selbst im alten Rom bloße Füße bei Männern zunächst als Schuh der Bauern, Sklaven und Soldaten tabu waren. Wer als Bürger etwas auf sich hielt, trug den knöchelhohen Calceus, der zumeist den ganzen Fuß bedeckte, manchmal jedoch immerhin die Zehen frei ließ.

Albert Einstein hätte gewiss jenes Modell gewählt, bezeichnete er sich doch selbst einst als "eine Art antike Gestalt, die dafür bekannt ist, keine Socken zu benutzen". Pech für ihn, dass zu seiner Zeit Sandalen für Männer allenfalls in Kneipp-Bädern zu bekommen waren.

Einstein ging pragmatisch damit um: Auf einem Schnappschuss am Strand sieht man den Physiker in Shorts halb auf einem Felsen sitzen und selig lächeln. An den Füßen trägt er Damensandaletten in neckischer Peeptoes-Form. Die Extravaganz dieses Sommerzehnarios stellt sogar den "Teva x Han Kjøbenhavn" in den Schatten.  

Von Kerstin Hergt

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