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Die Rückkehr des Regenmantels

Outdoorkleidung wird stylish Die Rückkehr des Regenmantels

Outdoorbekleidung erobert die Alltagsmode. Wer nicht als Stubenhocker auffliegen will, hat mit den neuen Friesennerzen und Gummistiefeln jede Menge Tarnmöglichkeiten.

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Glamouröses Comeback für Regenmantel, Gummistiefel und Co.: Neuinterpretationen des klassischen Friesennerzes, wie hier vom schwedischen Label Stutterheim, sind auch für Großstadthipster zum Must-have geworden.

Quelle: Stutterheim / iStock

Wenn der Regen niederbraust und der Sturm das Feld durchsaust, ist Robert der einzige, der nicht zu Hause bleibt: "Das muss draußen herrlich sein, denkt er. Und im Felde patschet er mit dem Regenschirm umher", dichtete "Struwwelpeter"-Erfinder Heinrich Hoffmann im 19. Jahrhundert. Dass "Der fliegende Robert" schließlich abhebt und in den Wolken verschwindet, hat der moralinsaure Autor einst als Warnung gemeint. Aber ist es nicht vielmehr ein Versprechen? Geh raus in die Welt, stemm dich gegen den Wind und du fühlst dich frei wie ein Vogel. "Urbaner Eskapismus" heißt das heute bei Trendforschern.

Das passende Rüstzeug liefert die Modeindustrie mit Outdoorbekleidung, die nicht mehr nur funktional, sondern auch stylish daherkommt. Die Roberts unserer Zeit suchen den Ausgleich in der Natur, ohne gleich aufs Land ziehen zu müssen. Sie definieren sich über Abenteuerurlaube mit Rafting in den Rocky Mountains und Canyoning in den Alpen.

Sie schaffen sich kleine Fluchten im städtischen Umfeld, indem sie in der Freizeit Kletterparks erstürmen oder bei der Fortbewegungsart Parkour Garagendächer in natürliche Hindernisse umwidmen, die es zu überspringen gilt. Kalkuliertes Risiko an der frischen Luft ist angesagt, um den Kopf von Job- und Alltagsproblemen freizupusten.

Statussymbole im Großstadtdschungel

Stubenhocker zu sein, ist heutzutage geradezu verpönt. Wer darüber hinwegtäuschen will, dass er dennoch am Wochenende allenfalls zum Brötchenholen rausgeht oder lieber durch Shoppingmeilen bummelt, als im Watt zu waten oder durchs Unterholz zu pirschen, hat ziemlich gute Tarnmöglichkeiten: Outdoorbekleidung erobert zunehmend die Alltagsmode. Friesennerz und Gummistiefel, robuste Bergsteigerschuhe und atmungsaktive Anoraks sind Statussymbole einer Gesellschaft, die im Großstadtdschungel genauso tough durchs Leben kommen will wie beim Wandern in der schwedischen Bergtundra.

Überhaupt die Schweden. Nachdem sie bereits mit ihren Fjällräven-Rucksäcken der Hipsterwelt kollektives Pfadfinder-Feeling beschert haben, kommt nun von Stockholm aus die nächste große Trendwelle angerollt: Der klassische Regenmantel ist zurück. Doch auch wenn es ihn in Traditionsgeschäften wie Carl Feddersens Sea Shop in der Hamburger Deichstraße seit Jahrzehnten durchgängig gab, und bis in die Achtzigerjahre jedes Kind in Ermangelung von Softshelljacken mit gelbem Ölzeug in Schlamm und Pfützen spielte, war er nie so angesagt wie heute.

Regenmäntel von Rains und Derbe

Auf schicke und sturmerprobte Mode spezialisiert sind auch das dänische Unternehmen Rains (links) und das Hamburger Label Derbe (rechts).

Quelle: Hersteller

Dass der Friesennerz, wie der ursprünglich gelbe Mantel seit dem Aufkommen der Friesenwitze vor 30 Jahren in Deutschland heißt, mittlerweile selbst bei schönem Wetter den Look vieler Großstädter bestimmt, liegt vor allem an Alexander Stutterheim. Inspiriert von der Fischerkluft seines Großvaters verpasste der Schwede dem Regenmantel ein zeitgemäßes Makeover und gründete 2010 in Stockholm sein Label Stutterheim.

Mittlerweile verkauft sich die Marke in Hunderten von Shops von Skandinavien bis in die USA. Das Erfolgskonzept gründet vor allem auf dem Zauberwort "Heritage". Die Modelle orientieren sich in Sachen Funktionalität an der Urversion der Fischer und sind mit ihrer schmalen Silhouette und der riesigen Farbauswahl dennoch zeitgemäß.

Die Familiengeschichte hinter der Marke (kleiner Junge bewundert seinen sturmerprobten Großvater, der ihm das Angeln beibringt) und Stutterheims eigenwillige Philosophie, dass Nebel und Nieselregen gut seien fürs Gemüt, weil sie Melancholie weckten und diese wiederum die beste Inspiration für Kreativität sei, lassen den Regenmantel nicht bloß als nützliches Must-have erscheinen. Ihn zu tragen, kommt vielmehr einem Statement gleich: Ich bin ein naturverbundener Philosoph, der auch seelische Tiefs verkraftet.

Nostalgie und Pragmatismus

Geht's auch weniger wolkig? Jau, wie der Hanseate sagt. In Hamburg denken Sandy Baumgarten und Thomas Köhlert, die Macher von Derbe, pragmatisch: Bei ihren ebenfalls am Ölzeug der Angler und Segler orientierten Regenmänteln geht es vor allem darum, "selbst fieseste Tropfen unaufgeregt abperlen zu lassen". Gelingt mit Polyester und PU-Beschichtung sowie leuchtenden Farben. Wie Stutterheim kommen auch die Modelle von Derbe ohne modischen Schnickschnack aus und erinnern an die Gummihaut aus Kindertagen. Für Sandy Baumgarten ist gerade das mit ein Grund, warum der Kundenstamm beständig wächst: Nostalgie spiele eine große Rolle.

Also doch nicht nur bodenständiger Pragmatismus, wie ihn einst Jan E. Ansteen Nielsson pflegte: Der Däne gilt als Erfinder des "Großen Gelben". Er hatte sich mit seinem Sportartikelunternehmen auf wetterfeste Kleidung spezialisiert und 1965 die erste wasser- und luftdichte Regenjacke mit den charakteristischen großen Klappentaschen und der breiten Kapuze auf den Markt gebracht. Obwohl sie kein Gramm geölter Baumwolle an sich hatte, sondern Viskose und PVC, nannte man sie dennoch Öljacke – bis heute.

Gummistiefel von Hunter und Aigle

Von wegen nur für Wald und Wiese: Die modischen Gummistiefel der traditionsreichen Marken Hunter (links) oder Aigle (rechts) sind längst auch großstadttauglich. 

Quelle: Hersteller

Noch traditionsreicher als der Regenmantel sind Gummistiefel, über die man derzeit in jedem Schuhladen stolpert. Zu den ältesten Herstellern zählt die von dem Amerikaner Hiram Hutchinson 1853 in Frankreich gegründete Firma Aigle. Was andere aus Leder kreieren, fertigt Aigle zu ähnlichen Preisen aus Naturkautschuk. Mittlerweile gibt es Modelle mit hohen Absätzen, Zierschnallen und Schnürbändern, die längst nicht mehr nur bei Pfützenbildung getragen werden.

Auch das englische Pendant Hunter, ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, hat sich seinen Weg vom Hoflieferanten des jagd- und spazierfreudigen britischen Königshauses in die Garderobe bürgerlicher Trendsetter gebahnt. Die Firmenphilosophie verspricht mehr als nur trockene Füße, sondern beschwört den Pioniergeist: Mit Hunter Boots würden Pfade beschritten, die sich andere nicht zu gehen trauten. Na dann: "Gib Gummi", würde Robert wohl dazu sagen.

Von Kerstin Hergt

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