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Große Bühne für die Bluse

Sommertrend Bluse Große Bühne für die Bluse

Die Bluse gilt längst nicht mehr als biederes Kleidungsstück fürs Büro. Volants, auffällige Kragen und bunte Drucke machen das einstige Standard­kleidungsstück zum Hingucker.

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Blusen überall: Das News Yorker Label Tibi setzt auf Stehkragen und bauschige Ärmel, Tory Burch zeigt übergroße Blumenprints und das Modell von Francesco Scognamiglio kommt äußerst transparent daher.

Quelle: Getty Images

Hannover. Es scheint, als hätten sich sämtliche Designer von der High-Street-Fashion bis ins Luxussegment ein und dasselbe Kleidungsstück ausgesucht, um sich daran auszutoben und sich gegenseitig an neuen Variationen zu überbieten: Die Bluse ist in diesem Sommer gleichsam Heldin und Opfer im Modezirkus. Heldin, weil sie endlich aus dem Schatten von businessmäßigen Blazern und Cardigans heraustreten darf; Opfer, weil ihre ursprünglich klassische Eleganz nicht selten durch krasse Einschnitte und voluminöse Aufgerüschtheit verhunzt wird.

Schärpen, Schluppen und Schößchen, Cuts und Prints sollen dem in die Jahre gekommenen Standard-Kleidungsstück offenbar eine Verjüngungskur bescheren. Das von Modemachern verordnete Botox für die Bluse lässt diese zwar frisch und knitterfrei aussehen, doch die aktuellen Modelle passen angesichts von Schnitt und Stofffülle oftmals eher zur Kostümausstattung in einem shakespeareschen Drama als zur Sommergarderobe. Zwar ist der ausladende Mühlsteinkragen glücklicherweise (noch) nicht wieder en vogue. Dafür sorgen bauschige Ballon- und Trompetenärmel, Schlitze und Raffungen für Volumen in Renaissance-Manier. Hinzu kommen auffällige Muster und Stickereien.

“Mehr ist mehr“ lautet die Devise. Außer bei Instagram-It-Girls macht das selten eine schlanke Silhouette, das An- und Ausziehen ist mitunter kompliziert, und der Tragekomfort solch aufgeplusterter Popeline-Oberteile, wie beispielsweise Zara im Programm hat, lässt auch zu wünschen übrig. Wer dieser Tage in einer engen Umkleidekabine mit einer anstrengenden Bluse in Kimonooptik oder mit asymetrsichen Flatterpartien kämpft, sehnt sich zurück nach dem klassischen Modell als weiblichem Pendant zum Herrenhemd: Gerade geschnitten, schlicht, mit Knopfleiste, Manschetten und Kragen. Und ohne Fischreiher, Enten oder Klatschmohn drauf.

Von adrett zu attraktiv

Lange war die Bluse Inbegriff des Sekretärinnen-Looks: Streng, kontrolliert, aufgeräumt. Doch mit der Zeit wandelte sich das Image von adrett zu attraktiv. Kaum eine Schauspielerin oder ein Model hat sich seit der Ära von Marilyn Monroe und Brigitte Bardot nicht ebenfalls wie diese in einem schlichten, hellen Hemd fotografieren lassen. Denn kaum ein Kleidungsstück eignet sich perfekter für das Spiel mit Unschuld und Verführung. Ein Paradebeispiel dafür ist nicht zuletzt Nastassja Kinskis Auftritt im Tatort-Klassiker “Reifezeugnis“, in dem sie der heute wieder angesagten Folklorebluse eine gehörige Portion Erotik verlieh.

Überhaupt war die Bluse in den Siebzigerjahren ein besonders aufreizendes Kleidungsstück. Gegen die nachlässig geknöpften Modelle von damals sind selbst die aktuellen Off-Shoulder-Varianten züchtig. Tupfenmuster, gardinenartige Volants und andere Verspieltheiten lassen ihre Trägerinnen sexy mit angezogener Handbremse erscheinen. Schleifen, Schluppen und Priesterkragen tragen ihr Übriges dazu bei, dass die Bluse oftmals fast biederer wirkt als zu Urgroßmutters Zeiten. Der von Peek & Cloppenburg bis Prada gängige Begriff der knopflosen “Schlupfbluse“ klingt schon dem Namen nach eher nach Verstecken als nach Zeigen.

Mit Rüschenkragen

Mit Rüschenkragen: Pippa Middleton, Schwester von Herzogin Kate, trug eine mädchenhafte Bluse der irischen Designerin Orla Kiely auf dem Weg in die Flitterwochen.

Quelle: GC Images

Einer, der gekonnt mit Neuinterpretationen der erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts aufkommenden Damenbluse umgehen konnte, war Gianfranco Ferré, neben Giorgio Armani und Gianni Versace Italiens bedeutendster Modepionier. Sein ganzes Modeimperium baute Ferré auf der Faszination für die weiße Bluse auf: “Ich entwerfe gerne weiße Blusen. Sie erinnern mich an meine Mutter, die immer weiße Krägen getragen hat“, sagte er einmal. Girliehafter Firlefanz widersprach seiner Philosophie, “Mode für starke und intelligente Frauen“ zu machen. Nach seinem Tod 2007 ging es auch mit der Marke Ferré zu Ende.

Würdige Nachfolger in Sachen innovativer Damenbluse sind seitdem spärlich. Die australische Designerin Kim Ellery mit ihren eleganten Baumwoll- und Seidenkreationen ist eine rühmliche Ausnahme, ebenso wie das New Yorker Label Tibi der Designerin Amy Smilovic, die sich für ihre diesjährige Herbstkollektion von der klassischen Herrenmode inspirieren ließ und unter anderem unangestrengte blau-weiße Nadelstreifenhemden im Portfolio hat.

Bei anderen Designern, wie etwa Stella McCartney, verschwindet die Bluse nach dem Sommer wieder unterm Blazer. Vorzugsweise in Weiß und Hellblau blitzt sie unter Sakkos oder Jackenkleidern hervor. Der Sekretärinnen-Look kehrt zurück. Streng vielleicht. Aber alles andere als anstrengend.

Von Kerstin Hergt

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