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Mit Flanell gegen das Böse

Modevorbild “Twin Peaks“ Mit Flanell gegen das Böse

Die Kultserie “Twin Peaks“ ist zurück: Ihre Mode galt in den Neunzigern als stilbildend und passt auch in die heutige Zeit. Denn auf den Laufstegen sind weiche Stoffe, Karos und weibliche Silhouetten wieder zu sehen.

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Das blaue Wunder

Geschmackssichere Jugend: Donna Hayward (Lara Flynn Boyle), James Hurley (James Marshall) und Audrey Horne (Sherilyn Fenn) im stilprägenden Look von “Twin Peaks“.

Quelle: iStockphoto

Hannover. Eine junge Frau im knielangen Rock zieht ihre flachen, schwarz-weißen Halbschuhe aus, um in ein paar rote Pumps zu schlüpfen. Sie lächelt verschwörerisch. Dies ist nur eine kleine Szene aus David Lynchs Fernsehserie “Twin Peaks“ – und doch spiegelt sie einen ganzen Charakter wider, den des Teenagers Audrey Horne (Sherilyn Fenn). An diesem Sonntag nun läuft die dritte Staffel von “Twin Peaks“ an und erzählt die Saga um den Mord an der Schülerin Laura Palmer und die verschrobenen Einwohner einer Kleinstadt weiter – nach 27 Jahren. Lynch hat bis zur Premiere nicht viel verraten. Immerhin: Dass Sherilyn Fenn wieder dabei sein wird, war frühzeitig bekannt.

“Twin Peaks“ revolutionierte als hochkomplexer Genremix 1990 die Fernsehunterhaltung, und zwar äußerst stilvoll. Wer in Vorbereitung auf die neue Staffel noch einmal die alten Folgen ansieht, muss feststellen: Rein modisch betrachtet sind die Charaktere überraschend aktuell gekleidet. Dies liegt unter anderem daran, dass die Modewelt seit zwei, drei Jahren die Neunziger wiederentdeckt hat. Der Stil wirkt aber auch deswegen zeitlos, weil bereits in der Twin-Peaks-Welt aus vorherigen Jahrzehnten zitiert wird.

Modische Zitate aus vorigen Jahrzehnten

Modische Zitate aus vorigen Jahrzehnten: Sherilyn Fenn als Audrey Horne und Kyle MacLachlan als Special Agent Dale Cooper in einer Szene aus “Twin Peaks“ von 1990.

Quelle: American Broadcasting Companies

Verantwortlich für das Kostümbild der Pilotfolge war die mittlerweile verstorbene Patricia Norris. Sie hatte bereits zuvor für Lynch-Produktionen gearbeitet. Der Regisseur vertraute ihr. “Was die Kostüme angeht, musste ich ihr beinahe nichts sagen, die Ideen sprudelten einfach aus ihr heraus“, sagt er einmal in einem Interview. “Sie hat den Stil von ,Twin Peaks’ gesetzt.“

Für die Serie kreierte die detailverliebte Kostümbildnerin Norris einen Look, der einerseits zum Ort der Handlung unweit der kanadischen Grenze, aber auch zu den einzelnen Charakteren passt. So trägt FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan), während er offiziell ermittelt, schmal geschnittene schwarze Anzüge, dazu ganz klassisch ein weißes Hemd und Krawatte. Ist es zu kühl, wirft er sich einen großen Trenchcoat mit extrabreiten Schulterpolstern über.

Der schwarze, stets knitterfreie Anzug steht hier nicht nur als Chiffre für das FBI, sondern auch für das Wesen des stets höflichen und korrekten Ermittlers. Einerseits. Andererseits ist das perfekte Äußere auch ein herrlicher Widerspruch zu Coopers übersinnlichen, versponnenen Ermittlungsmethoden.

Schulterpolster und Holzfällerhemden

Nicht nur der FBI-Agent trägt in “Twin Peaks“ einen übergroßen Trench. Insgesamt sind Jacken und Mäntel voluminös – ganz so, wie es auch im vergangenen Winter auf einigen Laufstegen zu sehen war. Jil Sander hat die Schulterpolster wiederentdeckt, und auch die Pariser Labels Vetements und Jacquemus setzen auf Oversize-Mode.

Sowohl in “Twin Peaks“ als auch in aktuellen Kollektionen finden sich zudem Karos in unterschiedlichen Varianten. Ein beliebtes Kleidungsstück in der Serie ist das karierte Holzfällerhemd, selbstverständlich aus Flanell und gern in Rottönen. Die Neunziger waren die Zeit des Grunge, ein Holzfällerhemd galt für Bands wie Nirvana oder Pearl Jam als Symbol für Lässigkeit und eine vermeintliche Nähe zur Arbeiterschicht.

Auch in “Twin Peaks“ rebelliert die Jugend – das Hemd spielt aber auch in seiner ganz ursprünglichen Bedeutung eine Rolle, schließlich lebt der Ort von der Holzverarbeitung. Ein Flanellhemd ist außerdem weich und gemütlich – genauso wie die zahlreichen Wollpullover, Cardigans und Strickjacken, die in der Serie getragen werden. Beinah scheint es, als haben Norris und ihre Nachfolgerin Sara Markowitz dem Ensemble ganz besonders weiche und wärmende Kleidung verpasst, um einen Gegensatz zum Grauen zu schaffen, das die Bewohner des kleinen Ortes erleben und verarbeiten müssen.

Im Tomboy-Stil

Im Tomboy-Stil: Josie Packard (Jan Chen) ganz lässig als Chefin des örtlichen Sägewerks mit gediegener Bundfaltenhose und extra-weiter, brauner Strickjacke. Chen trug in ihrer Rolle manchmal übergroße Hemden, verführte aber auch im Abendkleid. Stets waren ihre Lippen leuchtend rot geschminkt.

Quelle: iStockphoto

Heutzutage heißt die Hinwendung zum Weichen und Wärmenden “Hygge“. Aufgegriffen wurde der Trend jüngst unter anderem von Prada: Das Modehaus zeigte auf der Mailänder Modewoche Pullover, Cardigans und sogar Röcke aus flauschigem Mohair.

Doch nicht jeder Wollpulli ist automatisch schick. In “Twin Peaks“ wirkt die Strickmode manchmal auch streberhaft und bieder. So kommt Lauras brave Cousine Maddy (Sheryl Lee) mit ihren langen Pullovern, Röcken und der übergroßen Brille wie eine Hipster-Ahnin daher. Die Schülerin Donna (Lara Flynn Boyle) ist sehr sittsam, dabei aber stets geschmackvoll gekleidet. Ihre Mitschülerin Audrey darf dagegen Erotik versprühen, indem sie die taillenbetonte Weiblichkeit der Fünfzigerjahre zitiert.

Ob die neue Staffel in Stilfragen an die alten Folgen anknüpfen kann? Kostümdesignerin Nancy Steiner sagte der US-amerikanischen “Elle“, dass Lynch mit ihr über seine Vorliebe für die Silhouetten der Dreißiger- bis Fünfzigerjahre gesprochen habe. Das macht Hoffnung. Und: Steiner hat in den Neunzigern Musiker wie Kurt Cobain, Gwen Stefani oder die Smashing Pumpkins ausgestattet. Mit Holzfällerhemden kennt sie sich also aus.

Von Christiane Eickmann

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