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Mode & Stil Grau ist das neue Weiß
Sonntag Mode & Stil Grau ist das neue Weiß
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20:00 12.02.2016
Von Sophie Hilgenstock
Eleganter, wärmer, nicht so grell: Grau ist das neue Weiß, graue Wände sind der neue Wohntrend. Quelle: Shutterstock
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Sie heißen "Taj Mahal", "Schneewittchen", "Geisha" oder "Perfection": Sie sind das Maß aller Dinge – gebrochene Weiß- und sanfte Beigetöne, wie sie etwa die junge Farbdesignerin Anna von Mangoldt verkauft. Sie zieren Wohnzimmerwände, Schlafzimmerdecken, Küchenfronten und Garderobenmöbel. Man trifft sie im Esszimmer, im Flur, im Gästebad und auf der Terrasse. Eigentlich war alles klar: Deutschland wohnt Weißbeige – bis jetzt.

Nun wird es deftiger, schmutziger, dunkler. Grau ist das neue Weiß. Grau in all seinen Schattierungen, Stimmungen und Nuancen – mal cool, mal stumpf, mal edel. Bei der Farbfirma Alpina, ursprünglich für reines Weiß bekannt, stehen inzwischen vier Grautöne an erster Stelle: Das markante Steingrau "Stärke der Berge" etwa, das natürliche Geborgenheit verströmt. Oder der silbergraue Ton "Nebel im November", der für behagliche Kühle steht. Noch mehr zurückgenommene Eleganz bieten das warme Braungrau "Poesie der Stille" oder das Blassgrau "Zeit der Eisblumen".

Großbritannien als Vorreiter

Branchenprimus Alpina macht damit für Deutschland vor, was die Briten bereits bis zur Perfektion beherrschen. Britische Einrichtungsspezialisten haben lange erkannt, dass Weiß als Summe aller Farben an sich gar keine Farbe ist. In Großbritannien werden die Wände nicht getüncht, hier wird Farbe angebracht – Blau, Rot, Grün, Gelb und natürlich Grau.

Der Farbenhersteller Little Greene aus Manchester beispielsweise hat eine eigene "Grey"-Kollektion, sie vereint 28 verschiedene Grautöne vom petrolgrauen "Grey Teal" bis zum fast schwarzen "Toad", dem englischen Wort für Kröte.

Beim britischen Label Farrow & Ball in Dorset mischt Grau gar durchgängig mit – unter den Blau-, Grün- und Brauntönen ganz besonders. Auch hier sind die Naturvergleiche augenfällig: Da gibt es das schwarzblaue "Mole's Breath" (Englisch für Maulwurfsatem), das taubengraue "Pigeon" oder das gelbgrüngraue "Mizzle" (Nieselregen). Wer es namentlich weltgewandter und vornehmer mag, greift vielleicht zum heiteren "Parma Gray", zum düsteren "Castle Gray" oder zum leichten "French Gray".

Schlammig, satt, tief

Was alle Grautöne eint, ist etwas Schlammiges, Sattes und Tiefes, das sich auch in anderen Farbfamilien beobachten lässt. Für Anna von Mangoldt ist daher nicht einfach nur Grau, sondern Schlammgrau die Farbe aller Farben. "Reines Weiß ist eine sehr kalte Farbe, die die Räume meistens ungemütlich wirken lässt. Sie gibt keine Struktur, keinen Hintergrund für Möbel, Bilder und Vorhänge", sagt die 30-jährige Designerin aus Ostwestfalen. Der Kontrast von dunklen Möbeln zur weißen Wand sei extrem hart.

"Grautöne hingegen verströmen Wärme und Erfahrung", weiß von Mangoldt. Sie stünden für lässiges Understatement, natürliche Bodenhaftung oder unaufdringliche Eleganz – Dinge, die beim Einrichten zählen. Grau gilt den Stilbewussten heute als der schönste gemeinsame Nenner: Es ist das Mittelding aus Schwarz und Weiß, es ist kraftvoll wie still, bleibt im Hintergrund oder gibt den Ton an. Trist, langweilig und ausdruckslos, wie man meinen könnte, ist eine graue Wand allemal nicht.

Grau in grau, aber gar nicht langweilig: Der Farbton "Stärke der Berge" von Alpina. Quelle: Alpina

Für Professor Axel Venn ist es daher nur konsequent, dass derzeit quadratkilometerweise Grau in Deutschlands Innenräumen verstrichen wird. Das viele Weiß sei schrecklich gewesen, meint der Experte aus Berlin. "Zu klar, zu hell, furchtbar unnatürlich." Gute Arbeit, gute Gespräche seien in weißen Räumen seiner Ansicht nach nicht möglich.

"Zum Wohlfühlen braucht man immer die Unterstützung von Farbe." Zu seiner Erleichterung sind heute gefärbte Wandfarben angesagt, Farben mit Tiefe, Gehalt und Historie. Venn zählt dazu in erster Linie die "gekalkten Grautöne mit ihrer stumpfen Farbigkeit".

Neben einer Vielzahl von silbrigen oder goldenen Metalltönen kämen aber auch laute, lebendige Farben wieder, sofern sie in gewisser Weise kostbar wirken, beobachtet der Professor. "Beliebt sind jetzt Farben mit einem ikonografischen Hintergrund: Ein leuchtendes Lapislazuli, ein intensives Urwaldgrün, ein strahlendes Königsblau", sagt Venn. Oder aber teure Graus. Wohnen sei schließlich ein Statusprodukt, heute mehr denn je.

Farbe als Botschaft

"Die Ausgehgesellschaft trifft sich wieder zu Hause, am Esstisch oder vor dem Kamin", erklärt er. Die Deutschen stecken inzwischen viel Geld in ihre Inneneinrichtung, und zusehends auch in hochwertige Farben. Letztlich geht es nicht nur ums Wohlfühlen, sondern obendrein um Repräsentation.

Farben sind Botschaften, auf sehr subtile Art. Nicht nur bei Kleidung, auch an die Wand gepinselt, geben sie Hinweise auf den Geschmack, die Stimmung, die Ziele eines Menschen. "Häufig vermitteln sie auch einen Eindruck, ob jemand extrovertiert und experimentierfreudig oder eher ruhig und zurückhaltend ist", sagt Anna von Mangoldt.

Nicht immer jedoch lassen sich anhand der Zimmerfarbe Rückschlüsse auf den Charakter ziehen. Manchmal ist es auch dem Wohnungsschnitt, dem Lichteinfall oder der Raumgröße geschuldet, welcher Ton die Wände am Ende dominiert. Eine Beratung vor Ort, ein vorsichtiges Ausprobieren ist für die Farbdesignerin daher unerlässlich, sonst sorge ein Zehn-Liter-Eimer asphaltgrauer, beinahe schwarzer "Mephisto" am Ende noch für Bedauern.

Schwarz bleibt die Ausnahme

Schwarze Wohnzimmerwände indes bleiben die Ausnahme, da sind sich die Experten einig. "Schwarz ist ein Statement für Fortgeschrittene", sagt Venn. "Man betont damit seine Ernsthaftigkeit, seine Wichtigkeit." Er verorte die Wandfarbe Schwarz eher in halboffiziellen Bereichen wie Empfangsräumen, Lounges oder Büros.

Von Mangoldt kennt ebenfalls nur wenige private Kunden, deren Mut zur Farbe auch für schwarze Wände reiche. "Die meisten mögen es etwas heller", sagt die Ostwestfälin. Sie räumt sogar ein: Viele Menschen blieben dann doch bei weißen Wänden – zumindest jene, die als Mieter das Zurückstreichen fürchteten. Am Ende gibt es also nur einen Kompromiss: Die Wandfarbe Grau. Bei von Mangoldt reicht die Palette von "Emma" bis "Downton Abbey". Die Briten würden es mögen.

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