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Promi-Talk Freuen Sie sich auf den roten Teppich?
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20:05 02.02.2018
Mr. Berlinale: Dieter Kosslick, der Mann, der dem wichtigsten deutschen Filmfestival seinen Stempel aufgedrückt hat. Quelle: GETTY IMAGES
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Hannover

Herr Kosslick, legen Sie momentan Extra-Yogaschichten ein, um ihre Berlinale-Balance wiederzufinden?

Zwischendurch war ich tatsächlich mal nicht ganz so ausbalanciert. Schuld daran war eine Petition von Filmschaffenden im November, eigentlich adressiert an Kulturstaatsministern Monika Grütters. Den Unterzeichnern ging es zuerst um Transparenz bei der Nachfolgesuche, wenn ich in zwei Jahren als Berlinale-Direktor aufhöre. In einigen Medien wurde das Schreiben aber als persönliche Attacke gegen mich gedreht. Aber schön, dass Sie fragen: Dank meines täglichen Yogas ist die Balance wieder voll da.

In der Folge war viel vom Bedeutungsverlust der Berlinale unter Ihrer Ägide zu lesen. Haben Sie den Vorwurf schon verdaut?

Natürlich ging mir das auf die Nerven. Aber inzwischen bekomme ich Dutzende von Briefen, in denen sich Unterzeichner von dieser Instrumentalisierung distanzieren. Mit der Petition ist die Berlinale insgesamt beschädigt worden. Filmemacher von Aki Kaurismäki bis Martin Scorsese oder auch Schauspielerin Meryl Streep waren zu Gast – und sind damit auch beleidigt worden. Gerade sind zwei vorjährige Berlinale-Wettbewerbsfilme – “Körper und Seele“ und “Eine fantastische Frau“ – für den Oscar nominiert worden. Bedeutungsverlust?

Hat Steven Spielberg angerufen?

Wieso denn?

Er könnte gesagt haben: Hey, Dieter, mit meinem Film “Die Verlegerin“ komme ich nicht zu deinem Krisenfestival.

Wegen so einer Geschichte ruft ein Spielberg nicht an. Aber sein Drama über die “Pentagon-Papiere“ hätten wir gern gezeigt. Prinzipiell gilt jedoch: Seit die Oscars so früh im Jahr vergeben werden, fallen viele US-Filme für uns aus, weil sie schon vorher in den Kinos sind.

Also eine Berlinale ohne Hollywood?

Ich kann Sie beruhigen: Wir haben Hollywood-Starpower im Angebot, siehe Wes Andersons Eröffnungsfilm “Isle of Dogs“ oder die Filme von Steven Soderbergh und Gus Van Sant. Kurios ist das sowieso: Vor meiner Zeit wurde die Berlinale gern als – Zitat – “Abschussrampe für amerikanische Mainstreamfilme“ kritisiert.

Freuen Sie sich überhaupt noch auf den roten Berlinale-Teppich?

Klar! Meinen roten Schal habe ich schon gebügelt. Rote Schals und rote Fahnen sieht man besser, um den Titel eines 68er-Films von Rolf Schübel zu zitieren.

Die Unterzeichner der Petition haben eine Verschlankung des Festivals angemahnt: Verschlanken Sie schon?

Bislang habe ich keinen einzigen konkreten Vorschlag dazu gehört – bestenfalls den, dass die Reihe “Kulinarisches Kino“ abgeschafft gehört. Das schreiben vermutlich Leute, die da nie eingeladen waren. Vor 18 Jahren bin ich angetreten, um die Berlinale größer und internationaler zu machen, den Filmmarkt auszubauen und die deutschen Regisseure zurückzuholen. Ich wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, das Rad jetzt zurückzudrehen. Fürs “Downsizing“, wie gerade eine witzige US-Komödie von Alexander Payne heißt, sind bitte meine Nachfolger zuständig.

Was macht für Sie eine gelungene Berlinale aus?

Dass sich alle hier willkommen fühlen: Drehbuchautoren genauso wie Verleiher oder die Verkäufer von TV-Serien und vor allem auch Kinobesitzer. Wir bilden das ganze audiovisuelle Geschäft ab. Und in erster Linie machen wir ja die Berlinale fürs Publikum. Wer immer das Festival künftig gestaltet, muss beim Abspecken vorsichtig sein. Wir reden hier von einem echten Erfolgsmodell mit fast einer halben Million Kinobesuchen. Wir haben eine Forsa-Umfrage bei 1000 Ticketkäufern machen lassen: Die allermeisten wollen eher eine größere Berlinale, vor allem mehr Tickets.

Nachtragend sind Sie offenbar nicht: Gleich zwei Wettbewerbsfilme 2018 stammen von Unterzeichnern der Petition.

Ein kleinlicher Berlinale-Direktor hätte vielleicht alle Unterzeichner von der Eröffnung ausgesperrt. Aber mir geht es ums Festival. Christian Petzold hat hier schon früher tolle Filme gezeigt. Und Lars Kraume gehörte zu den Ersten, die sich von dieser unseligen Petition wieder distanziert haben.

Insgesamt laufen vier deutsche Filme allein im Wettbewerb: Steht es so gut ums deutsche Kino?

Vier Filme hatten wir schon ein paarmal, wir stellen nur einen Rekord ein. Der deutsche Film scheint international wettbewerbsfähiger geworden zu sein während meiner Amtszeit: Die Liste der Berlinale-Bären für deutsche Filme ist lang.

Eine andere Debatte ist erst mal in den Hintergrund gedrängt worden: Wird die #MeToo-Bewegung diese Berlinale prägen?

Wir bewegen uns mittendrin! Christine Lüders, die Anti-Diskriminierungs-Beauftragte des Bundes, hat sich schon angekündigt. Und wir selbst organisieren Veranstaltungen zur “Diversity“, also Vielfalt. Da ziehen wir das Thema ein bisschen größer: Es geht nicht nur um Übergriffigkeit gegenüber Frauen, sondern generell um Diskriminierung und Missbrauch.

Hat sich #MeToo auf die Auswahl der Filme ausgewirkt?

Eher unterbewusst. Sagen wir so: Eine Komödie, in der der Chef die Sekretärin bedrängt, hatte keine Chance.

Halten Sie es für möglich, dass bei der Berlinale weitere Missbrauchsfälle bekannt werden?

Wer weiß? Wir zeigen 400 Filme. Da kann sich schon herausstellen, dass der eine oder andere ein schlimmer Finger ist. Zumindest haben wir keinen Film ins Programm genommen, an denen Leute beteiligt waren, die Missbrauch zugegeben haben. Aber es gilt auch der unbequeme Satz: Solange jemand nicht verurteilt ist, gilt er als unschuldig.

Woody Allen wird Missbrauch innerhalb der Familie vorgeworfen: Würden Sie einen Film von ihm zeigen?

Mein ganzes Festivalleben wollte ich einen Woody Allen spielen. Er hat mir nie einen angeboten. Und vielleicht war das gut so.

Sie haben mit vielen Hollywoodgrößen zu tun: Welches war der größte Unsympath?

Ganz klar: Harvey Weinstein. Er wollte Produktionen mit der Ansage ins Programm drücken: Entweder du nimmst den Film, oder du kriegst nie wieder einen von mir. Damals hatte die Weinstein-Company die attraktivsten US-Festivalfilme. Denken Sie an “Brokeback Mountain“ oder “Chicago“. Aber von diesem Moment an wollte ich nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ein Festivaldirektor muss schon einem solchen Druck widerstehen.

Welche Themen brennen Regisseuren derzeit unter den Nägeln?

Flüchtlingsgeschichten ganz unterschiedlicher Art, auch Christian Petzolds geradezu erschreckend aktuelle Verfilmung von Anna Seghers’ Roman “Transit“ gehört dazu. Insgesamt werden die Analysen tiefgründiger: Es wird zum Beispiel gezeigt, wie die EU-Landwirtschaftspolitik dazu beiträgt, dass Menschen aus Afrika flüchten müssen. Die, die den Trip übers Mittelmeer überlebt haben, schuften auf elenden Tomatenplantagen in Italien, die Ernte wird dann zu Dumpingpreisen mit EU-Subventionen nach Afrika verscherbelt, genauso wie deutsche Hühner und Schweine – so können dort keine Agrarstrukturen aufgebaut werden. Die Menschen fliehen vor Armut und Hunger.

Welchen Tipp haben Sie für Ihre Nachfolger parat?

Zum einen: Wer in die Küche geht, sollte die Hitze nicht scheuen, trotz kühler Induktionsherde. Und zum anderen: Es ist gut, immer eine Yogamatte dabeizuhaben.

Sie eröffnen mit Wes Andersons Animationsfilm “Isle of Dogs“: Die Darsteller sind Computerhunde. Wie kriegen Sie Stars aus Fleisch und Blut auf den Teppich?

Na, die Hunde kommen! Also die Schauspieler, die den Tieren ihre Stimme leihen. Dazu gehören Bryan Cranston, Jason Schwartzman, Liev Schreiber, Jeff Goldblum, Bill Murray, Tilda Swinton ...

Zur Person: Dieter Kosslick

Sein Markenzeichen: roter Schal und schwarzer Hut. Sein bevorzugter Aufenthaltsort: der rote Teppich auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Dort hält der Berlinale-Chef jeden Februar zehn Tage lang Hof und begrüßt gut gelaunt Premierengäste, ganz egal, ob es in der Hauptstadt stürmt oder schneit. Dieter Kosslick ist seit dem 1. Mai 2001 für alle “Mr. Berlinale“. Einen mehr oder weniger knackigen Spruch hat der gebürtige Pforzheimer für jeden Festivalgänger parat – und sein Englisch kann nach all den Jahren gar nicht so schlecht sein, wie er immer auf offener Szene tut.

In seinem früheren Leben hat sich der inzwischen 69-Jährige manch anderer Aufgabe gewidmet. In Hamburg arbeitete er als Redenschreiber des Ersten Bürgermeisters Hans-Ulrich Klose, ebenso war er in der Hansestadt als Pressesprecher der Frauen-Gleichstellungsstelle tätig. Auch als “Konkret“-Redakteur verdiente er sein Brot. Später leitete er die Filmstiftung in Nordrhein-Westfalen und machte diese zur bedeutendsten in der Republik. Und dann wechselte er zum wichtigsten deutschen Kinofestival und drückte diesem seinen Stempel auf.

Kosslick holte die Berlinale vom Zoo an den Potsdamer Platz, setzte auf Professionalisierung, Digitalisierung – und auch auf Nachhaltigkeit. Papier- und Plastikberge versuchte er schon zu reduzieren, als dies noch nicht zum guten Ton gehörte.

Der bekennende Yoga-Fan, Vegetarier und Bagel-Experte (Autor von “Das Buch Bagel. Ein Gebäck rollt um die Welt“) erfand die Reihe “Kulinarisches Kino“, in der Spitzenköche das jeweils passende Menü zum Film servieren. Slow Food statt Fast Food für alle lautet sein Motto auch in hektischen Berlinale-Tagen: Vor den Kinos fahren dann Trucks auf. Kinogänger können ihren Appetit mit Allgäuer Biokäse und Spätzle oder aber mit koreanischen und mexikanischen Spezialitäten stillen.

Kosslick hat die Berlinale zum Hauptstadt-Festival mit einer halben Million Zuschauer entwickelt. Er setzt politische Akzente und legte sich vehement für im Iran politisch drangsalierte Filmemacher ins Zeug. Und er findet fast immer eine Lösung: Als beim Eröffnungsfilm “Cold Mountain“ 2004 sämtliche Stars nicht kamen und ihn allein auf dem roten Teppich stehen ließen, blieb er unbeirrt auf seinem Posten. Und als die Rolling Stones 2008 eine geruhsame Nacht in ihrem Hotel verbringen wollten, sorgte er dafür, dass die Stadt Berlin lärmige Bauarbeiten einstellte.

Gleichzeitig blähte Kosslick das Festival mit immer weiteren Sektionen auf. Die Zuschauer stört das nicht: Sie werden auch in ein paar Tagen wieder vor den Ticketschaltern im Schlafsack übernachten, um die Ersten in der Schlange zu sein. Die professionellen Festivalgänger aber blicken nicht mehr recht durch bei all den Special-Aufführungen. Der Wettbewerb, das Herzstück, hat an Glanz verloren.

Momentan hat Kosslick mit einer zeitweise heftig geführten Debatte um seine Person zu kämpfen: 79 deutsche Filmschaffende haben Kulturstaatsministerin Monika Grütters aufgefordert, die Berlinale nach Kosslicks Abgang 2019 “programmatisch zu erneuern und zu entschlacken“. Das Schreiben wurde genüsslich als Attacke auf Kosslick interpretiert.

Zuvörderst sorgen sich die Regisseure mit prominenten Vertretern wie Fatih Akin oder Maren Ade jedoch um die Zukunft der Berlinale. Sie wünschen sich eine “herausragende kuratorische Persönlichkeit, die für das Kino brennt, weltweit bestens vernetzt und in der Lage ist, das Festival auf Augenhöhe mit Cannes und Venedig in die Zukunft zu führen“. Zwei Festivalausgaben brennt Dieter Kosslick erst mal noch für die Berlinale. Am 15. Februar startet die nächste große Show.

Von Stefan Stosch

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