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Haben Sie Angst, in die Türkei zu reisen?

Interview mit Shermin Langhoff Haben Sie Angst, in die Türkei zu reisen?

Sie würde Deniz Yücel gerne als Schauspieler engagieren: Shermin Langhoff, Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin, sprach mit Nina May über das Referendum in der Türkei, Exilkultur in Berlin und Erdogans absurdes Theater.

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Gastarbeitertochter, Aktivistin, Intendantin: Mit “postmigrantischem Theater“ wurde Shermin Langhoff zu einer der gefeiertsten Theatermacherinnen Deutschlands.

Quelle: dpa

Berlin.  

Frau Langhoff, Sie haben einen Künstleraufruf für Freiheit in der Türkei initiiert. Trauen Sie sich noch in das Land, in dem Sie geboren wurden?

Die Einreise für Kritiker ist zunehmend mit einem Risiko verbunden, und wie wir bei Deniz Yücel sehen – es werden nun auch Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft verhaftet. Ich bin aber hoffnungsvoll: Anscheinend gibt es in der Türkei 40 Millionen Menschen, die an diesem Wochenende beim Referendum gegen die Verfassungsänderung stimmen werden.

Was halten Sie davon, dass türkische Bundestagsabgeordnete Deutsch-Türken zur Wahl gegen das Referendum aufrufen?

Ich finde daran bemerkenswert, dass es in Deutschland viele Menschen gibt, die seit 60 Jahren hier leben und noch immer nicht das deutsche Wahlrecht haben. Das ist ein Beweis für nicht stattgefundene Einwanderungspolitik. Ich hielte es für sinnvoller, über die Zukunft des Landes abzustimmen, in dem man lebt, wenigstens auf kommunaler Ebene. Dafür kämpfe ich seit Jahren.

Wenn Erdogan das Referendum verliert, ist seine Macht dann gebrochen?

So einfach ist das nicht. Als er bei den Wahlen im Sommer 2015 nicht die angestrebte absolute Mehrheit bekam, hat ihn das auch nicht gebremst. Aber ein „Nein“ zur Verfassungsänderung würde die Chance auf Versöhnung der durch ihn gespaltenen türkischen Gesellschaft bieten. Es wäre dann nicht eitel Sonnenschein, aber es gäbe immerhin die Hoffnung auf eine Alternative zur Alleinherrschaft Erdogans.

Als Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters engagierten Sie den Exiljournalisten Can Dündar als Theaterkolumnisten. Verschwimmen in der Krise die Funktionen von Journalismus und Theater?

Nein. Beide haben eine Gemeinsamkeit: die Kritik von Machtinstanzen. Can Dündar hat zudem eine künstlerische Begabung und ästhetische Praxis, nicht nur als Moderator von Talkshows, sondern auch mit Theatererfahrung in seiner Jugend. Am 23. April steht er für „23 1/2“ auf der Bühne und erzählt von seinem Freund Hrant Dink, dem armenischen Journalisten. Am selben Abend gedenken wir mit einer Performance von Arsinée Khanjian des Völkermords an den Armeniern 1915.

Wenn der in der Türkei inhaftierte Journalist Deniz Yücel freikäme, würden Sie ihn gern engagieren?

Wir freuen uns alle, wenn Deniz Yücel wieder schreiben kann. Aber tatsächlich ist Deniz ein guter Performer, mit Kollegen wie Mely Kiyak ist er wiederholt mit dem Programm „Hate Poetry“ aufgetreten. Wenn er mal wieder performen möchte, ist er am Gorki immer willkommen.

Melden sich bei Ihnen viele Kollegen, die angesichts der Entwicklungen ins Exil nach Berlin gegangen sind?

Ja, es kommen Anfragen von Kollegen, die es sich leisten konnten, ins Exil zu gehen. Das sind die wenigsten. Es werden neben Wissenschaftlern und Journalisten auch immer mehr Theatermacher daran gehindert, in der Türkei ihre Arbeit auszuüben. Wir bekommen mit, wie sich ihr Bewegungsradius immer mehr verkleinert – durch Theaterschließungen, Streichung von Förderungen, aber auch durch Selbstzensur. An den staatlichen Theatern wird eine neue nationale Direktive vorgegeben.

Sie haben am Gorki ein Exilensemble mit Schauspielern aus Syrien, Afghanistan und Palästina etabliert. Entsteht hier eine neue Exilkunst?

Mit dem Exilensemble stehen wir durchaus in einer Berliner Tradition: Peter Stein etablierte Anfang der Siebzigerjahre ein türkisches Ensemble an der Berliner Schaubühne. Nach dem Militärputsch 1971 mussten damals viele Literaten und Theatermacher ins Exil gehen. Daran knüpfen wir an.

Im Januar sprachen Sie von einem ähnlichen Projekt für darstellende Künstler aus der Türkei. Gibt es Neuigkeiten?

Das ist ein gänzlich anderes Projekt, bei dem wir uns mit dem Deutschen Bühnenverein und sehr vielen Theatern im deutschsprachigen Raum und anderen gerade vernetzen, um Programme zu entwickeln, die Kollegen ganz konkret helfen. Wir hoffen dabei, dass weiterhin kritisches Theater in der Türkei möglich ist.

Erdogans Egotrip kommt einem vor wie absurdes Theater. Wie kann man darauf theatral reagieren?

Es gibt absurde Szenen, das zeigt sich etwa bei Erdogans Inszenierung der Palasteröffnung, in der eine Garde mit Kostümen aus der Geschichte des Osmanischen Reiches Spalier stand. Realität ist aber ein viel größeres Drama. Man kann im Theater die Untiefen patriarchalischer Strukturen thematisieren, wie wir es in der Gorki-Inszenierung „Love it or leave it“ tun. Wir gehen translokal an diese Themen heran, denn vom Mann bestimmte Familienstrukturen gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch in erzkonservativen Kreisen hier bei uns. Phänomene von Machtkampf und -missbrauch wiederum machen den halben Kanon des Theaters aus. Aber manchmal kann man tatsächlich nicht theatraler sein als die Wirklichkeit.

In „Love it or leave it!“ thematisieren Sie die Zerrissenheit der Türken, in „Der Aufstand“ blickte 2014 ein kurdischer Künstler aus dem fernen Berlin auf die Proteste im Gezi-Park. Wie nimmt das deutsche Publikum diese Themen auf der Bühne wahr?

Es besteht ein großes Interesse an einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit den Themen in der Welt und mit politischem Theater. Bald haben wir zum Beispiel einen großen Polenfokus, in dem Nachbarland ist die Freiheit ebenfalls in Gefahr.

Sie sind 2013 als Intendantin angetreten mit dem programmatischen Anspruch, postmigrantisches Theater zu machen. Was ist daraus geworden?

Die postmigrantische Gesellschaft ist Realität. Der Begriff selbst hat längst Einzug in die Wissenschaft gehalten und kontextualisiert sich weiter. Es geht um unser Zusammenleben in einer heterogenen Gesellschaft. Wir arbeiten an den Narrationen und Utopien dazu.

Feridun Zaimoglu, der 2001 an den Anfängen Ihres Volksbühnen-Spektakels „Kanak Attack“ beteiligt war, kommentiert inzwischen Vorgänge in der Türkei nicht gern und möchte nicht als Zitattürke herhalten. Hadern Sie manchmal damit, dass Sie vor allem als Migrantin des Theaters wahrgenommen werden?

Ja, das ärgert mich und viele weitere Kollegen, dass wir in fast schon aggressiver Weise wieder zu „den Türken“ gemacht werden und das keinem von uns gerecht wird. Genau gegen diese Kategorisierungen machen wir postmigrantisches Theater, was nichts anderes ist als zeitgenössisches deutsches Theater.

Als Jugendliche waren Sie politische Aktivistin. Wie kam es dazu?

Als 14-Jährige habe ich bereits in Nürnberg an Friedensmärschen und Anti-AKW-Demonstrationen teilgenommen, Schulen besetzt und Solidaritätsveranstaltungen für Nelson Mandela organisiert. Aber ich habe früh die Erfahrung gemacht, dass man mit Ideologien keine Utopien schafft.

Sie sind eine der wenigen Intendantinnen der Republik und haben jüngst das Bundesverdienstkreuz verliehen bekommen – und zwar anlässlich des Weltfrauentags. Stört Sie dieser Zusammenhang?

Nein, im Gegenteil. Die Vergabe des Bundesverdienstkreuzes ist ohnehin Ausdruck von Symbolpolitik, und angesichts einer Unterrepräsentation von Frauen in den Führungsetagen von Dax-Konzernen wie Kulturhäusern ist eine Förderung nur zu begrüßen. Anscheinend gibt es Probleme, die 30 Prozent Frauenquote an Auszeichnungen überhaupt einzuhalten, was ja auch sehr vielsagend ist. Deshalb habe ich mir vorgenommen, jetzt alle tollen Frauen vorzuschlagen, die ich kenne und die sich ehrenamtlich engagieren. Und ich kann dazu nur jeden ermuntern. Jeder Bundesbürger darf da Vorschläge machen.

Zur Person: Shermin Langhoff

Eine Burkaträgerin, die ein Gewehr in der Hand hält. Aus dem Lauf ragt ein Strauß Blumen hervor. Ein Poster mit diesem Motiv zierte zum Einstand das Büro der Theaterintendantin Shermin Langhoff. Es war ein programmatisches Bild, ein Symbol für den Neuanfang am Maxim Gorki Theater, der knappe vier Jahre zurückliegt: Als Nachfolgerin von Armin Petras hat die ehemalige Leiterin der Berliner Off-Theaterbühne Ballhaus Naunynstraße mit Ko-Intendant Jens Hillje aus dem kleinsten Stadttheater Berlins ein multikulturelles und kosmopolitisches Theaterhaus gemacht.

Die erste türkischstämmige Intendantin Deutschlands wandelte das Profil des Gorki komplett, mit ihrem “postmigrantischen Theater“ wurde sie zweimal zum Theater des Jahres gekürt, 2016 bekamen Langhoff und Hillje zudem den Theaterpreis der Stadt Berlin. Der türkischstämmige Hausregisseur Nurkan Erpulat verhandelte in Tschechows „Kirschgarten“ Fragen von Heimat und Identität vor dem Hintergrund der Gastarbeiter in Deutschland. Auch das Ensemble ist geprägt von Menschen, die Wurzeln jenseits von Deutschland haben.

Im März wurde Langhoff mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie ist “eine wichtige Stimme zu Fragen der Integration“, heißt es in der Begründung. Die Intendantin, deren Mann Lukas Langhoff aus einer Theaterdynastie stammt, kam 1969 als Shermin Özel im türkischen Bursa zur Welt. Sie wuchs in einem kleinen Ort am Meer auf. Der Vater spielte ihn ihrer Kindheit keine Rolle, die Mutter machte als eine der ersten Frauen dort Abitur und schlug eine Beamtenlaufbahn ein. Dann entschloss sie sich, nach Deutschland zu gehen. In Nürnberg arbeitete sie zuerst bei AEG und Grundig am Fließband und machte sich später als Schneiderin selbstständig.

Bevor Shermin ihr im Alter von neun Jahren folgte, lebte sie bei ihren Großeltern: Die Großmutter war eine Umsiedlerin aus Griechenland, ihr Großvater Bauarbeiter. In Nürnberg wurde sie als Jugendliche später von einer Tante, überzeugte Marxistin, in die linke türkische Exilszene der Stadt eingeführt. Hier wurde Langhoff mit den Schriften von Marx, Engels, Lenin, Brecht und Neruda bekannt. Nach eigener Aussage blieb sie bis zum 18. Lebensjahr politische Aktivistin. Ebenfalls in Nürnberg gründete Langhoff das deutsch-türkische Filmfestival.

Nach einer Lehre als Verlagskauffrau machte Langhoff ein Volontariat in der NDR-Filmproduktion. Mit dem Filmregisseur Fatih Akin arbeitete sie unter anderem bei „Gegen die Wand“ zusammen. Nach programmatischen Abenden mit Titeln wie “Kanak Attak“ und der Gastarbeiter-Revue “Opel Pitbull Autoput“ (2001) an der Volksbühne holte Matthias Lilienthal sie an das Hebbel am Ufer, wo sie Festivals wie “Beyond Belonging“ kuratierte. Das Ballhaus Naunynstraße machte sie 2011 zum Off-Theater des Jahres. Im Gespräch ist die Frau mit der langen schwarzen Mähne und der angenehm melodischen Stimme freundlich, aber bestimmt. Sie will sich nicht in eine Ecke drängen lassen.

Langhoff ist eine der wenigen Intendantinnen an überregional bedeutenden Bühnen. Sie engagierte den Exiljournalisten Can Dündar als Theaterkolumnisten und installierte am Gorki ein Exilensemble unter anderem für syrische Schauspieler. Ende 2016 schrieb sie einen offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, in dem sie mehr Mut bei der Kritik an den Entwicklungen in der Türkei anmahnt. Dem Aufruf folgten Regisseure wie Fatih Akin, Schauspielerinnen wie Katja Riemann oder Sibel Kekilli sowie Schriftsteller wie Navid Kermani oder Sibylle Berg. Ein bisschen Aktivistin steckt offenbar noch in ihr.

Von Nina May

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