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Promi-Talk Hat "Dr. Sommer" Ihr Leben verändert?
Sonntag Promi-Talk Hat "Dr. Sommer" Ihr Leben verändert?
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20:01 16.09.2016
Von der Jugendberaterin zur Yogalehrerin: Margit Tetz war über Jahre das Gesicht des "Dr. Sommer"-Teams der "Bravo" und wird bis heute auf der Straße erkannt. Quelle: privat

Sie haben als Ressortleiterin des Dr. Sommer-Teams bei der Jugendzeitschrift "Bravo" 17 Jahre lang Fragen rund um die Pubertät beantwortet. Brauchen die Jugendlichen von heute, wo sie im Internet alles über Sex erfahren können, überhaupt noch einen Dr. Sommer?
Was sie auf jeden Fall brauchen, ist ein Gegenüber, mit dem sie vertrauensvoll sprechen können, das sie ernst nimmt und entlastet und im Notfall auch über längere Zeiten begleitet. Wir hatten bei der "Bravo" zwei Telefonsprechstunden am Tag und haben jeden Brief mit Absender auch beantwortet. Ich glaube nicht, dass eine Information im Internet diese persönliche Auseinandersetzung ersetzen kann. In Internetforen werden zu einer Frage oft ganz widersprüchliche Antworten geliefert. Das ist sehr irritierend, nicht nur für Jugendliche.

Was war die häufigste Frage, die Ihnen während Ihrer "Bravo"-Zeit von 1986 bis 2002 gestellt wurde?
Es gab viele häufigste Fragen: "Wie klappt das mit dem ersten Mal?" "Zungenkuss – wie geht das eigentlich?" Oft wurde die Angst thematisiert, etwas falsch zu machen. Frühzeitiger Samenerguss war bei Jungen ganz häufig die Frage, oder Angst vor Sexualität überhaupt. Probleme mit dem Selbstwertgefühl, Essstörungen und Probleme mit den Eltern waren weitere Themen.

Waren Sie auch mal ratlos?
Es war nicht so, dass wir die Weisheit mit Löffeln gegessen hätten, und die Jugendlichen waren ratlos. Es war eher ein Austausch, ein gemeinsames Herausfinden, oder eine Bestätigung ihrer eigenen Ideen von einer Problemlösung.

Die in der "Bravo" abgedruckten Leserfragen wirkten mitunter recht naiv ...
... selbstverständlich waren die Anfragen zum Teil naiv, und warum sollten sie das auch nicht sein? Jugendliche dürfen mit ihren Fragen natürlich naiv sein! Da könnte ich in Rage geraten. Wenn ein Mädchen zum Beispiel fragt: "Ich sitze in der Badewanne, und mein Freund bekommt einen Samenerguss. Kann ich davon schwanger werden?" Da kann man sagen: "Mann, ist die blöd!" Aber ich habe Talkshows erlebt, da kamen Erwachsene ins Stottern, weil sie die Frage selbst nicht verlässlich beantworten konnten. Ich habe Respekt vor denjenigen, die so mutig sind, diese Frage zu stellen.

Ich wollte noch auf etwas anderes hinaus. Mal ehrlich: Hat sich die Redaktion manchmal Fragen ausgedacht?
Ich habe in meinen 17 Jahren bei der "Bravo" keinen einzigen Brief veröffentlicht, der nicht von einem Jugendlichen kam. Bei anderen Jugendzeitschriften – ich will jetzt keine Namen nennen – war es durchaus gang und gäbe, die Briefe selbst zu schreiben, weil sie dann erwachsener und glaubhafter klangen. Wir haben jedoch auch offensichtliche Fake-Briefe bekommen. Ich erinnere mich an ein Mädchen, das schrieb: "Mein Radiergummi hat sich wahnsinnig in mein Lineal verliebt." Das war eine längere, wirklich kreative Geschichte, über die wir uns alle sehr amüsiert haben. Und das haben wir ihr geschrieben. Es kursieren aber auch angebliche Beiträge, die niemals in der "Bravo" standen. Ein Beispiel: "Ich habe mit meinem Freund getanzt, und da war ein flaschenähnlicher Gegenstand. Ist mein Freund Alkoholiker?" Tatsächlich war das ein Witz im "Playboy", aber es wird bis heute uns zugeschrieben. Solche Geschichten erzählt man gern. Auch weil man sich so davon distanzieren kann, dass einem manche Fragen eigentlich nahegehen.  

Hat Dr. Sommer Ihr Leben verändert?
Ja. Ich hatte immer die Ansicht, dass die Welt eigentlich gut ist. Nach 17 Jahren "Bravo" denke ich das nicht mehr, denn ich habe miterlebt, welche schrecklichen Dinge Erwachsene Jugendlichen antun können, in seelischer, körperlicher und sexueller Hinsicht. Ich besuchte die ganze Zeit eine therapeutische Fallberatung, um das überhaupt bewältigen zu können. Ich habe so oft erlebt, wie Mädchen über Jahre in der Familie sexuelle Gewalt angetan wurde. Wir haben das sehr oft auf unserer Seite zur Sprache gebracht. Die "Bravo" war die erste Jugendzeitschrift, die das Thema überhaupt aufgegriffen hat.

Wie hat sich der Umgang von Jugendlichen mit ihrer Sexualität während Ihrer Jahre bei der "Bravo" und danach verändert?
Fangen wir mal mit dem an, was sich nicht geändert hat und was heute immer noch genauso ist: die Angst, nicht dazuzugehören, irgendwie anders zu sein oder sich beim Flirten oder beim Sex zu blamieren. Es gibt aber die Tendenz, dass sich viele Jugendliche nicht mehr vorschreiben lassen, was sie schon an Erfahrungen haben müssten. Ende der Achtzigerjahre kamen ganz häufig die Fragen: "Lebe ich hinter dem Mond, weil ich mit 14 noch keinen Freund habe oder mit 16 noch Jungfrau bin?" Das ist bei den Jugendlichen von heute nicht mehr so. Sie überlegen sich in der Regel, ob sie mit jemandem schlafen wollen oder nicht. Sexualität ist für sie zwar wichtig, aber sie hat nicht höchste Priorität neben anderen Bereichen wie Freundschaft.

"Jugendliche sind heute viel selbstbestimmter": Die erste "Dr. Sommer"-Rubrik erschien im Jahr 1969. Quelle: Bauer Media Group / dpa

Laut einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rasieren sich heutzutage 94 Prozent der weiblichen und 81 Prozent der männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 19 den Intimbereich. War das zu Ihren "Bravo"-Zeiten überhaupt schon ein Thema?
Ende der Neunzigerjahre ist dieser Trend allmählich aus den USA rübergeschwappt. Wir haben gesagt: "Wenn du dich ohne wohlfühlst, dann ist das doch okay." Heute laufen immer mehr Männer mit Vollbart rum – quasi eine entgegengesetzte Mode.

Es ist oft von einer "neuen Prüderie" die Rede. Wie kommentieren Sie das?
Davon wurde schon in den Achtzigerjahren geredet. Wenn überhaupt etwas dran ist, würde ich das einfach mal positiv sehen. Jugendliche sind so selbstbestimmt, dass sie sich nicht von außen unter Druck setzen lassen, sondern bewusst die Entscheidung für oder gegen Sex treffen.

Welche Auswirkung hat die Allgegenwärtigkeit von Pornografie, etwa auf Plattformen wie Youporn, auf die Entwicklung der Jugendlichen?
Sie werden mit einer Sexualität von Erwachsenen konfrontiert, die mit ihrer eigenen wenig bis nichts zu tun hat. Wenn ich denke, dass Sex so aussieht wie im Porno, dann bin ich natürlich extrem überfordert. Dann muss ich es stundenlang bringen, mein Gegenüber muss multiple Orgasmen haben und 60 Minuten dauerschreien. Wenn ein Junge ständig mit solchen Bildern konfrontiert wird, kein Korrektiv darin erfährt, dann kriegt er natürlich ein Problem, wenn er nach einer Minute explodiert. Und Frauen wird das Signal gesendet, sie müssten ständig bereit sein und der Junge sei ausschließlich für ihre Lust zuständig. Das ist absoluter Quatsch.

Wer sollte heutzutage die Aufklärung übernehmen? Die Eltern, Lehrer oder das Selbststudium im Internet?
Eltern sind oft nicht in der Lage, solche Dinge mit ihren Kindern zu besprechen, auch wenn das Verhältnis noch so gut ist. Die allerwenigsten gehen zu ihren Eltern und sagen: "Ich habe so Schmerzen beim Sex, wie ist das bei dir?" Es wird zwar immer gesagt, dass Eltern an erster Stelle stehen, was Aufklärung angeht, aber wenn man dann nachfragt, beschränkt sich das oft auf die Frage: "Verhütest du eigentlich?" Laut einer Studie fällt es Eltern relativ leicht, mit ihren Kindern über Schwangerschaft zu sprechen, Geburt geht noch, dann wird es immer schwieriger bei Verhütung, Geschlechtsverkehr, Tabu ist Selbstbefriedigung. Im Sexualkundeunterricht, der oft auch noch benotet wird, können diese Fragen schon gar nicht gestellt werden. Stellen Sie sich mal vor, da sagt einer: "Ich bin immer so geil, kaum bin ich drin, komme ich auch schon." Was dann in der Klasse los wäre! Aber das ist genau das Thema, das viele interessiert. Ich habe heute in meiner Praxis noch mit vielen erwachsenen Männern zu tun, die sagen, das war damals für sie in der Pubertät ein großes Problem, und sie konnten mit niemandem drüber reden. Ich finde es falsch zu sagen: "So, jetzt sind sie 13, jetzt fangen wir mal an." Schon ab der ersten Klasse sollte es sensuelle Begleitung geben: zum Beispiel Atemwahrnehmung, Kontakt zum eigenen Körper aufnehmen. Ich meine jetzt natürlich nicht Selbstbefriedigung. Aber: Wie fühlt sich meine Haut am Nacken an, wenn ich sie berühre? Generell sich mit Achtsamkeit langsam an das Thema Sinne heranzutasten wäre ideal, wird aber leider viel zu sehr vernachlässigt.

Gibt es da eine Parallele zu den Yoga-Kursen, die Sie heute geben?
Ja, absolut. Es geht jeweils darum, bewusst mit sich und seinem Körper umzugehen. Das führt auch zu mehr Präsenz: Die meisten Menschen gehen eher benebelt durchs Leben und sind nicht wirklich bei sich.

Sie waren auch bei "Bravo-TV" als Gesicht des Dr. Sommer-Teams und später als "Die Jugendberaterin" bei Pro7 zu sehen. Werden Sie noch auf der Straße erkannt?
Ja, sehr häufig, und das wundert mich immer. Oft sagt jemand dann: "Ah, das Dr. Sommer-Team." Das finde ich nett. Eine Kassiererin im Supermarkt meinte neulich: "Diese Stimme kenne ich doch!"

Haben Sie selbst Kinder?
Nein, sonst hätte ich diese Arbeit nicht machen können. Das war einfach mein Baby. Aber ich habe viele "Bravo"-Kinder quasi mit dem Herzen adoptiert und noch immer Kontakt zu ihnen.

Zur Person

Wer heute zwischen 30 und 45 Jahre ist, wird durch diese warme Stimme mit dem leicht bayerischen Einschlag schlagartig in die Jugend zurückversetzt. Von 1993 bis 2002 war sie bei "Bravo TV" das Gesicht des Dr. Sommer Teams, das sie seit 1986 leitete. Die "Bravo", die gerade ihren 60. Geburtstag feierte und mit Auflagenrückgang zu kämpfen hat, war damals ein Standardrequisit auf deutschen Schulhöfen, bis zum Ende der DDR wurden einzelne Artikel auf ostdeutschen Schwarzmärkten für teures Geld gehandelt.

Die Fragen an Dr. Sommer bilden bis heute die bekannteste Rubrik. Der Name ist das Pseudonym des Psychotherapeuten Martin Goldstein, der von 1969 bis 1984 die Fragen der Jugendlichen rund um Pubertät beantwortete. Die sieben wöchentlich in der "Bravo" abgedruckten Fragen und Antworten zu Sexualität sowie Problemen mit den Eltern oder dem eigenen Aussehen wurden von Generationen neugieriger Schüler in der Pause verschlungen. Zusammen mit der Fotolovestory und später den ungeschönten Aktporträts von Jugendlichen mit dem Selbstauslöser vermittelten sie ein Bild von der Pubertät, das die ganze Nation prägte.

Margit Tetz, die auch Autorin des Buches "Bravo-Ratgeber: Liebe, Sex und Zärtlichkeit" ist, sagt: "Wir haben pro Tag 250 Briefe und E-Mails bekommen und nur sieben pro Woche veröffentlicht. Wir hatten so viel Material! Wir haben nur etwas gekürzt und den Namen verändert, mehr nicht."

Margit Tetz im Jahr 2000 mit "Bravo"-Chefredakteur Uli Weissbrod in der für "Bravo TV" typischen Sofaecke für tiefe Gespräche. Quelle: Imago

Die Briefe in der "Bravo" seien aber nur ein winziger Teil ihrer Arbeit gewesen. Das meiste fand hinter den Kulissen statt: die Beantwortung der Briefe, die zwei täglichen Telefonsprechstunden. Oft ging der Kontakt über einen einzelnen Brief oder Anruf hinaus. Tetz und ihr Team holten Jugendliche aus ihren Familien heraus, brachten Mädchen in Frauenhäuser und begleiteten Jugendliche zu Beratungsstunden. Zu vielen hat die Frau mit den langen brünetten Haaren bis heute Kontakt.

Die 1953 geborene Tetz studierte Sozialpädagogik und absolvierte unter anderem eine Ausbildung zur Sozialtherapeutin. Nach dem Ende von "Bravo TV" verließ Tetz die "Bravo"-Redaktion und wechselte zu dem Sender Pro7. Dort moderierte sie ein Jahr lang eine eigene Sendung, die Pseudo-Doku "Die Jugendberaterin".

2004 eröffnete Tetz eine eigene Praxis für psychologische Beratung, Coaching und Moderation in München. Außerdem gibt sie Yoga-Kurse und -Workshops. Die Förderung des Bewusstseins für den eigenen Körper verbindet ihre heutige Tätigkeit mit der "Bravo"-Zeit. Zwar wird sie noch immer oft auf der Straße erkannt, doch ihre Klienten in der Praxis kommen nicht zu Dr. Sommer, ihre Vorgeschichte ist in den Gesprächen kein Thema. Im Interview fällt die besondere Art ihrer Gesprächsführung auf: bestimmt, selbstbewusst, aber auch auf das Gegenüber eingehend und Reaktionen hervorkitzelnd. Dies ist genau die Art von Empathie, die Tetz bei "Bravo TV" eine große Popularität einbrachte.

Von Nina May

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