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Promi-Talk Hat der Terror Sie verändert?
Sonntag Promi-Talk Hat der Terror Sie verändert?
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21:54 20.11.2015
Zeruya Shalev: Die renommierteste Autorin Israels spricht über ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Terror und ihr neues Buch "Schmerz". Quelle: Heike Steinweg
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In Ihrem Roman "Schmerz" behandeln Sie den Nahostkonflikt sehr viel direkter als in Ihren früheren Werken. Weshalb?
Jedes Buch hat seinen eigenen Charakter, seine eigenen Forderungen und Bedürfnisse. Als ich anfing, diesen Roman zu schreiben, wurde mir sehr schnell klar, dass die israelische Realität hier eine sehr viel größere Rolle spielen muss. Denn Iris, meine Protagonistin, ist Opfer eines Terroranschlags geworden. Sie hat überlebt, doch die Folgen beeinflussen ihr Leben und das ihrer Familie noch Jahre später. Aber ich behandele das Thema auf meine eigene Weise. Ich schreibe nicht über Politik, sondern darüber, welche Auswirkungen der Anschlag auf diese eine Familie hat. Das ist meine Art, die Dinge zu betrachten. In einem Land wie Israel sind politische und private, sogar intime Dinge eng miteinander verknüpft. Mich interessiert, wie die äußere Gesellschaftsrealität die Persönlichkeit eines Menschen verändert. Die Seele. Ich habe am eigenen Leib erfahren, auf wie vielen Ebenen solch ein Anschlag sich auswirkt. Ein traumatisches Ereignis wie dieses kann eine Familie enger zusammenschweißen, die Mitglieder aber auch voneinander entfremden.

Sie selbst haben im Jahr 2004 ein Selbstmordattentat in Ihrem Wohnort Jerusalem nur knapp überlebt. Stand für Sie schnell fest, dass Sie darüber schreiben wollen?
Nein, im Gegenteil. Ich habe mir damals selbst das Versprechen gegeben, nicht darüber zu schreiben. Niemals. Aber ich konnte nicht widerstehen, es überkam mich beim Schreiben einfach. Ich kam nicht gegen diesen Sog an.

Hat es wehgetan, an diese Erinnerung zu rühren?
Nein. Ich habe zehn Jahre gewartet. So war genug Zeit, damit mein eigener Schmerz verfliegen konnte, und es die Geschichte von Iris wurde. Anderseits identifiziere ich mich mit jeder Szene, die ich schreibe. Ich versuche sie so präzise wie möglich zu gestalten, indem ich sie sozusagen selbst durchlebe. Also musste ich auch diesen Schmerz an mich heranlassen. Aber es fühlte sich wie ihr Schmerz an, nicht meiner.

Was geht Ihnen angesichts der Bilder vom Pariser Blutbad durch den Kopf?
Sie geben mir das Gefühl, dass Sicherheit nur eine Illusion ist. Selbst hier in Europa, wo der Terror bislang nicht zum Alltag gehörte, kann man jederzeit zum Opfer werden. Es macht mich sehr traurig, darüber nachzudenken, weshalb diese jungen Männer es vorzogen, sich selbst und andere umzubringen, statt ein glückliches Leben mit ihren Familien zu führen. Sie werden angetrieben von extremen Fanatikern und glauben, dass sie im Namen Gottes töten. Das ist krank. Frankreich muss einen Weg finden, um sich vor diesen grausamen und verrückten Terroristen zu schützen, ohne die moderaten muslimischen Bürger zu verletzen.

Zurück zu Ihren eigenen Erfahrungen. Haben Sie wie Ihre Protagonistin noch physische Beschwerden in Folge der Verletzungen?
Ja, ein Knie schmerzt immer noch. Ich kann nicht lange stehen oder weite Strecken gehen. Ich kann auch nicht rennen. Es beschränkt mich. Aber nicht so sehr wie Iris. In der Literatur muss man Dinge manchmal extremer ausschmücken.

Nach dem Attentat haben Sie sechs Monate kein Wort geschrieben. Weshalb?
Am Anfang dachte ich, nie wieder schreiben zu können. Das fühlte sich alles so bedeutungslos an, nachdem ich die toten Körper um mich herum habe liegen sehen. Ich hatte große Angst, dass ich das Schreiben verlieren würde. Dann hätte ich nicht gewusst, was ich mit meinem Leben hätte anfangen sollen. Ich wollte es nicht forcieren, oder das Schreiben als Therapie missbrauchen. Also wartete ich eine Weile, bis ich mich mental und körperlich ein bisschen besser fühlte.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie das erste Mal wieder schreiben konnten oder wollten?
Ja, sehr genau. Ich stand eines Tages von meinem Bett auf, schaltete den Computer an. Und dann habe ich einfach den Satz vervollständigt, den ich sechs Monate zuvor begonnen hatte. Als wenn nichts geschehen wäre. Dazu in der Lage zu sein, fühlt sich für mich wie eine große Leistung an.

Würden Sie sagen, dass "Schmerz" Ihr persönlichster Roman ist?
Ich bin mir nicht sicher. Er ist persönlich und dann auch wieder nicht. Ich wurde zwar von meinen eigenen Erfahrungen beeinflusst, aber ich habe etwas ganz anderes draus gemacht. Iris Charakter ist von meinem weit entfernt. Sie funktioniert sehr gut, sie ist ein Organisationstalent, was ihr als Schuldirektorin zugute kommt. Sie hat sich immer unter Kontrolle. Ich bin nicht so selbstdiszipliniert.

Sie leben wie Iris in Jerusalem. Wie prägt die Angst vor Anschlägen den Alltag in dieser Stadt?
Sehr, es vergeht kaum ein Tag ohne Tote. Es ist ein Albtraum. Wir leben in der dritten Intifada. Ich habe dieses Gefühl, dass jedermann ein Attentäter sein könnte, wohin ich auch gehe. Ich verlasse das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray. Während ich auf der Straße laufe, halte ich das Spray in der Hand, mit dem Finger auf dem Sprühknopf. Ich sehe jemanden an, der auf mich zukommt und denke: "Der könnte mich erstechen." Seit einigen Monaten wird jeden Tag jemand ermordet, es ist schrecklich. Und dann komme ich hier nach Deutschland, und ich fühle mich so sicher. Ich kann mich frei bewegen, ohne Angst zu haben, dass jemand ein Messer zückt. Das fühlt sich unwirklich an.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, Ihr Heimatland zu verlassen?
Nicht wirklich. Natürlich ist es verlockend, an einen sichereren Ort zu ziehen. Selbst in Israel gibt es weniger gefährliche Orte. Aber ich habe das Gefühl, es ist meine Pflicht zu bleiben und nicht fortzulaufen. Wenn jeder ginge, dann würde alles nur noch viel schlimmer. Ich versuche vor Ort etwas auszurichten. Im Sommer war ich sehr aktiv in der Friedensbewegung, ich war sogar vorsichtig optimistisch, dass sich die Lage endlich bessert und Israelis und Palästinenser sich annähern. Doch jetzt habe ich alle Hoffnung verloren.

Iris denkt viel über ihren Sohn Omer nach, der kurz davor steht, seinen Militärdienst leisten zu müssen. Ihr ältester Sohn tut dies gerade ...
Zum Glück ist er an einem Ort eingesetzt, wo er nicht kämpfen muss. Aber es ist dennoch gefährlich, ein Soldat in Israel zu sein. Ich denke die ganze Zeit an ihn, vor allem hier in Deutschland. Ich checke ständig meine Mails, rufe immer wieder die Familie an.

Sie haben Israel einmal als Ihren Schatten bezeichnet ...
Ja, das ist wahr. Er verfolgt mich, wohin ich auch gehe. Autoren spüren diesen Schatten vermutlich besonders, weil sie immer wieder nach ihrem Land gefragt werden. Aber ich habe mich an diesen stillen Begleiter in meinem Rücken gewöhnt. Ich warte auf den Tag, wenn Israel ein glückliches und friedliches Land sein wird. Dann werde ich den Schatten nicht mehr spüren.

In Ihrem Roman geht Iris zu einem Schmerztherapeuten. Das ist ausgerechnet der Mann, der ihre erste große Liebe war und ihr in ihrer Jugend das Herz brach. Ein sehr symbolischer Akt: Sie wendet sich zur Linderung an den Mann, der ihr einst so viel Schmerz bereitete.  Sieht so das Paradox der Liebe aus?
Ja, das Paradox der Liebe und des Lebens. Der körperliche Schmerz, den sie bei seinem Anblick empfindet, spricht Bände. Sie fühlt sich in den Moment des Selbstmordanschlags zurückversetzt, als sie den Mann sieht, der sie damals so hat leiden lassen. So verknüpft sich ihr persönlicher Lebensschmerz mit dem Leid der Terroropfer. "Passion" kommt ja nicht von ungefähr von Leiden. Das Leben ist voll von solchen Paradoxien. Und der Hoffnung, die übermächtige Vergangenheit hinter sich lassen zu können.

Obwohl Iris geradezu besessen zu sein scheint von der Vergangenheit ...
Ja. Mein Roman ist von Menschen inspiriert, die an einem bestimmten Punkt in ihrem Leben mehr an die Vergangenheit als an die Zukunft denken. Sie suchen alte Bekannte bei Facebook und sind geradezu besessen davon, Menschen aus ihrer Vergangenheit wiederzutreffen.

Gehören Sie selbst dazu?
Ich hoffe, noch nicht. Aber ich kenne sehr viele Menschen um mich herum, die sich so verhalten.

Sie haben gesagt, dass Sie bei der Beschreibung dieser verzweifelten und rückwärtsgewandten Liebe Ihre Mutter vor Augen hatten. Inwiefern?
Meine Mutter hat immer sehr intime Dinge mit mir geteilt. Das ist vielleicht nicht sehr weise, aber sie hat es in einer Art getan, die mich als Kind und Jugendliche nicht verletzt hat. Meine Mutter verlor ihren ersten Mann im Unabhängigkeitskrieg von 1948. Sie hat ihn sehr geliebt und nie von ihm losgelassen, auch als sie meinen Vater schon kannte. Mir war immer sehr bewusst, dass ich dem Tod dieses ersten Mannes mein Leben verdankte. Ich fühlte Mitleid mit meiner Mutter, aber ich hatte auch Angst, dass er irgendwie zurückkehren und sie uns wegnehmen würde. Das ist dann wohl auch so ein Paradox des Lebens.

Zur Person

Die Autorin Zeruya Shalev und die Schauspielerin Maria Schrader im Jahr 2012 bei einer Lesung in Köln im Rahmen des Literaturfestivals Lit.Cologne. Quelle: Henning Kaiser / dpa

Fünf Ringe für bedeutende Momente

Lange braune Haare bis beinahe zum Po, braungrüne Augen, eine grazile Gestalt und dezent geschminkte Lippen: Zeruya Shalev ist eine Erscheinung. Sie trägt ein sexy schwarzes Kleid, das den Blick auf schlanke Beine in langen Stiefeln freigibt. Während des Gesprächs spielt die Frau, die eine brünette Schwester von Sarah Jessica Parker sein könnte, mit ihren Haarsträhnen, formt mit den Händen einen Zopf oder einen Dutt oben auf dem Kopf, den sie dann wieder in sich zusammen fallen lässt. Sehr elegant wirkt diese Grande Dame der israelischen Literatur, die auch hierzulande eine große Leserschaft hat.

Auffällig ist auch ihr filigraner Schmuck in schwarzen und goldenen Farbtönen. Am liebsten mag sie einen Ring mit einem großen Goldblatt – günstiger Modeschmuck, wie sie verrät. An einem Finger der rechten Hand trägt sie fünf Ringe. Jeder von ihnen symbolisiert ein bedeutendes Erlebnis aus ihrem Leben. Den ersten der fünf Ringe hat sie sich zum Beispiel vor langer Zeit als Belohnung für ihr erstes veröffentlichtes Buch gekauft. Es floppte, das Schmuckstück gab ihr Trost. "Mit den fünf Ringen fühle ich mich weniger allein, wenn ich auf Lesereise gehe", sagt sie. Die Schriftstellerin ist sehr aufmerksam, auch nach Jahren erinnert sie sich an ihre Gesprächspartner.

Analystin der Gesellschaft

Shalev wurde 1959 als Tochter einer Malerin und Kunstdozentin sowie eines renommierten Literaturkritikers und Bibelgelehrten geboren und wuchs in einem Kibbuz am See Genezareth auf. Nach ihrem Militärdienst studierte sie Bibelwissenschaften an der Hebräischen Universität Jerusalem. In ihren Romanen – darunter "Liebesleben", "Mann und Frau" und "Späte Familie" – analysiert sie gesellschaftliche Strukturen oft anhand der Mikrokosmen Paarbeziehung beziehungsweise Familie. Ihr Werk wurde in 22 Sprachen übersetzt.

2004 wurde Shalev bei einem Terroranschlag in Jerusalem schwer verletzt. Sieben Jahre später kam ihr Roman "Für den Rest des Lebens" heraus. Darin geht es auch um die Adoption ihres Sohnes nach dem Anschlag. Die 56-Jährige lebt mit ihrem dritten Mann, zwei Kindern aus verschiedenen Ehen und einem Adoptivkind in Jerusalem.

Untiefen der Liebe

Ihr jüngster Roman "Schmerz" spielt ebenfalls in dieser Stadt. Darin geht es um die Schuldirektorin Iris, die vor zehn Jahren einen Terroranschlag überlebte und noch immer von Schmerzen gequält wird. Dazu kommt die Sorge um den Sohn, der kurz vor dem Antritt seines Militärdienstes steht, und ihre auf Abwege geratene Tochter. Mit ihrem Mann verbindet sie zärtliche Fürsorge, ihre Passion gilt jedoch ihrer Jugendliebe Eitan, der sie nach Jahrzehnten wiederbegegnet.

Die Autorin lotet auf ihre charakteristische Weise die Untiefen der Liebe aus, schreibt über fatale Anziehung und den inneren Kampf von Vernunft und Geborgenheitsbedürfnis gegen Leidenschaft und Mut fürs Unbekannte. Iris, die nach außen so tough wirkt, wird von den Dämonen der Vergangenheit eingeholt. Sie steht schließlich vor einer Entscheidung, die ihr Leben von Grund auf verändern könnte.

"Schmerz", der neue Roman von Zeruya Shalev Quelle: Berlin Verlag

Zeruya Shalev: Schmerz. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin Verlag, 368 Seiten, 24 Euro.

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