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Promi-Talk Warum spielen Sie so gern den Bösewicht?
Sonntag Promi-Talk Warum spielen Sie so gern den Bösewicht?
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10:23 18.12.2015
Von Stefan Stosch
Vorliebe für Bösewichte: Ob als SS-Mann Hans Landa in "Inglourious Basterds" oder als Benjamin Chudnofsky in "The green Hornet" und jetzt als Franz Oberhausen im neuen Bond-Film "Spectre", Christoph Waltz spielt gerne den Schurken. Quelle: imago

Herr Waltz, als Bond-Bösewicht stehen Sie in einer großen Tradition: Empfinden Sie Ihre aktuelle Rolle als Ritterschlag in Ihrer sowieso schon beeindruckenden Karriere?
Ach, wissen Sie, bei uns in Österreich oder auch in Deutschland wird man ja gar nicht mehr zum Ritter geschlagen. Aber in England, wo das gelegentlich noch passiert, ist man nicht selber derjenige, von dem die Initiative ausgeht. Das übernimmt das Büro der Queen.

Hat in Ihrem Fall also Bond-Produzentin Barbara Broccoli diesen Job erledigt?
Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber ich ducke mich bei solchen Fragen lieber weg. Ich bin nur der Schauspieler und mache, was im Drehbuch steht.

Okay, anders gefragt: Wie viel Ehrfurcht bringen Sie der nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert laufenden Bond-Reihe entgegen?
Hoffentlich wenig. Ich frage mich immer, mit wie viel Ehrfurcht wohl ein Dirigent Richard Wagner begegnet – und was macht er dann mit seiner Ehrfurcht? Ein Dirigent muss die Musik so zum Klingen bringen, dass der Zuhörer Einblicke ins Werk bekommt. Ehrfürchtig sein kann er später zu Hause immer noch. So eine gewisse Irreverenz – nicht zu verwechseln mit Respektlosigkeit – ist nicht verkehrt, glaube ich. Ehrfurcht hilft mir nicht, meine Rolle zu spielen.

Haben Sie sofort unterschrieben, als Ihnen das Angebot auf den Tisch flatterte? Oder haben Sie erst mal Ihren Landsmann Klaus-Maria Brandauer angerufen, der schon 1983 als Maximilian Largo in "Sag niemals nie" dabei war?
Leider habe ich nicht über Brandauers Nummer verfügt. Aber das ist am Anfang auch gar keine eindeutige Frage gewesen, die da an mich herangetragen wurde. Fünf Jahre lang war ich im Gespräch mit dem Unternehmen Bond – zunächst ganz unkonkret. Irgendwann kommt dann der Regisseur dazu, dann gibt es eine Geschichte, das verfestigt sich so allmählich.

Wenn Sie so lange vorab beteiligt waren: Haben Sie Einfluss auf die Ausgestaltung Ihrer Rolle nehmen können?
Nicht wirklich. Klar, man redet miteinander. Aber ich sehe das auch gar nicht als meine Aufgabe: Ein exzellenter Stab an Autoren war beteiligt. Da halte ich lieber den Mund und höre zu. Vielleicht kann ich ja was lernen.

Sie sind acht Monate lang mit James Bond um die Welt gejettet: Welcher Drehort hat Ihnen am besten gefallen?
Mir persönlich? Das Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-City, aber das hatte mit unserem Film überhaupt nichts zu tun. Wenn Sie den Verlauf der Bond-Geschichte meinen: die Szenen, die im Pinewood Studio in London entstanden sind.

Warum sind Bösewichte schauspielerisch reizvoller als Helden?
Sagen wir mal so: Sie können reizvoller sein. Zumeist sind das die lebhafteren, kreativeren, reizvolleren Rollen. Darin liegt ja die dramatische Funktion der Schurken. Sie müssen die Widerstände erst mal schaffen, die der Held dann überwinden kann.

Unheimliche Begegnung: Christoph Waltz als Franz Oberhauser und Lea Seydoux als Madeleine Swann im neuen Bond-Film "Spectre". Waltz spielt gerne den Schurken. Quelle: dpa

Hat so eine Rolle auch eine therapeutische Funktion für Sie – zumal Sie ja das genaue Gegenteil davon sind: nämlich ein reizender Mensch?
Woher wollen Sie das denn wissen?

So umgänglich wie Sie hier jetzt im Gespräch sitzen ...
Na ja, wenn man sein Sensorium ein bisschen darauf ausgerichtet hat, lässt sich das Theapeutische kaum verhindern. Oder wie das Fritz Teufel einst so schön gesagt hat: "Wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient ..."

Müssen Sie nicht fürchten, allmählich auf Kinoschurken festgelegt zu werden?
Das tut mir jetzt weh, dass Sie das sagen. Damit bedienen Sie nur das Klischee. Da fühle ich mich ja gleich wie gescheitert. Und dabei wollte ich Ihnen mit meinem Spiel doch all die Feinheiten und Unterschiede vor Augen führen.

Oh, Entschuldigung. Wann sind Sie Bond denn erstmals begegnet? Können Sie sich noch daran erinnern?
Oh ja, ich erinnere mich sehr gut an ein von mir sehr geliebtes Spielzeugauto: Als Kind hatte ich einen Aston Martin DB 5 geschenkt bekommen. Man konnte den Fahrer auf Knopfdruck mit dem Schleudersitz herauskatapultieren, und hinten kamen Raketen rausgeschossen.

Wären Sie in jüngeren Jahren gerne selbst Bond gewesen?
Nein, mir war der Unterschied zwischen James Bond und mir immer sehr klar.

International sind Sie so gut beschäftigt, dass man Sie im deutschsprachigen Kino gar nicht mehr zu Gesicht bekommt. Ist das gewollt?
Das ist absolut keine böse Absicht oder Arroganz meinerseits, auch Rachegelüste spielen dabei keine Rolle. Ich bekomme interessanterweise kaum Angebote aus Deutschland, und wenn doch, dann können sie mit denen aus den USA nicht mithalten. Ich entscheide da keinesfalls unter nationalen Gesichtspunkten, mir geht es ausschließlich um die Geschichte. Sie ist der eigentliche Grund, warum wir ins Theater gehen, in die Oper oder eben auch ins Kino. In diese Geschichte muss sich meine Rolle einfügen: Dann ist das für mich ein gegebener Anlass, mitzumachen.

Worin unterscheidet sich "Spectre" von früheren Bond-Filmen?
Ohne jetzt den Filmhistoriker geben zu wollen: zum Beispiel durch die Ironie. Das ist eine der schönsten britischen Eigenschaften, und in "Spectre" kommt sie wieder stärker zum Schwingen. So gesehen ist der Film ein bisschen altmodisch – was ja ein Teil des Vergnügens ausmacht, James Bond zu schauen.

Das Altmodische wird aber ebenso gebrochen: Bond hat es längst schon mit neuen Feinden zu tun – nicht mehr mit bösen Russen, sondern mit Datenspionen, die uns womöglich immer und überall umgeben.
Womöglich? Garantiert! Das ist ja das Besorgniserregende: Es geht nicht mehr um Eventualitäten, sondern um unverrückbare Tatsachen. Das ist für mich ein weiterer Grund, warum James Bond mehr als ein halbes Jahrhundert Kinogeschichte überdauert hat: Aktuelle Ängste hat Bond immer aufgenommen. Im Kalten Krieg war das die Bedrohung durch die Atombombe, jetzt ist es das Verschwinden der digitalen Privatsphäre.

Hauptdarsteller Daniel Craig wird nach ursprünglich anderslautenden Äußerungen nun wohl doch an Bord bleiben: Können Sie sich auch für sich selbst eine Fortsetzung vorstellen?
Ich kann mir beides vorstellen: weiterzumachen und nicht weiterzumachen. Das ist im Moment aber nicht die Frage. Noch dreht sich alles um "Spectre". Wenn der Film irgendwann wirklich abgeschlossen ist, werden sich die Produzenten um den nächsten kümmern. Ich kann mir aber vorstellen, dass da wichtigere Personalien zu klären sind als meine.

Also haben Sie schon einen Vertrag unterschrieben oder nicht?
Sie wollen es aber ganz genau wissen: nein, habe ich nicht.

Hintergrund

Die unglaubliche Karriere des Christoph Waltz

Ob die Geschichte so stimmt? Nicht einmal Christoph Waltz scheint das so genau zu wissen. Aber sie ist so schön, dass sie einfach noch einmal erzählt werden muss: US-Regisseur Quentin Tarantino war verzweifelt, weil er partout keinen überzeugenden Darsteller für seinen SS-Standartenführer Hans Landa in der Nazi-Groteske "Inglourious Basterds" (2009) finden konnte. Er war kurz davor, das Projekt abzublasen. Dann saß Waltz vor ihm, ein vielsprachiger Österreicher mit genau der spielerischen Intelligenz, die er für seinen so harmlos scheinenden Sadisten Landa benötigte.

Der Rest ist Kinogeschichte: Christoph Waltz räumte in großem Stil Preise ab, darunter den Oscar als bester Nebendarsteller. Eine internationale Karriere begann, die bald schon mit einem zweiten Oscar fortgesetzt wurde – wiederum mit demselben Regisseur: Für seine Rolle als Sklavenbefreier in Tarantinos Western "Django Unchained" (2012) ließ sich Waltz in Los Angeles erneut eine Trophäe in die Hand drücken.

Stern Nummer 2536 auf den Walk of Fame

Plötzlich war aus dem mäßig erfolgreichen Fernsehdarsteller ein Star geworden. Und das ist wörtlich zu verstehen: Auf dem Hollywood Walk of Fame ist Waltz heute der Stern mit der Nummer 2536 gewidmet. Die Rolle des geheimnisumwitterten Schurken Franz Oberhauser im neuen Bond-Film "Spectre", seit dieser Woche im Kino, erscheint da beinahe wie eine logische Konsequenz.

Paraderolle: 2009 spielte Christoph Waltz in Tarantinos "Inglourious Basterds" den SS-Mann Hans Landa und gewann mit seiner Performance den Oscar. Quelle: dpa

Vor der Zusammenarbeit mit Tarantino kannte man Waltz vornehmlich aus TV-Serien wie "Derrick", "Kommissar Rex", "Polizeiruf 110" oder "Rosa Roth". Die Titelrolle im Fernsehfilm "Roy Black" und sein Auftritt in dem Drama "Der Tanz mit dem Teufel" über die Entführung von Richard Oetker zählten zu den Glanzlichtern.

Gerade in der Zeit nach dem ersten Oscar genoss Waltz die ungewohnte Aufmerksamkeit der Medien sichtlich. Er vergaß auch nicht, ordentlich gegen die mediokre deutsche Fernseh- und Kinolandschaft auszuteilen, die Talente wie ihn übersehen hatte.

Regisseure reißen sich um Waltz

Seitdem reißen sich namhafte Regisseure um Waltz. In allen möglichen Genres hat er sich ausprobiert. Nicht jede Entscheidung war glücklich, aber die Reihung seiner Filme beeindruckt: Mit Roman Polanski drehte Waltz die Eltern-Zimmerschlacht "Der Gott des Gemetzels", mit Terry Gilliam den skurrilen Science-Fiction-Film "The Zero Theorem", mit Michel Gondry die Actionkomödie "The Green Hornet" und mit Tim Burton das Drama "Big Eyes" um ein zutiefst zerstrittenes Maler-Ehepaar.

Und damit nicht genug: Vor zwei Jahren inszenierte Waltz in Antwerpen die Oper "Der Rosenkavalier". Waltz zählt zu jener überschaubaren Zahl von Darstellern, die sich auch für andere Künste interessieren. Sein Hauptaugenmerk liegt aber auch künftig auf dem Kino: Fürs nächste Jahr hat das Warner-Studio eine "Tarzan"-Verfilmung angekündigt. Die Titelrolle in der Inszenierung von "Harry Potter"-Regisseur David Yates hat der 59-jährige Waltz selbstredend einem Jüngeren überlassen, dem Schweden Alexander Skarsgård. Er ist für eine andere Aufgabe gebucht: Christoph Waltz soll, wen wundert's, den Bösewicht geben.

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