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Promi-Talk Kennen Sie Augenblicke vollkommenen Glücks?
Sonntag Promi-Talk
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20:01 15.07.2016
Dem wohl größten Geschichtenerzähler Hollywoods sind Ängste nicht fremd: Steven Spielberg über Einsamkeit, freundliche Riesen und Aufbrüche ins Unbekannte. Quelle: Verleih
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Herr Spielberg, was bedeuten Ihnen Träume?
Der größte Traum ist für mich immer noch mein Job. Aber ich habe auch Tagträume, bei denen sich der Verstand selbstständig macht. Kennen Sie Walter Mitty, den Typ, der glaubt, er sei ein Held, erlebe tolle Abenteuer und werde unter Applaus auf den Schultern herumgetragen? Träume machen den Menschen aus, Tiere dagegen haben Instinkte. Nur durch unser Vorstellungsver-
mögen sind Dinge wie Apple oder die Sozialen Medien geschaffen worden. Gleichzeitig führt die menschliche Fantasie aber auch zu Horror und Terror.

In Ihrem neuen Film "BFG – Big Friendly Giant" erzählen Sie von zwei Außenseitern: Haben Sie auch in diesem Fall aus Ihren Träumen geschöpft?
Die Geschichte über das Waisenkind Sophie und den freundlichen Riesen gehört zunächst Roald Dahl. Er ließ sich von seiner Enkelin Sophie zu "BFG" inspirieren. Es ist also nicht meine Story, aber ich kann mich gut in sie hineinversetzen. "BFG" hat mich zurückgeführt in meine eigene Vergangenheit.

Haben Sie sich denn auch als Außenseiter gefühlt?
BFG ist der einsamste Riese in der Historie, bis er Sophie trifft. Und ich war das einsamste Kind, das Sie sich vorstellen können. Nicht, weil mich meine Familie nicht geliebt hätte, aber ich blieb in der Schule von vielem ausgeschlossen. Das war keine gute Zeit.

Wie haben Sie Ihrem Hauptdarsteller diesen Zusammenhang erklärt?
Ich weiß, wie sich Isolation anfühlt, und ich kann Schauspielern ein Gefühl davon vermitteln. Im Fall von Mark Rylance, der den Riesen spielt, habe ich plötzlich festgestellt: Ihm ist es in seiner Jugend genauso ergangen. Er war zu schüchtern, um Freundschaften zu schließen oder auf sich aufmerksam zu machen. Er war einer der unsichtbaren Millionen, genau wie ich einer davon war. Wir haben viel über diese gemeinsame Erfahrung gesprochen.

Mark Rylance ist spätestens mit "Bridge of Spies" zu einer Art Muse für Sie geworden: Was mögen Sie an ihm?
Egal ob man Mark im wirklichen Leben oder als Riese auf der Leinwand sieht: Man möchte ihn glatt adoptieren. Es steckt so viel Unschuld in seinen melancholischen Augen.

Hört sich an, als wären Sie dicke Freunde.
Stimmt, und das will etwas heißen: Nur wenige Leute aus dem Filmgeschäft finden den Weg in mein Leben. Daniel Day-Lewis gehört seit "Lincoln" dazu. Und jetzt auch Mark, obwohl wir uns noch gar nicht so lange kennen.

Aber Sie bewegen sich doch schon Ihr ganzes Leben unter Kinoleuten.
Ja, aber wir Kinoleute sind Nomaden: Wir reisen an, wir arbeiten, wir leben zusammen beinahe wie eine Familie, wir respektieren uns, wir streiten, wir feiern. Aber dann gehen wir auseinander und sehen uns vielleicht nie wieder. Wir lösen das Camp auf, und das war's.

Wie stark spüren Sie bei der Verfilmung eines Bestsellers wie "BFG" die Verantwortung gegenüber dem Original?
Der Film ist ganz klar meine Version von Roald Dahls Buch auf der Grundlage von  Melissa Mathisons Drehbuch. Aber bei jeder Änderung am Roman haben wir die Dahl-Familie informiert. Die Dahl-Erben waren gewissermaßen Mitarbeiter bei unserer Interpretation.

Was war die größte Schwierigkeit bei der Umsetzung?
Die Zuschauer sollen all die Spezialeffekte vergessen, die notwendig sind, um den Riesen zum Leben zu erwecken. Dieser Film muss eine Liebesgeschichte zwischen ihnen und ihm sein. Unser Job ist es, das Publikum an den Punkt zu führen, an dem alles andere außerhalb des Films unwichtig wird.

Der "BFG" (Mark Rylance), Sophie (Ruby Barnhill) und die Geschichte einer Freundschaft: Spielberg drehte sein Kindermärchen "BFG – Big Friendly Giant" nach Motiven des Schriftstellers Roald Dahl. Quelle: Verleih

Wie hilfreich war dabei die digitale Revolution im Kino?
Ich bin begeistert von all den neuen Technologien. Unter einer Voraussetzung allerdings: Sie dürfen nicht zum Grund dafür werden, warum eine Geschichte erzählt wird. Ein Film ist ja kein Laptop oder Telefon. Die Technik ist nur das Werkzeug, um eine Story besser zu visualisieren. Ich genieße die vielen Möglichkeiten, die heute vorhanden sind: Junge Künstler können sich ausprobieren. Jeder bekommt eine Chance.

Ihr Optimismus überrascht: Haben Sie nicht noch kürzlich vor der "Implosion Hollywoods" gewarnt?
Stimmt, damit meinte ich: Wir können nicht alle Eier in einen Korb packen. Soll heißen: Wir dürfen uns nicht auf ein einziges Genre verlassen, das die ganze Kinoindustrie tragen soll – momentan sind das die Superhelden-Filme. Wenn das Publikum sich auf das nächste große Ding stürzt, verlieren diese Filme an Popularität. Und jeder von ihnen kostet mehr als 200 Millionen Dollar.

Sind Fernsehserien eine Alternative?
Momentan werden die besten Bücher für Serien geschrieben. Ich liebe Serien wie "The Americans", "Bloodline" oder "Transparent". Wir erleben eine Renaissance des Fernsehens – und diese passiert überall, auch in Skandinavien oder Großbritannien. Kennen Sie "The Night Manager"? Toll! Von "The Girlfriend Experience" haben meine Frau und ich zehn Stunden in zwei Tagen geschaut.

Sie haben ja erstaunlich viel Zeit.
Die nehme ich mir einfach. Da kann mich das Büro noch so oft anrufen. Große Geschichten inspirieren uns. Und wir arbeiten besser, wenn wir inspiriert werden.

Fühlen Sie sich auch noch für Ihre Geschichten verantwortlich, wenn Sie diese an andere weitergereicht haben – zum Beispiel für die Folgefilme von "Jurassic Park" oder "Indiana Jones"?
Auf jeden Fall. Die Zuschauer sollen die bestmöglichen Fortsetzungen bekommen. Nur bei "Transformers" ist das anders: Das war schon sehr früh Michael Bays Baby.

Kennen Sie bei all Ihren Erfolgen Momente der Verzweiflung?
Solche Momente gibt es immer! Sie hätten mich mal sehen sollen, als ich "Der weiße Hai" inszeniert habe. Das war echte Verzweiflung! Und so was erlebe ich immer noch. Aber wissen Sie was: Ich glaube, diese Verzweiflung hat auch etwas Gutes. In solchen Momenten kommst du auf Ideen, die du sonst nie gehabt hättest. Du siehst den ganzen Film in Gefahr, und dann fällt dir etwas Rettendes ein.

Ein Beispiel, bitte!
Als Harrison Ford krank wurde im ersten "Indiana Jones"-Film "Jäger des verlorenen Schatzes". Er kam zu mir und sagte: Ich halte nur noch eine Stunde durch. Du kannst mit mir drehen, was du willst, aber danach muss ich ins Hotel. Wir hatten gerade ein riesiges Set aufgebaut, einen Marktplatz, und wollten so richtig mit Action und Stunts loslegen. Ich schaute ihn ungläubig an und sagte: Eine Stunde? Da kannst du gerade mal den Bösewicht erschießen. Und er sagte: Okay, dann mache ich das. Daraus entstand eine legendäre Szene: Der Angreifer attackiert Indiana Jones mit einem riesigen Schwert, Harrison Ford steht da mit seiner Peitsche in der Hand. Dann zieht er die Pistole und erschießt den Säbelmann.

Gibt es auch Augenblicke vollkommenen Glücks?
Auch die gibt es bei jedem Film. Ich spüre dieses Glück, wenn ich eine perfekte Szene erlebe, die sich ganz und gar wahr anfühlt. Dann stehe ich da mit meinen Kopfhörern, schaue gebannt zu, und plötzlich ist alles um mich herum still. Und dann wird mir klar: Oh, die Szene ist schon vorüber. Ich bin der Regisseur, und mein Job ist es jetzt, "Cut" zu rufen. Für solche Szenen muss man aber hart arbeiten. Sie ergeben sich nicht einfach so.

Schauen Sie sich Ihre alten Filme an?
Mit meinen Kindern habe ich das getan. Ich habe sie sozusagen eskortiert bei der Entdeckung meiner Filme. Ich habe sie gewarnt, als sie noch klein waren, zum Beispiel bei "E. T.": "Es sieht gleich so aus, als würde E. T. sterben, aber mach dir keine Sorgen, es geht ihm bald wieder gut." Normalerweise schaue ich aber nicht auf meine Arbeit zurück. Die einzige Ausnahme ist die technische Umwandlung in Blu-Ray. Dann muss ich Ton, Farbe, Technik überprüfen.

Warum genießen Sie nicht mal bei einem netten Kinoabend, was Sie geschaffen haben?
Das kann ich Ihnen sagen: An dem Tag, an dem ich mich allein in einen dunklen Kinosaal begebe, um meine alten Filme zu schauen, fühle ich mich in Billy Wilders "Boulevard der Dämmerung" versetzt. Ich sehe mich schon dastehen mit dem Licht des Projektors im Rücken und dramatische Bewegungen ausführen so wie Gloria Swanson als alternde Stummfilmdiva. Eine Shakespeare-hafte Erscheinung!

Herr Spielberg, können Sie eine Filmszene aus Ihrem gesamten Werk nennen, die Ihr Schaffen zusammenfasst?
Das kann ich tatsächlich. Allerdings wusste ich das erst Jahrzehnte, nachdem ich sie gedreht hatte: Da ist der kleine Junge in "Unheimliche Begegnung der dritten Art", der die Tür öffnet und vom Licht umflossen wird. Für den Jungen öffnet sich ein Portal zum Unbekannten – und ebenso für mich. Ich hoffe, dass das Publikum diese Reise ins Unbekannte immer wieder zusammen mit mir unternimmt.

Zur Person

Im Rückblick sieht es ja immer so aus, als hätte alles von Beginn an auf diese beispiellose Karriere hingedeutet. Anekdoten zuhauf finden sich in Steven Spielbergs Kindheit, die kaum einen anderen Schluss zulassen: Aus diesem kinoverrückten Kerlchen musste der erfolgreichste Regisseur Hollywoods werden. Bei einem Familienausflug, so heißt es, nahm der kleine Steven seinem Vater die Schmalfilmkamera aus der Hand. Plötzlich soll sich der sonst so furchtsame Junge in einen entschlossenen, ja, beinahe herrischen Nachwuchs-Regisseur verwandelt haben.

Seine arme Mutter brachte er später dazu, einem mit Kirschkompott gefüllten Dampfkochtopf explodieren zu lassen. Mamas Küche soll sich davon nie wieder ganz erholt haben. Manche Stunde verbrachte der Legastheniker lieber am heimischen Schneidetisch als in der Schule. Als er später an der University of Southern California Film studieren wollte, handelte er sich trotzdem zwei Absagen ein.

Galerie der Blockbuster: Filmszenen aus "Der weiße Hai" (oben, l), "E.T." (oben, r), "Indiana Jones" (unten, l) und "Jurassic Park" (Archivfotos). Quelle: Universal / dpa

Es ging dann auch ohne Universität: Sein Kurzfilm "Amblin" (1968) über ein Tramperpärchen öffnete ihm die Türen. Das Universal Studio bot dem gerade 22-Jährigen einen siebenjährigen Vertrag an. Fortan drehte Spielberg Fernsehfilme, auch für die TV-Serie "Columbo". Tatsächlich muss der Schritt hinter die Kamera für Spielberg einer inneren Befreiung gleichgekommen sein: Fortan bekämpfte er seine Ängste, indem er mit seinen Filmen anderen Angst machte. Bald schon ließ er mörderische Lastwagen, Poltergeister oder Dinosaurier auf die Zuschauer los.

Nur zu Außerirdischen pflegte Spielberg stets ein gutes Verhältnis, egal ob es sich um "Unheimliche Begegnung der dritten Art" oder "E. T." handelte. Nun startet Spielbergs Kindermärchen "BFG – Big Friendly Giant" (21. Juli) im Kino – wieder eine Geschichte über die Freundschaft zu einem ganz anderen Geschöpf, in diesem Fall einem Riesen.

Zusammen mit seinem Kumpel George Lucas zählt Spielberg zu den Erfindern jenes Hollywoods, das wir heute kennen. Sein "Der weiße Hai" galt Mitte der Siebziger als Geburtsstunde des Blockbusters, George Lucas legte mit "Star Wars" noch eine Schippe drauf. Bei "Jurassic Park" übertrafen in den Neunzigern die Erlöse durch Spielzeug-Dinos den Ticketumsatz, damals eine Sensation.

Erster Oscar für "Schindlers Liste"

Erstaunlich lange dauerte es, bis Spielberg den ersten Oscar erhielt. Erst 1994 war das der Fall – für "Schindlers Liste". Der Regisseur von oftmals harmonieseligen Filmen war belächelt worden, dass ausgerechnet er sich an das heikle Thema Holocaust wagen wollte. Spielberg verzichtete weitgehend auf Spezialeffekte und drehte in Schwarz-Weiß.

Der Film hatte für ihn persönliche Bedeutung: Mitglieder seiner aus der Ukraine stammenden Familie waren in Konzentrationslagern ermordet worden. Doch ist "Schindlers Liste" auch eine Geschichte vom Überleben wider alle Wahrscheinlichkeit. Wenig später initiierte Spielberg die "Shoah Foundation". Aufgabe der Stiftung ist es, die Aussagen von Überlebenden zu archivieren. Zigtausende Interviews sind bis heute zusammengekommen.

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