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Leben Sie in einer Blase?

Emilia Schüle im Interview Leben Sie in einer Blase?

Hamburg, Filmfest: Zwischen zwei Auftritten auf dem roten Teppich nimmt Emilia Schüle im Fünf-Sterne-Hotel Platz. Stress? Hektik? Lampenfieber? Nichts davon ist zu spüren bei dem Gespräch mit Stefan Stosch über Karriere, Zukunftsängste und Nacktszenen.

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Die Vielbegehrte: Emilia Schüle steht seit ihrer Kindheit vor der Kamera – und ist präsent wie nie.

Quelle: eventpress

Hamburg.  

Frau Schüle, vier Kinofilme mit Ihnen innerhalb weniger Wochen: Wie haben Sie das hingekriegt?

Ich habe einfach viel gearbeitet im vorigen Jahr. Dabei ist übrigens auch noch ein fünfter Kinofilm entstanden, der auch bald starten dürfte: “Professor Wall im Bordell“ mit Hanns Zischler und mir. Und ich habe die Fernsehserie “Charité“ abgedreht.

Ist das nicht ein bisschen viel?

Ich wusste, dass dieses Jahr krass wird und ich ein bisschen auf mich aufpassen muss. Aber ich wollte es genau so, denn die Zeit war großartig. Es gibt nicht so viele tolle Hauptrollen für Frauen, was ich traurig finde. Da will ich mich nun wirklich nicht beklagen über so viele ganz unterschiedliche Filme.

In “Es war einmal Indianerland“ laufen Sie viel im Bikini rum, in “High Society“ in schwarzer Lederunterwäsche. Kritisieren Sie auch dieses Hautherzeigen an manchen Frauenrollen?

Die nackte Haut hält sich ja in Grenzen. Ich zeige nichts, was man nicht auch in jeder Zeitschrift abdrucken könnte. Ich habe auch noch nie eine komplette Nacktszene hingelegt. Vor der Kamera mache ich mich lieber seelisch nackt, nicht körperlich.

Manche ebenfalls erfolgreiche Kollegin ist da anders, etwa Jella Haase.

Jella Haase ist viel krasser unterwegs. Bevor ich einen Vertrag unterschreibe, kläre ich solche Fragen ab. Sollte es ein Film irgendwann verlangen, dass ich mich vor der Kamera ausziehe, werde ich es wohl tun, aber meist geht es ohne. Ich habe schon bei Filmen mit prominenten Regisseuren Nein gesagt.

Sie sind in diesen Tagen Dauergast auf dem roten Teppich. Wie wichtig ist Ihnen dabei perfektes Aussehen?

Ich habe ein Team, das mir bei solchen Auftritten viel abnimmt: eine Stylistin, die meine Outfits vorbereitet, einen Maskenbildner für Events, einen Presseagenten, eine Schauspielagentin, jemanden, der mir Züge und Hotels bucht. Früher bin ich mit Jeans und Turnschuhen aufgekreuzt, das geht heute nicht mehr. Ich will mich auf die Filme konzentrieren. Für mich ist das die gesündeste Arbeitsaufteilung, seit ich so viel in der Öffentlichkeit unterwegs bin und mich auch schützen muss.

In Ihrem Beruf sind Sie ein alter Hase. Beschleicht Sie mitunter der Verdacht, in jungen Jahren etwas verpasst zu haben?

Ein normales Teenagerleben habe ich nicht geführt. Ich bin nicht nächtelang durch die Straßen gezogen und habe mich an langen Wochenenden auch nicht gelangweilt. Ich habe gedreht und musste in der Schule immer wieder viel nachholen. Der “Tatort“ “Wegwerfmädchen“ ist parallel zur Abiturprüfung entstanden. Klar war das eine Doppelbelastung, aber eine schöne. Vielleicht habe ich manches verpasst, aber noch mehr gewonnen.

Packt Sie gelegentlich die Lust, mal alles liegenzulassen und für ein Jahr irgendwo an den Strand zu fahren?

Nö, ich liebe meine Arbeit. Für sechs Wochen steige ich ganz gern mal aus, aber dann möchte ich auch wieder ran.

Ihre familiären Wurzeln liegen in Russland: Haben Sie sich je vorstellen können, dort zu leben?

Überhaupt nicht. Das ist so unvorstellbar weit weg, beinahe so weit wie Australien. Ich bin aber vor ein paar Monaten dorthin zurückgekehrt für ein Lufthansa-Projekt, das “Inspired by Heimweh“ hieß.

Und? Haben Sie Ihr Heimweh nach Russland entdeckt?

Nein, das war auch kaum zu erwarten an einem Ort, den ich als Baby verlassen habe. Aber das war eine sehr persönliche Reise. Meine ältere Schwester hat mich begleitet. Aus diesen Momenten ist ein toller Film entstanden – so habe ich die Reise auf Youtube mit anderen geteilt.

Dient so ein Film ein Stück weit auch der notwendigen Selbstvermarktung in digitalen Zeiten?

Nein, ich habe keinen Marketingplan, wie und wo ich mich präsentiere. Für mich war die Reise eine Chance, aber auch die Flüchtlingskrise spielte dabei eine Nebenrolle.

Wie das?

Ich bin eben nicht nur Deutsche, und das Schicksal zweier Kulturen teilen heute viele Menschen in diesem Land, egal ob sie aus Syrien, Afghanistan oder der Türkei kommen. Darauf habe ich mit dem Film hinweisen können, und solche Inhalte möchte ich abseits des roten Teppichs vermitteln.

Lässt sich in digitalen Zeiten das eigene Bild in der Öffentlichkeit überhaupt noch kontrollieren?

Bei meinem eigenen Profil im Netz weiß ich genau, was aus meinem Privatleben dort einfließt. Andererseits aber leben wir in einer Zeit, in der es völlig in Ordnung ist, jederzeit von jemand anderem gefilmt zu werden. Diese Bilder werden dann auf diversen Plattformen hochgeladen und verschwinden nie wieder aus dem Netz.

Tun Sie was dagegen?

Genau deshalb umgebe ich mich ja mit einem professionellen Team, um zumindest bestimmte Bereiche zu kontrollieren. Wenn allerdings irgendwo etwas über meinen Ex-Freund und mich steht, kann ich nichts dagegen machen. Glücklicherweise habe ich aber noch nicht viele negative Dinge erlebt.

Kennen Sie persönliche Zukunftsängste? Es könnte mit der Karriere ja auch mal schlechter laufen.

Ängste weniger, aber ich bin mir bewusst, dass es nicht unbedingt so bleiben muss. Dieses Bewusstsein hilft mir umso mehr, dass Hier und Jetzt wirklich zu genießen. Ich weiß um die Vergänglichkeit dieses Glücks.

Leben Sie als viel beschäftigte Schauspielerin in einer sogenannten Blase, oder nehmen Sie das politische Umfeld wahr, etwa Atomkriegsdrohungen, Klimawandel, Terrorismus?

Auf jeden Fall nehme ich das wahr! Viele Entwicklungen empfinde ich als ausgesprochen beunruhigend. Wie lange kann das alles noch so gut gehen? Es scheinen Konflikte wiederzukehren, die wir längst überwunden glaubten.

Beziehen Sie zu politischen Fragen öffentlich Stellung?

Ich bin Botschafterin des Kinderhilfswerks Plan und in dieser Funktion auf die Philippinen gereist, um mit einer Klimaaktivistin zu reden. Wegen Überschwemmungen verlieren dort immer mehr Menschen ihr Zuhause.

In Ihrem dystopischen Drama “Jugend ohne Gott“ geht es um Deformationen durch die Leistungsgesellschaft: Beobachten Sie so etwas in Ihrer Generation?

Unsere ganze Gesellschaft gründet auf Wettbewerb und Konkurrenzdenken. Der Leistungsdruck beginnt schon in der ersten Klasse mit der Notenverteilung. An den Noten wird dein Wert gemessen. Der Einzelne wird nicht gefördert, besondere Talente werden geradezu gleichgeschaltet. Es geht in der Schule nicht um die Entwicklung der Persönlichkeit.

Höre ich da Wut heraus?

Ich empfinde es als großes Glück, dass ich die Schauspielerei zu meinem Beruf machen konnte. Kaum ein anderes Hobby wird in der Schule so sehr unterstützt. Nur deshalb stehe ich schon mitten im Beruf und weiß, was ich möchte. Bei anderen werden persönliche Interessen regelrecht abgetötet. Man soll erst mal diesen Schulkreislauf absolvieren – und danach ganz plötzlich wissen, wer man sein möchte.

Aber Sie stehen als Schauspielerin doch auch ständig unter Leistungsdruck.

Das ist Einstellungssache. Klar überlege ich manchmal, ob ich mir noch dieses oder jenes aufbürden soll. Aber es gab noch keinen einzigen Augenblick, in dem ich meinen Weg bereut habe.

Zur Person: Emilia Schüle

Als Emilia Schüle sieben Jahre alt war, nahm sie bereits Unterricht in klassischem Ballett und Modern Dance. Das tun andere Mädchen in diesem Alter auch. Andere Mädchen haben dabei aber nicht unbedingt schon ihren Berufswunsch im Kopf. Als Emilia 13 war, tanzte sie in einer Showdance-Gruppe auf Weihnachtsmärkten und in Einkaufszentren. Das tun andere Teenager auch. Auf diese kommt dann aber nicht unbedingt jemand von einer Agentur zu und fragt, ob sie Werbespots drehen wollen. Emilia Schüle wollte.

Und heute? Da ist die inzwischen beinahe 25-Jährige eine der gefragtesten Film- und Fernsehschauspielerinnen ihrer Generation – und schon seit einem Jahrzehnt im Geschäft. Als ihre Mitschüler auf Partys abhingen oder für Klausuren büffelten, stand sie irgendwo am Set. Eine gute Schülerin war sie trotzdem, übersprang sogar die vierte Klasse. Ihr Abitur machte sie auf einer internationalen Schule.

Eigentlich ist Schüle noch ein bisschen mehr als Schauspielerin: Als es zur Trennung von ihrem Freund Jannis Niewöhner kam, machte der Boulevard das zum Thema. Und als sie diesen Freund, ebenfalls Schauspieler, später wieder vor der Kamera traf und die beiden ein Liebespaar spielten, war das erst recht ein Thema – und Schüle Profi genug, um mit Fragen über ihre Beziehung beziehungsweise Nichtbeziehung ganz locker umzugehen.

Geboren wurde Emilia Schüler 1992 im Osten Russlands, genauer in Blagoweschtschensk, einer Stadt unweit der chinesischen Grenze am Fluss Amur. Ihre Eltern sind beide Ärzte. Als sie noch ein Baby war, zog die Familie mit Emilia und ihrer älteren Schwester nach Deutschland. Schüle ist inzwischen auch schon mal in den fernen Osten zu ihren Wurzeln gereist, gewissermaßen im Auftrag der Lufthansa: “Inspired by Heimweh“ hieß das Projekt, aus dem ein Imagefilm entstand.

Ihren ersten großen Kinoauftritt hatte Schüle 2008 in “Freche Mädchen“ an der Seite von Anke Engelke und Armin Rohde, ein typischer Teenie-Film um Pausenhofliebeleien. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Ob sie im Furtwängler-“Tatort“ “Wegwerfmädchen“ einem Müllberg entstieg, im Thriller “Boy 7“ in einem ominösen Resozialisierungsprojekt landete, in der Romanze “Smaragdgrün“ durch die Zeit reiste, in der TV-Serie “Charité“ die Geliebte des Mediziners Robert Koch gab oder in Oskar Roehlers stark autobiografisch gefärbter Komödie “Tod den Hippies! Es lebe der Punk“ dabei war: Emilia Schüle wird für sehr verschiedene Aufgaben gebucht.

Im Rückblick scheint es so, als hätte es für Schüle nie eine Alternative zu dieser beinahe furchteinflößend konsequenten Karriere gegeben. In diesen Monaten erhöht sie die Schlagzahl noch einmal. Zwei Kinofilme mit ihr sind bereits in unseren Kinos gestartet: In dem dystopischen Drama “Jugend ohne Gott“ spielt sie eine im Wald hausende Aussteigerin aus der Leistungsgesellschaft. In der Komödie “High Society“ ist sie eine verwöhnte Luxustochter, die von einer Wannseevilla in einen Plattenbau in Marzahn umziehen muss, als herauskommt, dass sie bei der Geburt verwechselt wurde. In “Simpel“ (Start: 9. November) verkörpert sie die Retterin in der Not für ein in Hamburg gestrandetes Brüderpaar.

Vom kommenden Donnerstag an unternimmt Emilia Schüle in “Es war einmal Indianerland“ einen ziemlich wilden Trip nach dem Roman von Nils Mohl. Regisseur İlker Çataks Film ist Roadmovie und Coming-of-Age-Geschichte, und Schüle ist eine wohlstandsverwahrloste Tussi in einer großen Villa, die von sich sagt, sie sei “eitel, zickig und unkeusch“. Trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb verliebt sich der junge Boxer Mauser sofort in sie.

Von Stefan Stosch

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