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Sind Sie Jäger oder Sammler?

Jürgen Vogel im Interview Sind Sie Jäger oder Sammler?

Er ist gut drauf. Immer wieder mal federt Jürgen Vogel durchs Hamburger Hotelzimmer, schnappt sich einen Apfel oder lacht laut los. Es geht um den Ötzi, Vogels neue Kinorolle. Stefan Stosch hat getestet, ob der Schauspieler steinzeittauglich ist.

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Muskulöser Körper, nadelspitze Zähne, Tattoos: Jürgen Vogel ist ein echter Typ – und spielt in “Der Mann aus dem Eis“ einen Steinzeitjäger.

Quelle: Getty

Hamburg.  

Herr Vogel, Ihr Regisseur hat Ihnen bescheinigt, die unbestrittene Nummer eins als Steinzeitmensch zu sein. Ist das ein Kompliment?

Na klar! Ein Regisseur ist auf der Suche nach einem Ötzi, der mit Pfeil und Bogen und im Fellanzug überzeugend in den Alpen herumkraxelt. Und da hat Felix Randau an mich gedacht.

Hatten Sie schon vor diesem Film das Gefühl, steinzeittauglich zu sein?

Mein Motto ist: Ich bin vielleicht nicht der Allerklügste, aber wer mit mir im Wald unterwegs ist, der überlebt. Ich glaube, ich bin erfinderisch und relativ robust. Ich genieße Luxus, wenn ich ihn habe, aber ich kann drauf verzichten.

Wie haben Sie sich für die Alpen in Form gebracht?

Zu den Drehorten musste ich mit schwerem Gepäck und im Fellkostüm manchmal eine Stunde laufen – und dann für jede Szene immer wieder den Berg rauf und runter. Ich mache eh viel Sport, habe aber mein Lauftraining verstärkt, und zwar auf 2000 Meter Höhe. Tatsächlich hatten wir im Team Ausfälle: Ein paar Mädels sind umgefallen und mussten zur Überwachung ins Krankenhaus. Die hatten nicht genug getrunken.

Haben Sie zu Testzwecken Ötzis Lieblingsspeise Steinbock probiert?

Schön wär’s. Aber ich wollte drahtig aussehen und habe möglichst auf Süßigkeiten verzichtet. Aber das ist ja nun kein großes Opfer.

Hätte Sie irgendetwas gereizt, vor 5300 Jahren zu leben?

Es muss existenziell gewesen sein, ständig darum zu kämpfen, nicht zu erfrieren, nicht zu verhungern und dabei die eigene Familie zu beschützen. Ich sag’ nicht, dass ich gerne dabei gewesen wäre. Aber auch dieses Leben hatte bestimmt schöne Seiten, allein die Natur in Südtirol.

Man starb allerdings deutlich früher.

Leben ist relativ. Wenn man ein erfülltes Dasein hat, ist auch ein kurzes schön. Gefühle wie Liebe gab es damals auch, und die Menschen haben auch an irgendetwas geglaubt. Da lief ja kein Steinzeitmensch durch die Gegend und trauerte, weil er mit 40 sterben muss. Der kannte nichts anderes. Wenn ich 70 bin, und einer fragt mich, ob ich Angst vor dem Tod habe, dann habe ich hoffentlich auch keine Panik.

Sind Sie Jäger oder Sammler?

Jäger war ich zwischen 15 und 20, so wie wohl jeder junge Mann. Ist nur zweifelhaft, wonach man da jagt. Der Sammlertyp bin ich nicht. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben und nach vorne zu schauen, was man besser machen könnte.

Haben Sie sich Ötzi nahe gefühlt, als Sie ihn im Bozener Museum besucht haben?

Zuerst habe ich gedacht: Wie krass, dass ein Toter auf ewig ausgestellt wird. Zugleich war ich beeindruckt: Ötzi war ein Homo sapiens, hatte eine gute Jagdausrüstung und gute Kleidung. Kumpel von mir haben mir so Spaßvideos zugeschickt, in denen sie grunzend herumsprangen: Das war witzig, aber bescheuert. Ötzi war kein Affenmensch, sondern hoch entwickelt.

Ötzi war schon ziemlich angeschlagen, bevor ein Pfeil ihn in die Schulter traf. Wir machen jetzt mal den Ötzi-Vogel-Gesundheitscheck. Einen abgefrorenen Zeh schließe ich bei Ihnen mal aus. Wie sieht es mit Borreliose nach einem Zeckenbiss aus?

Zeckenbiss ja, keine Borreliose.

Laktoseintoleranz?

Auch nicht. Aber Wahnsinn, was man alles über den Mann weiß. Die Speerspitze hat man allerdings erst nach Jahren entdeckt – wohl deshalb, weil man nie von einem Verbrechen als Todesursache ausgegangen ist. Da mussten erst die Forensiker kommen.

Starke Verschleißerscheinungen an Bandscheiben, Lendenwirbel, Knie?

Die Jungs damals mussten ja extrem schleppen in den Bergen. Das musste ich nur beim Drehen.

Desolate Zähne, eine Lücke zwischen den oberen Schneidezähnen.

Ich erahne Parallelen.

Stramme Beinmuskeln?

Passt, die hab’ ich auch.

Kein Riese, wohl 1,60 Meter groß.

Der war kleiner als ich! Ich zähle mit 1,68 Metern aber garantiert zu den wenigen Schauspielern, die Ötzi überzeugend spielen können.

Tätowierungen?

Ötzi hatte mehr als 60, da komme ich nicht ganz mit. Noch nicht.

Wie spielt man eine Rolle, die weitgehend ohne Sprache auskommt?

Ein Sprachwissenschaftler hat Vorschläge gemacht – und das immer auf der Grundlage, wie die Sprache damals geklungen haben könnte. Rituale, Gesänge, Unterhaltungen über die Jagd: Das lasst sich alles herleiten. Das hat schon eine Bedeutung, was ich da Unverständliches von mir gebe.

Bislang gab es Ötzi-Pizza, Ötzi-Wein, Ötzi-Gummibärchen. Nun gibt es auch den Ötzi-Jürgen. Wie fühlt man sich als Teil einer Vermarktungskette?

Bislang kamen noch keine Anfragen für Freilicht-Aufführungen in Südtirol. Aber wenn beim Drehen Wandergruppen auftauchten, bin ich in meinem Fell hin und habe gerufen: Hallo, ich bin’s, der Ötzi. Die Leute haben sich totgelacht.

Hört sich beinahe an, als wäre das die Rolle Ihres Lebens.

Sagen wir lieber so: Das war eine geile Rolle – ein Abenteuerfilm mit einer historischen Figur.

Sie wollten schon früh Schauspieler werden: Wieso sind Sie nach nur einem Tag von der Münchener Schauspielschule verschwunden?

Weil ich als 17-Jähriger das Gefühl hatte, dort nicht das zu lernen, was ich lernen möchte. Und weil ich dachte: Scheiße, das halte ich keine drei Jahre aus. Ich wollte ja nicht ans Theater, sondern Filmschauspieler werden. Heute sind die Schauspielschulen anders, nicht mehr so engstirnig. Heute würde ich jedem eine staatliche Schule empfehlen.

Wieso?

Weil jeder Anfänger Charakter beweisen muss, bis er angenommen wird. Er muss Absagen wegstecken können. Das ist wie bei einem Boxer: Ob jemand wirklich gut ist, stellt sich erst heraus, wenn er auch mal zu Boden gegangen ist.

Hat der Mensch seit Ötzi Fortschritte im Zusammenleben gemacht?

Ganz klar: Nein. Fragen Sie mal einen Syrer, der seit Wochen versucht, über irgendeine Grenze zu kommen: Für den geht es auch ums Überleben. Er hat keine Nahrung, kein Wasser, schläft draußen. Und sogar hier in Deutschland schlafen Menschen unter Brücken und freuen sich, wenn Du ihnen was zu essen bringst.

Immerhin haben wir Krankheiten ausgerottet und Friedensverträge geschlossen.

Aber haben wir unser Leben verbessert? Haben wir aus Kriegen und Verbrechen wirklich gelernt? Ich glaube nicht. Vielleicht hier in der sogenannten ersten Welt, aber was ist mit der dritten? So lange es Menschen auf diesem Planeten gibt, für die es jeden Tag ums Überleben geht, sind wir nicht vorangekommen.

Ist Rache ein Konzept, mit dem Sie etwas anfangen können?

Ich verstehe Rache als persönliches Gefühl, aber als gesellschaftliche Idee hat es uns nie etwas gebracht. Um aus der Spirale der Gewalt rauszukommen, müssen wir Gnade walten lassen. Das sollten wir auch unseren Kindern nahebringen: Jemanden zu töten kann nie richtig sein, auch dann nicht, wenn ein Staat die Todesstrafe verhängt.

Apropos Kinder: Wie werden Ihre wohl auf Sie als Ötzi reagieren?

Für meine Kinder ist das nichts Neues. Ich laufe zu Hause oft im Ziegenfellkostüm rum.

Zur Person: Jürgen Vogel

An der Münchener Schauspielschule hielt es Jürgen Vogel genau einen Tag lang aus, dann suchte er das Weite. Trotzdem machte er später erfolgreich Bekanntschaft mit einem renommierten Ausbildungsinstitut für angehende Darsteller: In der Komödie “Kleine Haie“ (1992) spielte er den Tellerwäscher Ingo, der bei der Folkwang-Hochschule in Essen versehentlich in eine Aufnahmeprüfung gerät, für einen Bewerber gehalten wird und prompt einen Ausbildungsplatz erhält – ohne zu wissen, wie ihm überhaupt geschieht.

Der charmante Film von Regisseur Sönke Wortmann bedeutete für Jürgen Vogel den Durchbruch. Ebenso machte manch anderes Talent in dem Film später von sich reden, etwa Meret Becker, Armin Rohde oder auch Kai Wiesinger. Vogel ist ein echter Typ: Tattoos auf der Haut, nadelspitze Eckzähne, muskulöser Körper auch dank regelmäßigen Kampfsporttrainings. Der Sohn eines Kellners und einer Hausfrau, 1968 geboren, wuchs in einer Gegend in Hamburg auf, in der man schon mal in eine Schlägerei verwickelt werden konnte. Kampfsport war nach seinen eigenen Worten ein probates Mittel zur Selbstverteidigung.

Körperliche Fitness ist ihm bis heute wichtig. Sie kommt auch seiner Art zugute, sich vor der Kamera zu bewegen: “Bei ihm hat alles eine große Natürlichkeit“, sagt Regisseur Felix Randau über seinen Hauptdarsteller in “Der Mann aus dem Eis“ (Kinostart: 30. November). “Wir haben nach einem Schauspieler gesucht, der auch die Physis mitbringt, mit der er sich glaubhaft in dieser Natur bewegen kann.“ Und schon hatte Vogel die ungewöhnliche Rolle – als Ötzi.

Na gut, als der Steinzeitjäger, der Ötzi war, bevor er als Opfer eines Anschlags vor 5300 Jahren im Gletschereis verschwand. 1991 fanden Wanderer die bestens konservierte Mumie auf mehr als 3000 Meter Höhe in den Ötztaler Alpen in der Nähe des Tisenjochs. In seiner Schulter steckte eine Pfeilspitze. Die Rolle war auch für einen Darsteller mit Vogels reichhaltiger Erfahrung ein echter Leckerbissen: Beinahe im Alleingang trägt er den Rachethriller auf seinen Schultern. Regisseur Randau hat einen Krimi um den Tod des Steinzeitmenschen herumerfunden. Zwei Stunden in der Maske brauchte der Darsteller, um sich in die Titelfigur zu verwandeln. Gedreht wurde in der rauen Alpennatur.

Ob Jürgen Vogel wohl auch eine ganz andere Laufbahn hätte einschlagen können? Als Kind modelte er für das Versandhaus Otto. Ein kleines Vermögen, jedenfalls aus Kindersicht, sparte er sich zusammen – und legte es in eine imposante Musikanlage an, um auch weibliche Gäste beeindrucken zu können.

Dann aber fand Vogel den Weg in die Schauspielerei. Anders als mancher Kollege unterscheidet er nicht zwischen Fernsehen und Kino. Er ist in beiden Medien zu Hause, im “Nachtschicht“-Krimi, der Serie über das Berliner Hotel “Adlon“ oder jüngst im “Winnetou“-Dreiteiler. Genauso taucht er in schwierigeren Leinwandwerken wie etwa “Quellen des Lebens“ (Regie: Oskar Roehler) auf oder in betonten Spaßprodukten wie “Wickie und die starken Männer“ oder “Keinohrhasen“ (Regie: Til Schweiger). Mehrfach arbeitete er auch mit dem Regisseur Dennis Gansel zusammen (“Das Phantom“, “Die Welle“, “Die vierte Macht“).

Vogels Leib- und Magenregisseur aber ist zweifellos Matthias Glasner: Der Regisseur schreibt ihm die Rollen auf den Leib. Die herausforderndste war der Vergewaltiger in “Der freie Wille“, der seinen verbrecherischen Trieb nicht kontrollieren kann. Dieser Auftritt bescherte Vogel 2006 den Silbernen Berlinale-Bären als bester Darsteller.

Von Stefan Stosch

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