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Promi-Talk Sind Sie ein Kontrollfreak?
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20:01 22.07.2016
Talentiert, natürlich und begeisterte New Yorkerin: Greta Gerwig ist vom Woody-Allen-Fan zur Lieblingsmuse der US-Indiefilmszene geworden. Quelle: afp
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Frau Gerwig, wir sitzen hier am Gendarmenmarkt: Wie fühlt sich eine bekennende New Yorkerin in Berlin?
Beinahe wie zu Hause! Von beiden Städten gehen dieselben Schwingungen aus. Und beide sind für Fußgänger und Fahrradfahrer eine Freude. Ich hasse es, die ganze Zeit im Auto zu sitzen. Vor zwei Jahren war ich längere Zeit hier, ich saß in der Berlinale-Jury und hatte viel Zeit, die Stadt zu erkunden.

Und was ist in Berlin anders?
Hier geht keiner bei Rot über die Straße, oder? Ich stand mal in Frankfurt an einer Ampel, es kam kein einziges Auto, aber alle warteten. Erst war ich irritiert, aber dann wurde mir klar: Warum renne ich so? Ich habe es doch gar nicht eilig. Okay, um ehrlich zu sein: In New York habe ich mal einen Strafzettel bekommen, als ich mit dem Fahrrad bei Rot über die Straße bin. War ich wütend! Aber irgendwie ist es okay: Für Fahrräder sollten die Autoregeln gelten.

Können Sie sich noch unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen?
O ja, und ich genieße das. Ich wäre traurig, wenn ich mich nicht einfach in der Masse fallen lassen könnte. Der Platz, an dem ich mich am wohlsten fühle in New York, ist ein Verkehrsknotenpunkt in der 42. Straße. Zur Rushhour treffen da Leute aus fünf Richtungen aufeinander. Ich fühle mich richtig gut in solchen Momenten. Das möchte ich nie aufgeben müssen. Dann würde ich mir wie in einem Gefängnis vorkommen. Aber ich spiele ja auch nicht in Blockbustern mit.

Sie mögen Menschen?
Auf jeden Fall. Wir sind aber eine komplizierte Spezies. Mich interessiert sehr, warum Menschen etwas tun oder lassen. Und das Tollste ist, dass ich dieses Interesse mit meiner Arbeit verknüpfen kann.

Lehnen Sie es generell ab, in großen Hollywoodfilmen mitzumachen?
Das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. Diese Blockbuster-Produktionen meiden mich, und ich meide sie. Sie werden mir gar nicht erst angeboten, sodass ich sie ablehnen könnte. Wenn mich dann doch mal Leute unterwegs erkennen, dann deshalb, weil sie mögen, was ich tue. So eine Begegnung hat etwas Freundliches, Nachbarschaftliches, die Leute stellen sie auch nicht gleich auf Facebook. Mich erinnert das an meine Kindheit. Ich bin in Nordkalifornien aufgewachsen. Da riefen Bekannte bei meiner Mutter an und sagten: Ich habe gerade Greta gesehen, sie lief mit einem seltsamen Gesichtsausdruck die Straße runter. Mein New-York-Gefühl hat etwas Vertrautes, und so möchte ich es gerne belassen.

Bei welchem Blockbuster-Angebot würden Sie denn schwach werden?
Warten Sie ... Vielleicht, wenn Christopher Nolan der Regisseur wäre. Wenn er sagen würde, ich drehe einen Superhelden-Film, und du kannst die Sekretärin spielen, dann würde ich das tun. Nolan ist in meinen Augen ein Filmemacher, dem es auch bei solchen Big-Budget-Produktionen allein um den Film geht. Er behauptet im Studiosystem seinen Platz.

In Ihren Filmen wirkt New York wie ein Hauptdarsteller: Träumen Sie vom Kino, wenn Sie in den Straßen unterwegs sind?
Als Kind habe ich New York allein durch Filme kennengelernt – besonders durch Woody Allens Werke. Wenn ich heute durch die Stadt spaziere, denke ich dauernd über Filme nach. Das tue ich allerdings genauso anderswo, beinahe überall. Man kann regelrecht feststecken in solchen Assoziationen. Bei jedem witzigen Dialog, bei jeder komischen Begebenheit denke ich: Das könnte man vielleicht gut in einen Film einbauen. Manchmal befürchte ich sogar, das Leben dadurch zu verpassen.

Eine echte Gerwig-Rolle: In "Maggie's Plan" spielt die Schauspielerin an der Seite von Ethan Hawke eine Frau, die zwar ein Kind, aber keinen Mann möchte. Quelle: Verleih / Diaphana

Bringen Sie die Person Greta Gerwig und ihre Filmfiguren auch schon mal durcheinander?
Na ja, die Filme, die ich geschrieben habe, spielen in meiner Stadt New York. Ich tauche als New Yorkerin darin auf. Logischerweise verkörpere ich Frauen, die mein Alter haben. Und dann kommt auch noch die Art dazu, wie ich arbeite: Das ist ein langsamer Prozess. Über ein Jahr haben meine Regisseurin Rebecca Miller und ich zum Beispiel gebraucht, um die Maggie aus aus meinem aktuellen Film "Maggie's Plan" zu erschaffen: Wie sie sich kleidet, wofür sie sich interessiert, wie sie redet. Als ich Maggie dann endlich spielte, hatte ich das Gefühl, als ob diese Figur und ich verschmolzen wären.

Wenn Sie schon irritiert sind: Wie ergeht es dann wohl erst Ihren Zuschauern im Kino?
Dauernd sagen mir Leute: Diese Figuren sind so wie du. Aber dann sage ich mir: Ich kann doch gar nicht all diese Leute gleichzeitig sein! Im Grunde mag ich diese Nähe aber auch: Das Fiktive an den Filmen fühlt sich gleich weniger fiktiv an.

Ihre Figuren gehen mit einer eigenartigen Mischung aus Unsicherheit und Unabhängigkeit durchs Leben. Trifft diese Kombination auch auf Sie zu?
Eine Mischung aus Sicherheit und Unsicherheit zeichnet wohl jeden von uns aus. An Maggie mag ich aber das, was ich Reinheit des Herzens nennen würde. Sie hat das Bedürfnis, ihre innere Wahrheit zu erkennen und danach zu leben. Sie kennt so etwas wie Schuld gar nicht, davon ist sie ist in ganz gesunder Weise unbelastet. Selbst wenn sie falsche Entscheidungen trifft, bleibt sie sich selbst treu. Maggie weiß in ihrem Innersten die Antwort auf bestimmte Fragen schon lange, bevor sie diese ausspricht. Verstehen Sie, was ich meine?

Ich ahne es.
Andere kommen leicht durcheinander in ihrem Leben, sie überlegen dauernd, ob sie dieses oder jenes wollen sollten. Bei Maggie ist das anders. Und das ist eine gute Eigenschaft, glaube ich. Womöglich hat dieses Verhalten bei der Vorbereitung auf die Rolle ein bisschen auf mich abgefärbt.

Maggie ist ein Kontrollfreak. Sie auch?
Nein! Ich weiß, dass ich sowieso nicht alles kontrollieren kann. Deshalb versuche ich sehr zu unterscheiden: Manche Dinge will ich kontrollieren, bei anderen lasse ich es lieber gleich. Ich denke zum Beispiel nie darüber nach, welchen Platz ich im Flugzeug kriege: Mir ist ganz egal, wo ich sitze. Wenn die Maschine abstürzt, sind sowieso alle tot. Ich würde auch nie ein Hotelzimmer tauschen, das interessiert mich nicht. Ich interessiere mich auch nicht sonderlich dafür, welche Kleidung ich trage. Aber wenn ich ein Drehbuch schreibe, werde ich tatsächlich zum Kontrollfreak. Der Film soll genau so werden, wie ich ihn haben möchte.

Sie haben Woody Allen erwähnt. Mögen Sie es, wenn sie als dessen Nachfolgerin bezeichnet werden?
Klar. Er ist einer der Größten. Ich empfinde es als Ehre.

Sie leben beide in New York, haben beide mit Kino zu tun: Laufen Sie sich gelegentlich über den Weg?
Wir treffen uns jeden Montag! Nein, im Ernst: Für mich ist er wirklich eine große Persönlichkeit. Er hat einige meiner absoluten Lieblingsfilme gedreht. Als ich im College war, hingen in meinem Zimmer Poster von "Der Stadtneurotiker" und "Manhattan". Vor vier Jahren hatte ich das Glück, in "To Rome with Love" mitspielen zu dürfen. Aber ich kenne Woody Allen nicht wirklich. Ich weiß nicht einmal, ob er sich noch an mich erinnern würde. Na ja, das vielleicht doch. Er hat vielleicht maximal 15 Sätze zu mir gesagt. Aber an die werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern.

Haben Sie bei den Dreharbeiten versucht, von ihm zu lernen?
Auf jeden Fall! Das mache ich immer bei den Regisseuren, mit denen ich drehe. Mein Lieblingsmoment mit Woody Allen war, als wir im Dunkeln außerhalb Roms gedreht haben. Er hatte riesige Regenmaschinen im Einsatz, alles war nass und gefährlich rutschig. Er lief ganz allein herum, ich war ein paar Schritte hinter ihm und hörte ihn sagen: "Genau das, was ich möchte: Das hier ist die größtmögliche Chance, mich zu verletzen." Das war für mich Woody Allen: Er hatte einen Witz nur für sich selbst gemacht! Er ist sogar dann noch komisch, wenn er gar nicht ahnt, dass Zuschauer in der Nähe sind. In diesem Augenblick schien sich für mich ein Fenster zu Woody Allen zu öffnen.

Zur Person

Die große Kunst der Natürlichkeit: Greta Gerwig als Tänzerin Frances in einer Szene des Kinofilms "Frances Ha". Quelle: Pine District, LLC./MFA+ FilmDistribuion e.K. / dpa

Ursprünglich wollte Greta Gerwig Tänzerin werden, daraus wurde nichts. Zumindest ansatzweise hat sie ihren großen Traum jedoch ins Kino gerettet: In beinahe jedem ihrer Filmen gibt es Tanzeinlagen, und die sehen so selbstverständlich aus wie beinahe alles, was die 32-Jährige vor der Kamera zeigt. Diese Natürlichkeit ist Gerwigs Markenzeichen und hängt ganz gewiss auch damit zusammen, wie ihre beeindruckende Karriere als Darstellerin begann.

Greta Gerwig, 1983 in Sacramento geboren, begann als Star der "Mumblecore"-Szene, also in kleinen Independent-Produktionen, in denen junge Leute auf improvisierter Basis ihre Gefühlslage und ihre Beziehungen verhandeln. In diesen technisch oft suboptimalen Werken – "Mumble" bezieht sich auf das gelegentlich schwer zu verstehende Gemurmel auf der Tonspur – entdeckte Regisseur Noah Baumbach die junge Schauspielerin. Er zögerte nicht lange und besetzte Gerwig erst in "Greenberg" (2010), dann in "Frances Ha" (2012) und schließlich in "Mistress America" (2015). Sie wurde zu seiner Muse.

Heute gilt Gerwig als Prototyp einer zögerlichen, zweifelnden, mit sich selbst hadernden Frau, die vornehmlich damit beschäftigt ist, nach dem richtigen Weg im Leben zu suchen. Dabei darf es ruhig ein bisschen neurotisch zugehen. Von der harten Arbeit bei der Entwicklung dieser Figuren ist bei Gerwig auf der Leinwand partout nichts mehr zu erkennen, und das ist große Kunst.

Die studierte Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Gerwig schreibt bei vielen ihrer Filme an den Drehbüchern mit – besonders gerne mit Regisseur Noah Baumbach zusammen, der inzwischen auch ihr Partner im wirklichen Leben ist. In ihrem aktuellen Film "Maggie's Plan" (deutscher Kinostart: 4. August) hat sich Gerwig allerdings ganz in die Hände von Regisseurin Rebecca Miller begeben.

Greta Gerwig als Dawn (r) verbschiedet sich in einer Szene des Films "Wiener Dog" von ihren mexikanischen Wegbegleitern. Der Film kommt am 28.07.2016 in die deutschen Kinos. Quelle: Prokino Filmverleih / dpa

In der New-York-Komödie mit Ethan Hawke und Julianne Moore ist Gerwig als eine Universitätsdozentin zu sehen, die zwar ein Kind, aber keinen dazugehörigen Mann in ihrem Leben haben will. Es kommt dann erst mal anders als erwartet, aber bald wird Maggie der Ehemann lästig und sie weiß sich ganz pragmatisch zu helfen.

Gerwig ist kein handelsüblicher Star, aber im Kinogeschäft inzwischen ausgesprochen begehrt. Das zeigen einige andere Projekte, in denen wir sie demnächst sehen werden: Unter der Regie von US-Filmemacher Todd Solondz ist sie ganz aktuell in der bitterschwarzen Komödie "Wiener Dog" dabei, ebenso hat sie einen Part in der Jackie-Kennedy-Biografie "Jackie" von Pablo Larraín (die Titelrolle hat Natalie Portman übernommen).

Vor allem verwirklicht Gerwig nun einen anderen großen Traum neben dem Tanzen: Sie führt erstmals Regie und hat auch das Skript geschrieben. "Lady Bird" wird sie an den Schauplatz ihrer Kindheit nach Sacramento führen. Dort kennt Gerwig sich schließlich bestens aus  – die richtige Voraussetzung dafür, dass sich ein Film ganz natürlich anfühlt. Und für dieses Gefühl ist Greta Gerwig nun mal Expertin.

Von Stefan Stosch

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