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Sind Sie ein besinnlicher Typ?

Achim Reichel im Interview Sind Sie ein besinnlicher Typ?

Achim Reichel ist eine deutsche Poplegende. Der Hamburger hat die Beat-Generation mitgeprägt, Shantys gesungen und dem Krautrock den Boden bereitet. Mit Marco Nehmer spricht der 73-Jährige über Weihnachten, Wandelbarkeit und das späte Glück, als musikalischer Vorreiter zu gelten.

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Rocker, Avantgardist, Shantysänger – Achim Reichel bleibt ein Suchender.

Quelle: Hinrich Franck

Hamburg.  

Herr Reichel, welches ist Ihr Lieblingsweihnachtslied?

Ganz frank und frei: “Stille Nacht, heilige Nacht“.

Warum gerade “Stille Nacht“?

Das ist eines von den Liedern, die ich schon seit frühester Kindheit im Blut habe. Es ist erstaunlich, wie man das mit sich herumträgt. Ein richtiges Stück Kultur.

“Tönt es laut von Ferne und Nah: Christ, der Retter ist da!“, heißt es darin. Das klingt nach einer Art Heldendichtung.

Es ist hier wie bei so vielen Texten, die einhundert Jahre und mehr hinter sich haben – sie bewegen sich sprachlich auf einer Ebene, die sich uns heute oft gar nicht mehr erschließt. Ich finde aber, das ist auch ein Reiz der Sache, dass man das nicht eins zu eins auf heutige Verhältnisse übertragen kann. Es ist etwas Rituelles und Kultisches.

Sind diese alten Lieder noch zeitgemäß?

Wir leben in einer Zeit, in der alle Lebensbereiche von kommerziellem Interesse umlauert sind. Und da haben diese alten Lieder irgendetwas in sich, einen alten Zauber, der immer noch wirkt. Das liegt oft auch an den Melodien und nicht nur an den Worten.

Haben Sie mal daran gedacht, selbst ein Weihnachtsalbum aufzunehmen?

Ein ganzes Album? Dafür ist mir Weihnachten zu kommerzversaut. Ich habe mal einen Bonustrack, “Lächeln Sie doch mal, es ist Weihnachten“, auf einer Platte gehabt: “Es war am Weihnachtsabend, kurz vor Ladenschluss. Ich wollt’ noch schnell was besorgen, Getränke und ’n Tann’baumfuß.“ Das war die Geschichte von einem, der völlig gestresst in die Stadt fährt für die letzten Weihnachtsbesorgungen. Ein etwas anderes Weihnachtslied.

Der Song ist von 1997. Was hat sich seither geändert?

Das hat eher noch zugenommen. Zu Weihnachten will man sich selbst beschenken und die Freunde, die einen umgeben. Dass das Ganze mal ein christliches Fest war, wird da nicht mehr deutlich.

Wie halten Sie es mit der Religion?

Ich glaube daran, dass es Dinge gibt, die über die Grenzen des Erfahrbaren hinausgehen. Ob man das gleich Gott nennt, bleibt jedem selbst überlassen. Ich bin aber schon ein gläubiger Mensch – ich kann mir auch gar nicht anders erklären, wie ich in über 50 Jahren Karriere so viel Glück haben konnte. Manchmal habe ich das Bedürfnis, eine Kerze aufzustellen und mich zu bedanken.

Einer Ihrer großen Hits, “Der Spieler“ von 1981, beginnt mit den Worten “Es ist mitten im Winter im tiefen Schnee. Es ist späte Nacht im Kasino an der See.“ Erklären Sie doch bitte mal der nachwachsenden Generation, was tiefer Schnee ist.

Wir erleben einen Klimawandel ohnegleichen. Das ist eine ganz ernsthafte Sache. Möglicherweise ist es tatsächlich so, dass Schnee in der Weihnachtszeit keine Rolle mehr spielt. Das war mal ganz anders. Man kann sich nur an den Kopf fassen und denken: Mit welchem Feuer spielen wir eigentlich?

Sie haben 1996 für Greenpeace einen Song zur Katastrophe um die “Exxon Valdez“ aufgenommen. Wie wichtig ist Ihnen das Thema Umweltschutz?

Das ist mir schon sehr wichtig. Ich bin einer, der gar nicht weiß, wie er mit seinem schlechten Gewissen umgehen soll, weil er ein Dieselfahrzeug fährt. Die Welt ist in einem so widersprüchlichen Zustand. Das kann einen nachdenklich machen. Wobei es aber völlig legitim ist, auch mal seine Zeit zu genießen. Der Mensch braucht Momente, wo er die Sorgen mal beiseite lässt und tief Luft holen kann.

Sind Sie ein in sich ruhender Mensch?

Ich denke schon. Ich habe allen Grund, mit mir zufrieden zu sein. Ich bin ein Glückspilz, weil das mit meinen wechselnden musikalischen Phasen alles funktioniert hat, ohne dass ich aus der Kurve geflogen bin.

Wie schafft man das?

Man muss mit dem Talent verantwortungsvoll umgehen, ehrlich sein, den Leuten keinen Scheiß vormachen. Deshalb habe ich mich auch irgendwann dazu entschlossen, nur noch Dinge zu veröffentlichen, die ich auch selbst mag.

Nach der Devise ist auch Ihr Projekt A. R. & Machines entstanden – eine experimentelle Schaffensphase Anfang der Siebzigerjahre.

Ich war bis dahin mit zwei Bands (The Rattles und Wonderland, d. Red.) sehr erfolgreich unterwegs, aber ich hatte das Gefühl: Wir machen hier eine Musik, die ist von Sound und Sprache her nicht unsere. Es gab damals so ein komisches Kompliment: “Wenn man nicht wüsste, woher ihr kommt, könnte man denken, ihr wärt Amerikaner oder Engländer.“ Ich war auf der Suche nach einer eigenen musikalischen Ausdrucksform. Und als ich mit meinem Tonbandgerät herumspielte und dabei die Soundschleife, den Loop-Effekt, entdeckte, da ging bei mir ein Scheunentor auf und ein Kronleuchter kam dazu. Ich war derartig begeistert davon, dass es mir egal war, ob das erfolgsfähig ist.

Die Musik von A. R. & Machines wirkt in sich gekehrt.

Auch wenn das gebogen klingen mag, aber Weihnachtsmusik hat auch Berührungspunkte zu der Musik von A. R. & Machines. Das ist besinnliche Musik zum Zurücklehnen. Man kann die Beine hochlegen und sich davontragen lassen, man kann sie erleben wie ein Klavierkonzert.

Das Material hatte viel Staub angesetzt. Warum jetzt die Neuauflage?

Ich dachte eigentlich, das wäre eine Phase, die abgefrühstückt ist. Und jetzt bin ich ein 73-jähriger Mann, der einsieht: Du warst möglicherweise einfach deiner Zeit voraus.

Die Resonanz ist zurzeit gewaltig. Steckt darin auch eine Genugtuung?

Das muss ich zugeben. Es hat mich insgeheim gewurmt, dass das eine Musik war, die zu früh auf die Welt losgelassen wurde. Vier Jahrzehnte später sagt man mir nach, ich hätte das Looping, das heute aus der Musiklandschaft nicht mehr wegzudenken ist, vorweggenommen. Da fühle ich mich schon gebauchpinselt.

Der Messias der experimentellen Musik. Fast schon wieder weihnachtlich.

Ich habe eben von dem eigenen Ding geträumt, von Musik, die es so nur in Deutschland gibt. Ein anspruchsvoller Traum. Der aktuelle Erfolg kam aber erst, nachdem das Ausland gesagt hat: Das ist toll. In Deutschland geht es immer nur darum, ob etwas Erfolg verspricht. Es wird nicht an einer ernsthaften Populärkultur gearbeitet, die mehr will als nur gute Laune verbreiten. Das empfinde ich als sehr eingeschränkt. Da macht man den Menschen etwas vor – das Publikum ist doch viel reifer. Ich schrieb einmal in einem Song: Früher waren wir Dichter und Denker, heute sind wir Dealer und Banker.

Und wer ist Achim Reichel nun? Krautrocker, Hamburger Beatle, Literaturvertoner, Shantysänger?

Ich bin einer, der versucht, Brücken zu bauen zwischen unseren kulturellen Wurzeln und modernen Ausdrucksmitteln – zum Beispiel dem rockigen Rhythmus. Es gibt Anekdoten aus dem Schulunterricht, wo Schüler deutsche Gedichte wegen meiner Gedichtplatten auswendig konnten. Da denke ich: Alter, du bist gar nicht so schlecht unterwegs mit deinen Brückenbaukonzepten.

Wie werden Sie Weihnachten feiern?

Auf jeden Fall besinnlich. Man macht es sich gemütlich, holt sich etwas Leckeres zu essen, man sitzt mit Freunden am Tisch und plaudert, lässt es sich gut gehen und freut sich des Lebens.

Und was steckt am Nikolaustag in Achim Reichels Nikolausstiefel?

Ich liebe Lübecker Marzipan (lacht). So lange ein Marzipanbrot in meinem Nikolausschuh ist, ist die Welt in Ordnung.

Zur Person: Achim Reichel

“Come on and sing!“ – Achim Reichels Karriere beginnt Anfang der Sechzigerjahre bei den Rattles, die er als Sänger und Gitarrist zur prägenden deutschen Band der Beat-Ära macht. Er tourt durch England mit den Rolling Stones, Bo Diddley und Little Richard, tritt wie die Beatles im Hamburger Star Club auf und macht sich einen Namen als deutsches Pendant zu den Fab Four aus Liverpool. Achim Reichel, der deutsche Beatle. 1966 sind die Rattles Anheizer bei der einzigen Deutschlandtour der Beatles. Die Band landet einige nationale wie internationale Hits.

1967 folgt dann der erste Bruch in der Karriere des Achim Reichel: Der am 28. Januar 1944 in Wentorf bei Hamburg geborene Musiker wird zum Wehrdienst beordert. Zweifelhafter Ausdruck seiner damaligen Berühmtheit: Der Kasernenfriseur verkauft Reichels gestutztes Haupthaar büschelweise via Kleinanzeige in dem Musikmagazin “Musikexpress“.

Nach dem Wehrdienst geht es zurück in die Musik. Reichel gründet Wonderland. Heute würde man dem Projekt das Attribut „Supergroup“ verleihen: James Last als Produzent, Les Humphries als Organist. Wonderland wirft erneut einige Hits ab, vor allem das psychedelische “Moscow“ (Jahrzehnte später Schlüsselsong in Leander Haußmanns Ostalgiekomödie “Sonnenallee“). Aber es ist das ganz große “eigene Ding“, wovon Achim Reichel träumt: “Man fragt sich: Was machst du hier eigentlich? Nur gute Laune oder geht da eigentlich auch noch was anderes?“

Reichel experimentiert – und entdeckt zufällig mit seinem Tonbandgerät den Loopeffekt. Er erschafft damit psychedelische Gitarren-Klangwände – A. R. & Machines ist geboren. Das Album “Die grüne Reise“ wird stilbildend, es folgen vier weitere Platten.

Reichel wird mit dieser von 1970 bis 1974 währenden experimentellen Phase zum Pionier des Krautrock, zum Wegbereiter elektronischer Musik. Kritiker sehen A. R. & Machines als Keimzelle späterer Sounds wie Trance und Industrial, vergleichen Reichels Platten mit den Arbeiten von Kraftwerk und Tangerine Dream. Nach vier Jahren ist aber Schluss, und Reichel vollzieht den nächsten Wandel: Er vertont auf “Dat Shanty Alb’m“ (1976) und “Klabautermann“ (1977) alte deutsche Shantys und Seefahrerlieder, auf „Regenballade“ (1978) dann deutsche Lyrik. Die erfolgreichen Achtzigerjahre sind geprägt von Reichels Zusammenarbeit mit dem Texter und Romanautor Jörg Fauser – bis dieser 1987 bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Reichel schreibt nun seine Songlyrik selbst und landet 1991 zwei Gassenhauer, die ihn bis heute begleiten: “Aloha Heja He“ und “Kuddel Daddel Du“ – letzterer frei gestaltet nach der Seemannsfigur von Joachim Ringelnatz.

Achim Reichel, der mit seiner Frau in Hamburg lebt, absolviert seither regelmäßig erfolgreiche Tourneen, brachte in den letzten Jahren beständig Studio- und Live-Alben heraus, zuletzt 2015 das Album „Raureif“. Das Jahr 2017 war für den mittlerweile 73-Jährigen aber zweifelsohne eines der erfolgreichsten: Im September brachte er sein A. R.-&-Machines-Material auf die Bühne der Hamburger Elbphilharmonie, am 27. Oktober erschienen die fünf Alben seiner experimentellen Phase samt Bonusmaterial als zehn CDs umfassendes Boxset unter dem Titel “The Art of German Psychedelic 1970 – 1974“.

“Es gab auch in meiner Karriere Situationen, wo es sich im unteren Bereich bewegte. Die Erfolgsabhängigkeit ist ein schwieriges Kapitel“, blickt Reichel demütig, aber zufrieden zurück. Im Januar wird er 74 Jahre alt. Und wie geht es danach für ihn weiter? Mal sehen. Achim Reichel, der Mann mit den vielen Gesichtern, ist immer für eine überraschende Wendung gut.

Von Marco Nehmer

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