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Wären Sie gern unsterblich?

Interview mit Martin Suter Wären Sie gern unsterblich?

Für den Schweizer Schriftsteller ist Gentechnik eher Segen als Fluch – und sogar ein Zeichen des Respekts vor der Schöpfung, wenn sie dazu beiträgt, Menschen zu heilen.

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Ein Herz für rosa Elefanten: Martin Suter

Quelle: Foto: Getty Images

Hannover.  


Der rosa Elefant ist im Englischen eine Redewendung für eine alkoholbedingte Halluzination. Weshalb, glauben Sie, erscheint gerade diese Vorstellung so fantastisch, dass nach ihr ein Rausch benannt ist?

Ich nehme an, es hat damit zu tun, dass es in Wirklichkeit – wenigstens bis heute – keine rosa Elefanten gibt. Eine Halluzination zu haben bedeutet, Dinge zu sehen, die es nicht gibt. So gesehen ist das englische Bild des rosa Elefanten präziser als das deutsche. Weiße Mäuse gibt es bekanntlich.

Wie würden Sie reagieren, wenn Ihnen ein kleiner rosafarbener Elefant erscheinen würde, wie dem Protagonisten Ihres neuesten Romans?

Bevor ich das Buch geschrieben habe, hätte ich wahrscheinlich ähnlich wie mein Protagonist reagiert, je nachdem, was und wie viel ich davor getrunken hätte. Aber jetzt, nach all den Recherchen, würde es mich wohl nicht mehr so vom Hocker hauen, wenn mir ein kleiner rosaroter Elefant begegnen würde. Ich hätte ziemlich schnell an Genmanipulation gedacht.

In Ihrer Geschichte versuchen skrupellose Forscher, kleine leuchtende Tiere zu züchten, um mit den „Glowing Animals“ als Luxusspielzeug Geld zu machen. Was prognostizieren Sie: Wird die Menschheit in 100 Jahren die ethischen Bedenken gegenüber Genforschung abgelegt haben?

Meine Hoffnung ist immer noch, dass die ethischen Bedenken der Menschheit in jeder Beziehung stärker werden. Aber ich weiß auch, dass das, was machbar ist, früher oder später gemacht wird. Kommt dazu, dass es nicht um die ethischen Bedenken der gesamten Menschheit geht. Ein paar wenige Personen, die keine hegen, genügen schon.

Welche konkreten Zukunftsszenarien könnten Sie sich jenseits von leuchtenden Tieren vorstellen?

Wenn wir die Genmanipulationen bei Tierversuchen betrachten, wird uns schnell klar, dass diese früher oder später am Menschen angewendet werden. Die Herstellung von menschlichen Ersatzteilen ist ein Thema oder die von Zellen, die gegen alles, woran wir heute noch sterben, immun sind.

Die Debatte bewegt sich zwischen den Polen wissenschaftlicher Fortschritt kontra Respekt vor der Natur. Wo verorten Sie Ihre eigene
Meinung?

Nun, das Heilen von Krankheiten und das Erhalten von Leben kann ja auch als Respektsbezeugung gegenüber der Natur betrachtet werden. Man kann und soll den wissenschaftlichen Fortschritt nicht verbieten. Man muss sich aber klar sein, dass der Versuch, ihm Grenzen zu setzen, mit größter Wahrscheinlichkeit scheitern wird.

Sie schreiben, dass Schöpfung und Evolution in gewisser Hinsicht dasselbe sind, also etwas ohne Eingriff des Menschen Gewordenes. Ist es da doppelt anmaßend, in dieses natürliche Gefüge eingreifen zu wollen?

Es ist eine der Protagonistinnen, die glaubt, dass der Unterschied zwischen Schöpfung und Evolution nur ein zeitlicher ist. Das eine dauerte sieben Tage, das andere Jahrmillionen. Aber sie sagt, dass hinter beidem ein Plan, eine höhere Macht steht. Ob die Aufdeckung dieses Plans – denn als solche könnte man die Entschlüsselung des Genoms bezeichnen – bereits eine Anmaßung ist, weiß ich nicht. Seine Manipulation aber, also die Veränderung des Erbguts, gehört schon eher in diese Kategorie.

Welche Rolle spielt Religion für Sie persönlich bei dieser Diskussion?

Ich bin – leider, hätte ich fast gesagt – kein religiöser Mensch, aber ich begegne denen, die es sind, mit Respekt, Bewunderung und etwas Neid. Doch die Frage ist von einem religiösen Standpunkt aus wahrscheinlich gleich schwer zu beantworten wie von einem evolutionären. Ob man in die Schöpfung eingreift oder in die Evolution – der Maßstab muss wohl sein, zu welchem Zweck dieser Eingriff geschieht, zu einem guten oder zu einem frivolen.

Erfüllt Sie der Gedanke von der genetischen Entschlüsselung des
Menschen mit Angst oder eher mit Hoffnung?

Mit Angst vor dem Schindluder und mit Hoffnung auf verantwortungsvollen Umgang.

Genforschung verheißt eine Annäherung an das Ideal der Unsterblichkeit. Ist dies ein erstrebenswertes Ziel für Sie?

Ich weiß nicht, ob die Unsterblichkeit ein so erstrebenswertes Ziel ist, irgendwann hat man wohl vom Leben die Nase voll. Aber die Vorstellung, diesen Zeitpunkt ganz allein bestimmen zu können, ist schon sehr verlockend.

Man hat den Eindruck, dass das Thema im Zuge akuter Krisen derzeit aus dem Fokus geraten ist. Wollen Sie die Debatte mit Ihrem Roman neu beleben?

Ich schreibe keine Romane, um Debatten auszulösen oder neu zu beleben. Ich will einfach Geschichten erzählen, die auf der ersten Seite beginnen und auf der letzten enden. Wenn die eine oder andere darüber hinaus noch etwas nachwirkt, habe ich allerdings auch nichts dagegen.

Sie verknüpfen in Ihrem Roman das Thema Wissenschaft mit der Geschichte eines Mannes, der aus enttäuschter Liebe zum Obdachlosen wird und sich des Elefanten annimmt. Wie kamen Sie darauf, dieses Milieu zu thematisieren?

Ich wollte nicht ein bestimmtes Milieu thematisieren, in meinen Geschichten drängen sich die Milieus meistens auf. Ich brauchte eine Figur, bei der es wahrscheinlich ist, dass sie in einer Höhle oder einem verlassenen Gebäude oder einem Kellerloch auf einen kleinen rosa Elefanten stößt und glaubt, es sei eine Alkohol-Halluzination. So kam ich auf den Obdachlosen, und schon war ich drin in seinem Milieu.

Sie berücksichtigen in Ihrer Danksagung auch die Verkäufer eines

Obdachlosenmagazins. Wie sahen Ihre Feldstudien zum Thema aus?

Der Verein, der das Straßenmagazin „Surprise“ herausgibt, veranstaltet dankenswerterweise auch Gassentouren, Führungen durch die Unterwelt der Randständigen und Obdachlosen. An einer solchen habe ich teilgenommen, und die Kontakte, die ich geknüpft habe, haben mir später weitergeholfen.

Sie haben sonst ja eher vom anderen Ende der Gesellschaft berichtet – mit Ihren Geschichten aus der Business-Class. Haben Sie oft die Erfahrung

gemacht, dass auf Höhenflüge der freie Fall folgte?

Meine Romane spielen in sehr unterschiedlichen Gesellschaftsschichten. Ich glaube auch nicht, dass es eine Gesetzmäßigkeit gibt, die dafür sorgt, dass auf den Höhenflug der freie Fall folgt. Im richtigen Leben kann man auch aus geringer Höhe stürzen und hart aufschlagen. Was hingegen stimmt, ist, dass in der Fiktion eine große Fallhöhe leichter für Spannung sorgt.

Sind Sie selbst schon einmal einem Elefanten außerhalb des Zoos begegnet oder haben Sie sonst eine besondere Beziehung zu diesem Tier?

Ich bin einmal in einem Landrover von der Schweiz bis nach Kenia gefahren und habe ein paar Nahbegegnungen mit Elefanten erlebt. Aber eine besondere Beziehung zu Elefanten habe ich erst entwickelt, als ich diesem winzigen, rosaroten, leuchtenden begegnet bin.

Vom Werbetexter zum erfolgreichsten Schriftsteller der Schweiz

Wer die klare Prosa von Martin Suter kennt, wird bei Lesungen oder im Interview überrascht. Denn der Schweizer Autor spricht mit einem so intensiven Akzent, dass ein Deutscher mit ungeübten Ohren sich schon ein bisschen konzentrieren muss, um alles zu verstehen.

Der 68-jährige Autor ist ein Garant für kurzweilige Lektüren, in seinen Büchern greift er oft gesellschaftliche Themen auf. In „Montecristo“ (2015) etwa geht es um die Finanzkrise.

Suter hat eine Vorliebe für Personen, die über sich selbst hinauswollen und dabei auf die schiefe Bahn geraten. In „Lila, Lila“ (2004) gibt sich der Protagonist als Autor aus, in „Die dunkle Seite des Mondes“ (2000) sucht ein Wirtschaftsanwalt durch halluzinogene Pilze seinen Horizont zu erweitern.

Suter pendelte mit seiner zweiten Frau und seiner Tochter zwischen Ibiza und in Panajachel am Lago de Atitlán in Guatemala, inzwischen lebt die Familie in Zürich. Nach einer Ausbildung als Werbetexter gründete er eine Werbeagentur und war Präsident des Art Directors Club der Schweiz. Von 1992 bis 2004 war er für die wöchentliche Kolumne „Business Class“ in der „Weltwoche“ verantwortlich, die Folgen sind auch in Buchform erschienen. Der erste Roman „Small World“ 1997 wurde gleich zum Erfolg.

Wie auch in seinem neuen Roman „Elefant“, der am 18. Januar erscheint, unterlegt der Autor seine Geschichten oft mit einer krimihaften Spannungskurve.

Viele seiner Werke wurden verfilmt, etwa „Lila, Lila“ mit Daniel Brühl und Henry Hübchen (2009), „Small World“ mit Gérard Depardieu (2010), „Der Koch“ aus dem Jahr 2010 über die aphrodisierende Wirkung von Essen (2014) oder „Die dunkle Seite des Mondes“ mit Moritz Bleibtreu (2015).

In seinem jüngsten Roman geht es um einen Zwergelefanten, der die Farbe eines Marzipanschweinchens hat. Das possierliche Tier ist das Ergebnis von Genversuchen, ein skrupelloser Geschäftsmann möchte Luxusspielzeuge züchten.

Die in verschiedenen Zeiten spielende Handlung wird von der Jagd auf den Elefanten bestimmt, der dem Zugriff des Züchters zwischenzeitlich entkommt. Das Tier findet verschiedene Beschützer, darunter auch einen Obdachlosen. Wie hier das Leben eines Außenseiters durch das außergewöhnliche Wesen verändert wird, ist anrührend mitzuverfolgen. may

Martin Suter: „Elefant“, Diogenes-Verlag; 352 Seiten, 24 Euro

Von Nina May

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