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Promi-Talk Was macht gutes Leben aus?
Sonntag Promi-Talk Was macht gutes Leben aus?
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20:01 02.09.2016
Spagat zwischen Jazz und Pop: Till Brönner ist ein kreativer Tausendsassa und Deutschlands bekanntester Jazzer. Ein Interview über sein neues Album "The Good Life" und die Entstehung besonderer Musikmomente. Quelle: Another Dimension/Bitesnich
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Ihr neues Album heißt "The Good Life", benannt nach dem ersten Track von Sacha Distel und Jack Reardon. Welche drei kleinen Dinge machen ein gutes Leben aus?
Eine Uhr, die man immer mal wieder gerne anschaut. Hat gar nichts mit dem Preis zu tun, es muss eine sein, die zu einem passt – das sind so die Dinge, die nahe an einem dran sind. Ein gutes Glas Wein, das aber tatsächlich so gut und so teuer wie möglich, weil man davon nämlich gar nicht viel trinken muss. Und das, was eben gar nicht so klein ist, aber so wichtig: kurze Momente, in denen man allein ist, ohne sofort der Einsamkeit zu erliegen. Allein ist ein sehr großes und ein sehr kleines Wort gleichzeitig.

Beim Hören von "The Good Life" fällt eine gewisse Leichtfüßigkeit auf. Da steckt ein entspannter Swing drin, so ein Schlendern, Federn im Sound, selbst in den eher getragenen, balladesken Stücken. Woher kommt das?
Ich denke, dass es seinen ersten Impuls in der Wahl der Rhythmusgruppe hat (Schlagzeuger Jeff Hamilton und Bassist John Clayton, d. Red.). Wir wussten, dass dieser Klang, diese Form von Leichtfüßigkeit abhängig von Musikern der Extraklasse sein würde. Das ist die Kunst von Produzenten, hier die richtige Wahl zu treffen. Von dort war es eigentlich nur noch die Frage, was für ein Repertoire wir aufnehmen, eine weitere Komponente, die den Klang maßgeblich mitgestalten kann. Und wir haben mehr Musik aufgenommen, als es final aufs Album geschafft hat. Man lässt die Schwachstellen einfach weg.

Meinen Sie damit den Song selbst?
Den Song selbst nicht so sehr, sondern die Interpretation. Auch das ist ja immer so ein bisschen Biorhythmus, Formsache, Tageszeit. Die Platte wurde in zweieinhalb Tagen aufgenommen, und dabei haben wir uns schon Zeit lassen können. Die hätte man im Prinzip auch an einem Tag machen können. Aber wir haben zwischendurch Kaffeepause gemacht, sind mal in die Sonne auf den Sunset Boulevard rausgetreten, und hatten das Gefühl: Für heute war's die Dosis.

Am Ende des Stücks "Sweet Lorraine" ist sogar so ein kurzes, lachendes Schnaufen zu vernehmen. Kam das einfach so und blieb?
Beim ersten Aufnehmen ist mir das gar nicht aufgefallen. Beim Mix werden die Details dann jedoch sichtbarer und die Schrauben immer noch mal ein bisschen angezogen. Und dann blieb der Schnaufer am Ende drauf.

Der wirkt ja auch sympathisch …
Es ist ja ein Lied, das in gewisser Weise leicht am Kitsch entlangsegelt. Aber es ist ein extrem altes Lied, aus den Zwanzigerjahren, und vor dem Hintergrund geht das in Ordnung.

Aus meiner Sicht ist es noch mehr Ihr Gesang als das Trompetenspiel, der diese Leichtigkeit transportiert. Empfinden Sie das auch so?
Danke, freut mich. Nicht, weil ich da so viel reingelegt hätte, sondern weil die Leichtfüßigkeit etwas ist, was bei Produktionen vielleicht sogar noch ein bisschen höher stehen darf als Virtuosität. Auf der Trompete bin ich in den letzten Jahren in der Hauptsache damit befasst, was ich weglassen könnte. Es gibt bis heute Menschen, die sagen: Mein Gott, was soll die Säuselei, gib doch mal endlich Gas auf der Trompete. Das tue ich durchaus, aber eher bei Konzerten. Auf CD zählt das große Ganze für mich.

Auf CD lieber etwas zurückhaltender, dafür live Gas geben: Till Brönner spielt nicht nur Trompete, sondern singt auch und spielt Klavier. Quelle: dpa

Sie sprechen von Ihrem persönlichsten Album seit Langem und dass die Songs Ihnen aus dem Herzen sprächen und davon, dass sie einen Weg in die Seele zeigen. Aber es sind doch überwiegend Fremdkompositionen, wie geht das zusammen?
Selbst wenn ich als Instrumentalist ein Stück spiele, bleibt der Text eine Aussage, die ich selber treffe. Und auch wenn dieser Text nicht hörbar wird, steht er im Raum. Benny Golson, der als Saxofonist bei Art Blakey gespielt und so viele Jazz-Hits geschrieben hat, erzählte mir, er sei zum Konzert von Ben Webster gegangen, und mitten im Stück hätte Ben Webster aufgehört zu spielen und zwar für ungefähr 35 Sekunden, was während des Solos eine sehr lange Zeit ist. Nach dem Konzert befragte Golson ihn: "Das war so schön heute Abend, aber sag mal, was ist denn eigentlich an der Stelle passiert, wo du unterbrochen hast?" Und dann sagte Ben Webster: "Ich hatte für einen Moment den Text vergessen." Ich glaube, dass immer noch wahnsinnig viele Instrumentalisten ganz sorglos Stücke spielen, nur weil man den Text nicht hört. Genau das hat mir die Sicherheit gegeben: Auch wenn ich mir das große amerikanische Songbook heraussuche, müssen es Texte sein, die etwas über mich erzählen können.

Was hat Sie überzeugt, dass gerade diese beiden Eigenkompositionen auf dem neuen Album, "O Que Resta" und "Her Smile", das Zeug haben, neben diesen Meilensteinen bestehen zu können?
Das ist eine gute Frage, und um ehrlich zu sein, weiß man das nie. Es besteht zunächst kein Anlass, davon auszugehen, dass es bei Hits, die so um die Welt gegangen sind, auch nur ansatzweise gelingen könnte. Man hört sich den Direktvergleich an und spürt es ziemlich schnell, was man noch mal in der Schublade lässt. Da sind wir schon wieder beim Weglassen. Es geht eigentlich oft ums Weglassen.

Ein Kritiker bezeichnete Sie mal als "einzigen deutschen Jazzer von Weltruf". Haben die da nicht einige vergessen, etwa Klaus Doldinger, Joachim Kühn, Albert Mangelsdorff oder Michael Wollny?
Natürlich, und ich würde das auch nie sagen. Ich glaube, es gibt viel bessere Jazzmusiker als mich in Deutschland, und es gibt sicher mit Klaus Doldinger einen, der es damals mit Passport weltweit geschafft hatte. Die Bekanntheit steht wiederum auf einem anderem Blatt.

Dennoch waren Sie der einzige Jazzkünstler aus dem deutschsprachigen Raum, der mit 45 anderen – darunter Herbie Hancock, Pat Metheny, Aretha Franklin, Sting, Wayne Shorter, Jamie Cullum und Al Jarreau  – am 30. April zum fünften International Jazz Day der Unesco von Barack Obama ins Weiße Haus eingeladen wurden. Können Sie sich noch an Ihre Reaktion auf diese Einladung erinnern?
Ja, natürlich, ich habe vor allem nicht damit gerechnet, weil ich im letzten Jahr in Paris beim International Jazz Day auch schon dabei war. Dann kam aber doch die Einladung und ich dachte: "Wahnsinn, das guckste dir mal an!"

Sie haben Ihr neues Album mit Top-Jazzern aufgenommen, darunter Drummer Jeff Hamilton, der Sie schon auf Ihrem Solo-Debütalbum begleitet hat, und Bassist John Clayton. Waren diese erfahrenen Männer notwendig, um dem Great American Songbook gerecht zu werden?
Ich empfinde das so, weil das Menschen sind, die schon seit Jahrzehnten die Fortführung dieser Schule aus den Dreißiger-, Vierziger-, Fünfzigerjahren begleiten. Irgendwer muss ja als Träger dieser Erstinformation gelten. Man muss einfach zur Quelle, um diesen Klang aufzunehmen. Es reicht nicht, sich zu verbeugen und am Ende doch eine Entschuldigung zu benötigen dafür, dass es leider so klingt wie in Schweden, obwohl man doch ein Westcoast-Album aufgenommen hat.

John Clayton hat Ihr Album ja auch arrangiert. Er schrieb auch für Count Basie, Nancy Wilson, Quincy Jones oder Carmen McRae. Das Material war also bei den Arrangements auch in guten Händen, was den historischen Kontext betrifft?
Ja. John Clayton kennt mich, seit ich Anfang 20 war, weil er damals als Arrangeur und Dirigent wiederholt der RIAS-Bigband, meinem ersten Arbeitgeber in den 90ern, vorstand. Und mir mit seinen vortrefflichen Arrangements große Freude bereitet hat, mich dort aber auch immer wieder gefordert hat. Wir hofften, ihn auch für das aktuelle Projekt gewinnen zu können, und hatten Glück.

Und produziert hat das Album mit Ruud Jacobs einer der führenden Jazz-Musiker der Fünfziger- und Sechzigerjahre, ebenfalls ein Bassist …
Das waren oft Bassisten bei mir. Larry Klein ist Bassist, mit Christian von Kaphengst habe ich mein Weihnachtsalbum produziert und frage ihn oft, wie er was findet in der Gesamtschau. Bassisten haben eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Rolle in der Band. Sie haben eine mittige Position, haben immer den Überblick. Das ist im Prinzip der Ausguck der Band. Von dort nimmt man als Musiker viele Sachen deutlicher wahr. Das erlaubt Beobachtung, während man als Solist vorne in gehöriger Art und Weise mit sich selber beschäftigt ist.

Zur Person

Till Brönner, geboren am 6. Mai 1971 im beschaulichen nordrhein-westfälischen Viersen, gilt als populärster und erfolgreichster Jazzmusiker der Republik. Aus einer Musikerfamilie stammend und aufgewachsen in Rom und Köln, lebt Brönner heute in Berlin oder Los Angeles und ist Vater eines Sohnes. Mehr als eine Million Tonträger hat der Trompeter, Sänger, Komponist und Arrangeur bis dato verkauft, enorm viel für einen Jazzer.

"The Good Life", das am 2. September erscheint, ist Brönners 18. Album. Vorgänger wie "Blue Eyed Soul" (2002) oder "At the End of the Day" (2010) sind teils gold- und platinveredelt. Eine ganze Reihe Preise hat Brönner eingeheimst, darunter fünf Echos (als erstem Künstler gelang ihm die "Triple Crown" aus Echo Pop, Echo Klassik und Echo Jazz) und sechs Jazz-Awards. 2009 war er sogar für einen Grammy nominiert.

Ein Schlüssel zum Erfolg ist neben Brönners außerordentlichen technischen und interpretatorischen Fähigkeiten sein Facettenreichtum, sein scheuklappenloser Spagat zwischen Jazz und Pop. So zählte er auf seinen Alben Yvonne Catterfeld ebenso zu seinen musikalischen Gästen wie Annie Lennox, Carla Bruni, Melody Gardot, Kurt Elling oder Gregory Porter. Als Produzent betreute er die No Angels wie auch Hildegard Knef und den Bariton Thomas Quasthoff.

Zwischen Pop und Jazz, zwischen Kunst und Kommerz: Till Brönner (links) im Jahr 2011 mit Sarah Connor, Das Bo und Moderator Jochen Schropp (hinten) in der Jury der Castingshow "X-Factor". Quelle: dpa / Vox

Brönner lehrt seit 2009 als Professor in der Fachrichtung Jazz, Rock und Pop an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, saß 2010 und 2011 in der Jury der TV-Casting-Show "X-Factor" und moderiert "Die Till Brönner Show" auf Klassik Radio. Dieses Tanzen auf vielen Hochzeiten hat Brönner Anhänger auch in jazzferneren Lagern beschert, provoziert allerdings auch kritische Stimmen, die ihm vorrangig kommerzielle Motive unterstellen und ihm seichte Fahrstuhlmusik vorhalten.

Seinen Ruf als Tausendsassa verstärkt Brönner, der selbst schon als Model gearbeitet hat, seit er 2010 auch sein Talent als Fotograf unter Beweis stellt; 2014 erschien sein Bildband "Faces of Talent" mit beachtlichen Porträts von berühmten Musikern und Schauspielern in Schwarz-Weiß.

Charlie Parker als Initialzündung

Ein Schlüsselerlebnis brachte Till Brönner nach eigener Aussage zum Jazz: "Als ich zum ersten Mal den Bebop von Charlie Parker hörte, war das meine Initialzündung. Ich war 13, und es war fast so etwas wie die erste erotische Erfahrung. Ich dachte: So etwas Unanständiges kann man eigentlich nicht machen. Die Musik war wie eine Frau, die mich anbaggerte."

Schon in diversen Schulorchestern ließ der junge Till Brönner dann aufhorchen, später studierte er nach einer klassischen Ausbildung Jazztrompete an der Kölner Musikhochschule. Mit gerade einmal 20 Jahren spielte er beim RIAS-Tanzorchester in Berlin vor und bekam den Job als Trompetensolist.

Im Jahr 1994 erschien Brönners erstes Album "Generations of Jazz", auf dem – außergewöhnlich für ein Debüt –  die Jazzgrößen Ray Brown (Bass) und Jeff Hamilton (Schlagzeug) mitwirkten. Dafür gab es gleich den Preis der Deutschen Schallplattenkritik und den Preis der Deutschen Plattenkritik – und seine Karriere begann.

Von Thomas Bunjes

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