Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Promi-Talk Wieso machen Ihre Katastrophen gute Laune?
Sonntag Promi-Talk
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:01 01.07.2016
Der "Master of Disaster" aus Schwaben: Roland Emmerich ist Hollywoods Experte für die Zerstörung der Welt. Ein Gespräch über Superheldenfilme, Politik und das Gute im Menschen. Quelle: dpa
Anzeige

Herr Emmerich, wenn wirklich mal Außerirdische zu uns Erdlingen kommen, haben Sie schlechte Karten.
Wieso?    

Bei Ihnen sind Aliens immer so fiese Typen. Das kommt bei denen bestimmt nicht gut an.
Dann gehe ich am besten in den Widerstand. Aber wünschen würde ich mir so einen Besuch schon – auch wenn ich nicht recht an Außerirdische glaube.

Nette Aliens würden aber Ihr Geschäftsmodell vom Weltuntergang zerstören.
Zum Glück entwickele ich gerade einen Filmstoff, bei dem wir Menschen die Bösen und die Aliens die Guten sind. Und im dritten Teil von "Independence Day" will ich eine ganz neue Welt kreieren. Ich will die Geschichte ins Universum ausdehnen.

Der zweite Film startet eben erst, und Sie beschäftigen sich schon mit dem dritten?
Letztlich hängt der dritte Teil vom Erfolg dieses zweiten ab. Aber wenn schon eine Fortsetzung, dann lieber gleich zwei. Den dritten Film will ich auch selber inszenieren. Dann kann das Studio Twentieth Century Fox mit dem Stoff machen, was es will.

Empfinden Sie einen Weltuntergangsfilm als schöpferischen Akt?
Diese Filme sind wahnsinnig anstrengend. Die Produktionszeit ist immer zu knapp, und ich bin nun mal Perfektionist. Da fühlt man sich nicht wie Gott, sondern wie ein geprügelter Hund. Man lebt nicht mehr gesund. Normalerweise gehe ich morgens ins Fitnessstudio. Das muss man in meinem Alter, sonst kriegt man den Job nicht mehr hin. Stattdessen habe ich über Wochen und Monate 16, 17 Stunden am Tag gearbeitet.

Zwei Jahrzehnte liegen zwischen beiden "Independence Day"-Filmen: Sind die immer besseren Spezialeffekte ein Segen?
Auf jeden Fall, denken Sie nur an so tolle Filme wie "Interstellar" oder "Gravity". Man muss aber aufpassen: Wenn Sie die fünfte Folge von irgendeiner Reihe über Figuren mit Superkräften drehen, hat das nicht mehr viel mit Kino zu tun. Aber solche Superhero-Movies habe ich für mich immer abgelehnt.

Warum?
"Transformers" zum Beispiel habe ich angeboten bekommen. Für mich klang das nach einer Blödsinnsidee: Spielzeug verwandelt sich in Roboter. Und davon fünf Filme hintereinander! Da würde ich mir die Kugel geben. Interessant ist aber, dass "Independence Day" stilprägend zum Beispiel für die heutigen Marvel-Comic-Verfilmungen gewesen ist, in denen geht es auch immer irgendwie um das Ende der Welt.

Wenn Sie im Fernsehen auf einen Ihrer alten Filme stoßen, bleiben Sie dran?
Ich schalte sofort um. Ich kann das nicht ertragen. Man kriegt einen Film nie wirklich fertig, man gibt ihn ab. Wenn ich Zeit hätte, würde ich nie loslassen. Aber es gibt ja schon einen Starttermin, bevor die erste Szene abgedreht ist. Die Kosten sind so hoch, dass die Studios sich das Geld dafür leihen müssen. Wenn die Gewinnmargen übers Jahr bei 4 oder 5 Prozent liegen, sind die Studios happy. Das ist nicht wie bei den Banken, aber die gehören eh reguliert.

Ihr voriger Film "Stonewall" handelte vom Beginn der Schwulenbewegung. Wäre es nicht Zeit für einen schwulen Weltenretter pünktlich zum Unabhängigkeitstag?
Immerhin habe ich nun schon mal ein schwules Paar untergebracht. Mit so einem Blockbuster muss man ein breites Publikum erreichen, das hat viel mit Identifikation zu tun. Schwule machen nur fünf, sechs Prozent der Bevölkerung aus. Irgendwann aber wird ein Blockbuster mit einem schwulen Helden erfolgreich sein, und der wird wie ein Türöffner wirken.

War das Pärchen ein Thema für die Fox?
Überhaupt nicht. Ein Studio würde dir aber auch nie direkt sagen, dass Schwule nicht gewünscht sind. So eine Aussage kann sich niemand mehr leisten.

Nach den Anschlägen von 2001 auf New York waren Zerstörungsorgien für Hollywood tabu. Ist von dieser Zurückhaltung noch etwas zu spüren?
Für mich war damals klar, dass ich erst mal keine Gebäude mehr zerstöre. Schauen Sie sich "The Day After Tomorrow" an: Da wird kein einziges Haus zerlegt – was bei einer Monsterwolle unmöglich ist. Dann habe ich bei anderen gesehen, wie wieder alles zu Bruch geht, da habe ich auch meine Scheu abgelegt.

Und was ist mit dem heutigen Terror?
Wir hatten tatsächlich eine große Szene geplant, die in Paris spielt. Der asiatische Kontinent hätte auf den europäischen fallen sollen. Die Szene haben wir nach Previews in Frankreich gestrichen. Ich habe gespürt, dass das nicht okay gewesen wäre nach den vielen Toten.

Paris wird geschont, dafür kommt es für London umso dicker: Eine Filmszene aus "Independence Day: Wiederkehr". Quelle: Fox Movies

Wie sind Sie eigentlich zum Spezialisten für "Disaster Movies" geworden?
Im Prinzip habe ich den Erfolg von "Independence Day" fortsetzen, aber keine Fortsetzung drehen wollen. Diese hätte die Fox aber gerne gehabt, und so haben wir denen dann auch "The Day After Tomorrow" und "2012" verkauft – obwohl das ganz andere Filme sind.

Wieso?
"2012" ist im Grunde der erste Film über das berühmte eine Prozent der Bevölkerung. Bernie Sanders hat den jungen Leuten gerade klargemacht, dass einem Prozent der Menschen mehr als die halbe Welt gehört. In "2012" geht es genau darum: Wer auf die moderne Arche Noah will und damit überleben, muss viel Geld auf den Tisch legen.

Am Ende dürfen auch die Habenichtse auf die Arche: Glauben Sie wirklich, dass die Menschen so großzügig sein werden?
In Filmen muss das so sein. Man bedient eine Moral. Man sagt den Zuschauern: Wenn du dich gut benimmst, dann wirst du gerettet. Wenn nicht, dann stirbst du.

Und: Glauben Sie daran?
Tja, die Wirklichkeit ist komplizierter. Aber Filme sind keine Romane, in denen man tiefer forschen kann. Das gilt auch für Oscar-Filme wie "The Revenant" oder "Spotlight".

Es sei denn, man macht einen Film über Shakespeare und rätselt so wie Sie in "Anonymus" über dessen Identität .
Und wissen Sie was: Das ist der Film, auf den ich am stolzesten bin. Da hatte ich schon beim Drehen in Babelsberg so viel Spaß – auch wenn das der kälteste Frühling war, den Berlin je erlebt hat.

Wieso verlassen die Zuschauer bei Ihren Weltuntergängen das Kino so fröhlich?
Na ja, jeder weiß, dass die Menschen am Ende überleben. Man macht es ihnen so schwer wie möglich, aber sie gewinnen.

Sehen Sie darin auch eine Aufmunterungshilfe für das entmutigte Amerika?
Meine Filme laufen außerhalb des Landes besser als in den USA. "2012" zum Beispiel hat in den USA 65 Millionen Dollar gemacht, aber 600 Millionen im Rest der Welt. Man kann einen Film dieser Größenordnung heute nicht mehr allein für die Amerikaner drehen.

Okay, aber die politischen Führer in "Independence Day 2" klingen, als würden Sie an die Solidarität des Kinovolks appellieren.
Das war tatsächlich ein Gedanke, der mich beschäftigt hat. Jeden Morgen, wenn ich die News anschaue, frage ich mich: Was ist los mit uns Menschen? Warum kriegen wir es nicht hin, friedlich zu leben? Deshalb entwerfe ich eine Utopie auf der Leinwand: Wenn wir zusammenhalten, können wir mehr erreichen.

Hätten Sie so viel Pathos in den Film gelegt, wenn Sie ein deutsches Publikum vor Augen gehabt hätten?
Ich habe nie Filme für die Deutschen gemacht, nicht mal an der Filmhochschule. Meine Vorbilder waren immer US-Regisseure. Das deutsche Kino hat mich nie interessiert. Ich sage immer: Ich bin aus Deutschland vertrieben worden ...

... und bestens aufgenommen worden in den USA. Allerdings haben Sie schon zu Bush-Zeiten darüber sinniert, dem gelobten Land den Rücken zuzukehren. Was tun Sie, wenn Donald Trump ins Weiße Haus einzieht?
Ich bin ja sowieso viel unterwegs. Ich habe noch ein Haus in London. Jetzt will ich mir etwas in Kanada kaufen, weil ich dort viel arbeite. In den USA werde ich vermutlich sowieso nicht wieder so schnell drehen, in Kanada sind die Crews besser. Vielleicht bleibe ich künftig wieder mehr in Europa.

Wieso haben Sie überhaupt "Independence Day 2" gedreht, wenn Sie Fortsetzungsfilme gar nicht mögen?
Ich war selbst überrascht. Viele haben gesagt: Ist das Risiko nach 20 Jahren nicht zu groß? Aber gerade das hat mich interessiert. Man kann eine neue Welt kreieren. Eine direkte Fortsetzung hätte ich nicht gemacht, ich wollte dieselbe Geschichte nicht noch mal verkaufen.

Stimmt, seitdem ist viel passiert: Inzwischen gibt es Donald Trump.
Vielleicht ist Donald Trump ja ein Alien. Man kann nicht wissen, was unter Trumps Haarschopf zu finden ist.

Zumindest können Sie nun keinen US-Präsidenten mehr als Sympathieträger in einen Kampfflieger setzen und gegen Außerirdische starten lassen.
Das ist leider vorbei. Aber ich habe da schon eine Idee, wie der US-Präsident ... nee, das kann ich Ihnen wirklich noch nicht verraten. Warten Sie es ab: Das wird richtig funny, äh, lustig.

Zur Person

Seinen Spitznamen hatte der Schwabe Roland Emmerich schon weg, als er noch in Deutschland Filme drehte: Als das "Spielbergle von Sindelfingen" wurde er tituliert. Den Spott hat der 1955 geborene Regisseur durchaus als Kompliment verstanden. Ihn zog es nach eigenen Worten zum Popcorn-Mainstream und nicht in die Arthouse-Ecke.

Emmerichs Abschlussarbeit an der Münchner Filmhochschule ließ bereits einen Vorgeschmack auf solche Vorlieben zu: Der Film hieß "Das Arche Noah Prinzip" (1983) und handelte von einer Raumstation, von der aus sich das globale Wetter manipulieren ließ. Kostenpunkt des Films: eine Million Mark. Das war eine beeindruckende Summe für ein studentisches Werk. Das übliche Budget lag damals bei rund 20 000 Mark.

Gemeinsam die Welt retten: Roland Emmerich (M.), Liam Hemsworth (l.) und Jeff Goldblum posieren für "Independence Day: Wiederkehr" am Berliner Hauptbahnhof. Quelle: dpa

Mit so einem Karrierestart empfahl sich Emmerich geradezu für Hollywood. 1990 wechselte er nach Los Angeles. Der eigentliche Durchbruch gelang ihm mit "Universal Soldier" (1992, mit Jean-Claude Van Damme). Fortan entwickelte sich der Regisseur zum Spezialisten für effektvoll in Szene gesetzte Katastrophen.

In "Independence Day" (1996) wollen Außerirdische die Erde ausplündern, in "Godzilla" (1998) trampelt eine Riesenechse New York platt, in "The Day After Tomorrow" (2004) verwandelt sich Amerika in einen Eiszapfen, in "2012" (2009) verwüsten Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis den Planeten, und in "White House Down" (2013) wird noch einmal explizit die US-Machtzentrale zerlegt. Mit solchen Krawumm-Filmen stieg Emmerich zum erfolgreichsten deutschen Regisseur in Hollywood neben Wolfgang Petersen ("Air Force One") auf.

Zwischendurch hat Emmerich aber auch bewiesen, dass er noch andere Interessen als die Weltzerstörung hegt: In "Anonymus" (2011), gedreht in Potsdam-Babelsberg, spekulierte er über die bis heue umstrittene Identität Shakespeares. Emmerichs Fans waren verwundert, Literaturwissenschaftler entzückt. Und in "Stonewall" (2015) arbeitete Emmerich die Initialzündung der US-Schwulenbewegung in der New Yorker Christopher Street Ende der Sechzigerjahre auf. Aus seiner sexuellen Orientierung hatte er schon zuvor kein Geheimnis gemacht, nun bezog er auf der Leinwand Stellung.

"Master of Disaster"

Trotz solcher Ausflüge auf ungewohntes Terrain gilt Emmerich bis heute als der ausgewiesene "Master of Disaster" und "Independence Day" als sein eigentliches Meisterstück. Der Actionkracher brach Mitte der Neunzigerjahre alle Kassenrekorde und spielte mehr als 800 Millionen Dollar ein.

Nach den ungeschriebenen Hollywood-Gesetzen musste eine Fortsetzung folgen. Jetzt ist es so weit: Die Aliens greifen in "Independence Day 2: Wiederkehr" (deutscher Kinostart: 14. Juli) erneut an. Will Smith ist nicht mehr mit von der Partie als heldenhafter Pilot, er war einfach zu teuer. Jeff Goldblum ist aber wieder als Wissenschaftler gebucht und Bill Pullman als US-Präsident Whitmore. Sollte die Alien-Attacke hier auf Erden auf die erhoffte Zuschauerresonanz stoßen, dürfte es auch noch einen dritten Film geben.

Von Stefan Stosch

Promi-Talk Interview mit Sängerin Zaz - Lieben Sie Paris, Zaz?

Zaz könnte auch die Kurzform von Tausendsassa sein – schließlich ist die Französin mit der rauen Stimme in vielen Stilen von Chanson über Blues bis zu Rock unterwegs. Vor ihrer Europatour erzählt sie Matthias Halbig vom anhaltenden Staunen übers Berühmtsein und der unbeugsamen Haltung der Pariser.

24.06.2016
Promi-Talk Interview mit Schriftsteller David Grossman - Sind Sie ein trauriger Clown?

Der große israelische Schriftsteller David Grossman schreibt in seinem jüngsten Werk "Kommt ein Pferd in die Bar" über die subversive Kraft von Humor. Im Gespräch mit Nina May verrät Grossman, weshalb ihn Witze als Kind ängstigten und was sie mit schwarzem Kaffee gemeinsam haben.

17.06.2016
Promi-Talk Interview mit Thomas Reiter - Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an?

Mehr als 350 Tage verbrachte der Astronaut Thomas Reiter im All. Im Interview mit Carsten Bergmann erzählt er von der Faszination der Unendlichkeit, den Schneisen des abgeholzten Regenwaldes, Bombenblitzen über Kriegsgebieten und wie der Blick von oben das Verständnis für unseren Planeten fördert.

10.06.2016
Anzeige