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Promi-Talk Wovor haben Sie Angst?
Sonntag Promi-Talk Wovor haben Sie Angst?
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20:01 29.07.2016
Ein Jurastudium als Vorbereitung auf die Karriere als Thrillerautor: Sebastian Fitzek über die Lust am Grusel und das Leben als einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands. Quelle: Imago
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Herr Fitzek, weshalb gruseln sich die Menschen so gern?
Weil Gruseln ihnen ein gefahrloses Nahtoderlebnis ermöglicht. Aus demselben Grund steigen wir in Achterbahnen. Der Adrenalinrausch reißt uns aus der Gegenwart heraus. Wir sind kurzzeitig in Todesangst und danach wieder neu geerdet und können das Leben noch mehr wertschätzen. Genuss und Glück haben immer etwas mit Gegensätzen zu tun. Wären es Dauerzustände, würden wir sie gar nicht wahrnehmen. Wir müssen zwischendurch auch mal leiden. Und um Freude und Spaß zu erleben, müssen wir auch mal Angst haben.

Das ist also eine Art kathartischer Effekt?
Eindeutig. Es heißt oft: Weshalb beschäftigen sich Thrillerleser und -zuschauer so gern mit Psychopathen, Gewalt und dem Tod? Da ist die Fragestellung schon falsch. Krimileser beschäftigen sich eigentlich mit dem Leben. Wir bangen mit dem Opfer und wollen, dass sich alles zum Guten wendet. Auch deshalb, weil es in der Realität häufig anders kommt. So eine Geschichte hat dann tatsächlich eine reinigende Wirkung auf uns.

Ist diese Art von Literatur in unserer Gesellschaft auch deshalb besonders erfolgreich, weil existenzielle Ängste hier nur begrenzt an der Tagesordnung sind?
Ich würde eher sagen, wir sind unabhängig von der jeweiligen Gesellschaft darauf programmiert, diese Ängste zu haben. Das Grauen vor der eigenen Endlichkeit ist eine Urangst. Der Tod ist allerdings kurioserweise unrealistischer geworden, weil wir ihn outgesourct haben. Er findet nicht mehr inmitten der Großfamilie statt, sondern in Krankenhäusern und Altenheimen, in sterilen Umgebungen, wo der Tod gemanagt wird. Aber tief ins uns spüren wir, dass da etwas auf uns zukommt. Wir verdrängen es, und beim Kalenderblattabreißen sind wir nicht im stetigen Bewusstsein, uns unserem eigenen Tod zu nähern. Doch irgendwann holt uns der Gedanke doch ein. Und dann fahren wir Achterbahn oder gruseln uns im geschützten Ambiente beim Krimi.

Fahren Sie auch Achterbahn?
Das habe ich früher getan. Heute nicht mehr, das ist eine meiner Weicheikomponenten. Je länger man lebt, desto risikoärmer wird man. Und wenn man sich wie ich beruflich mit extremen Risiken auseinandersetzt und recherchiert, was einem alles passieren kann, dann ist das Bedürfnis nach Verdrängung noch viel größer. Beim Gang über den Rummel muss ich darüber nachdenken, in welchem Zustand sich der Mensch befand, der die Achterbahn zusammengeschraubt hat. Vielleicht hat ihn an dem Tag gerade seine Frau verlassen, und er hat nicht richtig angezogen. Mein Blitzableiter ist das Schreiben und das Lesen. Dabei grusele ich mich sehr gern.

Wovor haben Sie Angst?
Vor vielen Dingen. Ich muss als Autor ein Weichei sein. Denn wenn ich zum Beispiel beim Zahnarzt keine Angst vor Schmerzen hätte, dann könnte ich diese nicht beschreiben. Wenn ich in der Dunkelheit keine Scheu verspüren würde, könnte ich dieses Gefühl nicht in Worte fassen. Man kann als Autor nur das beschreiben, was man nachvollziehen kann. Meine größte Sorge ist, dass durch einen unbedachten, marginalen Fehler, eine Unaufmerksamkeit, jemand anders unwiederbringlich zu Schaden kommt. Zum Beispiel – obwohl ich das nicht tue – durch das Schreiben einer SMS beim Autofahren. Man ist kurz abgelenkt und verursacht einen Unfall. Wenn die Faust des Schicksals zuschlägt. Diese eine Sekunde, nach der nichts mehr ist, wie es war. Davor habe ich Angst. Und deshalb widerfährt das auch oft den Helden in meinen Büchern.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Krimi und Thriller?
Da hat jeder eine andere Definition. Für mich ist der Krimi die Urform der Spannungsliteratur. Und zwar ist es ein ermittlungsbezogener Roman. Im Mittelpunkt steht in der Regel ein Detektiv, ein Polizist, ein Staatsanwalt oder ein Richter, der einen Fall löst. Die Kernfrage lautet: Wer hat es getan? Und ein Krimi hat in der Regel eine regionale Komponente. Damit meine ich nicht die Regionalkrimis, die allerorten aus dem Boden geschossen sind. Seit jeher haben Landschaften und Orte in Krimis eine große Rolle gespielt und das Geschehen beeinflusst. Der Thriller hingegen hat – und das ist nach meinem Dafürhalten der große Unterschied – in den allermeisten Fällen keine Ermittler im Zentrum, sondern Otto Normalverbraucher. Das sind auch die Charaktere, die mich am meisten interessieren, deshalb schreibe ich am liebsten Thriller. Sie werden mit einer Situation konfrontiert, bei der sich der Leser fragt: Wie würde ich in dieser Lage reagieren? Die Frage, wer es getan hat, ist nebensächlich. Bei "Das Schweigen der Lämmer" war das von Anfang an klar. Obwohl wir hier eine Ermittlerin haben, was zum Krimiraster passen würde, steht das Verarbeiten der Situation im Vordergrund. Und damit das Thrillerhafte. Die Grenzen sind also fließend. Für den Leser ist diese Unterscheidung vermutlich ohnehin unerheblich. Er will eine gute Geschichte, ob da nun Krimi, Thriller, Psychothriller oder Horror draufsteht.

Es muss nicht immer Thriller sein: Fitzeks Werke haben eine Gesamtauflage von sechs Millionen Exemplaren. Quelle: Herausgeber

Wie hat sich das Genre seit Hitchcocks "Psycho" gewandelt?
Das Genre hat sich, glaube ich, nicht groß verändert. Allerdings wird heute auf alles Krimi oder Thriller geschrieben, das irgendwie mit Spannung zu tun hat. Dieses Label wurde auch Werken verpasst, die ich eher für Dramen halte. Deshalb ist die Spannungsliteratur heute viel weiter aufgefächert.

Sie machen Werbung für einen Roman Ihres Kollegen Michael Tsokos, der unter dem Label "True Crime" läuft. Es gibt auch ein neues Magazin "Stern Crime" über echte Verbrechen. Weshalb ist es so faszinierend, dass diese Verbrechen tatsächlich stattgefunden haben?
Weil die Realität viel grausamer ist als das, was wir Thrillerautoren uns ausdenken. Das wird immer nicht geglaubt. Dann werde ich gefragt: "Wie kannst du so etwas Brutales schreiben?" Und ich antworte: "Ich habe die Realität abgemildert, damit sie glaubwürdig wird." Dass es Serienkiller gibt, die sich tatsächlich Gebrauchsanweisungen an die Wand schreiben, damit sie beim Foltern nichts falsch machen, entspringt nicht der Fantasie eines durchgeknallten Autors, sondern der Realität. "True Crime" muss man draufschreiben, damit die Menschen nicht denken: Jetzt ist der völlig abgedreht. Ich persönlich habe ein Problem mit Sachbüchern, die reale Fälle sehr dezidiert nachzeichnen. Weil ich in erster Linie lese, um mich zu unterhalten. Wenn ich mir in jeder Sekunde gewiss bin, dass zum Beispiel eine Vergewaltigung exakt so stattgefunden hat, dann funktioniert auch der Blitzableiter nicht mehr. "True Crime"-Thriller sind ähnlich wie historische Romane Zwitterwesen, da kann ich mich noch drauf einlassen. Ich finde es aber absurd, wenn manche einen 100-prozentigen Realismus in fiktionalen Geschichten fordern.

Sie gelten als Meister der Spannung. Gibt es Mechanismen, die Sie bewusst einsetzen?
Der Chef des Piper-Verlags hat einmal zu mir gesagt: "Wenn Sie die Bestsellerformel finden, dann kommen Sie bitte zu mir." Ich war allerdings selbst erstaunt, dass mein erster Roman mit einer Erstauflage von gerade mal 4000 Stück so erfolgreich war. Es standen ja eigentlich kaum genug Exemplare für die Bestsellerliste in den Läden. Ich habe folgenden Tipp für Autoren: Nicht nach Trends zu suchen, obwohl Verlage das oft erwarten. Aber wer in den Fußstapfen eines anderen läuft, kann ihn nicht überholen. Man muss also etwas Eigenes machen. Eine Geschichte, die Sie unbedingt erzählen wollen, auch wenn kein einziger Verlag sich dafür interessieren würde. Wenn man sich trotzdem die Mühe macht und seinem inneren Drang folgt, dann kann man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass man nicht der Einzige ist, den diese Geschichte berührt.

Was haben Sie in Ihrem Jurastudium über die Psyche des Menschen gelernt?
Zunächst einmal, dass Juristen glauben, alles regeln zu können. Aber ich habe natürlich über das Strafrecht auch hier schon viel Kontakt mit Verbrechern gehabt, wenn auch vor allem über Bücher. Dabei habe ich gelernt, dass man keinen Gedanken denken kann, der nicht irgendwo schon einmal umgesetzt wurde – im Guten wie im Schlechten.

Selbst im Englischen wird das deutsche Wort "Angst" im Sinne einer philosophisch-psychologischen Auseinandersetzung benutzt. Ist das Nachdenken über dieses Gefühl etwas typisch Deutsches?
Wenn es etwas wie das Schwermut-Gen gibt, dann sind die Deutschen davon wahrscheinlich eher betroffen als die Kalifornier in ihrem Sunshine-Staat. Aber im düsteren Skandinavien ist das Schwermut-Gen vermutlich noch weitaus verbreiteter, weshalb es so viele gute Krimis aus dieser Gegend gibt, die wir wiederum sehr gern lesen.

In Ihren Büchern geht es immer wieder um Kinder und um Eltern. Weshalb?
Ja, so komisch das klingt, die Familie ist der gemeinsame Nenner meiner Bücher. Und überdies von allen großen Geschichten, ob es "Vom Winde verweht" ist oder "Harry Potter" oder "Das Schweigen der Lämmer": Da geht es darum, wie Clarice Starling den Tod ihres Vaters bewältigt. Wir alle haben oder hatten eine Familie oder hätten gern eine. Die Familie ist der gemeinsame Anker, an dem wir alle irgendwie hängen.

Zur Person

Sebastian Fitzek wirkt im Gespräch nicht, wie man sich einen Autor von Büchern vorstellt, in denen ein Junge sich in Albträumen an ein früheres Leben als Serienmörder erinnert, ein "Seelenbrecher" Frauen die Lebenslust raubt oder ein Psychopath seinen Opfern die Haare schneidet, ehe er sie ermordet. Der 44-Jährige hat Lachfalten, ist sehr zuvorkommend, antwortet durchdacht und doch auf Knopfdruck und erwähnt immer wieder seine Familie, seine drei Kinder und seine Frau, mit denen er in Berlin lebt.

Mit seinem stachelig aufragendem Kurzhaar, einem Dreitagebart und einem lilafarbenen Hemd erscheint er sympathisch geerdet. Dabei wurde er vor zehn Jahren gleich mit seinem ersten Roman "Die Therapie" über Nacht zum Bestsellerautor. Seine Bücher erreichten bis heute eine Gesamtauflage von rund sechs Millionen Exemplaren und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Damit ist Fitzek nicht nur im Genre Psychothriller einer der erfolgreichsten Schriftsteller Deutschlands.

Seine Werke werden auch in den USA und in Großbritannien verlegt, was nicht eben für viele seiner deutschen Kollegen gilt. Oft sind Fitzeks Bücher Vorlagen für internationale Kinoverfilmungen und Theateradaptionen. Sein Roman "Das Kind" wurde 2012 mit Ben Becker und Dieter Hallervorden verfilmt, Fitzek war an Drehbuch und Produktion beteiligt.

Sympathisch geerdet: Sebastian Fitzek lebt mit seiner Frau Sandra und den gemeinsamen Kindern in Berlin.

Quasi als Recherchegrundlage für seine Romane studierte Fitzek Jura bis zum ersten Staatsexamen. Er promovierte über das Urheberrecht und arbeitete dann als Chefredakteur und Programmdirektor unter anderem für den Berliner Radiosender 104.6 RTL.

Die Romane des Autors changieren zwischen Realismus und Übernatürlichem. Einige seiner Bücher handeln vom Kampf eines Individuums gegen eine unheimliche Übermacht: Im Zentrum von "Noah" (2013) steht eine globale Verschwörung, in "Das Joshua-Profil" (2015) will eine Gruppe den Helden töten, ehe dieser ein Verbrechen begeht. Fitzek greift hier das hochaktuelle Thema des Profilings auf. Der Protagonist Max Rhode ist ein Schriftsteller, der nur ein erfolgloses Werk hat – "Die Blutschule".

Während des Schreibens fand Fitzek Gefallen an diesem Buch im Buch – und schrieb den Roman über eine Schule mit den Fächern "Fallen stellen", "Opfer jagen" und "Menschen töten" unter dem Pseudonym Max Rhode kurzerhand selbst.

Lesung in der Zahnarztpraxis

Dies ist nur ein Beispiel für die Experimentierfreudigkeit des Künstlers. Weil sich viele seiner Leser beschwerten, dass er nie in ihren Heimatstädten zu Gast sei, ließ er seine Fans 2013 eine Lesereise organisieren: 50 Veranstaltungen in einer Woche. Dabei las Fitzek an so unterschiedlichen Orten wie in der Trauerhalle eines Bestattungsinstituts, in einer Zahnarztpraxis, einer Kanzlei, in einem Hospiz in Wolfsburg sowie in einer Plattenbau-WG in Dresden.

Gemeinsam mit dem Namensforscher Jürgen Udolph schrieb er das Sachbuch "Professor Udolphs Buch der Namen", das Vorlage für Johannes B. Kerners Fernsehformat "Deutschland – deine Namen" (2006) war, an dessen Entwicklung Fitzek ebenfalls beteiligt war. Im Oktober erscheint Fizeks jüngstes Buch "Das Paket". Darin nimmt eine vor Jahren vergewaltigte Frau in ihrer zurückgezogenen Wohnung am Rande des Berliner Grunewaldes ein Paket an – ohne zu ahnen, dass sie sich damit ihren alten Peiniger ins Haus holt.

Von Nina May

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