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Technik & Apps Ist der Selfie-Trend noch normal?
Sonntag Technik & Apps Ist der Selfie-Trend noch normal?
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00:15 04.08.2015
Von Matthias Koch
Vicky (l.) und Elsa haben auf Bitten unseres Fotografen am Maschsee zum Selfie-Stick gegriffen. Doch für viele andere gehört der Stick zum alltäglichen Handgepäck. Quelle: Thomas
Hannover

Entschuldigung, könnten Sie bitte von uns ein Foto machen? Früher sprachen Touristen auf diese Art oft Einheimische an. In Kiel konnte das etwa am Ostseekai geschehen, am Strand von Laboe, auch am Rand eines Handballspiels.

Die Generation Selfie fragt niemanden mehr. Man blickt ins Spiegelbild der Handykamera, fährt sich vielleicht noch prüfend durchs Haar. Im dann folgenden Druck auf den Auslöseknopf am unteren Ende der Selfie-Stange liegt mehr als nur ein technisches Signal. Mit dem Klick sagt der Fotografierende, der heute auch der Fotografierte ist: Jetzt finde ich mich schön. So finde ich mich schön. Dies ist mein Bild von mir selbst.

Mit Stars (wie hier Angelina Jolie) lassen sich viele gern fotografieren. Doch der Trend zum Selfie hat weitaus größere Ausmaße angenommen. Quelle: dpa

„Schönheit“, lehrte der Grieche Thukydides, „liegt im Auge des Betrachters.“ Lange galt das tatsächlich. Da fotografierte ein Mann eine Frau, während das Haar ihr durchs Gesicht wehte; er fand das vielleicht schön, sie fand es vielleicht doof, ein ewiges Spiel. Betrachter und Betrachteter jedenfalls waren nicht identisch. Jetzt, knapp 2500 Jahre nach Thukydides, dreht die Selfie-Welle die Definitionsmacht um. Der fotografierende Fotografierte bestimmt selbst, wann er schön ist, er erzeugt und verbreitet dieses neue Bild vom Ich, nichts anderes. Soziale Netzwerke? Das ist ein schönes Wort. Twitter, Facebook und Instagram werden immer mehr zu Schaubuden der Egozentrik: Ich im Urlaub. Ich mit Freunden. Ich beim Sport. Ich, ich, ich.

Ich im Louvre, das ging eine Zeit lang  so: Kamera an, Selfie-Stick hoch, nett lächeln, die „Mona Lisa“ ist im Hintergrund. Weltweit hagelt es jetzt Verbote. „Sicherheitsrisiken“ werden geltend gemacht. Doch da schwingt noch etwas anderes mit: tief sitzender Frust der Mitarbeiter von Museen, Restaurants und Bühnen angesichts der nie da gewesenen Konzentration der Besucher auf sich selbst.

Ein Klick zum Glück: Auf Reisen gehört der Selfie-Stick schon zur Standardausrüstung der Selbstverliebten. Quelle: dpa

Das selbstverliebte Fotografieren und Filmen nimmt groteske Züge an. In Berlin marschieren Menschen mit starrem Blick durchs Brandenburger Tor, den Stick stumm vor sich her tragend. Skifahrer stürzen sich hinter ihren starren Stangen ins Tal. Schwimmer lassen wasserdichte Kameras am Stiel aus den Wellen ragen. Im Yellowstone Park (USA) gabelte erst vorige Woche ein Bison eine 43-Jährige von hinten auf und verletzte sie; die Frau hatte versucht, sich mit dem Tier im Rücken als Selfie zu verewigen.

Ist so viel Selbstbespiegelung noch normal? Philosophen und Psychiater wiegen die Köpfe. Der Digital-Theoretiker Hans Ulrich Gumbrecht plädiert für eine unverkrampfte „Philosophie der Selfies“, man brauche „nuancierte Unterscheidungen“. Tatsächlich können Selfies ja witzig sein, auch ironisch, können Momente festhalten, die ihnen Tiefe geben. Liberale Geister feiern gar die historische Befreiung des Menschen, der nicht mehr nur juristisch, sondern endlich auch technisch das Recht am eigenen Bild ausübe.

Der Tübinger Philosoph Constantin Rauer dagegen sieht ein alarmierendes Abgleiten ins Unechte. Im Netz ließen Menschen Fotos von sich kursieren, die in Wahrheit als Masken dienten. Das bislang düsterste Bild zeichnet die amerikanische Professorin Jesse Fox von der Ohio State University, die in einer ersten empirischen Selfie-Studie in diesem Jahr 800 Männer untersuchte. Ergebnis: Jene, die häufig selbst angefertigte Selbstporträts ins Netz stellen, leiden häufiger als andere an narzisstischen Persönlichkeitsstörungen. Offen blieb, ob die Selfies Ursache oder Folge der Störung waren.

Übereinstimmend warnen jedenfalls immer mehr Wissenschaftler vor einer digitalen Selbstüberforderung: Am Ende werde der moderne Mensch dem schönen Bild, das er laufend von sich selbst zeichnet, nicht mehr gerecht.

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