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Technik & Apps Die die Fischzucht madig machen
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20:00 05.02.2016
Auch die einst als nachhaltig gelobten Aquakulturen tragen zur Überfischung der Meere bei. Wissenschaftler suchen deshalb nach Alternativen bei der Fischfütterung – eine davon könnten Maden sein. Quelle: Fotolia
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Pangasiusfilet aus dem Kühlregal, Thunfisch aus Dosen und Lachs von der Fischtheke – aufgeklärte Verbraucher verbannen diese und andere Fischarten von ihrem Speiseplan, weil sie wissen, dass die Tiere nicht artgerecht gehalten werden oder als gefährdet gelten. Doch Fisch dient nicht nur Menschen als Nahrung: Jedes Jahr werden 20 Millionen Tonnen Kleinfische als Fischmehl in den boomenden Aquakulturen verfüttert.

Dabei hatte sich mit den aufkommenden Fischfarmen einst die Hoffnung verbunden, die Wildbestände zu entlasten. Weit gefehlt. Denn da Aquafarmen oft mit Raubfischen besetzt sind, werden andere Fische zur Mast gebraucht. Auch die Aquakulturen tragen so zur Überfischung der Meere bei. Wissenschaftler suchen deshalb nach Alternativen. Im schweizerischen Frick glauben Forscher, eine gefunden zu haben: Insektenmehl.

Gefräßige Hoffnungsträger

Christoph Sandrock mag seine Babymaden. Der Insektenforscher züchtet und mästet Larven der Soldatenfliege (lat.: Hermetia illucens) am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FIBL) in Frick. Das Insekt stammt ursprünglich aus Mittelamerika, ist aber in Südeuropa schon beheimatet. Für den Forscher bedeuten die kleinen gefräßigen Maden Hoffnung. Die Hoffnung, dass es irgendwann nicht mehr im großen Umfang nötig sein wird, Fische zu fangen, um sie an ihre Artgenossen zu verfüttern.

Stattdessen sollen die Insektenmaden diesen als Futter dienen. Sie können auf engem Raum gehalten werden, ernähren sich von Abfall und enthalten wertvolles Eiweiß. "Wir waren auf der Suche nach alternativen Proteinquellen und wollten nicht Soja oder andere Proteinträger verwenden, die auch dem Menschen als Nahrung dienen. So kamen wir auf die Insekten", sagt der Forscher.

In der Nähe des Forschungsinstituts in Frick stehen in mehreren Containern, auf etwa einem Drittel der Größe eines Fußballfeldes, große Käfige, in denen es flirrt und krabbelt. Hier paaren sich täglich Tausende Soldatenfliegen und legen ihre Eier ab. Alle zwei Tage entnehmen Forscher des Instituts die Babymaden, um diese zu mästen. Fäkalien, Gemüse, Biertreber, Fleisch – die Larven fressen nahezu alles. Nach rund vier Wochen sind sie zwei bis drei Zentimeter groß. Dann werden sie geerntet, tiefgefroren und ausgequetscht.

Christoph Sandrock vom schweizerischen Forschungsinstitut für biologischen Landbau sieht seine eiweißreichen Larven als ökologische Hoffnungsträger. Quelle: privat

"Die Larven lagern Fett ein. Das wollen wir nicht im Mehl haben, deswegen kommen sie in die Presse", sagt Sandrock. Das gewonnene Öl könne als Kraftstoff für Autos verwendet werden. Auch das Stoffwechselprodukt der Made sei verwertbar – zum Beispiel als Humus.

Und damit ist der eigentlich wertvolle Stoff nach gar nicht verarbeitet: Der Rest der Made besteht aus wertvollem Eiweiß. Mahlt man dieses, entsteht Insektenmehl. Und das ist für die Fische ebenso nahrhaft wie Fischmehl, wie die Forscher in Frick in Vergleichsuntersuchungen herausfanden.

Ist Insektenmehl also das Futtermittel der Zukunft? Es gibt einen Haken. Momentan ist das Verfüttern von Insektenmehl in der EU nicht zugelassen. Seit dem BSE-Skandal sind die Behörden vorsichtig geworden. Die Risikobewertung für Insektenmehl sei noch nicht abgeschlossen, erklärt Sandrock.

Fragen zur Zulassung

Auch andere formale Hürden gilt es noch zu nehmen: So darf nur Fleisch als Futtermittel verwendet werden, das auch in einem Schlachthof gewonnen wurde. Larven und Schlachthöfe – das passt allerdings nicht allzu gut zusammen.

Was also tun? Erst einmal weiter forschen, empfiehlt ein Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Die EU-Kommission diskutiert derzeit über neue Bestimmungen. Doch selbst wenn die EU-weite Zulassung für Insektenmehl kommt, bleiben Fragen offen – zum Beispiel die der Nachhaltigkeit. Die Soldatenfliege braucht 28 Grad, um aktiv zu werden und sich zu paaren. Die Räume müssen also stark beheizt werden, was sich auf die Ökobilanz auswirkt.

Auch ist unklar, welche Abfälle an die Maden verfüttert werden dürfen. "Biertreber wird jetzt schon an Schweine verfüttert. Dann stellt sich natürlich die Frage, wie sinnvoll es ist, Maden mit Biertreber zu füttern, um diese anschließend in Form von Insektenmehl den Schweinen vorzuwerfen", so Sandrock. Insektenmehl zu verfüttern sei nur sinnvoll, wenn man den Nahrungsbrei, den man an die Maden verfüttere, nicht anderen Tieren wegnehme.

Weniger nachhaltig als ursprünglich erhofft: In Aquakulturen wird oft zu Fischmehl verarbeiteter Wildfisch verfüttert. Quelle: dpa

Auch stellt sich die Frage, wie groß die Gefahr ist, dass durch das Mehl Krankheiten an Wirbeltiere weitergegeben werden. Bislang gibt es nur wenige Studien zum Auftreten von bakteriellen Krankheitserregern in Insekten, so steht es in dem Efsa-Gutachten.

Potentielle Krankheitserreger wie Salmonellen, Campylobacter und E. coli könnten, so das Gutachten, in nicht verarbeiteten Insekten abhängig von den Aufzuchtbedingungen durchaus vorkommen. Wahrscheinlich sei jedoch, dass die Belastung durch Krankheitserreger niedriger sei als in anderen nicht verarbeiteten Eiweißträgern. Das liege daran, dass sich Erreger im Darm der Insekten nicht vermehren.

Der Meeresexperte von Greenpeace, Thilo Maack, hält es in jedem Fall für sinnvoll, den Einsatz von Fischmehl zu reduzieren. "Was momentan in den Aquakulturen stattfindet, ist keine Proteinerzeugung, sondern eine Proteinveredelung", sagt er.

Neun Kilo Wildfisch für ein Kilo Lachs

Man brauche 1,5 Kilogramm Fischmehl, um ein Kilogramm Lachs zu erzeugen. Für diese 1,5 Kilo Fischmehl müsse man wiederum fünf bis neun Kilogramm Wildfisch verarbeiten. "In ein Kilo Lachs sind dann also fünf Kilo Proteine geflossen", sagt er. "Man muss Fisch also mehr als Delikatesse begreifen."

In der Schweiz wollen sie jetzt eine Pilotanlage für ihr Insektenmehl bauen. 100 Tonnen sollte die Anlage pro Jahr erzeugen, damit es sich rechnet. "Momentan fehlt es noch an Investoren, weil potentielle Interessenten nicht wissen, ob die EU-Kommission das Verfüttern von Insektenmehl erlauben wird", sagt Sandrock.

Er ist dennoch optimistisch. In der Pilotanlage könnte man das Trocknungsverfahren optimieren und herausfinden, ob es sinnvoll sei, die Maden zu pasteurisieren. Der Forscher hofft, dass Insektenmehl eines Tages dazu beitragen wird, die Überfischung der Meere einzudämmen.

Von Nadine Zeller

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