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Technik & Apps Dürer-Hase in Ultra HD
Sonntag Technik & Apps Dürer-Hase in Ultra HD
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20:01 02.09.2016
Großer Kunst ganz nahe kommen: Das "Google Arts & Culture"-Projekt erlaubt Galeriebesuche am heimischen Rechner, ganz ohne teure Städtereisen – dient dem IT-Riesen aber vor allem auch zur Imagepflege gegenüber Kritikern. Quelle: Fotolia, Gemäldegalerie Berlin / Montage: RND

Dank Zoomfunktion kann man die Barthaare von Albrecht Dürers "Feldhasen" zu Hause auf dem Desktop einzeln zählen. Das braune Hasenauge der 1502 entstandenen Zeichnung aus der Wiener Albertina mit den Maßen 25 x 22,5 Zentimeter lässt sich bis zu einem Durchmesser von rund 10 Zentimetern vergrößern. Mehrere Milliarden Pixel umfasst das Bild – und es baut sich binnen Sekunden in HD-Schärfe auf. Das Unternehmen Google übertreibt nicht mit der Behauptung, Kunst und Technologie zusammenzubringen.

Was der amerikanische Konzern mit seinen Webcrawlern – so heißen Werkzeuge zum Aufspüren von Internetinhalten – minütlich, sekündlich kreiert, ist eine Grundlage, die wir in der täglichen Suchroutine nicht weiter hinterfragen, sondern als quasi natürliches Umfeld akzeptieren. Auf der Datenebene sind auch Bilder Texte, und so erscheint es nicht verwunderlich, dass der Suchmaschinenriese mit dem Spitznamen Datenkrake neben der Bucherfassung (Google Books), dem Abscannen von Straßenzügen und Landkarten (Street View, Google Maps) und dem Sammeln von Videos (YouTube) nun auch Kunstwerke fischt.

IT-Riese als Kunstsammler und Metamuseum

Mit dem expansiven Google Arts Project (GAP), das inzwischen rund 1350 Gigapixel-Aufnahmen und Zehntausende weitere Bilder enthält, verlässt Google allerdings die Rolle einer reinen Suchmaschine. Es tritt nunmehr als Kultureinrichtung, als eine Art Metamuseum und durchaus auch als Kunstsammler auf. Die Partner des IT-Riesen sind prestigereiche Institutionen wie das Guggenheim Museum, die Berliner Gemäldegalerie oder das Prager Nationaltheater. Zugleich aber ist der Konzern zu ortsgebundenen Kultureinrichtungen in Konkurrenz getreten.

Dem 2012 erfolgten Entschluss der Staatlichen Gemäldesammlungen Dresden (SKD), bei GAP mitzumachen, seien "vielfältige Diskussionen innerhalb der SKD vorausgegangen", sagt die Museumssprecherin Oksana Katvayuk. "Es wurden sowohl Bedenken geäußert als auch die erhofften Möglichkeiten besprochen und einander gegenübergestellt."

Eine naheliegende Sorge besteht darin, Publikum an die Cyberwelt zu verlieren, allerdings sind bislang die Besucherzahlen großer Museen kontinuierlich gestiegen. "Die Erfahrung zeigt: Onlinepräsenz ist keine Gefahr für den Museumsbesuch", sagt Markus Farr, Sprecher der Staatlichen Museen zu Berlin (SMB). Durch Online-Ausstellungen könne Interesse im Gegenteil geweckt werden.

Von Bauhaus bis Streetart: Das Metamuseum von "Google Arts & Culture" bietet Einblicke in unterschiedlichste Stilrichtungen und Epochen – hochauflösend und sauber kategorisiert. Quelle: Screenshot / Google

Einmal beigetreten, klingen Museumsmitteilungen interessanterweise wie Google-PR: Das Projekt gebe "den Leuten eine beispiellose Gelegenheit, großen Kunstwerken wirklich nahezukommen", sagte der Direktor der Londoner Tate, Sir Nicholas Serota, beim Launch des GPA 2011 in London. Die Kunstsammlungen in Dresden schwärmten im Vorjahr über die Gigapixelung von Raffaels "Sixtinischer Madonna", nunmehr könne man "sogar die vielen Federn erkennen, aus denen die Flügel der berühmten Engelchen zusammengesetzt sind".

Laut Konzernangaben finden sich mittlerweile Bilder aus "über 1000 führenden Museen und Archiven" auf der Plattform, die inzwischen mit "Google Arts & Culture" überschrieben ist. Trümpfe sind neben den hochauflösenden Aufnahmen auch die Möglichkeit, sich nach Art von Google Street View, virtuell durch Räume zu bewegen, sich auf Google Maps zu verorten oder eine eigene Galerie anzulegen.

Der Pariser Louvre und der Madrider Prado konnten sich noch nicht entschließen, beizutreten. Das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg hat 144 Objekte eingestellt, die Staatlichen Museen zu Berlin sind beim GAP sogar mit mehr als 390 Werken, mehreren virtuellen Rundgängen und Gigapixel-Bildern vertreten und können sich grundsätzlich vorstellen, die Präsenz weiter auszubauen.

Hoffen auf den Werbeeffekt

Das Niedersächsische Landesmuseum Hannover zögert noch. "Dem Google-Projekt stehen wir grundsätzlich interessiert gegenüber. Es besteht keinerlei Sorge, dass hierdurch weniger Menschen ins Museum kommen. Nichts geht über das Original", meint der Museumssprecher Dennis von Wildenradt.

Die beteiligen Kulturinstitutionen hoffen auf den Werbeeffekt und darauf, dank Google technisch auf dem Laufenden zu bleiben. Sie laden Galerien selbst beim GAP hoch und überlassen dem US-Unternehmen bei den Gigapixel-Aufnahmen die Copyrights. Was aber verspricht sich der jährlich 75 Milliarden Umsatz verzeichnende Konzern vom Joint Venture mit führenden Kultureinrichtungen?

Laut Mission Statement des Unternehmens geht es schlicht darum, Kultur – und zwar der gesamten Welt – zu bewahren, zu bewerben und das Kulturerbe "weltweit zugänglich zu machen". Der kalifornische Privatkonzern wird nicht müde, seine ehrgeizige Bilderpflege in Kooperation mit elitären Kultureinrichtungen als altruistische Initiative zur Demokratisierung von Kunst und kollaboratives Gemeinschaftsprojekt im Sinne von Web 2.0. darzustellen.

Kunst als Imagepflege

Die Nutzer und Zulieferer dürfen allerdings nicht mitdefinieren, was als Kunst gilt, sondern Google übernimmt selbstbewusst diese Rolle. So finden sich in der "Google Arts & Culture"-Galerie gleichberechtigt neben Rembrandt & Co. Gigapixel-Aufnahmen der Hauptplatine des Tischrechners Busicom 141-PF von 1971 und des IBM PC 5150 von 1981.

Die "Tech Evangelists" des kalifornischen Monopolisten – Google beherrscht den Suchmaschinenweltmarkt mit einem Anteil von 90,6 Prozent – arbeiten am Mythos des Metamuseums. Wohin die Entwicklung bei der Bilderdigitalisierung führt, zeigt Le Lab, Googles in Paris ansässiges visuelles Experimentierlabor. Dort wird mit "Cardboard" experimentiert, Googles Virtual-Reality-Headset. Es bewirkt eine Inversion des Sehens: das Gefühl, in den Bildern zu sein.

Die Bilder-Großoffensive dient nicht zuletzt als Imagekampagne eines Megakonzerns, dessen Ansehen durch laxen Umgang mit Copyrights und aggressives Sammeln von Nutzerdaten insbesondere in den Augen von Künstlern und Intellektuellen angekratzt ist. Nun also nimmt Google exakt diese Zielgruppe mit einem passgenau scheinenden Angebot in den Fokus.

Von Johanna Di Blasi

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