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Sehen “Hidden Figures“ und mehr DVD-Tipps
Sonntag Tipps & Kritik Sehen “Hidden Figures“ und mehr DVD-Tipps
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19:53 21.07.2017
Quelle: Fotolia
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Hannover

Live by Night: Visuell ist Ben Afflecks “Live by Night“ ein Fest, wie es nur Hollywood auszurichten vermag. Die Settings, Kulissen und Kostüme lassen die Zeit der Prohibition, die Blüte des organisierten Verbrechens in Amerika, glorreich auferstehen. Es gibt viele Schießereien und eine spektakuläre Verfolgungsjagd mit Töfftöff-Oldtimern, die von den Bostoner Hinterstraßen hinein in die Wälder vor der Stadt führt und die den Zuschauer in den Sitz drückt. Und dann noch einen starken Showdown. Die Action ist souverän inszeniert, formal ist alles erfüllt, was den Gangsterfilm seit den Tagen von Edward G. Robinson, James Cagney und Humphrey Bogart ausmacht.

Die Kerngeschichte ist der Klassiker des Film noir – der Aufstieg und Fall eines Unterwelt-Cäsaren. Um Emma zu rächen, begibt sich Joe (Ben Affleck) in die Dienste des italienischen Paten Maso (Remo Girone), für den er in Florida die Verteilung kubanischen Rums im Osten der USA organisiert. Er arrangiert sich mit dem örtlichen Sheriff (Chris Cooper) und findet in der schönen Graciela (Zoe Saldana) die wahre Liebe. Zudem plant er ein riesiges Kasino, um nach der erwarteten Legalisierung des Alkohols mit Glücksspiel Gewinne einfahren zu können.

In Dennis Lehanes Romanvorlage schwärmt Joe von der Kraft der Dunkelheit: “Die Nacht ist unwiderstehlich. Wer sich für den Tag entscheidet, der muss nach ihren Regeln spielen. Darum haben wir uns für die Nacht entschieden und spielen nach unseren eigenen.“ Der Joe in Afflecks Film dagegen drückt zwar im Bedarfsfall eiskalt den Abzug, will aber zugleich ins Helle und ein Guter sein. Schon das Wort Gangster stößt ihm sauer auf, er bevorzugt das verwegen-romantische “Outlaw“, das jeden sofort an Robin Hood denken lässt. Freilich ist der brave Gangster Joe nur ein erfolgreicher Selbsttäuscher, ein Wohltäter in eigener Sache.

Live by Night Quelle: Warner

Frantz: Wir blicken durch einen grünen Naturrahmen, in den sich schon des Herbstes erste Blätter mengen, auf eine schwarz-weiße Stadtszenerie. Im Quedlinburg des Jahres 1919 trauert die junge Braut Anna (Paula Beer) um ihren Verlobten, der im Ersten Weltkrieg getötet wurde. Eines Tages hat ein anderer Besucher Blumen auf Frantz Hoffmeisters Grab gelegt, ein geheimnisvoller Franzose, dem der Tote offenbar ebenfalls etwas bedeutet hat.

Der Totengräber spuckt auf die zwei Francs, die ihm der Fremde als Trinkgeld gegeben hat, der selbstgefällige Herr Kreutz, der um Anna wirbt, trifft sich im Gasthof mit nationalistisch gesinnten Landsleuten, die sich “diese Niederlage nicht gefallen lassen“ wollen. Der Zweite Weltkrieg beginnt bereits zu gären. Und mit einem echauffierten “Jeder Franzose ist für mich der Mörder meines Sohnes“, verweist der alte Hoffmeister den französischen Besucher Adrien (Pierre Niney) zunächst aus seiner Arztpraxis. Als Anna Adriens Nähe sucht, wird die abstrakte “Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich für manchen der Quedlinburger in ihm personifiziert.

Francois Ozons poetischer, kammerspielhafter Historienfilm “Frantz“ erzählt von der Macht des Vorurteils und der Macht der Liebe, von der grenzüberschreitenden Kraft des Menschseins und der unseligen Kraft alter Grenzen, wenn aus offenen Ländern wieder Vaterländer werden. Der Zuschauer ahnt Falsches über Adriens Geheimnis, ist überrascht über die Auflösung und über das Netz barmherziger Lügen, das hier geknüpft wird, und mag sich dieser anrührenden – im Grunde unendlichen – (Liebes-)Geschichte nicht zu entziehen.

Frantz Quelle: Warner

Hidden Figures: Der weiße Streifenpolizist am Straßenrand lässt die drei schwarzen Frauen, die mit ihrem Chevy liegen geblieben sind, erst einmal spüren, wer der Herr in Amerika ist und wer vor noch nicht allzu langer Zeit auf den Plantagen Baumwolle gepflückt hat. Dass das Trio für die Nasa arbeitet und deren Astronautenteam kennt, lässt den Cop dann cooler werden - am Ende kann man eben doch mal die rassistische Fünf gerade sein lassen, denn am Ende sind doch alle Amerikaner, wenn es gegen die Russen geht, die den ersten Satelliten, den ersten Hund und den ersten Mann ins All geschossen haben.

Octavia Spencer, Taraji P. Henson und die Sängerin Janelle Monáe spielen ein Traumteam, das der amerikanischen Weltraumbehörde mit überragenden Kenntnissen in Mathematik und der noch jungen Informatik den erfolgreichen Flug ihres ersten Astronauten John Glenn erst möglich macht. Die Geschichte ist so passiert, der Erfolg der drei Heldinnen wurde lange Zeit unter den Teppich gekehrt.

Regisseur Theodore Melfi verwandelt ihn in einen Wohlfühlfilm, der trotz seiner - leise eingesetzten - komödiantischen Mittel nicht verhehlt, dass diese Frauen damals einen doppelten Kampf zu führen hatten: Gegen das rassistische weiße Herrenmenschentum der frühen Sechzigerjahre, das auf Apartheid setzte. Und gegen den männlichen Glauben an die geistige Unterlegenheit der Frau. Freilich: Die hier versammelten, unglaublichen Borniert- und Gemeinheiten von vor fast sechzig Jahren haben sich in abgeschwächter Form vielerorts bis heute erhalten.

Hidden Figures Quelle: Fox

Rings: Das Versprechen, dass der Teufel sich auch der kühlsten, sachlichen Technologie bemächtigt und sich mit ihrer Hilfe sogar seuchenartig verbreitet, machte dem Betrachter Anfang des Millenniums im Gruselfilm “Ring“ (egal ob japanisches Original oder amerikanische Adaption) mächtig Angst. Jetzt gibt es mehr von der bösen VHS-Kassette und den Bildern, die das dämonische Mädchen Samara Kraft ihres unseligen Geistes aufs Band projiziert hat. Wer ihre Schöpfung sieht, hat nur noch sieben Tage zu leben, dann steigt die Hexe aus ihrem Brunnen, um sich ihren Zuschauer zu holen. Außer man zeigt den Film jemand anderem, der dann stellvertretend stirbt.

Der andalusische Regisseur F. Javier Gutiérrez belebt den Schrecken neu, sogar die Fliege, die in Gore Verbinskis amerikanischer Adaption vor zwölf Jahren aus den Bunuel-artigen, surrealen Horrorbildern von Samaras Film in die Realität entkam ist wieder dabei. Sie krabbelt diesmal tatsächlich aus einem Joint. Inzwischen hat sich der mörderische Spuk auch moderner Technik bemächtigt, ist von den analogen Museumsapparaten (wer unter 20 Jahren hat schon mal einen Videorekorder gesehen?) auf die Screens der digitalen Welt gesprungen. Samara kommt jetzt aus dem Smartphone, dem Laptop, dem Flachbildschirm. Erzählt wird die Geschichte, wie die junge Julia (Matilda Lutz) ihren Freund Holt Anthony (Alex Roe), dessen Lebenszeit in zwölf Stunden enden soll “rettet“, und wie der Uniprof Gabriel (Johnny Galecki aus “Big Bang Theory“) glaubt, mithilfe des Videos Zutritt zum Jenseits zu bekommen.

Drei Schreiber haben sich an diesem Drehbuch zu schaffen gemacht, haben auf der Suche nach Samaras Geheimnis vergessen, dass Monster das Fürchten lehren müssen und es nicht darum gehen darf, ihre Biografie aufzudecken. Weil das ihre Wirkung untergräbt. Die beiden Hauptdarsteller sind zudem so distanziert, dass man sich kein bisschen um sie sorgt. So gern hätte man sich ein wenig gegruselt, stattdessen ärgert man sich am Ende über 102 Minuten verschwendete Lebenszeit. Was nichts anderes ist als ein winziger Samara-Effekt - zeigen Sie “Rings“ also bitte niemandem.

Rings Quelle: Paramount

Die Wildente: Der norwegische Dramenautor Henrik Ibsen hatte früh im Leben mit dem gesellschaftlichen Abstieg seines Vaters zu kämpfen. Seine gesellschaftlichen Stücke befassten sich entsprechend mit den Lebenslügen der Bourgeoisie. Der australische Theaterregisseur Simon Stone sagt, er habe weder Ibsens Dramentext “Die Wildente“ noch seine eigene Adaption im Sinn gehabt, als er das Drehbuch zu seinem Film schrieb.

Am Ende hat er das berühmte Stück perfekt in die Gegenwart übertragen, die Spannungen in einer Kleinstadt perfekt umgesetzt und als namentliche Reverenz heißt die Tochter seines arglos-glücklichen Helden Oliver (Ewen Leslie) und seiner nicht ganz so glücklichen Ehefrau Charlotte (Miranda Otto) eben Hedvig wie bei Ibsen. Erzählt wird, wie dessen bester Freund Christian (Paul Schneider) in einer Ehekrise aus den USA zurückkehrt, um Trauzeuge für seinen Vater Henry (Geoffrey Rush) zu sein, der seine junge Haushälterin (Anna Torv) heiraten will. Christian hat noch eine Rechnung mit dem Vater offen, dem er die Schuld am Selbstmord der Mutter gibt. Und weil er gerade so selbstgerecht ist in Sachen Lebenslügen anderer, will er dem alten Freund beibringen, dass nicht er, sondern der alte Henry Vater Hedvigs ist. Über alldem hängt wie ein Fluch das Aus für Henrys Sägemühle, des größten – auch Olivers – Arbeitgebers am Ort.

Die Frage die Stone mit Ibsen stellt, ist die nach der Wahrheit. Muss sie ausgesprochen werden, weil sie moralisch ist, der Umkehrschluss eines Gottesgebots, weil es kein wahres Leben im Falschen gibt? Oder darf die Lüge bestehen, wenn die Wahrheit Lebensglück so restlos zerstört wie hier? Zeitlos. Aufwühlend. Fantastisch gespielt.

Die Wildente Quelle: Indigo

War Dogs: Die Hunde des Kriegs laben sich an Tod und Zerstörung. Der feiste Ephraim (Jonah Hill) und der brave David (Miles Teller) sind in “War Dogs“ alte Schulkumpel, die “partners in crime“ werden, Waffenhändler, die mit einer Ladung italienischer Beretta-Pistolen durch den Irak reisen, durch das Dreieck des Todes. Die Lieferung an die US-Truppen verschafft ihnen die Reputation von Teufelskerlen. Der nächste große Deal läuft dann mit 23 Containern voller AK-47-Munition in einer Lagerhalle in Albanien, wobei sie in ihrer Naivität den nächsthöheren Dealer der US-Regierung um 53 Millionen Dollar unterbieten.

Während der junge Vater David durch Lüge und Geheimniskrämerei die Beziehung zu seiner Braut Iz (Ana de Armas) gefährdet, zieht sich Ephraim Kokain-Linien und die Nase und verschenkt an David großmännisch eine goldene Handgranate mit eingraviertem Zitat aus “Scarface“, seinem Lieblingsfilm. Dann stammen die 100 Millionen Patronen blöderweise aus chinesischen Beständen – unverkäuflich ans Pentagon und eine groß angelegte Umverpackungsaktion führt das Duo schließlich in den Untergang.

Lange scheint in Regisseur Todd Phillips‘ Spiel der Unmoral alles ein juveniler Spaß, verdrängen die Kriegsgewinnler die tödliche Dimension ihres Treibens. Bis David in einem albanischen Kofferraum landet, albanische Fäuste auf seine Nase krachen und eine Pistole auf seine Stirn gerichtet ist. Waffenhandel ist das Übelste vom Üblen, das wird in dieser nicht allzu scharfen Komödie klar, die für die Kashoggi-Reserve in Handschellen endet. Was hoch fliegt,fällt tief, das hätte Ephraim aus Al Pacinos Gangsterschicksal in Brian de Palmas „Scarface“ lernen können. Der Zuschauer sieht all das mit der gebotenen Distanz, weil ihm keiner der beiden Helden Identifikationspotenzial bietet.

War Dogs Quelle: Warner

The Salesman: Eine Frau wird im Iran in ihrer Wohnung überfallen. Die Vormieterin war eine Prostituierte, ihr Vergewaltiger war in der Absicht auf ein bezahltes Schäferstündchen gekommen. Das Opfer, Rana, leidet unter der ihr widerfahrenen Gewalt, ihr Ehemann Emad, ein Lehrer und Theaterregisseur, kommt mit der Schande nicht zurecht.

Asghar Farhadis Oscar-gekröntes Drama “The Salesman“ ist eine Geschichte von Scham, Furcht und Zorn im Iran der Ayatollahs, in der zwei moderne, aufgeschlossene Intellektuelle es nicht vermögen, sich den Traditionen zu entziehen. Die geschändete Frau will aus Scham Stillschweigen bewahren, der düpierte Ehemann folgt dem Gesetz der Ehre und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Täter, den er auch unverhofft entdeckt. Unglück zieht Unglück nach sich. Exakt beschreibt Farhadi die leise Veränderung, die Entfremdung zwischen den Eheleuten - das Spiel von Taraneh Alidoosti und Shahab Hosseini ist reine Beklemmung.

Der Gottesstaat Iran erscheint hier auf den ersten Blick als inzwischen offenes System, in dem “Spongebob“ in den Videotheken liegt und Arthur Millers “Tod eines Handlungsreisenden“ auf die Bühne gebracht werden kann. Die Diskriminierung der Frau tritt in diesem Thriller einer Ehe dann aber doch in Erscheinung - sei es im mangelnden Vertrauen eines besorgten Nachbarn darauf, dass Rana ein Auto umparken könnte, oder in der Angst Ranas und Emads, mit der Geschichte des Überfalls zur Polizei zu gehen.

The Salesman Quelle: Prokino

Florence Foster Jenkins: Die Schallplatte von RCA Victrola ist in zartes Mintgrün gehalten, darauf steht schwarz-weiß mit Flügeln und Helm eine selbstbewusst dreinblickende Walküre, “The Glory (????) Of The Human Voice“ ist das Album despektierlich betitelt, und zu hören ist tatsächlich eine Frau, die ungeachtet ihrer massiven stimmlichen Defizite weitersingt, als könne sie etwas anderes, weit Reineres hören als ihr Publikum.

Die Geschichte der “schlechtesten Opernsängerin der Welt“, wie die New York Times Florence Foster Jenkins (1868-1944) nannte, erzählt Stephen Frears als traurige Komödie einer in jungen Jahren mit Syphilis infizierten und dadurch wohl nervlich geschädigten Frau. Meryl Streep spielt die Mäzenatin und Gründerin des ihr ergebenen “Verdi Clubs“, der ihre dürftigen Leistungen ebenso gutherzig bejubelt und ihren Glauben an ihr Ausnahmetalent fördert wie ihr Ehemann und Manager (Hugh Grant), der allerdings auch ein paar Mal den Eindruck erweckt, als höre er mit ähnlichen Ohren wie der boshaft ehrliche “Times“-Kritiker.

Eine schier unglaubliche, indes wahre Geschichte, in der Streep ein weiteres Mal zu Hochform aufläuft, wenn sie unerschrocken Mozarts “Königin der Nacht“ angeht, sich im Triumph wähnend kläglich kräht und kreischt und von den Zuhörern ihres ersten öffentlichen Auftritts in der Carnegy Hall zunächst ausgelacht, dann als Parodistin missverstanden wird. Überraschend und umwerfend: der US-Komiker Simon Helberg in der Rolle von Jenkins‘ zauderndem Bühnenpianisten Cosmé McMoon, der mit dieser Rolle für den Golden Globe nominiert wurde.

Florence Foster Jenkins Quelle: Constantin

Von Matthias Halbig

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