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Sehen „Sing Street“ und andere DVD-Tipps
Sonntag Tipps & Kritik Sehen „Sing Street“ und andere DVD-Tipps
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00:30 11.02.2017
Von den Schwierigkeiten, eine Band zu gründen: Szene aus „Sing Street“. Quelle: Verleih
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„Modus“ Quelle: Verleih


Modus. Die Welt färbt sich weiß, Schweden wird still, die Heilige Nacht bringt Ruhe und Zufriedenheit. Brächte. Wären wir nicht in einer Serie nach einem Roman der Thrillerautorin Anne Holt. In „Modus“ treibt ein Mörder sein Unwesen, dessen Antrieb Homophobie zu sein scheint. Die autistische Tochter der ehemaligen FBI-Profilerin Inger Johanne Vik (Melinda Kinnaman) wird Zeugin eines der Verbrechen, dennoch rettet ihr der Killer (Marek Oravec) das Leben, verpflichtet sie alsdann aber nachdrücklich zum Schweigen. Die Kriminalpsychologin Vik schließt sich der Stockholmer Polizei an, muss fortan das Leben ihrer Kinder schützen, während sie Gewahr wird, dass hinter dem Mörder eine geheime christlich orientierte Organisation mit menschenverachtender Agenda zu stecken scheint. Das Böse entfaltet sich langsam vor dem Zuschauer, lässt das Ausmaß der Bedrohung deprimierend in ihn sinken, ebenso sorgfältig werden die Charaktere ausgemalt – wie es in skandinavischen Thrillerserien ( „Kommissaris Lund“, „Die Brücke“) üblich ist. Düsterschöne Bilder, hypnotischer Soundtrack – wer bereit ist, sich ins Herz der Finsternis zu begeben, wird reich belohnt.

„Frühstück bei Monsieur Henri“ Quelle: Verleih

Frühstück bei Monsieur Henri. In Paris ist es schwer mit dem festen Dach überm Kopf, wenn man nur über ein schmales, studentisches Budget verfügt. Die junge Constanze kann bei dem alten Witwer Henri zu akzeptabler Miete einziehen, wenn sie dessen Sohn emotional von der „Pute“, der ungeliebten Schwiegertochter, „löst“. Dieses unmoralische Angebot ist Ausgangspunkt von Ivan Calbéracs Komödie „Frühstück bei Monsieur Henri“, in der Claude Brasseur einen vortrefflichen Griesgram und Nóemie Schmidt seine charmante Mitbewohnerin spielt. Von der ungewohnten Situation profitieren bald beide Seiten und blühen auf. Zwar ist diese Komödie so absehbar wie drei Meter Feldweg in der Mittagssonne, aber sie bezaubert durch eine Leichtigkeit, die man deshalb „typisch französisch“ zu nennen pflegt, weil sie andernorts eben üblicherweise nicht erreicht wird.

„Sing Street“ Quelle: Verleih

Sing Street. Der Ire John Carney lässt es schon wieder ganz wunderbar klingen. „Sing Street“ ist nach „Once“ (2007) und „Can a Song save your Life?“ (2013) schon der dritte bezaubernde Film über die lebensverändernde Kraft der (Pop-)Musik. Erzählt wird die Geschichte des 15-jährigen Schülers Conor (Ferdia Walsh-Peelo) der ad hoc eine Musikgruppe gründen muss, weil er sich in das hübscheste Mädchen der Straße verliebt hat und ihr versprochen hat, sie dürfe in seinem Video als Model mitspielen. Es sind die Achtzigerjahre, die Zeit von Duran Duran und Co., der Erfolg von Songs ist von den kleinen Filmchen abhängig und so entwickelt sich Conors bunte Truppe zu passablen Songwritern, Performern und Schauspielern, während die schöne Raphina (Lucy Boynton) entdeckt, dass Conors Leidenschaft ihr mehr abringt als nur Bewunderung. Ein anrührendes Märchen über Außenseiter in den Ketten von Armut und Pubertät, für die zu allen Zeiten die Band der Weg zur Befreiung war. Und eins über Musik als Stifterin von Toleranz und Versöhnung. Das alles wird völlig kitsch- und pathosfrei geliefert. Eine echte Perle!

„Puls“ Quelle: Verleih

Puls. Ein elektronisches Signal hat apokalyptische Folgen, es verwandelt alle Menschen, die in diesem Moment ihr Smartphone nutzen, in vogelartig mit dem Kopf ruckende, reißende Bestien. John Cusack spielt in der Stephen-King-Verfilmung „Puls“ den üblichen Zombiefilmhelden, den nichts von der Suche nach seiner Familie abbringen kann, mit Samuel L. Jackson steht ihm ein weiterer, zu allem entschlossener Endzeitkämpe zur Seite. Während die Protagonisten sich durchschlagen, rätselt der Zuschauer: Wars Terror? Ein Anschlag aus der „Twilight Zone“? Waren es die Russen, der alte Feind, der sich durch die elektronischen Geräte kämpft? Oder ein Tüftler, der genervt davon war, dass sich die Menschheit in Wesen verwandelt hat, die auf Displays starren? Ähnlich wie John Carpenter, der Kings Automobil-Hommage „Christine“ verfilmte, lässt auch Tod Williams das satirische Potential der Geschichte weitgehend ungenutzt. Einige der Horroreffekte sind starker Tobak, erinnern an Philip Kaufmans Remake von „Die Körperfresser kommen“ (1978), die Figur des Vogelzombie-Anführers aber ist nahezu verschenkt. Die Verstörung wird ausgereizt, bis sie den Punkt des Glaubwürdigen überspringt und fortan lächerlich wirkt. Ein weiteres Mal vermag King (selbst Drehbuchautor) sein in Buchform so fesselndes Fantasia nicht auf die Leinwand zu übertragen.

„Operation Anthropoid“ Quelle: Verleih

Operation Anthropoid. Wenn„Operation Anthropoid“ erzählt vom erfolgreichen Anschlag des tschechoslowakischen Untergrunds auf den Naziführer und Reichsprotektor Reinhard Heydrich am 27. Mai 1942. Der englische Regisseur Sean Ellis protokolliert die vom britischen Geheimdienst unterstützte Aktion der Soldaten Jan Kubiš und Jozef Gabčík, gespielt von Cillian Murphy und Jamie Dornan, von der nächtlichen Fallschirmlandung bis zu der Stürmung der Karl-Borromäus-Kirche, in der sich die Attentäter verschanzt hatten. Das Ergebnis ist ein spannendes, stellenweise beklemmendes Historiendrama über ein Kriegskapitel, das außerhalb der Tschechei weitgehend in Vergessenheit geraten ist, und das den Fokus auf die Unterdrückten richtet, während die Besatzer nur grobe Skizzen bleiben. Die brutalen Vergeltungsschläge der Nazis gegen die Zivilbevölkerung – Stichwort Lidice – werden nur in Notizen vor dem Abspann erwähnt, obwohl die Zahl der unschuldig Getöteten hoch war, wird der Anschlag indes als Fanal des Freiheitskampfs begriffen. Besieht man das Grauen jener Tage, erscheint es umso unglaublicher, dass aus dem Schoß der braunen Anthropoiden derzeit europaweit die rechten Populisten kriechen.

„Wild“ Quelle: Verleih

Wild. Anja (Lilith Stangenberg) hat eine lebensverändernde Begegnung am Waldrand. Ein Wolf schaut sie da an, der sie aus ihrer Zivilisationsapathie weckt. Leidenschaften brechen sich Bahn, die bisher in ihr versteckt waren. In „Wild“, Nicolette Krebitz‘ dritter Regiearbeit (nach einem selbst geschriebenen Drehbuch), geht der zaghaften Ania der schöne Isegrimm buchstäblich in die Lappen und wird zum anfangs gefürchteten, später geliebten Mitbewohner, der ihr schmales Dasein sinnlich weitet und die kargen Räume ihres privaten und beruflichen Seins in euphorische Farben kleidet. Der entfremdete Mensch auf der Suche nach dem Wesentlichen, wird aufgekratzt statt aufgefressen und treibt seine Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Natur auf die Spitze. Dieses Rotkäppchen in den Städten ist ein sehenswertes Märchenmädchen (für Erwachsene).

Von Matthias Halbig

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