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"The Leftovers" und mehr DVD-Tipps

DVD-Tipps von Matthias Halbig "The Leftovers" und mehr DVD-Tipps

Vom Horror-Motel über ein Kammerstück zu Moralfragen des Drohnenkriegs bis hin zu sprachbegabten Zombies im Jane-Austen-Gewand: Die DVD-Tipps von Matthias Halbig.

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The Conjuring 2

Der englische Reihenhausgeist namens Bill alias "crooked man" zetert "Mein Haus!" und schaltet  den Fernseher einfach um zu Maggie Thatchers Parlamentsrede, wo  sich die jüngere Tochter im Fernsehen doch eigentlich Monty Python's Klamauk ansehen wollte. Er ist ein zunächst eher lächerlich aussehender alter Knacker mit gelben Augen und am Anfang hat man ihn als paranormalen Pädophilen in Verdacht, der kleinen Kindern Angst einjagt. Bis die fünfköpfige Familie nach 40 Minuten schreiend aus dem Haus flieht und man als Zuschauer nahe dran ist, ebenfalls wegzurennen vor diesem Spukhausfilm, den James Wan da souverän inszeniert hat.

"The Conjuring 2", das zweite Kinoabenteuer der legendären amerikanischen Übersinnlichkeitsspezialisten Ed und Lorraine Warren (Vera Farmiga und Patrick Wilson), steht dem ersten in nichts nach. James Wan weiß, wie das gute alte Übersinnliche am fotogensten wirkt und wie man Haare auch noch beim ausgelutschten Thema Exorzismus steil zu Berge stehen lässt. Dabei nutzt er fast ausschließlich das klassische Instrumentarium des Grauens: Schaukeln, die sich ohne äußeren Anlass bewegen, seltsame Schatten, fremdartige Stimmen und Poltergeistgetöse samt menschlicher Besessenheitsmimik. Das alles angesiedelt im nebligen London der Siebzigerjahre – et voilà! Mit Franka Potente in einer kleinen Rolle als Skeptikerin: Ob Lola hier auch wieder rennt?

The Conjuring 2

The Leftovers, Staffel 2

Alles beginnt mit einem Rücksturz in die Prähistorie, mit einer kleinen Kamerafahrt, die an den genialen Schnitt zu Beginn von Kubricks "2001" erinnert. Eine hochschwangere Steinzeitfrau verliert ihren ganzen Stamm durch ein Erdbeben, das den Höhleneingang verschüttet und stirbt an einem Fluss durch einen Schlangenbiss. Ihr Baby wird von der Frau eines anderen Stamms gerettet, die Kamera schwenkt ein paar Felsen weiter, wo Teenager unserer Tage ein Bad im selben Fluss nehmen. Und schon hat die "Twilight Zone" ihre Tore wieder sperrangelweit offen, lässt Justin Theroux in ein texanisches Städtchen treten, in dem – anders als überall sonst auf der Welt – niemand unerklärlich vom Erdboden verschluckt wurde.

Das Glück in diesem abgeschotteten Ort, in dem sich viele Sicherheit erhoffen, dauert nicht einmal eine Episode. Natürlich hat das Idyll einen doppelten Boden, einen Schlund, der auf andere Weise ebenfalls Menschen verschlingt. Und die Trauer der Welt ist beständig, niemand kann vergessen, unter der Normalität schwelt das Unglück der Zurückgebliebenen, das Nichtverstehen des Unerklärlichen, die Angst vor einer Wiederholung des großen Verschwindens. Eine der stärksten Mysteryserien seit "Lost" wird auf ein neues Level gehoben. Die Kenntnis der ersten Staffel von "The Leftovers" ist nützlich, aber nicht zwingend notwendig, man fragt sich nur, wie die Macher all das Mysteriöse in der dritten und letzten Staffel rund kriegen wollen. Creepy! Und: toller Soundtrack – von Verdi bis Pixies.

The Leftovers, Staffel 2

Bates Motel, Staffel 4

Mutter und Sohn Bates leben in brüchigem Glück in dem Motel, das nach dem nie ganz geklärten Tod des Vaters als verlockender Neuanfang erschien und durch eine Umgehungsstraße von aller Prosperität abgeschnürt wurde. Das Städtchen White Pine Bay an der kalifornischen Küste lebt vom Drogenanbau und kann es an unterschwelliger Verderbtheit durchaus mit David Lynchs Twin Peaks aufnehmen. Das größte Geheimnis an diesem seltsamen Ort aber ist der von dem großartigen Freddie Highmore gespielte Norman Bates, der nett ist und schüchtern, hilfsbereit und loyal zu seinen Freunden. Und der – um es nicht zu vergessen - manchmal etwas seltsam ist in seiner besonderen Mutterbezogenheit zu Norma (Vera Farmiga). Eine nicht allzu verhohlen libidinöse Beziehung, die sich immer mehr zu einer psychischen Störung entwickelt.

Normans Blick ist zuweilen der eines Menschen, in den etwas Überweltliches, Unberechenbares gefahren scheint, nicht nur, wenn er Mutters Kleider anzieht. So bewegen sich nun die Ereignisse dieser Serie also auf die von Hitchcocks Filmklassiker "Psycho" von 1960 zu. Um Norma und Norman Bates wächst das Grauen, bis die vierte Saison mit einem (dem notwendigen erwarteten) Paukenschlag endet. Die arme Marion Crane könnte jetzt einchecken im "Bates Motel".

Bates Motel, Staffel 4

The Witch

Der Wald in Neuengland braust im Wind, die Geräusche seiner Kronen klingen abtraumhaft, wie von Wesen, die man niemals zu erblicken hofft.  An den Rand dieser Düsternis hat man anno 1630 die tiefreligiöse Familie des Farmers William (Ralph Ineson) verstoßen. Ein Maisfeld, ein paar Ziegen und ein silberner Becher der Mutter (den der Vater heimlich eintauscht) sind schon der ganze Reichtum in diesem Elend. Eines Tages verschwindet Williams Baby buchstäblich im Zeitraum eines Wimpernschlags, die Mutter ("Game of Thrones"-Star Kate Dickie) kommt nicht über den Verlust hinweg, die Schuld wird der Ältesten, Thomasin (Anya Taylor-Joy), zugeschrieben, die das Kind beaufsichtigt hatte.

Während dem Zuschauer schnell klar wird, dass in einem Erdhaus im Wald eine Hexe der übelsten Hänsel-und-Gretel-Sorte lebt (die auch für die Entführung verantwortlich ist), lenkt Thomasin mit einem unbedachten Wort gegenüber ihren Zwillingsgeschwistern den Verdacht darauf, selbst ein zauberkundiger Satansbraten zu sein. Regisseur Robert Eggers erzählt, wie eine Familie durch Lüge, Heimlichkeiten und Misstrauen angreifbar wird, angegriffen wird und schließlich zerbricht. In blassen Farben wird der Einzug der Verzweiflung so realistisch geschildert, dass sich das Märchenhafte des Stoffs zunächst allein in der altertümlichen Sprache manifestiert. Bis die Ziegen Blut statt Milch geben, das Böse den Mais verdirbt und sich – nach allerhand Seltsamkeiten – in einem finsteren Showdown der armen Leute bemächtigt. Die Atmosphäre dieses recht ungewöhnlichen Spukstücks erinnert an "Blair Witch Project". Ein unangenehmes Kriechtier von Film.

The Witch

Eye in the Sky

Kämpfen aus dem Versteck, sicher und feige, ohne die Gefahr eines Blutvergießens auf der eigenen Seite – Drohnen machen das möglich. Die unbemannten Waffenträger gehören zur Gegenwart und Zukunft des Krieges. Der Südafrikaner Gavin Hood ("Tsotsi", "Ender's Game") packt in "Eye in the Sky" einige langgesuchte islamistische Terroristen (darunter eine britische Staatsfeindin Nummer Eins) in ein Haus in Nairobi. Ein Spion bestätigt deren Identität durch die Kamera einer insektengroßen Drohne, die risikoarme Vernichtung des Feindes scheint jetzt möglich. Dann aber platziert der Regisseur noch ein kleines afrikanisches Mädchen vor die Grundstücksmauer, das Fladenbrot verkaufen will, um zum Überleben ihrer Familie beizutragen. Der Zuschauer lernt die Kleine ein wenig kennen – und sie ist viel zu niedlich, fröhlich, lebensvoll, um als Kollateralschaden durchgewunken zu werden.

Dann schwenkt Hood hinüber, zu den Politikern, die sich gegenseitig die Verantwortung zuschanzen wollen, zu den ranghohen NATO-Militärs, die so schnell wie möglich zuschlagen wollen und den mit Skrupeln beladenen kleinen Soldaten, die auf den Knopf drücken sollen. Die Schwierigkeit dieses Films mit Helen Mirren und Alan Rickman (in seiner letzten Rolle) ist der Bruch in seiner Stimmung: Während die Moraldiskussion zuhause immer mehr zur kammerspielartigen Satire gerät, gestalten sich die Geschehnisse in Nairobi zunehmend dramatisch und tragisch. Dennoch sehenswert.

Eye in the Sky

Stolz und Vorurteil und Zombies

Zombies sind penetrant, überall, sie dringen inzwischen sogar in Romane von Jane Austen ein. Und so kann sich der von Standesdünkel durchdrungene D'Arcy (Sam Riley) in "Stolz und Vorurteil und Zombies" nicht so recht auf die selbstbewussten Bennet-Schwestern, voran Elizabeth (Lily James), konzentrieren. Weil ihn nämlich Zigtausende Untoter fordern, die das artige England verheeren und auf London zumarschieren. Die Zombies in diesem unter anderem von Natalie Portman produzierten Horror-Gesellschaftsdrama-Mash-up (nach einer Graphic Novel von Seth Grahame-Smith) sind in zweiter Generation sprachbegabt und intelligent und versuchen, einen Waffenstillstand mit der bisher auf ihre Vernichtung bedachten Menschheit zu schließen. Faule Sache – man darf Zombies nicht trauen.

Zwar naht die Apokalypse, zum Pech ihrer vier Reiter beherrschen die Bennet-Mädels nun aber Kung-fu. Auch hier hat die Abteilung Maske treffliche Arbeit geleistet, aber die grunzenden, mürbschädeligen Beißer aus "The Walking Dead" machen uns doch deutlich mehr Angst. Gemessen an dem ebenfalls kürzlich erschienenen zynischen "Jurassic Park"-Verschnitt "The Rezort" ist Buzz Sheers "Stolz und Vorurteil und Zombies" freilich der Zombiefilm des Quartals.

Stolz und Vorurteil und Zombies

10 Cloverfield Lane

Michelle (Mary Elizabeth Winstead) macht ihrer Beziehung ein Ende, wirft die nötigsten Kleider in den Koffer, verdrückt ein paar Tränen, lässt den Ring ihres vormalig Liebsten und die Wohnungsschlüssel zurück und fährt und fährt und fährt, bis sie in der Nacht verunglückt und angekettet in einem Bunker erwacht. Der Hausherr (John Goodman) hat noch einen weiteren "Gast" (John Gallagher Jr.), beiden versichert er, es habe sich etwas Schreckliches mit der Welt ereignet, die Luft draußen sei toxisch, ein Überleben unmöglich. Freilich erscheint das Gebaren des Gastgebers höchst seltsam, seine eruptiven Stimmungsverdüsterungen lassen auf eine beschädigte Seele schließen, einen Psychopathen, der sich ein wenig Gesellschaft erbeutet hat.

Die unfreiwillig Geretteten zweifeln, beschließen den Widerstand und so bahnt sich in dem Bau unter der Erde ein klaustrophobischer Showdown an. Was den Zuschauer für Goodmans Charakter einnimmt, ist der Filmtitel "10 Cloverfield Lane". "Cloverfield" war das Found-Footage-Stück, in dem ein Biest aus einer anderen Dimension in unsere Welt drang und Bowling spielte mit dem Kopf der Freiheitsstatue. Was ist da draußen wirklich los?

10 Cloverfield Lane

The First Avenger – Civil War

Es ist eine alte Geschichte, die uns Anthony und Joe Russo im dritten "Captain America"-Film erzählen (der quasi auch der dritte "The Avengers"-Film ist). Es geht um die Verantwortung der Starken gegenüber den Schwachen, die schon 1986 in Frank Millers Graphic Novel "Die Rückkehr des Dunklen Ritters" (über Batman) Thema war. Nach einem Einsatz mit zivilen Opfern sollen die Kämpen fortan nur noch mit UN-Erlaubnis losziehen dürfen. Um Tony Stark (Robert Downey Jr.) scharen sich die Kooperationsbereiten, um den Cap (Chris Evans) die Freiheitsliebenden.

Durch einen Terrorakt werden die einstigen Freunde zu unversöhnlichen Feinden – der "Civil War" der Avengers gipfelt in einer Zerstörungsorgie, die den Leipziger Flughafen zum zweiten deutschen Sorgenairport werden lässt. Irgendwann berührt einen dann die viele Haue in diesem langen Dekonstruktionsspektakel nicht mehr recht. Das Coole droht lächerlich zu werden. Nein, hier schreibt kein Superheldenverächter. Wir freuen uns auf "Ant-Man 2", "Deadpool 2" und "Guardians of the Galaxy 2". Sogar auf Batman – aber nur wenn er vorher den Langweiler Superman abschüttelt.

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