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19:59 30.09.2016
"Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter": Diese Wanderausstellung in der Berliner Volksbühne spielt auf die aktuelle Debatte um den Wechsel an der Spitze des Traditionshauses an. Quelle: Walter Mair

Ein Mann im Kittel schiebt eine hölzerne Umzugskiste auf die Bühne. Klappt sie auf, befreit eine darin verborgene Frau von Packpapier und Plastik. Sie hält damenhaft ihre Handtasche umklammert, schweigt und lächelt nur starr. Der Mann im Kittel zieht weitere Pakete und Kisten auf die Bühne, aus denen sich Menschen pellen. Sie trällern Lieder, spielen Klavier, essen Glückskekse oder sagen ihre Nonsens-Monologe auf, ehe sie vom Inventurmeister auf der Bühne arrangiert werden wie lebende Plastiken und es Zeit für den nächsten Auftritt ist. Plötzlich sagt die Dame aus dem Packpapier: "Ich hasse Wanderausstellungen." Lautes Gejohle aus dem Zuschauerraum.

"Wanderausstellung": Dieser nur scheinbar harmlose Begriff aus der jüngsten Uraufführung "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" an der Berliner Volksbühne spielt an auf die hitzigste Theaterdebatte seit der Schließung des Berliner Schillertheaters 1993: Es ist die erste Premiere der letzten Spielzeit des Theater-Haudegens Frank Castorf, im Sommer 2017 folgt der Belgier und Kulturmanager Chris Dercon. Seit der Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner die Personalie im April öffentlich machte, suchen sich Dercons Befürworter und Gegner mit offenen Briefen zu übertrumpfen.

Würdige Feier am Ende einer Ära: "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" stellt den Auftakt zu Frank Castorfs letzter Spielzeit dar. Quelle: Walter Mair

Das despektierlich gemeinte Stichwort "Eventkultur" wird immer wieder in Zusammenhang mit Dercon genannt, denn der bisherige Museumsdirektor der Londoner Tate kommt nicht vom Theater und inszeniert somit anders als sein Vorgänger auch nicht selbst. Mit seiner Ernennung verbinden Kritiker die Angst, er werde die über Jahre gewachsene Identität der Anarchobühne aufgeben und aus dem Theater einen Ort machen für – Wanderausstellungen eben. Eine ähnliche Bühne für internationale, genreübergreifende Kunst gibt es in Berlin mit dem Hebbel am Ufer bereits. Ein Kosmopolit und Kurator tritt an die Stelle des Rebellen.

Neben Castorf muss 2017 noch ein weiterer Patriarch seinen Hut nehmen: Claus Peymann vom Berliner Ensemble. So bilden zwei eigentlich recht gegensätzliche Künstler wie der Brecht-Bewahrer Peymann sowie der Textzertrümmerer Castorf dieser Tage eine seltsame Allianz. Der Generationswechsel wird begleitet von schmerzhaften Loslösungsprozessen. Auf der Startseite der Volksbühne-Homepage ist derzeit etwa ein Kommentar zu einem "taz"-Artikel zu lesen, in dem Staatssekretär Renner sagt, Dercon habe schon vor Castorf mit Christoph Schlingensief gearbeitet.

Die trotzige Anmerkung des Theaters: Castorf habe schon vor seiner Zeit am Anklamer Theater in den Achtzigerjahren in London inszeniert. Jüngst sorgte auch die Nachricht für Schlagzeilen, dass Peymanns Nachfolger Oliver Reese, derzeit noch künstlerischer Leiter am Schauspiel Frankfurt, viele Schauspielerverträge nicht verlängern will. Dabei ist es gang und gäbe, dass ein neuer Intendant sich ein eigenes Ensemble zusammenstellt. Doch wenn eine Mannschaft seit 18 (Peymann) beziehungsweise 24 (Castorf) Jahren an einem Ort residiert, verschmelzen Intendant und Bühne in der Wahrnehmung.

Ein ganz besonderes Kulturbiotop

An der Volksbühne hat sich ein eigenes Biotop entwickelt. Ein politisch-künstlerisches Milieu im Geiste Heiner Müllers, um das sich jetzt viele sorgen. Dazu gehört auch die Volksbühnen-Familie mit Regisseuren wie dem postdramatischen Textakrobaten René Pollesch oder dem Wiederentdecker der Komödie, Herbert Fritsch, außerdem Starschauspielern wie Martin Wuttke und Sophie Rois.

Diese hält sich in "Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter" auffällig hinter dem Ensemble zurück, ist mit Sonnenbrille zunächst kaum zu erkennen. Doch sobald sie mit ihrer unverkennbaren Rauchstimme italienische Schmalzlieder parodiert, ist sie wieder ganz präsent als eines jener bekannten Gesichter, das bei den Volksbühnen-Fans im Publikum einhellige Euphorie erweckt.

Gemischt werden die Gefühle in einer Umkehrung des Stücktitels durch die allgegenwärtige Beschwörung des Umbruches. Dafür sorgt die karge Baumarktatmosphäre von Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die wie der Schweizer Regisseur-Altmeister Christoph Marthaler zum Volksbühneninventar gehört. Dessen Kultinszenierung "Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab!" stand 14 Jahre bis 2007 auf dem Spielplan am Rosa-Luxemburg-Platz. Das Lied "Danke" ist bis heute in der Telefonschleife der Volksbühne zu hören.

Theater-Haudegen Frank Castorf (links) wird im Sommer 2017 von dem Kulturmanager und ehemaligen Chef der Londoner Tate Modern, Chris Dercon, abgelöst. Quelle: dpa

Ganz am Ende des aktuellen Abends deutet Marthaler das "Danke" nur kurz an. In "Murx" fristeten die Spieler im Wartesaal der Geschichte die letzten Stunden der DDR, jetzt neigt sich wieder eine Epoche dem Ende zu. "Wer von denen, die heute auf dem teilweise renovierten Parkettfußboden einander gegenüberstehen, ist noch aus genau dem gleichem Holz gemacht?", heißt es in der Ankündigung nostalgisch.

Eine fortlaufende Geschichte wird in bester Volksbühnen-Tradition nicht erzählt. In einer Art grotesken Revue singt und spielt das Ensemble Lieder von Eichendorff über Bach und Wagner bis hin zu Volksweisen. Der pathetisch-romantische Habitus wird jedoch gleich wieder gebrochen durch kokette Slapstick-Nummern, in denen sich die Spieler zu einem Menschenknäuel verknoten oder ballerinenhaft durch den Raum tänzeln.

Ein Fahrstuhl fährt sehr symbolisch rauf und runter, ohne irgendjemandem an ein Ziel zu bringen. Irm Hermann, jene "Wanderausstellungs"-Ruferin vom Anfang, spielt in jeder Szene die Grande Dame per excellence, Ulrich Voß den verwirrten Greis im Büßergewand.

Demnächst: Die "Apokalypse"

In einem späten Bonmot von Heiner Müller heißt es: "Wenn alle sterben und ich als Einziger am Leben bleibe, handelt es sich um einen Kollateralschaden, wenn ich sterbe und alle anderen leben weiter, ist es ein Totalschaden." Eine ähnliche selbstironische Hybris prägt auch Marthalers Inszenierung. In dieser Wanderausstellung hängt sich das Ensemble zum Abschied quasi selbst als Gemälde an die Wand.

Ein zutiefst melancholischer Abend und eine würdige Feier am Ende einer Ära. Diese steht für den Aufbruch verkrusteter Verhältnisse, gefällt sich selbst in ihrem Status quo aber offenbar ganz gut. Die nächste Premiere trägt dann übrigens den Titel "Apokalypse".

"Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter", wieder am 2. und 5. Oktober, 19.30 Uhr. Karten unter 030 24 065 777.

Von Nina May

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