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Tipps Die lauteste Jazzband der Welt
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20:05 31.03.2017
Die Harten wollen noch nicht in den Garten: Deep Purple (v. l.) Roger Glover, Don Airey, Ian Gillan, Steve Morse, Ian Paice haben sich warm angezogen. Quelle: earMUSIC | Jim Rakete
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Düsseldorf

Es funktioniert bis heute: zwölf Töne, die wie Sattelschlepper aus den Lautsprechern brechen. Sie bringen die Fans quer durch die Generationen zum Headbangen. Ein Gitarrenriff, der gut zu Bier und Leder passt, mit dem man sich im Dunkel einer Konzerthalle wie ein Held fühlt. Zwölf Töne, und die Welt wird wieder 1972. Und alle singen aus voller Kehle: “Smoke on the water, fire in the sky!“

Ian Paice, ein Mann in Schwarz, die grauen Haare im Nacken zum Pferdeschwanz gebunden, lugt über die Ränder seiner blauen Brillengläser und verneint, dass ihm dieser Mount Everest im Himalaya der Deep-Purple-Klassiker in den 45 Jahren seither lästig geworden sein könnte. “Weil es einfach ein gutes Stück Musik ist“, sagt der 68-Jährige, der das Lied mitgeschrieben hat, und lehnt sich im Düsseldorfer Hotel Breidenbacher Hof gemütlich zurück. “Und weil jede Band glaubt, sie kann den Song kopieren, und trotzdem keiner ihn so hinkriegt wie Purple – mit dieser federnden Kraft, diesen versteckten Rhythmusänderungen. Jeden Abend machen wir’s ein wenig anders, obwohl wir’s schon 1000-mal gespielt haben.“ Paice grinst verschmitzt. “Was mich bis heute erstaunt: dass da vorher keiner drauf kam. Ritchies Riff ist doch so wunderbar einfach.“ Der 1993 ausgestiegene Gitarrist Ritchie Blackmore war eins der Gründungsmitglieder der britischen Band.

„Wir hatten wieder Spaß am Aufnehmen“

1970 begann der weltweite Siegeszug der 1968 gegründeten Deep Purple mit dem Album “In Rock“, dem Hit “Black Night“. “Smoke on the Water“ erschien 1972 auf dem Album “Machine Head“. Deep Purple machten den Erdball lauter, aufmüpfiger, rockiger. “Dabei wurden wir eigentlich nur versehentlich eine Hardrockband“, erinnert sich Paice. “Wir hatten 1969 diese Classik-Rock-Fusion mit dem Royal Philharmonic Orchestra gemacht. Die Fans waren irritiert, Ritchie sagte: “Lasst uns mal richtig hart rocken.“ Eigentlich kamen unsere Einflüsse ja von überallher, von Elvis über Dylan bis zu Bach. Ich persönlich stand auf Big-Band-Jazz. Und weil wir intuitiv spielen, hat uns mal jemand die lauteste Jazzband der Welt genannt.“

Am 7. April erscheint ein neues Album von Deep Purple, das 20. Studiowerk. “Infinite“ heißt es und wie schon den Vorgänger “Now What?!“ hat es die aktuelle, siebte Besetzung (Ian Gillan – Gesang; Roger Glover – Bass; Don Airey – Keyboards; Steve Morse – Gitarre; Ian Paice – Schlagzeug) mit dem kanadischen Produzenten Bob Ezrin eingespielt. Paice ist sich sicher: “Bob hat uns 2012 aus einem Tief geholt. Wir wussten einfach nicht mehr, warum wir überhaupt noch Platten machen sollten. Er sah uns live in Toronto und sagte tags darauf beim ersten Meeting: ,Lasst uns die Dinge vergessen, die nicht passieren werden: Ihr werdet kein neues ,Smoke on the Water‘ schreiben, ihr werdet auch keine massiven Radioeinsätze bekommen. Aber wir fangen in den neuen Songs genau das ein, was gestern auf der Bühne los war.‘ Das war der Schlüssel im Schloss. Wir drehten ihn um. Seit 20 Jahren hatten wir zum ersten Mal wieder Spaß am Aufnehmen.“

Deep Purple-Schlagzeuger Ian Paice: “Wir wussten einfach nicht mehr, warum wir überhaupt noch Platten machen sollten.“ Quelle: Nancy Heusel

“Infinite“ ist ein Rock-Wunderhorn, der auf dem klassischen DP-Hardrock gründet. Neben vielen Duellen von Morses Gitarre mit Aireys Hammond finden sich gregorianische (Vocoder-)Choräle, und – in “The Surprising“ – gar eine hallende Countrygitarre. “Johnny’s Band“ ist ein Popsong über den Weg einer Band nach oben und ganz unten. Und wie bislang noch nie im Werk von Deep Purple sind die Fünfzigerjahre präsent. Zu “Hip Boots“ könnte man glatt die ersten Sätze von Little Richards “Rip It Up“ singen.

“Wir sind doch alle das Ergebnis dessen, was wir als Kinder gehört haben“, grinst Paice. “Als ich neun Jahre alt war, stürzte ich mich auf die 78er-Scheiben meines älteren Bruders. All dieses Schelllack-Zeug. Ich fand Elvis und Fats Domino. Als Rock ’n’ Roll 1955 sein wunderschönes, hässliches Haupt erhob, wurde die Musik total unirdisch. Ein dynamischer Wechsel fand damals statt. Ähnlich muss in den Zwanzigerjahren der Jazz die Leute umgehauen haben.“

Politische Statements für “schwierige Zeiten“

Der erste Song des Albums, “Time for Bedlam“, handelt vom derzeit wieder vielerorts beliebten Wegsperren politischer Gegner, “Bird of Prey“ davon, „dass es immer noch ein paar Idioten gibt, die Probleme mit Bombenwerfen lösen“. Politische Statements. Es seien “schwierige Zeiten“, sagt Paice, “und die werden nicht besser“. Er macht sich Sorgen um die Zukunft seiner drei Kinder und sechs Enkel. “Wir bräuchten dringend ein paar politische Giganten in der Welt, die die Dinge zum Positiven ändern. Zu sehen aber sind nur politische Zwerge, diese Politklasse, die aus der Uni kam, in die Politik ging und keinen Bezug zum wahren Leben hatte.“

Ist auch die Rockmusik mit ihrer einstigen Weltverbesserungsaura fehlgeschlagen? Paice spricht sie frei, man sei naiv gewesen: “Damals in den Siebzigerjahren waren alle doch sehr, sehr jung. Man dachte, man hätte mehr Einfluss, als man tatsächlich hatte.“ Und heute wolle keiner mehr belehrt werden, sei Musik für die Jugend auch nicht mehr das Wichtigste auf der Welt, sondern nur noch eine Zerstreuung von vielen. “Das Chartszeug ist nur noch für drei, vier Wochen gemacht. Ein neuer Dylan? Der käme da gar nicht durch.“

Neues Studioalbum: “Infinite“ von Deep Purple Quelle: Jurgen & Christine Sohns

Für immer jung schienen die Bands der Sechzigerjahre, unsterblich aber sind am Ende nur die Songs. Und wo der Albumtitel von Unendlichkeit spricht, kündet die Tour namens “The Long Goodbye“ von letzten Dingen. “Die Betonung liegt auf ,long‘“, schmunzelt Paice, “und wenn uns danach ist, nehmen wir in drei Jahren noch eine Platte auf.“ Dann senkt sich Wehmut in seine Stimme: “Wir wissen natürlich, dass das Ende bei uns näher ist als der Anfang. Und wenn Bands wie Purple aufhören, ist das das Ende einer Ära. Es wird niemanden mehr geben, der so spielt, der aus unseren Quellen schöpft. Und deswegen sagen wir auch ,long‘ und nicht ,last goodbye‘. Ein ,last‘ zum jetzigen Zeitpunkt: Das wäre wirklich zu beängstigend für uns.“

Carlos Santana kehrte im Vorjahr mit dem Album “IV“ zum Sound seines Latinrockklassikers “III“ von 1971 zurück. Könnte Paice sich ein “Machine Head 2“ vorstellen? “Wir sind stolz auf das, was war“, antwortet er, “aber wir schauen doch lieber nach vorne. Jemand hat mal Roger Glover gefragt: ,Warum schreibt ihr keine Lieder wie ,Highway Star’ mehr? Und Roger sagte: ,Tun wir doch. Sie klingen bloß nicht wie ,Highway Star.’“ Und so ist es. Warum sollte man einen Song schreiben, der wie ein anderer klingt? Er wäre nie so gut wie das Original.“

Tourdaten:

19. Mai: Olympiahalle, München

6. Juni: Lanxess-Arena, Köln

7. Juni: Westfalenhalle, Dortmund

9. Juni: Arena, Leipzig

13. Juni: Mercedes-Benz-Arena, Berlin

14. Juni: Hanns-Martin-Schleyer-Halle, Stuttgart

Von Matthias Halbig

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