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Tipps Ein Spiegel der armen Seele
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20:01 22.07.2016
Meister der phantastischen Höllenszenarien: Zum 500. Todestag von Hieronymus Bosch gibt es sehenswerte Ausstellungen und neue Annäherungen an dessen Werk zu entdecken. Quelle: dpa
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Durch Hieronymus-Bosch-Bilder streift das Auge wie die Zunge, die das Loch im Zahn befühlt. Ein Detail leitet zum anderen. Beim traumartigen Hin-und-her-Wandern spulen sich Filme ab. Und die Figuren, die dem Labor eines verrückten Gentechnikers oder dem Hirn eines LSD-Junkies entsprungen sein könnten, werden immer plastischer.

Rechtzeitig zur 500. Wiederkehr des Todestages des großen Seelenforschers und abgründigen Melancholikers aus dem ausgehenden Mittelalter hat nun ein britisches Unternehmen Boschs Hauptwerk, den "Garten der Lüste" aus dem Prado in Madrid, als 3-D-Simulation in die Virtual Reality übersetzt und als App herausgebracht.

Auf dem Rücken eines Fisches reitet man nun bequem in den Paradiesgarten. Vorbei an einer rosa Phantasiearchitektur, vorbei an Gott höchstselbst und einer Giraffe, die mit dem Kopf wackelt, geht die Reise in den Lustgarten, wo man Zeuge kurioser Befriedigungsrituale wird – und von dort direkt in die Hölle, mit milbenförmigen Quälgeistern und Partialobjekten wie abgeschnittenen Ohren.

Rätsel um Boschs Biografie

Zwar nicht animiert, aber noch detailgenauer ist das "Google Art Project". Dort kann man dank hochauflösender Fotografie in Boschs Lustgarten und weitere Bilder hineinzoomen. Ein schwarzhäutiges Mannequin winkt vom Rand eines Pools mit einer roten Frucht, und ein Unglücklicher liegt in einer riesigen Miesmuschel eingezwickt, die von einer anderen Gestalt durchs Bild geschleppt wird.

Viel wurde gerätselt, welche Zauberpilze der spätmittelalterliche Meister, der um 1450 im niederländischen 's-Hertogenbosch geboren und am 9. August 1516 ebendort gestorben ist, geschluckt haben mag. Oder ob er gar geisteskrank gewesen ist oder Anhänger einer Häresie oder irgendeiner okkulten Sekte.

Die spärlichen biografischen Daten – keine einzige geschriebene Zeile des Meisters ist überliefert – weisen ihn unterdessen als honorigen Bürger seiner Heimatstadt aus. Die Heirat mit einer älteren, ausgesprochen vermögenden Frau enthob den Spross einer Künstlerfamilie materieller Sorgen. Abnehmer seiner Kunst fand er reichlich durch die Mitgliedschaft in der noblen Vereinigung der "Bruderschaft Unserer Lieben Frau".

Phantastische Unterwelt statt orthodoxer Hölle

Dem Club, der noch heute existiert, gehörte ein großer Teil der westeuropäischen Elite an, bis hin zu Königen. In der Bruderschaft herrschte der merkwürdige Brauch, Schwanenbraten aufzutischen, und ein brennendes Thema war der "Ablass", also Läuterungsmöglichkeiten zu Lebzeiten.

Laut dem Kunsthistoriker Jos Koldeweij, der das anlässlich des 500. Todestages aufgelegte "Bosch Research and Conservation Project" leitet, liegt in der gesteigerten Sündensorge des Spätmittelalters und den im Vorfeld der Reformation aufkeimenden spirituellen Erneuerungsbewegungen ein Schlüssel für das als kryptisch geltende Werk.

Bosch habe die orthodoxe Hölle durch eine "phantastische Unterwelt ersetzt, die stärker einem Schlachtfeld ähnelt. Er erfand schwertkämpfende Monster mit Löwenköpfen und einen androgynen Vogelmenschen, der nichts anderes als Würfel erbricht, neben Szenen, in denen Frauen von Hunden zerfleischt und Gruppen von Männern von Dämonen vergewaltigt werden."

Viele Ausstellungen, darunter im Noordbrabants Museum in 's-Hertogenbosch, laden zur Entdeckung der verstörenden Bilder Boschs ein. Quelle: dpa

Plastisches Anschauungsmaterial für seine Arena der erlesenen Grausamkeiten und ausgesuchten Perversionen fehlgeleiteter Seelen schöpfte Bosch aus seiner Gegenwart und den vorangegangenen Jahrzehnten, der Phase des Hundertjährigen Krieges. Im großen anglofranzösischen Konflikt blieben französische Ritterarmeen mit schweren Rüstungen im Schlamm stecken und konnten von gegnerischen Armbrustschützen bequem massakriert werden.

Und eine von religiösem Wahn getriebene Jungfrau, Johanna von Orléans, meinte, die Geschicke mit geweihten Schwertern wenden zu können. Bis sie ihren heiligen Überzeugungen abschwor, aber dennoch auf dem Scheiterhaufen brannte. Hieronymus Boschs Bilder sind gewissermaßen eine Ausweitung der Kampfzone. Bei ihm hat jedes einzelne Individuum in jedem Augenblick selbstverantwortlich zwischen Gut und Böse zu entscheiden – und die Folgen werden sogleich an den Seelen sichtbar.

Boschs Bilder sind Spiegel der Seele. Sie stellen Betrachter vor die Frage: Wie steht es um dein Innenleben? Interessant ist, dass der große französische Psychoanalytiker Jacques Lacan Boschs fragmentierte, zerstückelte und verstümmelte Körper im Zusammenhang mit dem "Spiegelstadium" sah. In dieser Entwicklungsphase erkennt das Kind im Spiegel sich selbst und erfährt sich als Einheit. Das Gegenteil – das Zerfallen der Identität – erleben Menschen in Träumen oder bei dissoziativen psychischen Störungen.

Die Hölle, das sind die anderen

Was hält die Seele zusammen? Bosch hätte wohl geantwortet: Gott. Lässt sich ein halbes Jahrtausend später ein stärkeres Integrationssymbol benennen? Die Gemeinheiten und der Wahn sind heute nicht weniger geworden als zu Boschs Zeiten, nur die Waffen sind ausgefeilter. Menschen bereiten sich selbst und einander die Hölle. Der Existenzialist Jean-Paul Sartre brachte es auf die Formel: "L' Enfer c'est les autres" ("Die Hölle, das sind die anderen").

In Boschs Werk kehrt ein abgeklärtes melancholisches Gesicht in unterschiedlichen Bildern und Körpern wieder. Es wird als Selbstporträt des Seelensehers gedeutet. Bosch lässt grüßen – und bleibt über die Jahrhunderte hinweg ungebrochen aktuell.

Von Johanna di Blasi

Hieronymus Bosch auf allen Kanälen

Surftipps

Bosch beim Google Art Project: www.google.com/culturalinstitute/beta/project/art-project?hl=de
Bosch in 3-D: www.bdh.net/work/boschvr/
Bosch unter die Lupe genommen: http://boschproject.org/
Ausstellungstipps

Jubiläumsausstellung im Prado in Madrid: "Bosch. The 5th Centenary Exhibition"; Bis 11. September 2016, mit 65 Gemälden und Zeichnungen aus der Sammlung der Madrider Pinakothek sowie Leihgaben unter anderem vom Kunsthistorischen Museum Wien, dem Metropolitan Museum of Art in New York und dem Pariser Louvre. Die Ausstellung war zuvor ohne "Garten der Lüste" im niederländischen 's-Hertogenbosch zu sehen.
Bosch im Bucerius Kunst Forum in Hamburg: "Verkehrte Welt. Das Jahrhundert von Hieronymus Bosch"; bis 11. September 2016. Gezeigt werden rund 90 Arbeiten von Künstlern, die Boschs Bildsprache aufgriffen, weiterentwickelten und über die Druckgrafik verbreiteten.
Bosch in der Gemäldegalerie in Berlin: "Hieronymus Bosch und seine Bilderwelt im 16. und 17. Jahrhundert"; 10. November 2016 bis 19. Februar 2017. Zum 500. Todesjahr von Hieronymus Bosch zeigen die Gemäldegalerie und das Kupferstichkabinett ihre Bestände an Werken des Meisters sowie Kopien nach ihm und Arbeiten, die von Bosch inspiriert sind.
Buchtipps

Cees Nooteboom: "Reisen zu Hieronymus Bosch. Eine düstere Vorahnung", Verlag Schirmer/Mosel, 29,80 Euro
Stefan Fischer: "Im Irrgarten der Bilder. Die Welt des Hieronymus Bosch", Reclam-Verlag, 34,95 Euro

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