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Faber frisch im Wind

Faber: Deutschpop mal dreckig Faber frisch im Wind

“Sei ein Faber im Wind“ heißt das Debütalbum des Schweizers Faber. Der erinnert an den jungen Jim Morrison, singt wie ein alter Chansonnier und macht Musik und Texte, die aufhorchen lassen. Deutschpop mal wild und grob.

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Schnulz und Vorurteil

“Wenig Schlaf und viel Schreien“: Julian Pollina alias Faber darüber, wie man eine raue Stimme bekommt.

Quelle: Plattenlabel

Berlin. In Köln hat Faber den Flieger verpasst, in Berlin ging’s mit dem Taxi von Stau zu Stau. Das Treffen mit dem Sänger wird also eher ein Verpassen. Als Faber mit zwei Stunden Verspätung im Berliner Michelberger Hotel aufkreuzt, einer beliebten Künstlerherberge, reicht die Zeit gerade noch für ein kurzes Hello and Goodbye, weil der nächste Termin drängt. Faber entschuldigt sich, er humpelt.

Sein Knie ist heute zwei Knie dick und schillert giftig wie ein Gewitterhimmel. In Zürich ist er am Vortag mit dem Rad gestürzt. Aber so ein paar Tage vor der Veröffentlichung des ersten Albums, da könne man als Künstler alles sein, nur nicht krank. Die Plattenfirma hat ihm was mitgebracht. Zum ersten Mal sieht Faber im sonnenbeschienenen Innenhof des Michelberger die Vinylausgabe seines Debüts “Sei ein Faber im Wind“. Und freut sich daran. Da liegt er auf dem Cover mit seinem dunklen Jim-Morrison-Wuschelkopf vor einer Schützenkapelle und sieht nach Rock ’n’ Roll aus. Ja, also dann … ciao und sorry. Man vereinbart ein Telefonat für Freitag.

Faber heißt eigentlich Julian Pollina, ist 24 Jahre alt, ein Schweizer mit sizilianischen Wurzeln, Sohn des Liedermachers Pippo Pollina. Er ist einer von den Musikern, die sich gerade herumsprechen. Eine Kollegin hat ihn empfohlen, als man sich über all die aktuellen deutschsprachigen Popmacher unterhielt, die so unerträglich kuschelig drauf sind.

Liebe, Enttäuschung, Wut, Egoismus

Auf Youtube begegnet man Faber zuerst, und er singt tatsächlich viel frecher, böser, echter von der vergehenden und vergangenen Liebe als die anderen. Wenn ihm stinkt, wie alles gelaufen ist, knarrt der Sänger grobe Sachen in Richtung Frau wie: “Einer von uns beiden war ein Arschloch, und das warst du“ oder “Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?“. Das Vierergespann Liebe, Enttäuschung, Wut, Egoismus kommt erlebt rüber. Und Faber klingt dabei nach einem alten gallischen Chansonnier, der zwei Packungen Gauloises pro Tag und Lungenflügel raucht. Hart und kratzig ist die Stimme, als sei sie 20 Jahre vor Faber geboren worden und hätte eigentlich zu Tom Waits gewollt. Woher dieses Organ kommt, wie man das pflegt? “Wenig Schlaf und viel Schreien“, lacht Faber aus dem Telefonhörer. “Es gibt ja immer was zu feiern.“

Auf dem Heimweg von einem Züricher Hospital ist er da gerade. “Schwere Prellungen, schlimme Schleimbeutel“, war die Diagnose für sein violettes Knie. Faber seufzt. “Teils, teils“, antwortet er auf die Frage, ob er das nun tatsächlich selbst in seinen Liebesschmerzliedern ist, wenn er Jacques-Brel-artig fleht “Lass mich nicht mit mir allein“. “Das sind Leute in den Liedern, von denen ich zumindest etwas in mir habe.“ Wo Erfindung endet und Autobiografie beginnt, das will er im Rätselhaften lassen. Ist ihm angenehmer so. Musik muss Geheimnisse haben, Musiker müssen das auch. Manche seiner Songs seien in 20 Minuten fertig, andere brauchten Monate, würden hundertmal umgeschrieben.

“Das Radio ist mir egal“

Faber hat auch andere, satirische Lieder wie das über den Arschkriecher, der im Büro so gern nach dem Chef aufs Klo geht (“Es wird ganz groß“) im Repertoire. Oder über den Nazi, der sich am Strand am Bauch kratzt und mitleidlos zuschaut wie die Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken (“Wer nicht schwimmen kann, der taucht“). “Schon“, sagt Faber knapp auf die Frage, ob ihn auch Wut zum Schreiben bringe. Die “Ohnmachten, mit denen ganz Europa da zusieht“, hätten ihn aufgekratzt. Und findet die derzeitigen Lösungen scheinheilig: “Wenn man sagt, wir wollen keine Schlepperbanden, das Sterben verhindern … na, dann organisiert doch einfach freie Flüge von Damaskus nach Berlin, Zürich, München.“ Im Radio haben Songs mit solcher Message eher keine Chance. “Das Radio ist mir egal“, knarrt Faber, “Youtube und Spotify haben das Radio abgelöst.“

Der Faber-Pop klingt wild, schräg, schwerblütig, die Posaune von Tillmann Ostendarp bratzt serbische Blasmusik, viel Percussion ist zu hören. “Dieses ganze Geklapper, das Untenherum, ist ganz wichtig“, sagt Faber zum Sound seiner Musiker, der nach Keyboarder Silvan Goran Koch benannten Goran Kocy Vocalist Orkestar Band. “Wir haben kein Schlagzeug – das macht alles sehr zigeunerhaft und auch sehr südamerikanisch.“

Einmal rockt Fabers Platte dann aber auch klassisch, bei “Brüstebeinearschgesicht“, einem Lied über ein Brüste-Beine-Arschgesicht, einen sich Sex erhoffenden, erfolglosen Frauentaxierer. Bluesig kommt der Song daher, mit twangenden Gitarren und einer glucksenden Hammondorgel. Musik, wie sie lange vor Fabers Geburt angesagt war. Ungewöhnlich? “Über Spotify kann man doch heute im Nu musikalische Jahrzehnte und Jahrhunderte durchmessen“, sagt Faber. “Und man würde ja auch nicht sagen, dass Mozart zu alt für junge klassische Musiker ist.“

Debütalbum

Debütalbum: “Sei ein Faber im Wind“

Quelle: Plattenlabel

Außerdem kommt Faber ursprünglich vom Rock. “Als Kind war ich Nirvana-Fan“, erinnert er sich, und in der ersten Band, der er sich im Alter von zwölf Jahren zugesellte, wurde Punk gespielt. Damals stand noch sein heutiger Keyboarder Max Kämmerling am Mikrofon. Der konnte kein Schwyzerdütsch und sang deshalb Hochsprache. Was in der Schweiz unpopulär ist, was Faber aber übernommen hat. Und so läuft Fabers Sache in Deutschland erfolgreicher als zu Hause.

Nein, es ist ihm nicht bange, das Album loszulassen, auch hat er keine Angst vor einer kreativen Leere oder davor, dass ihm nie wieder so gute Lieder einfallen könnten. “Ich arbeite schon an neuen Sachen.“ Ach ja, zum Künstlernamen Faber noch, der sei ihm einfach so eingefallen, und hinterher habe er sich eine Geschichte dazu ersonnen, die aber langweilig sei, die er deswegen nicht erzählen will und dann doch erzählt: Er wäre gern ein Homo faber, ein gestaltender Mensch, der seiner Meinung nach wichtigste Schweizer Roman von Max Frisch heiße so, und Faber war der Spitzname des besten italienischen Liedermachers, Fabrizio de André. Fehlen eigentlich nur noch der Sekt und die Buntstifte. Er lacht: “Klar, das wollte ich noch sagen: Ich bin gern besoffen von schlechtem Sekt und male gerne Bilder.“

Sonntag geht’s zu Dreharbeiten, “ich glaube, nach Duisburg“. Der Song “Wem du’s heute kannst besorgen“ – noch so ein böses Lied über einen alten Mann, der einem viel zu jungen Mädchen nachstellt – soll ein Video bekommen. “Die Ärzte im Spital sagen, ich soll dem Bein Ruhe geben, es kühlen, hochlegen.“ Er schweigt einen Moment. “Keine Chance.“ Zähne zusammenbeißen. Nach dem Albumrelease hat er eine Woche Urlaub. Dann kommen schon die Festivals. Dann die große Herbsttour. Julian Pollina muss ran, er ist ein Faber im Aufwind.

Faber live 2017:

12. Oktober: Aschaffenburg, Colos Saal

14. Oktober: Wiesbaden, Schlachthof

17. Oktober: Bremen, Tower

22. Oktober: Rostock, Helgas Stadtpalast

23. Oktober: Berlin, Festsaal Kreuzberg

24. Oktober: Hannover, Musikzentrum

27. Oktober: Dresden, Beatpol

28. Oktober: Leipzig, Täubchental

2. November: Göttingen, Musa

Von Matthias Halbig

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