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19:58 05.02.2016
Das Fenster als Schnittstelle zwischen Künstler und Welt: Erkenntnisse aus der neuen Picasso-Austellung im Bucerius-Kunst-Forum Hamburg. Quelle: Robert Doisneau / Bucerius Forum
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Warum hängen wir Bilder an die Wände unserer Wohnungen oder Büros? Weil wir die Leere nicht aushalten? Um uns mit etwas Ästhetik zu umgeben? Sicherlich auch. Doch vor allem sind Bilder Fenster in eine andere Welt. Um diese Feststellung zu treffen, braucht man kein Kunsthistoriker zu sein. Es genügt ein Blick auf die im heimischen Revier ausgestellten Gemälde- oder Druck-Sammlungen.

Worauf schaut man da? Auf Natur, Tier und Mensch, im städtischen Kontext abwesende Wesen und ferne Orte. Auch die Personen, deren Abbilder da hängen, sind meist nicht präsent; wenn Abbildungen von Wohnungsbewohnern zu sehen sind, dann deutet die mitgelieferte Umgebung auf Urlaub oder Expeditionen hin.

Fenster als Mittel zum Zweck

Fenster also. Nachdem sich die Bildende Kunst aus den Zwängen des Religiösen und des Feudalen befreit hatte, also etwa im 18. Jahrhundert, als Wohnen nach dem Gehorsam zur zweiten Bürgerpflicht wurde, schmückte das solvente Bürgertum seine Kammern und Salons mit Gemälden. Um einen Ausblick zu erlangen auf Ideallandschaften oder Rückblicke auf Vorfahren.

In der bildenden Kunst selbst war das Fenster allerdings lange Zeit kein eigenständiges Motiv, ­es wurde ins Bild gerückt, wenn eine Innenraumszene von Außenlicht erhellt werden musste. Auf den Gemälden Jan Vermeers (1632–1675), exemplarisch bei den Meisterwerken "Briefleserin am offenen Fenster" und "Der Soldat und das lachende Mädchen", ist das Fenster die einzige die Atmosphäre bestimmende Lichtquelle.

Das offene Fenster deute zudem den Wunsch der Dargestellten an, aus der häuslichen Enge auszubrechen, schreibt Norbert Schneider in seinem Buch "Vermeer – sämtliche Gemälde". Oft ist diese Fluchtmöglichkeit bei Vermeer auch nur durch Lichteinfall zu ahnen.

Verstellte Aussichten

Jetzt kommt Pablo Picasso ins Spiel. Er malte Ende des 19., Anfang des ­20. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Fensterbildern. Picasso gönnt dem Betrachter aber zunächst keinen Blick nach ­draußen, sondern verstellt die Aussicht. Damit wird das Fenster selbst zum Motiv. Zum Beispiel beim Bild "Fenster mit Vorhang von innen" von 1899 – da war der Maler kaum 18 Jahre alt.

Durch trübe Scheiben dringt zwar noch Licht in den Innenraum, in dem der Maler zu lauern scheint. Ein fadenscheiniges, schmutzig braunes Tuch aber verhindert, dass außerhalb befindliche Dinge wahrgenommen werden können. Der Maler gibt auf dem nur 22 mal 14 Zentimeter großen Ölbild kein Interieur, sondern eine Lichtstimmung wieder.

"Picasso löste sich damit an der Schwelle zum 20. Jahrhundert vom populären Akademismus, er malte seine unmittelbare Umgebung in Barcelona", sagt die Kunsthistorikerin ­Ortrud Westheider, "und die war damals recht karg." Die Direktorin des Bucerius-Kunst-Forums in Hamburg holt ein in 100 Jahren Picasso-Forschung vernachlässigtes, wenn nicht gar übersehenes Sujet in das Kunstlicht ihrer Ausstellungsräume: "Picasso – Fenster zur Welt" heißt die Ausstellung, die das renommierte Kunst-Forum nun präsentiert.

Weniger Ausblick, mehr innere Landschaften: "Interieur" (Ausschnitt) von Pablo Picasso aus dem Jahr 1900. Quelle: Bucerius Forum

Sie versammelt Leihgaben aus allen namhaften Museen der Welt, vom Museu Picasso de Barcelona über die Tate Gallery in London, das Centre Pompidou in Paris bis zum MoMA in New York. "Diese Häuser waren so begeistert von unserem Thema, dass sie gerne ihre Bestände öffneten", verrät Kuratorin Westheider, deren Institution zwar einen exquisiten Ruf hat, aber eine eher bescheidene Ausstellungsfläche. "Man muss eben inhaltlich überzeugen."

Von wegen "Fenster zur Welt": Picasso gönnt uns die Aussicht recht selten. Das Fenster erscheint zunächst als Trennwand zwischen Außen und Innen. Kein Entkommen aus der häuslichen Enge wie bei Vermeer. Einige der frühen Fensterbilder Picassos haben geradezu etwas Klaustrophobisches.

Auf den expressionistischen Darstellungen ist der Raum vergittert. Oder das vermeintliche Fenster und was es an Aussicht gestattet, ist Illusion, ein erhelltes Bild im Rahmen. Picasso nannte das 1900 gemalte Bild dann auch nicht "Ausblick", sondern "Interieur". Er sprach bei dieser Art Raumdarstellung von "inneren Landschaften".

Gemalte Kunsttheorie

Auf späteren Fensterbildern wird zwar das Draußen sichtbar, als Ausblick aus dem Atelierfenster unter den Giebeln von Paris. Doch dieser Ausschnitt einer Dachlandschaft wirkt flächig wie ein kubistisches Bleiglasfenster ("La fenêtre", 1943). Keine Ferne, sondern Nähe wird sichtbar.

Wie auch auf etlichen Gemälden aus den Dreißigerjahren, auf denen Frauen vor Fenstern dargestellt sind – das Modell im Atelier. Man wird tatsächlich an Vermeer erinnert. Doch das Fenster bietet wiederum keine freie Sicht, sondern signalisiere den "geschützten Raum müßiger Kontemplation", so die Kuratorin.

Für Ortrud Westheider ist das Fensterthema gemalte Kunsttheorie. "Das Fenster ist Schnittstelle zwischen Künstler und Welt", sagt sie. "Picasso kehrte immer wieder zu diesem Motiv zurück, wenn er sich stilistisch neu orientierte." Obwohl über Picasso so viel geforscht wurde wie über keinen anderen Maler der Moderne, sei das Thema der Fenstermotive bisher unbeachtet geblieben.

Ausblick auf das Selbst

Ihrer Ausstellung gehe es um den speziellen Aspekt, wie der Künstler sich zur Welt stelle. Picasso ist ihr Beobachter, ein Augenmensch, der mit den Kategorien Außen und Innen spielt. "Er war eben ein visueller Mensch, weniger ein Theoretiker", meint Westheider.

Esther Horn, Malerin aus Berlin und bundesweit Ausstellungsmacherin, hat für die Picasso-Schau den Katalogtext verfasst. Die Fensterbilder seien ein "Ausblick auf das Selbst", schreibt sie. Horn ist auch diejenige, die dem Bucerius-Kunst-Forum das Thema vorgeschlagen hatte, nachdem sie im Museu Picasso de Barcelona das "Interieur" aufgespürt hatte.

Im "finsteren Raum", schreibt sie, in dem der Maler sein Motiv findet, "wird das Fenster zu einem geistigen Korridor, einer Öffnung zur Außenwelt, die auch das Licht der Erkenntnis, also geistigen Aufbruch, verheißt ..." In den fensterlosen Ausstellungsräumen am Hamburger Rathaus öffnen sich nun zahlreiche Fenster der Erkenntnis.

Von Michael Berger

"Picasso – Fenster zur Welt"
Bucerius-Kunst-Forum, Hamburg, Rathausmarkt 2
6. Februar bis 16. Mai
Öffnungszeiten: täglich von 11 bis 19 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr
Eintrittspreise: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, Montags immer 5 Euro
www.buceriuskunstforum.de

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