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Hinaus ins Licht!

Neues Album von The War on Drugs Hinaus ins Licht!

Rock ist aus den Charts weitgehend verschwunden. Aber er lebt noch. Die Band der Stunde heißt The War on Drugs und kommt aus Philadelphia. Ihr Sänger Adam Granduciel ist kein glücklicher Mann, doch er schreibt die Rockklassiker von morgen.

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Die Rockband der Stunde: Bei The War on Drugs ist das Unerwartete Programm.

Quelle: The War On Drugs

Hannover. Es beginnt leise, mit einem elektronischen Atmen, so als seufze ein Synthesizer traumverloren. Und was dann folgt, ist ein Monster von Song, wenn auch ein sanftes, sehr melancholisches Monster. Eine Gitarre hebt an, und in deren Hall hinein beschwört eine leicht rauchige, helle Stimme Bilder herauf. Der Sänger singt mit einer Stimme, die an Bryan Adams erinnert, dabei aber oft wie Bob Dylan phrasiert, von der Abenddämmerung am Missouri, von den verschwundenen Vögeln, die gerade noch übers Wasser geflogen waren und vom Schmerz in den Augen einer Frau, die in die Nacht entschwunden ist. Alle Dinge müssen vergehen.

Elf Minuten ist “Thinking of a Place“ lang und dabei anmutig bis zum Versickern des letzten Akkords. “Thinking of a Place“ ist das längste der zehn opulenten Lieder von “A Deeper Understanding“, dem vierten Album der US-Band The War on Drugs. Es ist ein Lied von der Unwirklichkeit und Unmöglichkeit der Liebe und den seltsamen Stimmungen, die einen speziell im Licht des Monds befallen. “Die Liebe“, singt Adam Granduciel beklommen, “ist wie ein Geist.“ Und dann streckt er die Hand wieder aus und will es noch einmal mit ihr versuchen. Die schönsten, schwersten Fehler macht man mehr als einmal.

Ein Song muss wachsen

Granduciel, 38-jähriger Multiinstrumentalist, Sänger und Songwriter des Sextetts aus Philadelphia, ist ein Mann, der für seine Leidenschaft einen Preis zahlte. “Lost in the Dream“ hieß das unisono bejubelte Vorgängeralbum, in dessen Liedern ein Mann sichtbar wurde, der sich in seiner Musik verloren hatte. In Interviews beschrieb Granduciel sich damals als jemanden, der mit einfachsten Alltagsanforderungen nicht mehr zurechtkäme. Angstattacken befielen ihn aus heiterem Himmel auch auf der Bühne. Der Zweifler versuchte, seinen Zustand zu überspielen, aber 2014 sprachen Leute, die ihn trafen, von einem Gespenst – isoliert, bleich, viel zu lange ohne Sonnenlicht gewesen.

Das sei jetzt besser geworden, verriet er jüngst dem “Rolling Stone“. Aber noch immer macht Granduciel sich die Sache mit der Musik schwer. Er mag das Erwartbare nicht, ein Song muss bei ihm wachsen, wachsen, wachsen. Über lange Monate arbeitet er zu Hause daran. “Ich baue sie so lange auf, bis sie episch sind“, erklärte der Detailfrickler mit den dunkelbraunen, schulterlangen Locken der Musikwebsite “Noisey“.

Und tatsächlich: Drei Instrumentalparts in einem Song – das traut sich heute niemand sonst, selbst die neuprogressiven Rocker wollen sich ihre Hörer nicht mit Gniedelei vergraulen. Granduciel hat damit überhaupt kein Problem. Nach drei Minuten zieht in “Thinking of a Place“ das betörendste Gitarrensolo herauf, das in jüngerer Zeit im Rock zu hören war. Später unterbricht er sein Singen noch einmal mit einem pittoresken Mundharmonikaauftritt und abgerundet wird mit einem langen Miteinander diverser Gitarren, die mal funkelnde Klänge liefern, mal anmuten wie das Weh der Walgesänge.

Rock lebt und ist wunderschön

Rock lebt und ist wunderschön: Adam Granduciel mit den Drugs auf der Bühne.

Quelle: KEYSTONE

Das Unerwartete war bei The War on Drugs von Anfang an Programm: Musiker nehmen Drogen, aber wer um Gottes Willen nennt seine Band “Krieg gegen Drogen“? Granduciel kritzelte den Begriff 2005 auf ein Blatt Papier und fand Gefallen daran. Weil dieser Krieg der US-Regierungen, ausgefochten seit den Tagen Ronald Reagans, seiner Meinung nach ein typisch amerikanischer Blödsinn ist, und sie eine typisch amerikanische Band waren, die typisch amerikanische Musik spielt. Möglicherweise auch in der Hoffnung, dass der Tourbus dann nicht von der Polizei gefilzt würde.

Wer sich unter solch sperrigem Namen geduldig aus der Ecke der musikalischen Obskuritäten herausarbeitet, der hat den Erfolg verdient. Und so heißt die Plattenfirma jetzt Warner, werden die Hallen größer, nennen die Fans ihre Lieblinge inzwischen in sinnumkehrender Verkürzung The Drugs und haben die neuen Songs – getragenen oder mittleren Tempos, aber immer melancholisch – das Zeug, sogar ein Stadion zu erobern.

Und obwohl Songtitel wie “Pain“ (Schmerz), “Knocked Down“ (Niedergeschlagen) und “Nothing to Find“ (Nichts zu finden) noch immer von brüchigen Seelenzuständen künden, obwohl einen die Klage um den Verlust der Liebsten in “You Don’t Have to Go“ zu Tränen rührt, ist Granduciel, wie er sagt, doch zu einem „tieferen Verständnis“ seiner selbst gelangt. Im Eröffnungssong “Up All Night“, der an Fleetwood Mac zu “Mirage“-Zeiten erinnert, singt er, dass es zu regnen aufgehört hat. Er gehe nun hinaus ins Licht, in die Welt.

Fackelträger des Rock’n’Roll

Die wartet. Zu “Fackelträgern“ hat der “New Yorker“ die Drugs ausgerufen. Und Rock kann dieses Feuer gut gebrauchen. In den Billboardcharts findet er derzeit kaum noch statt. Viele Rockbands – von Arcade Fire über Green Day bis hin zu Linkin Park, der einstigen Speerspitze des Nu Metal um den jüngst tragisch verstorbenen Sänger Chester Bennington – sind im Pop gestrandet. Granduciel hält dagegen, feiert die authentischen Rock’n’Roller früherer Zeiten.

In seinem alten Esszimmer in seinem Reihenhaus in Philadelphia hing ein Promo-Poster von Neil Youngs “Live Rush“, Bob-Dylan-Magneten klebten an seinem Kühlschrank. Diese beiden und noch viele andere Edelleute des Rock schimmern in den zehn coolen Songs durch: Bruce Springsteen, Tom Petty, Mark Knopflers Dire Straits und – im Gitarrensound zu Beginn von “Pain“ – sogar The Cure. Komplex und unglaublich lässig ist das alles. Dazu die feinen, unaufdringlichen Keyboards und Synthies. Man will dieses Album nie mehr vom Plattenteller lassen.

Seit einiger Zeit schon lebt Granduciel in Los Angeles. Und die Liebe hat ihn auch erwischt. Krysten Ritter, als Jessica Jones in der gleichnamigen Netflix-Serie eine gebrochene Superheldin, hat sein Herz gewonnen, wie im August bekannt wurde. Dass die Songs zu wonnig werden könnten, befürchten die Fans. Zu viel Sonne? Es regnet nie im Süden Kaliforniens, das wusste schon der große Albert Hammond. Es schüttet.

The War on Drugs auf Tour:

3. November: Köln, E-Werk

20. November: München, Muffathalle

21. November: Hamburg, Große Freiheit

22. November: Berlin, Tempodrom

Von Matthias Halbig

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