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Kauft Konsumkritik!

Banksy-Ausstellung in Berlin Kauft Konsumkritik!

Wer ist er und warum? Der Street-Art-Künstler Banksy macht ein Geheimnis um seine Identität und ist doch ein internationaler Star. Erstmals wird in Berlin eine große Retrospektive gezeigt. Das Problem ist nur: Die Schau konterkariert alles, wofür der anarchistische Banksy steht.

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Beweist Selbstironie: Banksys kaufwillige Punks sind in der Berliner Retrospektive zu sehen.

Quelle: May

Berlin. Die Wellen brechen sich am Strand, die Sonne versinkt malerisch im See, Möwen fliegen über den Abendhimmel. Doch ein Mensch kann die Idylle nicht genießen: Ein Mann in orangefarbener Häftlingskleidung kniet im Sand, einen dunklen Sack über dem Kopf. Der Titel: “Guantanamo Bay“. Das Bild stammt von Banksy und ist eins von 80 Werken der internationalen Schau “The Art of Banksy“ in Berlin.

Der derzeit wohl erfolgreichste Street-Art-Künstler setzt dem Urlaubsgefühl, das bei dem Wort „Bay“ (Bucht) aufkommt, Schrecken des für Folterskandale berüchtigten Gefangenenlagers der USA auf Kuba entgegen. Der goldene Rahmen und die impressionistische Landschaftsmalerei scheinen das Leid des Gefangenen zu verhöhnen. Seine Fans verehren ihn gerade wegen solcher Brüche. Dabei wissen sie gar nicht, wer er ist.

Der Banksy-Hype von New York bis Israel fußt zu einem guten Teil darauf, dass der britische Superstar der Straßenkunst um seine wahre Identität einen Mythos macht. Zuletzt wurde ausführlich darüber spekuliert, dass der Sänger von Massive Attack dahinterstecke. Angeblich ist eine Analogie zwischen Kunstaktionen und Bandauftritten zu entdecken.

Ein Foto von Kate Moss gestaltete Banksy im Warhol-Stil, dem Model schenkte er ein signiertes Exemplar

Ein Foto von Kate Moss gestaltete Banksy im Warhol-Stil, dem Model schenkte er ein signiertes Exemplar.

Quelle: May

Eine traditionelle Kunstausstellung wie die aktuelle sind Banksy-Fans nicht gewohnt. Seine Präsentationen gleichen eher Happenings, in Los Angeles wartete er 2006 mit einem bemalten Elefanten auf, zu den Gästen zählten Brad Pitt und Angelina Jolie. Der Street-Art-Anarchist kreierte mit „Dismaland“ 2015 in Südengland einen Anti-Vergnügungspark und eröffnete jüngst in der Nähe von Bethlehem an der Grenzmauer ein Hotel.

In Museen platzierte er wiederholt heimlich Werke von sich; die Berliner Schau zeigt ein Video von einem vermeintlich alten Mann, der in der Londoner National Gallery in einem Raum mit impressionistischen Gemälden ein Landschaftsaquarell an die Wand klebt. Erst auf den zweiten Blick fällt das Absperrband auf, das die Szene zum Tatort macht. Dieser subversive Umgang mit dem traditionellen Kunstbetrieb gehört zu Banksy.

Aber nun also doch: schlicht Bilder an Wänden. Die Ausstellung im ehemaligen Felix-Club neben dem Hotel Adlon tourte schon durch Istanbul, Melbourne, Antwerpen und Amsterdam und hat bislang rund 450  000 Besucher angelockt. Im Anschluss soll sie auch nach Hamburg, Köln und München kommen. Es werden vor allem Probedrucke für Schablonengraffiti gezeigt, das Markenzeichen des Künstlers.

17,50 Eintritt für etwas Anarchie

“The Art of Banksy“ ist eine ambivalente Sache: Einerseits handelt es sich um die bislang umfangreichste Retrospektive, Werke von 40 internationalen Sammlern wurden zusammengetragen. Die Fans stehen Schlange, an diesem Nachmittag drängen sich rund 50 junge Besucher in den schmalen Gängen. Andererseits ist allein der Akt, Straßenkunst in ein Museum zu verfrachten und damit das Spiel mit Illegalität und urbanem Raum zu konterkarieren, ein Affront für Street-Art-Puristen.

Zudem sind bis zu 17,50 Euro ein stolzer Ticketpreis für einen Künstler, der für Konsumkritik und Anarchie steht. Eine Stofftasche mit dem ikonischen Mädchen, dem ein Herzballon davonfliegt, kostet stolze 12 Euro, die Fans können sich den Künstler auch in Form von Glasuntersetzern oder Schlüsselanhängern mit nach Hause nehmen. Einen Original-Banksy können sich längst nur noch Wohlhabende leisten: Die Werke werden teils zu Millionenpreisen versteigert.

Die Schablonendrucke, die Banksy einst für 35 Pfund (150 mit Signatur) verkaufte, weil er Kunst für jeden erschwinglich machen wollte, sind heute Zehntausende wert. Es wurden schon Werke von Wänden abgetragen, um sie zu Geld zu machen. Die Berliner Schau wird auf einen Gesamtwert von 23  Millionen Euro geschätzt. Da passt es, dass sie in einem ehemaligen Nachtclub gezeigt wird, in dem einst die Glamourprominenz Edelwodka konsumierte.

Immer präsent

Immer präsent: Ratten und Affen tauchen bei Banksy oft auf.

Quelle: May

Zwei in Berlin präsentierte Drucke spielen mit diesem Effekt: Eins zeigt eine Kunstauktion. Die Bieter reißen sich um ein Schild mit der Aufschrift “I can’t believe you morons actually buy this shit“ (“Ich kann nicht glauben, dass ihr Idioten diesen Mist tatsächlich kauft“). Auf einem anderen stehen Punks brav Schlange an einem Stand, an dem sie für satte 30 US-Dollar T-Shirts mit der Aufschrift “Destroy Capitalism“ erstehen können. Dieses Werk steht sinnbildlich für das popkulturelle Phänomen Banksy. Schon 2010 machte sich der Künstler in der selbstironischen Dokumentation “Exit Through the Gift Shop“ über Vermarktungsmechanismen lustig.

Banksy hat die Berliner Ausstellung nicht autorisiert, vielleicht ist es als Phantom ja auch schwieriger, seine Urheberrechte geltend zu machen. Der Kurator Steve Lazarides (Jahrgang 1969) ist der ehemalige Agent des Künstlers, der auch andere bekannte Street-Art-Künstler wie den Franzosen JR vertritt. Anfang des Jahrtausends verkaufte der ebenfalls in Bristol Aufgewachsene erste Arbeiten seines Bekannten und wurde so nach eigener Aussage “aus Versehen Kunstagent“.

2008 trennten sich die Wege, Lazarides schweigt zu den Umständen. Banksy ist an den Einnahmen der Ausstellung nicht beteiligt, ein Teil in ungenannter Höhe geht an Flüchtlingshilfeorganisationen. Es bleibt der schale Beigeschmack, dass sich hier jemand mit dem Namen Banksy schmückt.

Wirkung auch ohne Straßenkontext

Dennoch hat die Ausstellung ihren Reiz. Vor allem, weil sie die Kunst wirklich ernst nimmt und für sich sprechen lässt. Viele Werke wirken auch ohne den Straßenkontext. Die gar zu blumigen Bilderklärungen hingegen wirken teils unfreiwillig komisch. So heißt es etwa über zwei Großmütter, die Pullover mit der Aufschrift “Punk is not dead“ stricken: “Das Bild steht für das Mitgefühl der Alten mit den Neuen. Eingedenk der guten alten Zeit, als der Körper – noch nicht verbraucht – voller Rebellion war.“

Ein Schablonendruck besticht dagegen durch Schlichtheit: ein Barcode und ein Leopard. Die Striche des Codes sind an einer Stelle auseinandergebogen wie Gitterstäbe eines Zirkuswagens. Im wahren Leben ist das mit der Befreiung aus dem Konsumzwang nicht so einfach.

Darauf noch einen Kaffee aus einem Banksy-Becher. Gibt es im Souvenirshop am Ausgang.

Bis 30. Oktober, www.theartofbanksy.de

Von Nina May

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