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Nichts als die Wahrheit

Boom des Dokumentarfilms Nichts als die Wahrheit

Der Dokumentarfilm boomt. Nicht nur Netflix und Amazon finanzieren hochwertige Produktionen, auch das Kino. Zum Glück: Denn das Genre ist wichtiger denn je.

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Menschen unter Glas

Der widersprüchlichen Wirklichkeit auf der Spur: “Fuocoammare – Seefeuer“ gewann 2016 den Goldenen Bären der Berlinale – und ist nur ein Beispiel für den neuen Boom der Dokumentarfilme.

Quelle: Verleih

Hannover. Das kann kein Zufall sein: Der vielfach missachtete Dokumentarfilm gewinnt wieder an Bedeutung. Lange musste er wie der ungeliebte kleine Bruder des Fiktionalen in der Nische ausharren. Doch jetzt stoßen sorgfältig aufbereitete Fakten offenkundig auf rege Nachfrage.

Gemeint sind jetzt nicht unbedingt die ungezählten Beiträge über possierliche Pinguine, die mit ihren Stummelflügeln ins Wohnzimmer winken, oder die nimmer endenden Kriegsdokus, in denen immer dieselben Weltkriegspanzer gen Osten rollen. Dokumentarfilmer, die mehr als nur konventionelle TV-Formate bedienen, nehmen sich Zeit beim Hinschauen. Sie bauen ihre Kameras auch dann nicht ab, wenn die Aktualitätenjäger schon wieder weitergezogen sind zur nächsten vermeintlichen Sensation.

Internationaler Erfolg ist diesen Regisseuren beschieden, siehe so unterschiedliche Werke wie Laura Poitras’ Oscar-gepriesenes Snowden-Porträt “Citizenfour“ (2014) oder Markus Imhoofs besucherstarke Bienen-Doku “More than Honey“ (2012). Oder siehe Gianfranco Rosis Lampedusa-Film “Fuocoammare – Seefeuer“: Der Italiener gewann mit seinem sehr speziellen Blick auf die Flüchtlingskatastrophe im Vorjahr den Goldenen Berlinale-Bären.

Das Leben der Bienen

Das Leben der Bienen:

Quelle: Verleih

Eine Doku triumphierte bei einem großen Festival über lauter Spielfilme. So etwas hatte in der Vergangenheit nur Michael Moore mit seinen provokativen Ein-Mann-Shows geschafft – vor 17 Jahren mit seiner Bush-Attacke “Fahrenheit 9/11“ in Cannes. Jüngst hat sich Moore in Berlin zu Wort gemeldet: “Wir brauchen Fakten, wir brauchen die Wahrheit“, ließ er sich bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2017 vernehmen.

Regisseur Rosi hat anders als Moore einen ganz und gar nicht krawalligen Ansatz: Die Abenteuer eines vorlauten Fischerjungen und die parallel ablaufende Tragödie auf der kleinen Mittelmeerinsel schneidet er unvermittelt gegeneinander. So eine Betrachtung wäre in einem handelsüblichen TV-Nachrichtenstück undenkbar, in dem die Wirklichkeit in den Zeitrahmen eines Programms gezwängt wird.

Typisch für “Seefeuer“ auch, dass hier niemand von außen ins Geschehen hineinredet. Dokumentarfilmer verzichten auf besserwisserische Kommentare. Sie nehmen nicht unbedingt für sich in Anspruch, das Vorgefundene fein säuberlich in Gut und Böse sortieren zu können. Der Zuschauer muss sich schon seinen eigenen Zugang suchen.

Anspruchsvolle Filme mit beträchtlichem Aufwand

Der Aufwand für solche Filme ist beträchtlich, wie ganz aktuell Doku-Experte Andres Veiel (“Die Überlebenden“, “Black Box BRD“, “Die Spielwütigen“) zeigt: Vier Jahre lang arbeitete Veiel an seiner derzeit in den Kinos zu sehenden Doku “Beuys“, mehr als ein Jahr saßen seine beiden Cutter im Schneideraum. Bei Veiel kann man den Aktionskünstler Joseph Beuys noch einmal entdecken, von dem bei manchen wohl nur die Erinnerung an Filz und Fettecke geblieben ist. Veiel geht es um die Haltung des Aktionskünstlers zur Welt.

Zum allergrößten Teil ist der Film spielerisch aus Videos und Fotos komponiert. Wir sehen einen Künstler, der sich unermüdlich an der Erweiterung des Kunstbegriffs abarbeitet. Beuys wollte jeden Einzelnen anstacheln, sich einzumischen. Die Aggressionen, die ihm gelegentlich entgegenbrandeten, lachte er einfach weg. “Wollen Sie eine Revolution ohne Lachen?“, fragt er in dieser Hommage.

Hommage an einen Künstler mit Haltung

Hommage an einen Künstler mit Haltung: “Beuys“ läuft derzeit in den Kinos. Die Produktion zog sich über vier Jahre hin.

Quelle: Verleih

Zeitzeugen hatte Veiel zwar eine ganze Reihe interviewt, aber sie letztlich dann kaum zu Wort kommen lassen im fertigen Film. Auch das ist typisch: Die Regisseure folgen möglichst keinen vorgefertigten Einschätzungen. Sie sind sich jederzeit bewusst, dass sie schon mit dem Aufbau einer Kamera die Wirklichkeit beeinflussen, und nehmen sich so weit wie möglich zurück. Oder sie gehen den umgekehrten Weg wie der Österreicher Ulrich Seidl: Er positioniert seine Protagonisten mit kalter Lust in präzisen Tableaus – zuletzt Möchtegern-Großwildjäger in der afrikanischen Savanne (“Safari“).

“Beuys“ lief in diesem Jahr bei der Berlinale, die unter ihren 400 Filmen stolz ein knappes Viertel Dokumentarfilme im Gesamtprogramm verzeichnete – und als erstes großes Festival überhaupt einen Dokumentarfilmpreis auslobte, für den ein Sponsor 50 000 Euro spendierte. Es siegte die Doku „Ghost Hunting“, in der Regisseur Raed Andoni palästinensische Ex-Gefangene ihre Jerusalemer Verhörzellen noch einmal nachbauen lässt – auch zu therapeutischen Zwecken.

Dokumentarfilmer, diese geduldigen Beobachter unserer Wirklichkeit, produzieren das Gegengift zu den gehetzten, flüchtigen, zufälligen Youtube-Schnipseln, auf die wir täglich im Internet stoßen. Kann man Bildern in Fake-Zeiten noch trauen? Ja, und zwar besonders dann, wenn sie die so widersprüchliche Wirklichkeit auch einfach mal aushalten.

TV-Tipp: Doku-Festival auf Arte

Die Vielfalt des Dokumentarfilms will der TV-Sender Arte mit einem Schwerpunkt demonstrieren. Vom 6. bis 8. Juni kommen wir etwa in “Die letzten Männer von Aleppo“ dem Sterben in Syrien näher, erfahren in „Exil“ vom Leid eines Kambodschaners, bereisen in “Die Loire, Lebensader Frankreichs“ einen Fluss, beobachten in “Staatsdiener“ Polizeischüler oder begleiten in “90 Jahre sind kein Alter“ einen Choreografen bei der Arbeit mit Alzheimer-Kranken in einem Krankenhaus.

Von Stefan Stosch

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