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Oper mit Picknickpause

Besuch beim Glyndebourne-Festival Oper mit Picknickpause

Das Glyndebourne-Festival in England will in einer Liga mit Salzburg und Bayreuth spielen. 90 000 Besucher strömen raus aufs Land, um beim Picknick Opern mit internationaler Starbesetzung zu lauschen.

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Blökende Schafe und duftende Rosen zum Champagner-Picknick: Das Glyndebourne-Festival punktet mit urbritischer Gartenparty-Atmosphäre.

Quelle: www.samstephenson.co.uk

Glyndebourne. Mit britischer Gelassenheit stakst die Dame im langen, schwarzen Abendkleid und Highheels über den in englischer Manier perfekt getrimmten Rasen In der einen Hand zwei Campingstühle, in der anderen eine Kühltasche voller Champagner. Die Pailletten ihrer Robe glitzern in der Nachmittagssonne, an ihrer Seite schleppt ihr Mann im Smoking Tüten mit Lachs und Leinenservietten, Erdbeeren und Entenleber, Tafelsilber und Thermoskanne.

Während der laue Wind das Blöken der Schafe von den nahen Feldern wie Begleitmusik herüberträgt und die Rosen, Glockenblumen und Palmen eine einzigartige Kulisse bilden, lässt sich die Gesellschaft auf den ausgedehnten Grünflächen nieder. Es ist Dienstagnachmittag, und ein bisschen wirkt das Bild wie eine Flucht aus dem geschäftigen London, wo es angesichts anstehendem Brexit und täglichen politischen Krisen stürmt und tost.

Hier herrscht Ruhe. Hier, in den South Downs in der Grafschaft Sussex im Süden Englands, scheint die Welt so heil und perfekt, wie für eine Auszeit geschaffen. Zunächst wird in Seelenruhe gepicknickt, aber mit Stil. Immerhin finden sich die Gäste beim traditionsreichen Glyndebourne Festival ein, wo die Menschen nie nur wegen der hochklassigen Opern anreisen, sondern die Briten ihr liebstes Hobby in Höchstform zelebrieren können: das Picknick in den Gärten um das aus dem 16. Jahrhundert stammenden Herrenhaus aus roten Backsteinen.

Mit dem Picknickkorb unterm Arm und in Abendgarderobe kommen die Gäste zum Glyndebourne Festival

Mit dem Picknickkorb unterm Arm und in Abendgarderobe kommen die Gäste zum Glyndebourne Festival.

Quelle: www.samstephenson.co.uk

Doch hier feiern sich keineswegs nur die Reichen bei Champagner an Nachmittagen unter der Woche. Vielmehr handelt es sich um eines der weltweit besten Opernhäuser mit hochgelobten Produktionen und berühmten Sängern und Dirigenten. „Wir sind durch und durch Englisch mit unserer ländlichen Umgebung und der Tradition des Picknickens, aber was wir auf der Bühne bieten, ist bezüglich Besetzung, Perspektive und Standard international“, sagt Serena Davies, Kommunikationschefin von Glyndebourne.

Jedes Jahr besuchen rund 90 000 Menschen das Festival, das sich in einer Liga mit Salzburg oder Bayreuth sieht. Etwa 10 Prozent kommen aus dem Ausland. Diese Saison werden bis Ende August mit Cavallis “Hipermestra“, Verdis “La Traviata“, Deans “Hamlet“, Strauss’ “Ariadne auf Naxos“, Donizettis “Don Pasquale“ und Mozarts “La clemenza di tito“ sechs Produktionen auf die Bühne gebracht. “Die Opern waren und sind immer eine Mischung aus Tradition und Innovation“, so Davies.

So habe man etwa vergessene Komponisten wiederentdeckt oder Premieren von bedeutungsvollen neuen Opern gefeiert wie in diesem Jahr “Hamlet“ des Australiers Brett Dean. Das Festival ist Teil der gesellschaftlichen Saison im Königreich, nur geht es deutlich weniger schrill und pompös zu als etwa beim Pferderennen Ascot. Früher kamen die Superreichen zwar noch im Helikopter, die auf einem der angrenzenden Felder landeten, doch irgendwann gab man den Gästen zu verstehen, dass Butler wie auch Hubschrauber unerwünscht sind.

Windkraft statt Hubschraubern

Stattdessen wurde eine Windkraftanlage errichtet. “Es kommt ohne Bling aus und ist so angenehm zurückhaltend“, findet ein Gast mit dem Namen Daniel, auch er herausgeputzt mit schwarzer Fliege und wie seine drei Freunde Stammgast seit vielen Jahren. Das finanziell autarke Festival, das sich aus Ticketverkäufen, Spendern und Mitgliedern trägt, kommt ohne offiziellen Dresscode aus und gibt doch eine Empfehlung – Abendkleid beziehungsweise Dinnerjacket – , die besser ernst genommen wird. Wer in Jeans oder Freizeithemd auftaucht, fällt auf, auch wenn die Höflichkeit der Briten eine Kommentierung verbieten würde.

Es ist eines der ältesten Opernfestivals, gegründet vom wohlhabenden Musikfreund John Christie, der klagte, dass diese Form der Klassik in England beinahe “nicht existent“ sei. Nachdem der adlige Landbesitzer Anfang der Dreißigerjahre die Sopranistin Audrey Mildmay geheiratet und mit ihr sowohl die Festspiele in Salzburg als auch jene in Bayreuth besucht hatte, fasste das Paar den Plan, ebenfalls eine Stätte zu bauen.

Mit Fritz Busch aus Dresden als Dirigent und dem ehemaligen Intendanten der Städtischen Oper Berlins, Carl Ebert, die beide unter dem Hitler-Regime verfolgt wurden, rief Christie das Festival in Glyndebourne ins Leben. Am 28. Mai 1934 öffnete sich zum ersten Mal der Vorhang für Mozarts “Die Hochzeit des Figaro“. Seitdem hat sich einiges getan, der Charme und die Intimität aber sind geblieben.

Brillante Akustik

Brillante Akustik: Der Neubau des Opernhauses wurde 1996 eröffnet.

Quelle: Glyndebourne Festival

Die Christies sind ein Festivalclan wie die Wagners: Augustus “Gus“ Christie, der Enkel des Gründers, leitet heute mit seiner Frau, ebenfalls Sopranistin, das Festival und lebt auch auf dem herrlichen Gelände. Das im Innern hölzern anmutende und für seine akustische Brillanz gelobte Opernhaus fasst seit dem Neubau zwischen 1994 und 1996 1200 Klassikfans.

Doch es ist eben nicht nur der Zauber der Musik, der die Briten, Experten und Fans aus aller Welt ins Schwärmen kommen lässt, wenn sie auf Glyndebourne angesprochen werden. Es ist die lässige und gleichzeitig festliche Atmosphäre, “die Mischung aus formell und informell, die das Festival so charmant macht“, sagt ein Gast. Er deutet auf die zahlreichen Besucher, die während der rund eineinhalbstündigen Pause von “La Traviata“ die Champagner entkorken, das Tafelsilber oder gar Kerzenleuchter auspacken und die weißen Tischdecken über die Campingtische werfen.

Andere breiten Decken auf dem Gras aus, schenken sich Chablis in die weinglasförmigen Plastikbecher ein und genießen den Blick auf die wunderbare, grüne Tallandschaft. Einige spazieren um den kleinen See herum, auf dem Rosen schwimmen. Fast wirkt die Idylle unwirklich in ihrer Perfektion und ihrer Britishness.

Von Katrin Prybil

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