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19:58 13.11.2015
Von Mathias Begalke
Machte als Buchautor seine Band noch populärer: Sven Regener schrieb mit "Herr Lehmann" einen Hitroman. Quelle: Wikipedia / Smalltown Boy / CC BY SA 3.0

Alles beginnt mit einem Hund, gefährlich breite Schultern, Ohren wie welke Salatblätter. Herr Lehmann, mehr Drifter, weniger Streber, einer, der seine Haare nicht mehr föhnt, weil er meint, dass sie sonst schneller ausgehen, begegnet dem ungeheuerlichen Tier im West-Berliner Morgengrauen kurz vor Mauerfall. Wie der Hund und Herr Lehmann es schaffen, aneinander vorbeizukommen ohne Schaden zu nehmen, hat der Musiker Sven Regener 1991 für eine Freundin geschrieben.

Zehn Jahre "Bedenkzeit" später, wie er es formulierte, startet sein Debütroman "Herr Lehmann" mit dieser melancholischen und heiteren Kurzgeschichte, die mal ein Geburtstagsgeschenk war. Regeners Doppelleben begann. Der heute 54-Jährige war von nun an nicht mehr nur Sänger, Gitarrist und Trompeter der Berliner Band Element of Crime, sondern auch ein Buchautor.

Reiz des Schreibens

Eine ganze Riege deutscher Popmusiker hat seitdem Romane veröffentlicht, die bekanntesten sind Frank Spilker von den Sternen, Jochen Distelmeyer von Blumfeld – und nun Thees Uhlmann von Tomte mit seinem Debüt "Sophia, der Tod und ich". Warum verfassen sie alle auch noch Bücher? Reicht der Ruhm als Sänger und Songschreiber nicht aus? Wie ähnlich sind sich beide Künste?

George Orwell (1903–1950), kein Musiker, wegen seiner sozialkritischen Romane "Farm der Tiere" und "1984" aber ein Popstar, hat über den Reiz des Schreibens nachgedacht: "Ich habe den Anschein erweckt, dass ich aus reinem Gemeinsinn schreibe. Das möchte ich so nicht stehen lassen. Alle Autoren sind eitel, egoistisch und faul, und ihre Motive bleiben letztlich mysteriös."

Gilt das auch für Musiker-Autoren? Alle, um die es hier geht, sind bereits als Sänger und Texter ihrer Bands Frontmänner. Einige haben zudem Soloalben aufgenommen. Es scheint ihnen als Schriftsteller also nicht darum zu gehen, endlich einmal Anerkennung für sich allein zu erfahren. Regener, der inzwischen vier Romane veröffentlicht hat, teilt seinen Applaus sogar. Er konnte seit Erscheinen von "Herr Lehmann" nicht nur seinen eigenen Erfolg, sondern auch den seiner Band steigern. Element of Crime füllen heute mittelgroße Hallen. Die letzten drei Studioalben schafften es in die deutsche Top Ten. Das war vorher nicht der Fall.

Raum zum Abschweifen

Warum er schreibt? "Weil es Spaß macht", sagt er immer wieder in Interviews. Er sieht sich als Fabulierer, einer, der schöpferisch tätig ist, der als Künstler die Wirklichkeit dehnen, biegen und brechen darf. Als Autor kann er raus aus seiner Rolle als Volksmelancholiker bei Element of Crime. Eine neue Klangfarbe ist hinzugekommen, denn die tiefsinnigen Texte des Schriftstellers Regener sind bisweilen auch sehr komisch.

Dass Musiker und Autoren seelenverwandt sind, haben schon Patti Smith und Leonard Cohen gezeigt, die zunächst Gedichte verfassten. Vom Gedicht zum Songtext ist es nicht weit. Vom Songtext zum Roman dagegen schon. Songschreiber haben drei Strophen Platz, die manchmal noch dazu von einem Gitarrensolo unterbrochen sind. Ein Popsong muss schnell auf den Punkt kommen.

Einem Romanschreiber stehen dagegen 300, 400 Seiten offen, ausreichend Raum, um komplizierte Charaktere zu entwickeln und große Zusammenhänge zu erklären. Er kann sogar abschweifen, wie es Jochen Distelmeyer in seinem Debütroman "Otis" häufig tut. Manchmal verirrt sich der 48-Jährige dabei, was zeigt, dass ein renommierter Songtexter nicht automatisch ein begnadeter Buchautor ist. Inhaltlich bleibt sich Distelmeyer aber treu und greift mit "Otis" ein Anliegen auf, das er auch bei Blumfeld hatte. Er will "Die Diktatur der Angepassten" entlarven, wie ein Song heißt. Die ausführliche Kunstform empfindet er als neue Herausforderung. Auch ein guter Grund, um ein Buch zu schreiben.

Betätigt sich jetzt auch als Autor: Jochen Distelmeyer veröffentlichte seinen Debütroman "Otis". Quelle: dpa

Der Musiker Sven Regener sagte mal: "Man kann damit immer noch Geld verdienen. Auch heute reicht ein Hit, und die Kasse klingelt. Das ist bei Romanautoren ebenso, ich weiß das, ich habe 'Herr Lehmann' geschrieben. Der Hit ist immer noch das, was Künstler zu einem gewissen Grad motiviert."

Das gilt ebenso für die Verlage, die seit "Herr Lehmann" auf der Suche nach einem zweiten Regener sind – verständlicherweise, denn der kommerzielle Erfolg war gigantisch. Der Roman verkaufte sich mehr als eine Million Mal. Es gab Film, Hörspiel und Graphic Novel, drei Fortsetzungen und weitere Regener-Projekte in Buchform. Verlage wissen: Popstars haben nicht nur Schreibtalent, sie bringen Fans, potenzielle Leser, mit.

Manchen Popsongs wohnt das Versprechen auf eine bessere Zukunft inne, sie trösten, lassen hoffen. Manchmal kann man für drei Minuten einfach so wegtanzen, wie zu vielen Liedern von Frank Spilkers Band Die Sterne. Zu Büchern kann man schlecht tanzen. Aber sie helfen genauso beim Sortieren und Entlüften der Seele, um in einer Welt, die immer komplizierter, kriegerischer und egoistischer erscheint, nicht verrückt zu werden. Das gilt wohl in besonderem Maße für die, die sie schreiben.

Auf ein Wort

"Ich schreibe gerne am Leben"

Veröffentlichte "Sophia, der Tod und ich": Tomte-Frontmann Thees Uhlmann Quelle: dpa

Glückwunsch, Herr Uhlmann, Ihr Debütroman "Sophia, der Tod und ich" steht auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Fühlt sich das anders an als früher ein Charteinstieg?
Das Schönste ist, dass meine kleine Geschichte offensichtlich anfängt zu leben und Menschen verstehen, was ich damit wollte.  

Warum hat es so lange gedauert, bis das Buch fertig war? Einen Vertrag dafür haben Sie ja schon lange in der Tasche.
Ich wollte immer Musiker sein: touren, mich reinschmeißen in den Sound, mein erstes Geld damit verdienen, auf den großen Festivals spielen. In dieser Zeit hätte ich gar nicht den Platz in meinem Kopf gehabt, um ein Buch zu schreiben. Und wenn ich etwas geschrieben hätte, wäre es irgendwie Popliteratur geworden. Das wollte ich unbedingt vermeiden. Ich habe mich nach der letzten Tour hingesetzt und über alles nachgedacht. Und da hat sich meine Geschichte herausgeschält.

Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen dem Scheiben von Songtexten und dem eines Buches – neben der Dauer?
Man hat einfach Zeit, eine Idee zu entwickeln. Zeit, über 20 oder 30 Seiten das Tempo zu variieren, Nebenstränge aufzubauen, Fährten zu legen, um dann innerhalb von einer Seite zuzuschlagen.

Es wäre vermutlich einfacher gewesen, den Roman im Musikermilieu spielen zu lassen, aber Ihr Ich-Erzähler, der mit dem Tod, seiner Freundin und seiner Mutter auf einen skurrilen Roadtrip geht, ist Altenpfleger. Was hat Sie daran gereizt?
Ich schreibe gerne am Leben. Und ich versuche gerne, normalen Sachen etwas Besonderheit abzukämpfen.

Interview: Karsten Röhrbein

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