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Neues Album von AnnenMayKantereit Zufluchtsort Altbauwohnung

In ihren Songs spiegelt sich die Zukunftsangst junger Leute wider. AnnenMayKantereit ist eine außergewöhnliche neue deutsche Band – auch weil sich ihre Musik viel älter anhört, als man von Mitte 20-Jährigen erwartet.

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Wollen hinaus in die vielversprechende, komplizierte Welt: Henning May, Severin Kantereit, Malte Huck und Christopher Annen (von links) sind AnnenMayKantereit.

Quelle: Fabien Raclet

Das Besondere ist diese Stimme. Sie klingt so ernst und bedeutungsvoll, als überbringe Henning May eine weit gedriftete Flaschenpost. Die Tiefe, Rauheit und Verletzlichkeit in ihr suggeriert jede Menge Lebenserfahrung, obwohl der Sänger der Kölner Band AnnenMayKantereit erst 24 Jahre alt ist und seine Jugend zwischen Kneipe und WGs verschwendet, wie er singt.

AnnenMayKantereit sind der letzte Schrei unter den jungen deutschen Bands. Gestern ist ihr erstes richtiges Album bei einem großen Label erschienen: "Alles nix Konkretes". Wie Hunderte anderer lokaler Gruppen auch hatten sie zuvor eine Platte in Eigenregie aufgenommen und selbst verkauft. "AMK", so heißt sie, ist schon lange vergriffen und eine Ebay-Rarität.

Die Musiker sind extrem gefragt. Schon seit Monaten gibt es keine Karten mehr für die anstehenden 25 Konzerte in nicht gerade kleinen Hallen. Viele Journalisten wollen mit May sprechen. Der "Rolling Stone", der "Stern" und "ttt – titel, thesen, temperamente", die großen Magazine also, bitten um Interviews, und alle möchten herausfinden, wo diese unverwechselbare Stimme entspringt.

Nicht politisch, aber poetisch

Wir sitzen im Foyer eines Hotels in Hannover. "Wirklich?" fragt May. Auch wenn er nicht singt, sondern spricht, kommt sie aus der Tiefe. Viele fühlen sich an Rio Reiser erinnert. Doch May ist kein Barrikadentyp wie Reiser, kein Außenseiter. Er singt von Liebe, aber nicht vom Umbruch. Die Texte sind nicht politisch. Aber poetisch.

AnnenMayKantereit haben 238 640 Facebook-Fans. Genauso viele wie Marius Müller-Westernhagen, Tocotronic und Wir sind Helden zusammen. Das bedeute gar nichts, finden die Musiker. Dennoch ist diese relativ hohe Zahl an Verehrern beeindruckend, denn sie haben sie fast ohne fremde Hilfe gesammelt. Bis vor Kurzem hatten sie keine Plattenfirma und kein PR-Team, anfangs auch keinen Manager und niemanden, der für sie Konzerte organisiert. Sie wollten alles einmal selbst gemacht haben, um zu wissen, wie das Popgeschäft funktioniert.

Während andere ehemalige Mitschüler nach dem Abitur am Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz die Welt bereisten, gründeten der Gitarrist Christopher Annen, Henning May und der Schlagzeuger Severin Kantereit im Sommer 2011 ihre Band. "Wir stellten uns ein bisschen auf die Straße", erzählt der 23-jährige Kantereit. Dort, in den Fußgängerzonen, erfanden sie ihren wohlerzogenen Folkpop mit klugen Texten und Melodika.

Die Zukunftsangst ist gewichen

Ihre Songs müssen, darauf legen sie Wert, "handgemacht und nachspielbar" sein. Die Band, der inzwischen auch der Bassist Malte Huck angehört, veröffentlichte ihre Stücke zunächst auf ihrem eigenen Youtube-Kanal. Dort blieben die Talente nicht unentdeckt. AnnenMayKantereit spielten schon im Vorprogramm von Clueso und den Beatsteaks, traten im Fernsehen bei "Circus HalliGalli" und "Inas Nacht" auf.

May studierte mal pro forma Sonderpädagogik. Sein Vater, in den Fünfzigerjahren geboren, hätte lieber gesehen, er wäre Lehrer geworden und nicht Sänger. Er teilte dem angehenden Popstar mit, ihn finanziell nicht zu unterstützen, sollte er "die ganze Zeit nur Mucke machen und rumhängen", wie der Sohn es formuliert. "Dann kriegt man schon seine Zweifel. Dann weiß man auch nicht, wie man die Miete zahlen soll."

Doch Zukunftsangst und Skepsis, auch die seines Vaters, wichen mehr und mehr, je weiter weg von Köln ihn die Konzerte führten und je größer die Festivals wurden, bei denen die Band auftrat. Auf den Plakaten für das diesjährige "Hurricane" werden AnnenMayKantereit gleich unter den Headlinern angekündigt.

Mehr Trösten als Tanzen

Wie dankbar May seinem Vater ist, beschreibt er in "Oft gefragt", einem Song über das Loslösen vom Elternhaus und die Notwendigkeit, einen eigenen Weg und eine eigene Meinung zu finden. "Du hast mich oft gefragt, was mich zerreißt, ich wollte nicht, dass du es weißt", singt er, als plage ihn ein schlechtes Gewissen, weil er sich abnabelte und hinauswollte in die vielversprechende Welt – ohne den Vater. Und trotzdem braucht er dessen Halt. "Ich hab keine Heimat, ich hab nur dich. Du bist zu Hause – für immer und mich."

"Für ein ganz bestimmtes Mädchen", kündigt May in Konzerten das Liebeslied "Mir wär’ lieber, du weinst" an. Noch ist der 24-Jährige in einem Alter, in dem er Frauen als "Mädchen" bezeichnet, als könnte er dadurch das Erwachsenwerden und den Ernst des Lebens etwas hinauszögern. In "21, 22, 23" drückt er die Angst davor aus, die jugendliche Unbeschwertheit zu verlieren: "Und du tanzt nicht mehr wie früher."

AnnenMayKantereit-Songs sind mehr zum Trösten als zum Tanzen geeignet. Ihr Echte-Instrumente-Sound ist melancholisch und ziemlich altmodisch – genauso wie ihre Vorstellung von Liebe und Freiheit. Diese Musik gefällt auch Eltern, die sonst vielleicht auf Simon and Garfunkel stehen. Kein Wunder, dass manche ihrer jungen Fans ihre Mütter und Väter sogar mit zum Konzert nehmen, wie Kantereit erzählt. Eigentlich ist es doch umgekehrt.

"Wir werden keine Lehrer sein"

Mit dem ganz bestimmten Mädchen würde May gern in einer Altbauwohnung leben, singt er in "3. Stock". "Ich würde auch manchmal morgens Brötchen holen." Er kenne tatsächlich viele Menschen in seinem Alter – Freunde, Mitbewohner –, die ihre Träume absichtlich klein hielten, um am Ende nicht enttäuscht zu werden, sagt er. Eine Strategie, die erschreckend erwachsen wirkt, irgendwie desillusioniert.

Warum klingen diese jungen Leute so konventionell, so unrebellisch, so vernünftig? Vielleicht haben sie ja Eltern, die heute um die 50 oder 60 sind, die früher gekifft, geträumt und wie Rio Reiser protestiert haben, die weit getrampt sind, nur um in Altbauwohnungen anzukommen. Dann kann man dort auch gleich einziehen.

AnnenMayKantereit sehnen sich unüberhörbar nach ein bisschen Sicherheit in einer sich immer unsicherer anfühlenden, komplizierten Welt, die voller Krisen und Kriege ist. Letzte Frage: "Wie stellt ihr euch euer Leben mit 32, 33, 34 vor? Wie werdet ihr dann tanzen?" Eines sei klar, sagt Kantereit. "Wir werden keine Lehrer sein."

AnnenMayKantereit: "Alles nix Konkretes"
AnnenMayKantereit: Alles nix Konkretes

Meditation in Moll

In der Klassik nennt man das Variationszyklus, was AnnenMayKantereit auf ihrem ersten Album bieten. Die "Diabelli-Variationen" von Beethoven wiederholen ihr eines, kleines Walzer-Thema, und immer wieder wird es leicht verändert, zertrümmert, als lache jemand diesen Takten hinterher.

Bachs "Goldberg-Variationen" sind damit beschäftigt, an den Stellschrauben des zarten Barock-Stücks zu drehen. Bass weg, Tempo hoch, schon entsteht ein neues Temperament, auf der Suche nach Pomp, Pirouetten, gar Punk. Gute 30-mal dieselben variierten Takte. Eine Meditation.

AnnenMayKantereit machen es genauso, auch wenn sie nur zwölf Lieder haben. "Oft gefragt" bietet die Blaupause, ein Stück mit Rotwein im Blut. Die Single lebt von einem Elton-John-Klavier, bricht aus ins Tremolo, und ähnlich geht es zu bei "21, 22, 23", auch wenn es sich dem Groove von "Ballroom Blitz" verschreibt, einem Stück von The Sweet, bevor es in
"A Forest" von The Cure kippt. Ja, AnnenMayKantereit sind zitatensicher. Doch sie zitieren derart souverän, dass sie die Songs als Original verkaufen können.

Es gibt auch eine kleine Funk-Fraktion auf ihrem Album, Stücke, die mit den Red Hot Chili Peppers flirten. Und die Lagerfeuer-Ecke, die sich auf Pink Floyds "Wish You Were Here" beruft. Letztlich aber zählt: Moll. Und der Mut, den sich die Band wohl angetrunken hat, so brüchig, wie er zwischen ihren Zeilen liegt: "Über gestern reden wir morgen, mach dir keine Sorgen." Musikalisch, vor allem aber sprachlich ist das Album spektakulär.

AnnenMayKantereit: "Alles nix Konkretes", Vertigo Berlin (Universal Music)

Von Lars Grote

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Ein Artikel von
Mathias Begalke
Redakteur in der Nachrichtenredaktion

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