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20:06 08.07.2016
Ob in der Antarktis, mit Pools und Showprogramm oder im Boutiqueschiff auf dem Fluss: Kreuzfahrten boomen, die Branche feiert einen Rekord nach dem anderen. Quelle: Shutterstock
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"Das Wachstum wird weitergehen"

Douglas, Sie waren zusammengerechnet 17 Jahre Ihres Lebens auf See, haben mehr als 1800 Häfen weltweit gesehen. Wird man da mal seekrank?
Nein, nicht wirklich. Es gab mal Nordatlantikreisen, bei denen wir drei oder vier Tage versucht haben, Hurrikans zu umgehen. Einige Menschen vertragen die Bewegung von Schiffen nicht. Glücklicherweise habe ich mich dort noch nie unwohl gefühlt. Moderne Schiffe bewegen sich auch kaum noch in diesem Sinne. Und im Übrigen gibt es ein altes Seefahrergegenmittel: Einen halben Teelöffel Ingwerpulver in ein hohes Glas geben und mit warmem Wasser oder warmer Milch aufgießen. Das ist gut, denn es hat auch keine Nebenwirkungen.

Ihr "Cruise Guide" verkauft sich auch nach mehr als 30 Jahren noch exzellent. Es ist so etwas wie das Standardwerk einer ganzen Branche ...
In der Tat. Ich schrieb die erste Ausgabe 1985, die war damals 250 Seiten dick und beinhaltete 120 Schiffe. Heute ist sie 704 Seiten dick und ich glaube, in der 2016er-Ausgabe sind 290 Schiffe enthalten. Die Kreuzfahrtindustrie wächst und wächst und wächst.

Unaufhaltsam …
Absolut, ein kontinuierlich wachsender Markt. 1970 hatten wir weltweit 500 000 Passagiere, im vergangenen Jahr waren es ungefähr 25 Millionen. Die Kurve ging immer nach oben mit sechs, sieben, acht Prozent Wachstum pro Jahr. Und nun diversifiziert sich die Industrie auch noch. Ich glaube, immer mehr Unternehmen richten ihre Schiffe künftig gezielt auf Kunden aus einer bestimmten Region aus, etwa China, Spanien, Lateinamerika. Es ist recht schwierig, unterschiedliche Sprachen und Kulturen auf einem Schiff zu vereinen. Viele Nordamerikaner essen beispielsweise gern sehr früh zu Abend, wenn etwa brasilianische Passagiere eher noch beim Mittagessen sitzen. Der einzige Anbieter, der die Mischung bislang recht erfolgreich hinbekommt, ist die italienische MSC Cruises, eine paneuropäische Kreuzfahrtgesellschaft. Das Wachstum wird weitergehen, auch auf den Flüssen, und speziell in China. Auch der deutschsprachige Markt wächst noch.

Douglas Ward ist der bekannteste Kreuzfahrtexperte der Welt. Seit 1985 verlegt er mit dem "Berlitz Cruise Guide" das Standardwerk der Kreuzfahrtbranche. Seine Bewertungen sind ebenso ersehnt wie gefürchtet. Schon als kleiner Junge fuhr der gebürtige Engländer mit dem Fahrrad ins nahe gelegene Southampton, um Ozeanliner zu bewundern. Quelle: privat

Wenn man an italienische Kreuzfahrtschiffe denkt, erinnert man sich heutzutage vor allem an die "Costa Concordia", die 2012 havarierte. Sind denn Kreuzfahrtschiffe Ihrer Ansicht nach sicher?
Wenn sie es nicht wären, würde ich nicht mit ihnen reisen. Ich war auch einmal auf der "Costa Concordia", wenn auch glücklicherweise nicht auf der Unglücksfahrt. Meiner Ansicht nach hat die Crew aber einen hervorragenden Job gemacht, als sie die Passagiere vom Schiff gelotst hat. Wenn der Kapitän das Schiff weiter rausgelenkt hätte, wäre die Zahl der Toten womöglich noch höher gewesen. Sehr viel höher. Die Menschen werden sich sicherlich noch lange an das Unglück erinnern. Doch wir haben glücklicherweise in der Kreuzfahrtindustrie insgesamt sehr wenige Unglücke und Tote. Es ist ein sehr sicherer Weg der Fortbewegung. Bei den 25 Millionen Passagieren im vergangenen Jahr gab es beispielsweise kein einziges Unglück. Ich denke, das kann man als ziemlich sicher bezeichnen.

Welche Klassifizierung hatte denn die "Costa Concordia" in Ihrem Buch?
Oh, das ist sehr schwer zu erinnern. Ich glaube, sie kam umgerechnet ungefähr auf 3,5 bis vier Sterne, wobei ich in meinem Buch Punkte addiere und keine Sterne vergebe. Sie war ein gutes Familienschiff, sehr italienisch natürlich.

Waren Sie selbst auf all den 290 Schiffen, die Sie in Ihrem Buch besprechen?
Ich habe einen sehr kleinen Stab, den ich bei Bedarf losschicke auf Schiffe, die ich nicht selbst besuchen kann. Aber im Grunde war ich auf so ziemlich allen Schiffen aus dem Buch. Ich verbringe nicht viel Zeit zu Hause. Immer wenn ich zurückkomme in mein kleines Haus, wartet der Rasen darauf, gemäht zu werden.

Checken Sie denn als Douglas Ward ein oder inkognito?
Ja, in der Tat, mit meinem Namen. Sie müssen ja heute Ihren Pass vorzeigen, da lässt sich das nicht mehr vermeiden. Anfangs hatte ich das tatsächlich oftmals nicht getan. Aber mein Vater sagte immer, man müsse im Leben Wert auf Ehrlichkeit und Anstand legen. Daran habe ich mich immer gehalten. Ich bin nicht käuflich. Oft sagen die Leute, das sei bei mir wie bei Restaurantkritikern: Die Firmen würden für mich spezielle Dinge arrangieren. Aber das ist nicht wahr. Die Kreuzfahrtanbieter lassen mich allein, denn sie wissen, sie könnten mich nicht bestechen. Es mag sein, dass sie mir mal extra Blumen in die Kabine stellen. Aber das hat keinen Einfluss auf meine Arbeit. Und ich finde es ohnehin heraus, denn ich kenne die Standards, die einen auf solchen Schiffen eigentlich erwarten.

Hat Ihnen mal jemand Geld geboten für eine positive Bewertung?
Nein. Es gab nur mal einen Reeder aus Deutschland, der versucht hat, mich zu schmieren. Wir hatten ein Treffen in Hamburg, bei dem dieser mir zum Ende des Abendessens einen Zettel hinüberschob mit den Worten "Wenn Douglas Ward meinem Schiff fünf Sterne gibt ...". Aber ich sagte nur: "Sorry" – und schob ihm den Zettel wieder zurück. Das ist das einzige Mal, dass es jemals jemand probiert hat. Zum Glück hatte ich einen Zeugen dabei.

Hat man bei so vielen Reisen auf so vielen Schiffen eine Art Lieblingsschiff?
Nein, ich habe keines beziehungsweise vermutlich sehr viele. Und wenn Sie mich heute fragen, wird meine Antwort ohnehin anders ausfallen als morgen. Dasselbe mit Destinationen. Ich glaube, dass eine Menge schöner Schiffe kreuzen. Wenn Sie ein brandneues Schiff suchen, das auf dem neuesten Stand ist, dann landen Sie wahrscheinlich momentan bei etwas wie der "Harmony of the Seas", dem derzeit größten Kreuzfahrtschiff der Welt. Und wenn Sie etwas kleines, persönliches wollen, schauen Sie sich am anderen Ende des Angebots um, bei den kleinen Boutiqueschiffen wie der "Sea Dream" oder "Europa". Es gibt eine große Differenz zwischen den Typen und dem, was an Bord geboten wird. Essen und Service spielten bei vielen heutzutage die wichtigste Rolle bei der Wahl.

Machen Sie auch mal Ferien auf einem Kreuzfahrtschiff, wo Sie so viel dienstlich mit diesen unterwegs sind?
Es ist schwierig für mich, an Bord eines Schiffes abzuschalten. Ich habe gelegentlich tatsächlich dort Urlaub gemacht, aber nicht sehr oft.

Also gehen Sie eher zu Hause in England wandern, wenn Sie abschalten möchten?
(lacht) Nicht nur in England. Es gibt einige Länder, die ich gern mag. Japan ist eines davon. Üblicherweise reise ich kurz in eines dieser Länder, wenn ich entspannen möchte. Für lange Ferien habe ich leider keine Zeit.

Besitzen Sie bei so vielen Reisen überhaupt ein Auto?
Ja, um zum Flughafen zu kommen. Aber ich benutze es tatsächlich nicht sehr oft. Zum Einkaufen vielleicht noch. Einmal war ich tatsächlich in der Lage, es an Bord eines Schiffes mitzunehmen.

Auf der Fähre nach Frankreich?
Nein, tatsächlich auf einem Kreuzfahrtschiff. Es hatte an Bord eine Garage. Das war sehr interessant. Auch die "Queen Elizabeth 2" hatte 80 Einstellplätze. Manche Autoclubs nahmen ihre Rolls-Royce so über den Atlantik, um an Rallyes teilzunehmen. Das ist aber lange her – heutzutage gibt es das leider nicht mehr. Inzwischen sind Kreuzfahrtschiffe einfach nur noch Kreuzfahrtschiffe. Autos sieht man nur noch auf Frachtschiffen auf den Flüssen.

Dort sieht man auch immer mehr Kreuzfahrtschiffe …
Oh ja! Flusskreuzfahrten sind ein großes Thema momentan. Einige der neuen Schiffe auf Gewässern wie dem Rhein oder der Rhône sind wirklich sehr, sehr elegant und auf dem allerneuesten Stand. Einige haben größere Kabinen als die großen Ozeanliner. Die sind sehr gut. Das ist ein sehr guter Weg für Passagiere, das Herz eines Landes zu erkunden. Sie kommen dorthin, wo sie mit den großen Schiffen nicht hingelangen. Im vergangenen Jahr hatten wir weltweit ungefähr eine Million Passagiere auf den Flüssen. Dabei sind nicht nur Ziele in Europa sehr beliebt. Es gibt auch eine ganze Reihe von Schiffen in China auf dem Jangtse und auf dem Mississippi und natürlich dem Nil.

Schiff der Superlative: Mit einer Länge von 362 Metern ist die im Juni 2016 in Dienst gestellte "Harmony of the Seas" das größte Kreuzfahrtschiff der Welt. Bis zu 6780 Passagiere finden auf dem Schiff Platz. Der Neubau kostete rund 1,3 Milliarden Euro. Quelle: Robert Pittmann / CC BY-ND 2.0

Jemand möchte seine erste Kreuzfahrt unternehmen – was empfehlen Sie ihm?
Zuallererst ist es wichtig, sich zu überlegen, auf welche Art von Schiff man möchte, welche Größe es haben soll, welche Ausstattung. Wobei natürlich an erster Stelle die Frage stehen sollte: Wohin will ich überhaupt reisen? Familien mit Kindern werden vermutlich eher eines der größeren Resortschiffe wählen, wo sie eine große Auswahl an Unterhaltung und großen Shows vorfinden. Andere werden sagen: Ich möchte keinesfalls mit 5000 anderen Passagieren auf einem Schiff reisen, eher mit 200. Die beste Lösung ist immer, sich ein Reisebüro zu suchen, das auf Kreuzfahrten spezialisiert ist. Dort wird man ganz sicher in die richtige Richtung gelenkt. Und der "Cruise Guide" ist natürlich für diese Zwecke auch eine gute Informationsquelle. Wichtig ist vielleicht: Gehen Sie nicht nach dem Preis, wählen Sie nicht das günstigste Schiff. In dieser Welt bekommen Sie, wofür Sie zahlen. Wenn Sie eine bessere Ausstattung haben möchten, zahlen Sie auch mehr. Ich habe immer diese Maxime: Zahl mehr, erhalte mehr. Das trifft übrigens auf alles im Leben zu, auch auf Autos und so weiter.

Sie sind seit 1965 auf See, als Kreuzfahrtschiffe noch ganz anders waren als heutzutage. Vermissen Sie etwas aus dieser Zeit?
Ja, wirklich, die Dinge haben sich wesentlich verändert. 1965 haben die meisten Schiffe das gemacht, was wir heute Linienverkehr nennen – sie pendelten zwischen zwei Destinationen, fast das ganze Jahr über. Viele waren im Transatlantikverkehr unterwegs, höchstens im Winter sind sie dann auf der Suche in die Karibik gestartet oder nach Nordafrika. Auch die Schiffe waren sehr unterschiedlich. Wir hatten noch keine Computer. Es gab noch echte Menschen, die man zum Telefonieren benötigte. Heute ist das alles automatisiert. Die meisten Schiffe hatten auch keine Stabilisatoren oder Klimaanlagen. Auf vielen Schiffen gab es keine Pools. Dafür gab es Gepäckräume, in denen Passagiere alles Mögliche transportieren konnten. Heute reisen die meisten mit leichtem Gepäck. Dafür gibt es heute anderes: riesige Wellnesseinrichtungen, Fitnessräume, Sportaktivitäten. Es ist alles sehr viel komfortabler geworden.

Wie sieht es mit dem Durchschnittsalter der Passagiere aus? Hat sich das geändert?
Ja, wesentlich. Sie sind heute viel jünger. 40 Prozent der Kreuzfahrtneulinge sind inzwischen jünger als 40 Jahre. Das war früher anders – viele konnten sich damals einfach keine Kreuzfahrt leisten. Eine Reise von Southampton nach New York war sehr, sehr teuer.

Sie sind gerade von einer Reise zurückgekommen, mit dem Flugzeug. Sie müssen beinahe noch mehr Zeit im Flugzeug verbringen als auf Schiffen?
Tatsächlich! Ich sage immer: Ich liebe die Schiffe, aber ich hasse die Flughäfen. Leider brauchen wir sie, um zu den Schiffen zu kommen.

Interview von Michael Pohl

 

Besuch in der Werft der "Mein Schiff 5"

Ein Schiff nimmt Fahrt auf

Eineinhalb Jahre dauert es, um aus 60 000 Tonnen Metall, Kunststoff und Glas ein 295,3 Meter langes und 35,8 Meter breites Kreuzfahrtschiff zu formen. Wer einmal ein Haus gebaut hat, lebt mit der Erkenntnis: Fertig wird man eigentlich nie. Gilt das auch für Kreuzfahrtschiffe? In diesem Fall zumindest nicht: Als die "Mein Schiff 5" Ende Juni in Kiel ihren Erstanlauf hat, ist sie fertig.

Nicht nur alle Bäder in den 1267 Passagierkabinen funktionieren, sondern auch die Maschinen brummen und alle Zertifikate für die Schiffssicherheit sind ausgestellt. So will es der mehrere Hundert Seiten umfassende Bauvertrag für den rund 500 Millionen Euro teuren Neubau der Reederei Tui Cruises.

Damit das so ist und sich die "Mein Schiff 5" auf die mehrtägige Überführungsfahrt begeben kann, wird wenige Tage zuvor auf der Meyer-Werft im finnischen Turku allerdings noch unter Hochdruck gearbeitet. Am Morgen des Übergabe­tages stehen die Zeichen auf Endspurt. Die letzten Handgriffe sind begleitet vom Geräusch knisternder Plastikfolie. "Vorsicht, passen sie mit dem Kopf auf", lautet der freundliche Rat der Mitarbeiterin an der Rezeption auf Deck drei.

Auf dem Sonnendeck der "Mein Schiff 5" werden Verpackungen und Farbeimer mit Containern vom Schiff geholt. Quelle: Behling

Mitten in der Lobby steht noch ein Gerüst. Und es ist nicht das einzige. Der Gang in die Kabine gleicht dem Weg durch eine Wunderwelt der Technik. Türen zu Schaltschränken, Gehäuse von Pumpen und Kabelschächten stehen noch offen. Flatterband und Warnschilder begegnen einem an allen Ecken. In der Kabine selbst ist nichts mehr davon zu sehen.

Sie wurden außerhalb der Werft in einem Werk vorgefertigt und kommen wie Container einzeln über große Öffnungen fertig an Bord. Auch die 13 Restaurants und 13 Bars sind schon bereit für den Ansturm der ersten Passagiere. Das gilt auch für die gesamte Maschinenanlage und die übrige Technik vom Radar bis zum Ruderblatt.

Ein Schiff zu bauen und in Dienst zu stellen ist ein langer Weg. Als besondere Hürde gilt die Abnahme durch die Reederei. Das Auftreten der Prüfungskommission ähnelt der morgendlichen Chefarztvisite in einem Krankenhaus. Nur tragen hier alle Mitglieder Helme, Zollstöcke und große Mappen mit Bauplänen. "Bei den ersten Begehungen hatten wir 3000 bis 4000 Beanstandungen", sagt Peter Heidacker vom Neubauteam der Tui Cruises.

Schiffbau unter extremen Bedingungen

An diesem Morgen hat sich die Zahl auf ein paar Hundert reduziert, das ist ein Erfolg. Überall dort, wo ein Anstrich einen Kratzer, eine Holzleiste einen Spliss hat oder eine Fuge sich wölbt, klebt ein Band mit einer Nummer darauf. "Bei der nächsten Runde wird der Zustand erneut überprüft – und der Punkt aus der Liste gestrichen", sagt Heidacker.

An Deck der "Mein Schiff 5" sieht es noch wüst aus. Die Besatzung testet Pumpen und Ausrüstung für den Pool. Handwerker bessern Dichtungsmaterial an den Fugen für das Decksholz aus und die Werftkräne heben Paletten mit Kartons an Bord. Die Möbel kommen.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Ein Weg durch lange Sommernächte und bitterkalte Wintertage mit minus 20 Grad. Der Schiffbau im finnischen Turku ist Schiffbau unter extremen Bedingungen. So viel wie möglich wird in Hallen vorgefertigt. Dort wurden die Stahlplatten zu 77 Blöcken geformt, ausgerüstet und lackiert. Ein 600-Tonnen-Kran der Werft setzte diese Blöcke im Baudock wie Lego-Steine zu einem 293 Meter langen Schiffsrumpf zusammen.

Im "Atlantik"-Restaurant erhält die Besatzung letzte Anweisungen vor dem Start zur Jungfernfahrt. Quelle: Behling

Der Innenausbau der großen Räume, wie des Theaters, des Atriums und der Restaurants, war kleinteilig. Möbel, Kunstwerke, Sicherheitstüren und die Verkleidungselemente wurden in der Werft einzeln montiert. Es glich einem Mammutprojekt: Die Stückliste der "Mein Schiff 5" umfasste 250 000 Einzelteile. Zum Vergleich: Ein modernes Auto besteht gerade mal aus etwa 10 000 Teilen. Die schwersten Schiffsbauteile waren die vier Wärtsilä-Dieselmotoren, die jeweils rund 170 Tonnen wiegen. 2000 Kilometer Kabel und 50 000 Quadratmeter Teppich wurden verlegt.

Am Tag der Übergabe nimmt das Schiff dann einen nahezu einmaligen Geruch an. Er ist ein Gemisch aus Farbe, Putzmittel und Politur. "Das ist typisch. Wie bei einem Neuwagen, der das Werk verlässt", sagt ein Arbeiter. Draußen vor dem Schiff mischen sich dann noch Dämpfe von Schweißarbeiten in den Hallen zum Werftduft. Auch das ist typisch.

Die letzten Dinge, die vor dem Ablegen in Richtung Kiel in Betrieb genommen werden, sind die Fahrstühle für die Passagiere und die Bars. Auf der Werft gilt ein Alkoholverbot. Erst in dem Augenblick, in dem die himmelblaue Tui-Flagge im Mast gehisst wird, erwachen auch die Bars an Bord zum Leben.

Wollmäuse und Werftgeruch

Jan Meyer, Sohn des Chefs der Papenburger Meyer-Werft, Bernard Meyer, führt die Niederlassung in Turku seit der Übernahme im November 2014 in eine neue Zukunft. Erst als er im Theater offiziell die Mappe mit Schiffsdokumenten an Tui-Cruises-Chefin Wybcke Meier übergeben hat, wird die Werftflagge niedergeholt. Damit fällt auch das Alkoholverbot. Es wird Sekt zum Anstoßen gereicht.

Als die Zeremonie im Theater beendet ist, sind draußen alle Gerüste abgebaut, Flatterbänder entfernt und Folien zusammengerollt. Das Schiff ist fertig zur Abfahrt. Die Müllcontainer vor dem Schiff dafür sind vollgestopft mit Folie und Pappe. Der Geruch nach Farbe hat sich verflüchtigt.

Kapitän Kjell Holm nimmt zum fünften Mal als Kapitän ein Schiff von Tui in Betrieb. Und dabei hat er einiges erlebt. Auf der "Mein Schiff 1" etwa, als bei der ersten Fahrt vor Helgoland das Galadinner wegen der noch nicht geübten Küche durcheinandergeriet. Oder 2014, als er den ersten Neubau "Mein Schiff 3" in Turku abholte und dann feststellte, dass die Querstrahlruder zu schwach für das Anlaufen windiger Häfen waren.

Brückenmannschaft mit viel Erfahrung: Kapitän Kjell Holm ist bereit zum Auslaufen. Quelle: Behling

Auch die Abgasreinigungsanlage bereitete Probleme. Sie stieß bei der "Mein Schiff 3" zeitweise so schwarze Qualmwolken aus, dass man den Neubau im italienischen Hafen Civitavecchia zunächst für ein Dampfschiff hätte halten können. Bei der "Mein Schiff 5" ist dieses Mal alles anders. Die Ruder sind stark und kräftig, in der Küche arbeitet ein eingespieltes Team und lediglich weißer Dampf entweicht aus dem Schornstein, auf dem ein aufgemalter Smiley lacht.

Peter Heidacker und die 1700 Werftarbeiter haben dennoch keine Pause. Die Schweißer von der Meyer-Werft in Turku arbeiten bereits am Schwesterschiff, der "Mein Schiff 6", die schon im Baudock entsteht. Auch dieser Neubau ist bereits deutlich weiter als bei der Bestellung eigentlich vereinbart. Während die "Mein Schiff 5" ablegt, wurden beim nächsten Schiff die Motoren eingebaut.

Kapitän Kjell Holm und seine 1000 Crewmitglieder dagegen befinden sich jetzt auf der Zielgeraden. Die "Mein Schiff 5" läuft aus. Kiel wird der erste Hafen sein, den das Kreuzfahrtschiff anläuft. Schon bald werden die ersten Gäste kommen und auch die letzten Wollmäuse verschwunden sein.

Von Frank Behling

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