Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Top-Thema Berlin spricht Englisch
Sonntag Top-Thema
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:06 15.07.2016
Von Marina Kormbaki
Man spricht Englisch: Wie aus der Ansammlung von Dörfern mit großer "Berliner Schnauze" die Lieblingshauptstadt von Künstlern, Studenten und Kreativen aus aller Welt wurde. Quelle: RND / Ullstein, Fotolia
Anzeige

"Sind Briten unter uns?", fragt der Gastgeber mit präzi­sionsgeschliffenem Londoner Akzent. Die Pointe zündet. Die Frage mündet im Gelächter von zwei, drei Dutzend vornehmlich britischen Mittzwanzigern, die an diesem Abend in den kleinen Buchladen "Curious Fox" gekommen sind, um Gedichte zu hören. Englischsprachige Gedichte von englischsprachigen Autoren, die in der Nachbarschaft leben. In Berlin-Neukölln.

Die Britin Grace Evangeline Holme hat ein Gedicht zum Brexit verfasst; es trägt den wunderbaren Titel "Hm". Die New Yorkerin Subhashini Kaligotla leitet ihr Poem mit einer Lobeshymne auf Berliner Buchläden ein. Schnell wird klar: Es gibt viele Gründe für eine Auszeit in Berlin. Im Publikum sitzen auch Amerikaner in knöchelkurzen Hosen und Irinnen mit silber gefärbtem Haar.

Berlin spricht Englisch, Berlin wird angelsächsisch. Die Stadt weist zunehmend Ähnlichkeit mit London, Brooklyn und Sydney auf, seitdem jährlich Hunderttausende Briten, Amerikaner und Australier nach Berlin strömen. Die meisten reisen als Touristen oder Studenten an und wieder ab, doch viele bleiben. Gut möglich, dass man bei einem Spaziergang durch Neukölln, Kreuzberg und Mitte lange kein deutsches Wort vernimmt. Okay, in Neukölln und Kreuzberg mag dies auch daran liegen, dass Türkisch und Arabisch geläufige Verkehrssprachen sind.

Wer kein Englisch spricht, hat Pech

Aber ausgerechnet dort, zwischen Läden für Handyzubehör, Dönerimbissen und Rumpelkammern mit der Aufschrift "Antiquitäten", finden sich immer mehr Spuren von Einwanderern angelsächsischer Herkunft. Zum Beispiel auf den kreidebeschrifteten Gastrotafeln. Wer im Neuköllner Weserstraßenkiez, in der Flughafenstraße oder im Schillerkiez hungrig unterwegs ist und kein Englisch spricht, der ist im Nachteil. Die Waffel des Tages, der Burger der Woche und das Gemüse der Saison sind oft ausschließlich auf Englisch angeschlagen.

Und wer sich Hilfe suchend ans Personal wendet, wird enttäuscht: In Cafés wie dem "Dots", dem "Lux" oder "California Breakfast Slam" begrüßen und bedienen die umfänglich tätowierten Servicekräfte ihre Gäste mit amerikanisch-euphorischer Herzlichkeit – auf Englisch. Gibt das Probleme? "No, actually not", sagt die Neu-Neuköllnerin an der Espressomaschine. "Sprechen doch eh alle Englisch hier."

Berlin hat mit dem "Exberliner" ein englischsprachiges Stadtmagazin. Fast jedes Kino zeigt Filme im Original. Und die Wirtschaftssenatorin wirbt mit bemerkenswertem Eifer unter verunsicherten Londoner Unternehmern für einen Standortwechsel. Berlin, diese für ihre große (deutsche) Schnauze berüchtigte Ansammlung von Dörfern, wird Weltstadt. Wie konnte das passieren?

"Berlin hat nichts mit dem Rest Deutschlands zu tun, Berlin ist eine Blase": Wer in den angesagten Gegenden der Hauptstadt kein Englisch spricht, hat ein Problem. Quelle: dpa

"Berlin hat nichts mit dem Rest Deutschlands zu tun, Berlin ist eine Blase", sagt David Walker. Er trinkt sein Glas Latte im "Papilles". Ein minimalistisch durchdesigntes Café mit weißer Backsteinwand, schwarz gefliester Theke und Vintage-Mobiliar. Der Laden könnte so auch in Toronto, Hongkong oder Los Angeles stehen. Dort allerdings würde der Latte mehr als 2,80 Euro kosten. David Walker ist App-Entwickler aus England. Bei ihm in der Firma arbeiten Menschen aus 21 Nationen, sie sprechen Englisch miteinander. "Was sonst", stellt David Walker fest.

Gegenüber vom "Papilles" hat Orla Baumgarten soeben zwei Engländern einen Kafka-Band verkauft. Die Irin betreibt das "Curious Fox", einen Laden für gebrauchte englischsprachige Bücher, der einmal im Monat zum Lyrikabend lädt. Ein Buchladen war Orla Baumgartens Lebenstraum. Im teuren Dublin hätte sie ihn nicht verwirklichen können. In Berlin-Neukölln dagegen schon.
Kunst, Kultur, Nachtleben – all das spricht für Berlin, der Hype hält an.

Was lockt, sind die noch immer relativ niedrigen Mieten, das im Vergleich zu anderen Metropolen günstige Leben. Orla Baumgarten sagt: "Wer in London Schriftsteller sein will, findet bloß eine Stunde am Tag Zeit zum Schreiben. Den Rest des Tages muss er Geld verdienen." In Berlin dagegen brauche man nicht viel zu arbeiten für ein gutes Leben. "Deswegen sind viele englischsprachige Kreative in der Stadt", sagt die Buchhändlerin. Und dort, wo schon Künstler sind, wollen auch andere hin.

Auch Hipster müssen zum Amt

Der Bundestag hat kürzlich erstmals ein Integrationsgesetz beschlossen, das Land verkrampft sich in Debatten über Sprachkurse für Flüchtlinge und Sanktionen gegen "Integrationsverweigerer". Aber an den beharrlich Englisch sprechenden Exilanten in der Hauptstadt stört sich keiner. Im Gegenteil: Ohne sie könnte Berlin nicht als Hipster-Hauptstadt für sich werben.

Aber auch Hipster müssen mal zum Amt, und die Berliner Behörden sind nicht gerade kosmopolitisch aufgestellt. Dann muss Orla Baumgarten als Übersetzerin mit. "Viele versuchen nicht mal, Deutsch zu lernen, obwohl sie seit Jahren hier leben." Orla Baumgarten hat dafür kein Verständnis. "Ohne Sprachkenntnisse lässt sich ein Land nicht begreifen. Ich will verstehen, was die Teenager im Bus tuscheln."

Hinten im Bus wird also immer noch Deutsch gesprochen, aber natürlich nicht nur dort. Die Anglo-Enklaven beschränken sich auf die Szenekieze der Stadt. Das dort gesprochene Englisch ist übrigens nicht immer akkurat; es sind ja nicht nur Muttersprachler, die sich in Berlin auf Englisch durchschlagen, sondern auch Tausende junger Spanier und Griechen, die vor der Krise ins boomende Berlin geflüchtet sind. Der Stellenwert des Englischen in der Hauptstadt ist auch Ausdruck der Stärke Deutschlands – ökonomisch, politisch, kulturell.

Macht durch Attraktivität

Berlin ist zur Marke geworden. Das Auswärtige Amt veranstaltet weltweit Events in inszeniert lässiger Berlin-Optik. Vor wenigen Wochen, als Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Mexico City war, lud das Amt die Jugend der Stadt zur Party in ein abbruchreifes Haus ein, das dem kohlegrauen Prenzlauer Berg der Neunziger entrissen zu sein schien, vor dessen Generalsanierung. Ein Berliner Technokollektiv legte auf. Die jungen Mexikaner schwärmten von "Berlín".

Machtausübung durch kulturelle Attraktivität – Politikwissenschaftler nennen das "soft power". Je größer Stärke und Anziehungskraft Deutschlands sind, desto internationaler, kosmopolitischer wird die Hauptstadt. Willkommen in New Berlin.

Top-Thema Hilfe für Pflegende - Wir alten Pfleger

Bis dass der Tod uns scheidet: Das haben sie einander irgendwann versprochen. Dann kam nicht der Tod, sondern die Demenz. Wie ist das, wenn ein Partner nach jahrzehntelanger Ehe plötzlich zum Hüter des anderen wird? Wenn Liebe, Pflichtbewusstsein und Hilfestellung die letzten Kräfte aufzehren?

Thorsten Fuchs 15.07.2016
Top-Thema Boom in der Kreuzfahrtbranche - Alle wollen Meer

Noch nie waren so viele Menschen auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs wie im vergangenen Jahr. Ein Ende des Wachstums ist nicht abzusehen, sagt der bekannteste Kreuzfahrtexperte der Welt, Douglas Ward. Einer der Ozeanliner, die 2016 in See stechen ist die "Mein Schiff 5", die wir im Dock besucht haben.

08.07.2016
Top-Thema Revolution in der Genforschung - Therapie bei Dr. Frankenstein

Wunderwaffe oder Teufelszeug? Die Gen-Schere CRISPR/Cas9 ist beides: Das Verfahren könnte zur Heilung von Krebs oder Aids beitragen, das menschliche Leben aber auch von Grund auf manipulieren. Der erste Test an Menschen ist genehmigt. Dürfen wir uns freuen? Oder müssen wir uns fürchten?

08.07.2016
Anzeige