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Top-Thema Der lange Schatten des Präsidenten
Sonntag Top-Thema Der lange Schatten des Präsidenten
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20:07 19.01.2018
Donald Trump pflügt mit seinen drastischen Verordnungen und Personalentscheidungen zugunsten milliardenschwerer Gönner die USA um. Ein persönlicher Rückblick. Quelle: NeONBRAND/Unsplash
Washington D. C.

Donald Trump ist immer für eine Überraschung gut. Das erlebte ich schon am ersten Tag: Eine Einladung zu seiner Amtseinführung erhielt nicht ich als Korrespondent, sondern mein elfjähriger Sohn. Für ihn, einen gebürtigen Amerikaner, war das natürlich eine große Sache.

Wir wurden ganz vorn platziert, gleich neben den Kongressabgeordneten, und konnten Trumps Wutrede aus nächster Nähe beobachten. Es war ein gespenstischer Moment, als der Präsident vom Blut der Patrioten sprach und davon, wie er den Washingtoner Sumpf austrocknen werde. Die Bushs, Clintons und Obamas schauten betreten zur Seite. Sie saßen nur wenige Schritte hinter dem neuen Amtsinhaber, aber zwischen ihnen lagen Welten.

Nach einigen Monaten waren die ersten Einschätzungen zu hören, dass es mit der neuen US-Administration – vielleicht – gar nicht so schlimm werde. Trump poltere zwar auf der großen Bühne, im politischen Betrieb könne er aber kaum etwas umsetzen, hieß es. Doch weit gefehlt: Der New Yorker Geschäftsmann pflügt das Land um. Im Großen wie im Kleinen. Die neuen präsidialen Verordnungen und Gesetze dringen tief in den amerikanischen Alltag ein.

Grundschulen in Geldnot

Mag sein, dass nicht nur die Unternehmen von der radikalen Steuerreform profitieren, sondern – im weitaus geringeren Rahmen – auch die kleinen und mittleren Einkommen. Dass die zu erwartenden Einsparungen aber tatsächlich den Familienkassen zugutekommen, darf bezweifelt werden. In den öffentlichen Schulen ist der Spendenbedarf bereits heute so hoch, dass man in deutschen Familien darüber wohl nur den Kopf schütteln würde. So besucht auch mein Kleiner eine öffentliche Grundschule, die dringend auf private Hilfe angewiesen ist.

Dank der engagierten Eltern läuft es dennoch recht ordentlich: In fast jedem Klassenraum gibt es einen großen Screen an der Wand statt Tafel und Kreide, und Kinder mit körperlich-motorischen Handicaps lernen mithilfe von Apple-iPads. Auch die Zweitlehrerin, die den Unterricht zeitweise unterstützt, wird aus Elterngeldern finanziert. Alles in allem bringen wir pro Jahr Spenden in Höhe von mehr als 400 000 Euro auf – für knapp 500 Schüler. Eigentlich eine stolze Summe. All das Geld wird jedoch in Zukunft kaum ausreichen, wenn die Kürzungen im Schuletat so einschneidend ausfallen, wie sie zurzeit angekündigt werden.

Es ist Aufgabe der Kommunen, den Alltagsbetrieb zu organisieren, während sich die Regierung am Bildungswesen mit maßgeblichen Zuschüssen beteiligt. Um die Steuerreform zu finanzieren, will das Weiße Haus die Zuschüsse jedoch zusammenstreichen und die halb-privaten “Charter-Schools“ stärken.

Tag eins mit Trump (von links): Das Mitglied der Ehrengarde Rick Jolly, Maximilian und Stefan Koch und Maximilians Schulfreundin Honore Williams im Januar 2017 bei der Inauguration. Quelle: privat

Der Trump-Truppe geht es dabei nicht allein um einen rigiden Sparkurs: Ganz offen sprechen Regierungskreise davon, dass öffentliche Schulen eigentlich nichts anderes als Sozialismus seien und die Kinder Opfer von Indoktrination werden könnten. Bildungsministerin Betsy DeVos, die zu den reichsten Frauen Amerikas zählt, hat keine Scheu vor Privatschulen. Im Gegenteil: Weder sie noch ihre Kinder haben öffentliche Schulen jemals näher kennengelernt.

Die Milliardärin hatte sich in früheren Jahren einen Namen als strammkonservative Aktivistin gemacht und hat wenig Berührungspunkte mit Pädagogik. Dass sie mit dem staatlichen Bildungswesen bisher nichts im Sinn hatte, zeigte sich auf haarstäubende Weise bei ihrer Anhörung im Kongress. Auf die Frage eines wegen der vielen Gewalttaten in Bildungseinrichtungen besorgten Senators, ob sie das Tragen von Schusswaffen in Schulen befürworte, antwortete DeVos: Gerade in ländlichen Gebieten könnte ein Gewehr für das Abwehren von Grizzlybären nützlich sein.

Ob DeVos’ lockerer Umgang mit Waffen einen privaten Hintergrund hat? Ihr Bruder Erik Prince hatte einst Blackwater gegründet – eine der weltweit größten und berüchtigsten Söldnerfirmen. Und ebenso wie ihr Bruder den Krieg in Afghanistan und dem Irak privatisieren will, setzt DeVos auf das Zurückdrängen des Staates im Schulwesen. Ihre Grundidee: Anstatt öffentliche Schulen besser zu finanzieren, will sie Familien mit Gutscheinen ausstatten, mit denen sie zumindest einen Teil der Kosten für Privatschulen decken könnten. Mit anderen Worten: DeVos will die öffentlichen Schulen kaputtsparen.

Immer in Angst vor der Abschiebung

Doch was ist der Ärger an unserer Schule im Vergleich zu den Sorgen, die andere in meiner Nachbarschaft plagen? Da ist zum Beispiel eine Pastorin, die mich gerade zu ihrer Hochzeit eingeladen hat. Ihr Lebensgefährte und Vater ihres Sohnes stammt aus Lateinamerika und hatte sich vor langer Zeit über die mexikanisch-amerikanische Grenze geschlichen. Als ich das Paar vor Jahren kennenlernte, war noch keine Rede von Heiraten. Angesichts der jüngsten Wellen von Abschiebungen, die die lateinamerikanischen Gemeinden in Washington zutiefst verunsichern, geht nun alles ganz schnell. Ab ins Standesamt, dann eine kleine Feier im engsten Freundeskreis – spätestens im Februar will der junge Mann dann offizielle Papiere beantragen.

Da er noch unter den Schutzstatus der sogenannten Dreamer (Träumer) fällt, und seine Ehefrau und sein Sohn die US-Staatsbürgerschaft besitzen, hat er gute Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Für einige seiner Freunde und Verwandten, die in Washington und Chicago leben, sieht es dagegen schlecht aus. Sie müssen täglich damit rechnen, eingesperrt und in eine ungewisse Zukunft abgeschoben zu werden.

Etwas Trost in diesen turbulenten Zeiten bietet die Kirche der Pastorin. In großen Lettern steht “Everybody is welcome“ außen am Gotteshaus, und im Inneren lässt sich beobachten, wie ernst die Gemeinde diesen Anspruch nimmt. Die Seelsorgerin teilt sich ihren Arbeitsplatz mit einem Pastor, der aus seiner Homosexualität kein Geheimnis macht und ein offenes Haus predigt. Wie ein Symbol des Widerstands weht regelmäßig die Regenbogenfahne am Kirchturm, und wenn sich gebürtige Lateinamerikaner, die zumeist katholischen Glaubens sind, am Eingang melden, werden sie wie selbstverständlich mit zum Gottesdienst eingeladen.

Krankenversicherung als Luxusgut

Das dunkelste Kapitel der Trump-Ära spielt sich allerdings eher im Verborgenen ab. Da die Pflicht zur Krankenversicherung aufgehoben und diverse staatliche Zuschüsse für das Gesundheitswesen gestoppt werden, schieben immer mehr Amerikaner den Besuch beim Arzt auf die lange Bank. Keine Statistik wird jemals erfassen können, wie viele Menschen dem maroden System zum Opfer fallen, da sich unzählige Patienten erst dann im Krankenhaus melden, wenn es fast zu spät ist. Gerade Vorsorgeuntersuchungen gelten vielen US-Bürgern als Luxus, auf den sie notgedrungen verzichten.

Trump ist es bisher zwar nicht gelungen, Obamacare mit einem Schlag rückgängig zu machen. Was sich in diesen Monaten abzeichnet, kommt jedoch einem Abbruchprogramm auf Raten gleich. Mehr und mehr Versicherte steigen freiwillig aus dem Krankenschutz aus, da die Bereiche, für die die Versicherungen die Kosten übernehmen, immer weiter zusammengestrichen werden. Die Folgen sind erschütternd: Immer häufiger ist von Betroffenen zu hören, die ihr Haus verkaufen oder ihre Lebensversicherung beleihen, um eine Krankenhausrechnung zu zahlen.

Es zählt denn auch zu meinen bedrückendsten Erlebnissen des ersten Trump-Jahres, als ich kürzlich mit einem gleichaltrigen Bekannten über sein Leben ohne Krankenversicherung sprach. Es war keine zynische Bemerkung, sondern ernst gemeint, als der Nachbar zu mir sagte: “Ich gebe mir eher die Kugel, als dass ich das Leben meiner Familie ruiniere und ein Vermögen für eine Operation ausgebe.“

Von Stefan Koch

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