Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Top-Thema Zeit für ein neues Netzwerk
Sonntag Top-Thema Zeit für ein neues Netzwerk
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:06 22.07.2016
Von Matthias Koch
Es sind in der Weltpolitik immer öfter Frauen, die die Aufgabe übernehmen, die Trümmerlandschaften ihrer Vorgänger aufzuräumen. Das weckt die Hoffnung auf ein Netzwerk der Vernunft und Stabilität. Quelle: RND / dpa, afp, Fotolia
Anzeige

Sie ist eine eher konservative Frau, die Tochter eines Pastors. Ihre Eltern haben ihr protestantische Ideale mit auf den Weg gegeben. Mitunter führt das zu putzigen Doppeldeutigkeiten: Sie hat gelernt, anderen Menschen selbstverständlich zu helfen, und zwar mit einem fröhlichen Gesicht; deshalb glauben manche, sie stehe irgendwie links von ihrer eigenen Partei. Andererseits ist sie zu sich selbst eher hart, arbeitet viel, liest sich in Details ein, ist durchsetzungsstark.

All dies gilt für Theresa May. Und all dies gilt für Angela Merkel. Die neue britische Premierministerin und die seit 2005 amtierende Kanzlerin haben bereits ein gemeinsames, sehr kompliziertes Projekt vor Augen. Es um nichts Geringeres als die Quadratur des Kreises: Wie kann London aus der EU austreten – und dennoch möglichst eng dem Binnenmarkt verbunden bleiben? Unmögliche Missionen wie diese überlässt die Männerwelt gern den Frauen.

Der Aufstieg von May in London folgt einem üblich gewordenen Muster. Politikerinnen aus der zweiten Reihe werden plötzlich gebraucht: als Trümmerfrauen, die die Spuren des unintelligenten Agierens männlicher Vorgänger beseitigen sollen. Merkel kennt das. Sie, die Frau aus dem Osten, half einst der von Männern aus dem Westen in den Graben gefahrenen CDU, aus der Spendenaffäre herauszufinden. Mit lauem Beifall hoben die CDU-Delegierten Merkel im Jahr 2000 auf den Schild. Dass Merkel noch 16 Jahre später CDU-Chefin sein würde, ahnte damals kein Mensch.

Fertig für die Langstrecke

Den britischen Konservativen könnte es mit May ähnlich ergehen. Auch sie ist zäh, eigenwillig und selbstbewusst. In ihrer ersten Rede schlug sie erstaunlich soziale Töne an: "Wir glauben nicht nur an Märkte, sondern auch an Gemeinschaften." Die Gesellschaft müsse solidarischer werden und internationale Konzerne an Steuerflucht hindern. Wie Merkel positioniert May sich mittig, als Regierungschefin für alle: Die Läuferin macht sich fertig für die Langstrecke.

In Washington geht eine dritte wichtige Frau an den Start. Hillary Clinton hat gute Chancen, am 8. November zur ersten Präsidentin der USA gewählt zu werden. Auch sie hätte, nach langer politischer Karriere, ihren Durchbruch einem innenpolitischen Desaster zu verdanken. Im Vergleich mit dem heillosen Populisten Donald Trump wird Clinton für viele Wähler einfach das geringere Übel sein.

Angela Merkel hat mit schnöden Motiven dieser Art kein Problem. Die Suche nach etwas speziell Weiblichem oder gar Weihevollem in ihrer Politik hat die Kanzlerin ihren Freunden und Feinden immer unmöglich gemacht. Genau dies aber half, den Vormarsch der Frauen aus deutscher Sicht zu einer neuen Selbstverständlichkeit werden zu lassen.

Gemeinsam retten, was zu retten ist

Die Zeiten, in denen Frauen nur für "Gedöns" (Gerhard Schröder) zuständig waren, sind vorbei. Beim jüngsten Nato-Gipfel Anfang Juli in Polen etwa, wo es um Russland ging, um Rüstung, um Fragen von Krieg und Frieden, war die Bundesregierung mit Merkel und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vertreten. Wolfgang Schäuble kümmerte sich zu Hause um den Haushalt.

Der Einfluss mancher Frauen auf der Weltbühne kennt kaum noch Grenzen. Christine Lagarde etwa, die aus Frankreich stammende Chefin des Internationalen Währungsfonds, kann über komplette Nationen den Daumen heben oder senken. Christiana Figueres aus Costa Rica, die in Bonn das Weltklimasekretariat geleitet hat, gilt als eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen für das Amt des Generalsekretärs der Vereinten Nationen.

Mit May, mit Lagarde, auch mit Clinton und Figueres, wenn sie denn in ihre angestrebten Ämter kommen, wird Merkel Bündnisse schmieden. Nicht um einen globalen Frauenclub aufzumachen. Sondern um in der Weltpolitik zu retten, was zu retten ist: mit jenen modernen, verantwortungsvollen und weltoffenen Menschen rund um den Globus, egal ob Mann oder Frau, die das Heil nicht in der Überhöhung der eigenen Nation sehen.

Staatsmänner im dumpfen Nationalwahn

Kann so ein globaler Dreh gelingen? Gewissheit gibt es nicht. Der Einfluss der Kanzlerin ist einerseits größer denn je. Die Krisen allerdings, mit denen sie ringt, sind ebenfalls von ungeahnter Dimension. Ein bröckelndes Europa muss gekittet, die ganze taumelnde Welt wieder zur Besinnung gebracht werden.

Beim Versuch einer globalen Neusortierung könnte es helfen, dass ein wichtiger Termin näher rückt. Am 7. und 8. Juli 2017 empfängt Merkel die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrienationen der Erde in Hamburg, zu einem Gipfel in den Messehallen am Dammtor. Weltweit hoffen vor allem die ärmeren Nationen auf die Rückkehr der G 20 zur Vernunft.

Derzeit dominiert vielerorts dumpfer Nationalpopulismus. Der Russe Wladimir Putin greift nach der Krim, der Chinese Xi Jinping schüttet künstliche Inseln im Südchinesischen Meer auf und nennt sie sein Eigen, der Türke Recep Tayyip Erdogan zerschlägt die Rechtsstaatlichkeit in seinem eigenen Land.

Netzwerk der Vernünftigen

Ein einzelner Staat kann gegen das gefährliche Treiben dieser Männer nichts ausrichten. Nötig ist ein Netzwerk der Vernünftigen. Deutschland kann einem solchen Netzwerk Halt geben. Jeder deutsche Kanzler, männlich oder weiblich, müsste für 2017 einen solchen Vorstoß planen. Schaffen wir das?

Im Magazin "Foreign Affairs" schrieb Außenminister Frank-Walter Steinmeier jüngst einen sehr wahren Satz: "Deutschland hat sich als zentraler Spieler herausgebildet, indem es stabil blieb, während sich die Welt drum herum verändert hat." Viel wird jetzt davon abhängen, ob Berlin Freunde und Verbündete findet, die auch ihrerseits stabil sind.

Top-Thema Ole von Beust und Hans Modrow im Interview - Ziemlich unwahrscheinliche Freunde

Ole von Beust, einst Bürgermeister von Hamburg, und Hans Modrow, einst DDR-Ministerpräsident, entdecken im Interview mit Dieter Wonka viele Gemeinsamkeiten: die Sorge vor Populismus von rechts, vor Überforderung durch die Globalisierung – und dass die DDR mehr war als ein Irrtum der Geschichte.

22.07.2016
Top-Thema Hilfe für Pflegende - Wir alten Pfleger

Bis dass der Tod uns scheidet: Das haben sie einander irgendwann versprochen. Dann kam nicht der Tod, sondern die Demenz. Wie ist das, wenn ein Partner nach jahrzehntelanger Ehe plötzlich zum Hüter des anderen wird? Wenn Liebe, Pflichtbewusstsein und Hilfestellung die letzten Kräfte aufzehren?

Thorsten Fuchs 15.07.2016
Top-Thema Hauptstadt international - Berlin spricht Englisch

In den hippen Kiezen Berlins scheint Englisch die eigentliche Verkehrssprache geworden zu sein. Das klingt in vielen Ohren fremd, aber auch aufregend – endlich bewegt sich Deutschlands Hauptstadt auf Augenhöhe mit London, New York und Sydney.

Marina Kormbaki 15.07.2016
Anzeige