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Top-Thema Fürchtet euch nicht!
Sonntag Top-Thema Fürchtet euch nicht!
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20:11 23.02.2018
Die Sorgen und Nöte der wirklich Alten, der Hochbetagten, dominieren die Wahrnehmung einer ganzen langen Lebensphase. Es wird Zeit, das Alter differenzierter – und positiver – zu sehen. Quelle: E+
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Hannover

Abends vor der “Tagesschau“ ist die Welt noch in Ordnung. Jedenfalls wird sie ratzfatz in Ordnung gebracht. Gelenksteife, Blasenschwäche, Geldsorgen – für alles gibt es eine Lösung, verspricht die Werbung. Dank Schmerzgels und privater Altersvorsorge tollen strahlende Senioren mit ihren Enkelchen auf der grünen Wiese umher. Oder sie stehen am Meeresstrand, in Weiß gekleidet, Wellen umspielen ihre Zehen und gelassen blicken sie, paarweise natürlich, in den Sonnenuntergang. So schön ist das Leben der Silberfüchse, der Golden Agers, der rüstigen Rentner! Sie haben es sich verdient.

Dann kommen die Nachrichten, und die Welt verdüstert sich. Die Moderatorin spricht von Pflegenotstand, Altersarmut und Einsamkeit. Die Hiobsbotschaft beginnt zumeist mit “Immer mehr ältere Menschen ...“. Danach wird’s gruselig. Weil es für all die Armen, Schwachen, Einsamen weder genügend Zeit noch genügend Geld noch menschliche Zuwendung gibt. Trostlosigkeit allerorten. Wie beängstigend ist das Leben der Alten! Das hat keiner verdient.

Aber was stimmt? Wie lebt es sich wirklich als älterer Mensch? Was sagen uns all die widersprüchlichen Botschaften? Sie sagen vor allem eines: Wir haben keine rechte Vorstellung vom Alter. Wir haben als Gesellschaft auch kein Konzept dafür. Denn das Alter, wie es die Menschen in den Indus­trienationen heute erleben, ist noch sehr jung.

Alter ist Entwicklung

In dem einen Jahrhundert zwischen 1900 und 2000 haben wir fast 30 Lebensjahre hinzugewonnen. 30 Jahre, in denen wir nicht erwerbstätig sind. 30 Jahre, in denen unsere Kräfte nur allmählich nachlassen. 30 Jahre, die mit Leben gefüllt werden wollen. Und können. Das sind Jahrzehnte, in denen es sehr viel Schönes und Bereicherndes und sehr viel Schwieriges gibt. Wie in allen anderen Lebensphasen auch.

Alter ist kein Zustand, der zum Zeitpunkt x einfach eintritt und dann bis zum Tode anhält. Alter ist Entwicklung, Bewegung, Veränderung. Eingesunken in das öffentliche Bewusstsein ist das aber noch nicht. Selbst die, die guten Willens sind, missachten diese Wirklichkeit. Mit den Lebensbedingungen von “Seniorinnen und Senioren“ beschäftigt sich ein knappes Kapitel des Entwurfs für einen Koalitionsvertrag von Union und SPD. Da geht es um passendes Wohnumfeld, um Demenz und selbstbestimmtes Leben und darum, dass “wir ältere Menschen bei der Digitalisierung nicht allein lassen“.

Nur um eines geht es nicht: darum, wer diese Senioren überhaupt sind. Da macht sich die Politik (aus Bequemlichkeit?) eine Unsitte der Statistiker zu eigen. Fein säuberlich packt das Bundesamt für Statistik seit jeher das Volk nach Alter und damit Vergleichbarkeit in überschaubare Päckchen, egal ob es um Wohnverhältnisse, Nusscremevorlieben oder Armutsrisiko geht: Da sind etwa die Ein- bis Fünfjährigen, die jungen Erwachsenen zwischen 20 und 24, die 40- bis 59-Jährigen. Nur bei 65 ist einfach Schluss. “65 und älter“ heißt es da, konturlos.

Die “Generation 65 plus“ gibt es nicht

Als stünden ein Mensch und seine Bedürfnisse für zehn, 20, 30 Jahre einfach still. Verharrend in einem Zustand, der von einem einzigen Faktor definiert ist – dem Ende der Erwerbstätigkeit.

Das hatte vielleicht sogar mal eine gewisse Berechtigung. Vor nur 50 Jahren hatten Männer noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 67,2 Jahren. Wer mit 65 in Rente ging, hatte also – rein statistisch – noch 26 Monate Lebenszeit. Frauen konnten noch einmal fünf Jahre drauflegen. Heute sind es 14,1 respektive 19,1 Jahre mehr. Und: Das durchschnittliche Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 61,9 Jahren – allen Reden vom Längerarbeiten zum Trotz. Das ist zusammen eine Nach-Arbeits-Zeit, die deutlich länger ist als die Spanne zwischen Geburt und Volljährigkeit.

Allein die Zahlen zeigen, wie überholungsbedürftig das öffentlich kommunizierte Konzept von der “Generation 65 plus“ ist. Es gibt diese Generation nicht. Wer käme auf die Idee, 15- und 35-Jährige gleichzusetzen? Keiner. Und doch verorten wir die 65-Jährigen kollektiv bei den 85-Jährigen. Das hat eine fatale Folge: Die Sorgen und Nöte der wirklich Alten, der Hochbetagten, dominieren die Wahrnehmung einer ganzen langen Lebensphase.

“Man darf den Pflegenotstand nicht kleinreden“

Der Altersforscher Oliver Huxhold sieht das mit Unmut. Und ein bisschen Verständnis. “Wir haben – historisch – noch keine Erfahrung mit so vielen so langen Leben. Deshalb haben wir immer noch eine Vorstellung vom Alter, die von Befürchtungen genährt wird“, sagt er. Huxhold forscht am Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA) und hat beobachtet: “Die Bilder werden zwar langsam positiver, aber sie haben die Realität noch nicht eingeholt.“

Zum Beispiel Pflege: Ich gehe in Rente, mache noch eine Kreuzfahrt, und dann muss ich ins Pflegeheim? “Man darf den Pflegenotstand nicht kleinreden. Man muss aber vermeiden, dass die Leute das auf ihr gesamtes Alter beziehen“, sagt Oliver Huxhold. Als Mitautor des jüngsten Alterssurveys von 2016, einer Querschnittsstudie, weiß er um die Probleme der 3,1 Millionen Pflegebedürftigen und der miserabel bezahlten, überarbeiteten Pflegenden. Aber er will die Relationen gewahrt wissen.

Tatsächlich ist die Zeit, die Deutsche über 65 weitgehend gesund verbringen, im Durchschnitt sehr viel länger als die Zeit der Pflegebedürftigkeit. Das ändert nichts daran, dass die Zahl der zu Pflegenden weiter wachsen wird – proportional zur Zahl der Hochbetagten. Aber es sollte die rund 20 Jahre, die die allermeisten Menschen trotz sich langsam sammelnder Krankheiten ziemlich fit durchs Rentnerleben gehen, ruhig in hellerem Licht strahlen lassen.

Einsamkeit ist nicht Normalzustand ab 70

Zum Beispiel Einsamkeit: Im Alter werde ich einsam sein? “Ich bin nicht sicher, dass das Wort von den abgeschobenen Alten jemals der Wirklichkeit entsprochen hat“, sagt Oliver Huxhold. Heute ist es jedenfalls schlicht falsch. Immerhin werden laut Pflegebericht 2017 knapp 76 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause von Angehörigen versorgt. Und der jüngste Alterssurvey überrascht mit dieser Zahl: 88,8 Prozent der Eltern empfinden ihre Beziehung zu ihren erwachsenen Kindern als eng, stabil und liebevoll, 78,9 Prozent sind mindestens einmal wöchentlich in Kontakt mit ihnen – trotz Jobmobilität und größerer räumlicher Entfernung.

Sind dann die vielen Kinderlosen die Einsamen, für die die neue Koalition einen eigenen Beauftragten ernennen will? Huxhold ist selbst da skeptisch: “Singles und Kinderlose haben häufig funktionierende Freundeskreise, erweiterte Netzwerke, die ihre soziale Integration über lange Zeit sichern können.“ Einsam sind vor allem die vielen Frauen, die jahrzehntelang verheiratet waren – und ihre Männer um Jahre überleben. Einsamkeit ist da wie Pflegebedürftigkeit: ein nur schwer zu ertragender Zustand – “aber ein kleiner Ausschnitt von Alter und nicht Normalzustand ab 70“.

Gute Altenpolitik wendet sich den nachwachsenden Generationen zu

Zum Beispiel Altersarmut: Von meiner Rente werde ich nicht leben können? Jeden Zweiten in Deutschland treibt inzwischen diese Angst um. Auch hier: Das Ausmaß der Sorge steht nicht im Verhältnis zu den Tatsächlichkeiten. Aber wer lässt sich mit dem Hinweis beschwichtigen, dass Altersarmut in der Realität “nur“ 17,6 Prozent der Ruheständler trifft und das Risiko für Ältere damit erheblich niedriger ist als für 18- bis 25-Jährige (25 Prozent)? Oder damit, dass deutsche Senioren im EU-Vergleich eines der höchsten Einkommen haben? Wen soll es trösten, dass vor allem Frauen betroffen sind, die wegen niedrigerer Löhne mickrige Renten haben – und Menschen mit gebrochenen Erwerbsbiografien?

Es gehört zu den unbequemen Wahrheiten, dass trotz des Reichtums dieses Landes eine wachsende Zahl von Menschen im Alter arm sein wird – weil sie es als Geringverdiener ein Leben lang sind, sich von einem befristeten Job zum anderen hangeln, nichts fürs Alter ansparen können. Aber muss das unbedingt so bleiben?

Menschen über 65 sind eine sehr große, machtvolle Wählergruppe. Es liegt nicht allein, aber auch in ihrer Hand, eine gute Altenpolitik einzufordern und durchzusetzen. Wie die aussieht? Gute Altenpolitik wendet sich den nachwachsenden Generationen zu, sie ist kluge Bildungspolitik, faire Arbeitsmarkt- und gerechte Steuerpolitik, ist Erziehung zum respektvollen Miteinander in der Gesellschaft. Die vielen guten Lebensjahre, die wir gewonnen haben, bieten viele gute Gelegenheit zum Einmischen. Den Rest der Zeit ist es völlig in Ordnung, “das Alter“ einfach zu genießen.

Von Susanne Iden

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